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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Okuli: 3. Sonntag der Passionszeit:, 03.03.2013

Predigt zu Jeremia 20:7-11, verfasst von Rainer Kopisch

 

Liebe Gemeinde,

Heute am Sonntag Oculi, dem Sonntag mitten in der Passionszeit des Kirchenjahres begegnen wir den Leiden des Propheten Jeremia. Seine Leiden entstehen aus der Spannung seiner ihm von Gott aufgetragenen Botschaft mit der Reaktion der Menschen, für die diese Botschaft bestimmt ist.

Hören wir Jeremias Klage:

7HERR, du hast mich überredet und ich habe mich überreden lassen.
Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen;
aber ich bin darüber zum Spott geworden täglich, und jedermann verlacht mich.
8Denn sooft ich rede, muss ich schreien; »Frevel und Gewalt!« muss ich rufen.
Denn des HERRN Wort ist mir zu Hohn und Spott geworden täglich.
9Da dachte ich: Ich will nicht mehr an ihn denken und nicht mehr in seinem Namen predigen. Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, in meinen Gebeinen verschlossen, dass ich's nicht ertragen konnte; ich wäre schier vergangen.
10Denn ich höre, wie viele heimlich reden: »Schrecken ist um und um! « »Verklagt ihn!« »Wir wollen ihn verklagen!« Alle meine Freunde und Gesellen lauern, ob ich nicht falle: »Vielleicht lässt er sich überlisten, dass wir ihm beikommen können und uns an ihm rächen.«
11Aber der HERR ist bei mir wie ein starker Held,
darum werden meine Verfolger fallen und nicht gewinnen.

Die Berufung zum Propheten Gottes hat Jeremia Hohn und Spott gebracht.

Sein Versuch, seinen Auftrag nicht mehr wahrzunehmen, ist gründlich misslungen.
Wie ein Süchtiger, der sich selbst auf Entzug setzt, leidet er Qualen, die lebensbedrohliche Ausmaße annehmen. »Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, in meinen Gebeinen verschlossen, dass ich's nicht ertragen konnte; ich wäre schier vergangen. «

Er bekommt zu hören, was heimlich über ihn gesagt wird,
dass er verspottet wird, als predigte er irre Ansichten,
dass Menschen ihn anklagen wollen.

Seine Freunde und Bekannte erlebt er wie lauernde Beobachter. Sie stehen als Zuschauer da und warten auf den bedrohlichen Ausgang der Geschehnisse. An ihnen scheint er keine Hilfe und keinen Beistand zu haben.

Es gibt Feinde, die nur auf eine günstige Gelegenheit warten, ihn in eine Falle zu locken, um sich an ihm zu rächen. »Vielleicht lässt er sich überlisten, dass wir ihm beikommen können und uns an ihm rächen.«

Jeremia ist auf sich allein gestellt. Ihm fallen die Worte Gottes bei seiner Berufung ein, und er wird gewiss, dass trotz aller Klagen Gott ihn nie fallen lassen wird.

»Aber der HERR ist bei mir wie ein starker Held, darum werden meine Verfolger fallen und nicht gewinnen. «

Die Redakteure des Jeremia-Buches haben uns die Klagen des Jeremia mit seiner Zuversicht zusammen überliefert, damit wir die Wahrheit über das menschliche Leben in der Nachfolge Gottes erfahren. Wie Abraham im Alten Testament als das Vorbild aller an Gott glaubenden und gehorsamen Menschen geschildert wird so wird der Prophet Jeremia zum Vorbild aller von Gott in den Dienst genommen Menschen.

Der jüdische Arzt und Begründer der Logotherapie Viktor Frankl wurde 1942 zusammen mit seiner Frau verhaftet und ins Ghetto Theresienstadt gebracht. Das Manuskript seines Buches „Ärztliche Seelsorge", war in das Futter seines Mantels eingenäht. Der Mantel wurde ihm in der Desinfektionsbaracke zusammen mit anderen Habseligkeiten abgenommen. Später war er auch wenige Tage auch in Auschwitz-Birkenau bis er in ein Außenlager des KZs Dachau in Türkheim gebracht wurde. In den letzten Wochen seiner Haft an Typhus erkrankt, rekonstruierte er auf kleinen Zetteln das abhanden gekommene Manuskript. Diese geistige Beschäftigung hielt ihn am Leben. Er hat nach seiner Befreiung einen bemerkenswerten Bericht geschrieben: ...trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager.
Zwei besonders bemerkenswerte Beobachtungen seien hier erwähnt. Frankl berichtet, dass die Ausübung von religiösen Praktiken, wenn sie denn unter den gegebenen Umständen überhaupt möglich war, sehr intensiv war. Die andere Beobachtung betrifft die Erkenntnis, dass die Liebe weit über den Horizont eines Gefühls hinausreicht. Aus eigenem Erleben schildert er, wie Liebe in inneren Bildern des Geistes so stark und intensiv werden konnte, dass sie die grausame Wirklichkeit gänzlich in den Schatten stellte.

Viele Seelsorger verdanken Viktor Frankl grundlegende Einsichten über das menschliche Sein und den hilfreichen Umgang mit leidenden Menschen.

Viktor Frankl hat als wissenschaftlicher Denker und leidenschaftlicher Sucher der Wahrheit über die menschliche Existenz einen Weg gefunden, den Menschen aus dem Kreisen in seinen existenziellen Leiden herauszuhelfen. Seine Erkenntnis ist, dass der menschliche Geist von körperlichen und seelischen Leiden unbeeinträchtigt bleiben kann.
Das Bemühen der Logotherapie gilt der Suche nach dem persönlichen Lebenssinn. Für einen Christen ist das die Verbundenheit mit Gott, wie ihn uns Jesus nahegebracht hat.

So hilfreich die Logotherapie auch für Christen sein mag, sie wird uns nie unsere eigene Verantwortung für unser Leben abnehmen können.

Gott fragt uns jetzt ganz persönlich nach unseren eigenen Erfahrungen mit Leiden in unserem Leben und wie wir mit ihnen umgehen.
Die Flucht in allgemeine Erörterungen der Weltlage wird uns nicht helfen, Antworten zu finden.
Es geht um unser eigenes Leben und eine Stellungnahme dazu.
Verantwortung für unser Lebens zu übernehmen, heißt Gott zu antworten und ihn teilnehmen zu lassen an unseren Gedanken und Gefühlen. Dazu darf auch gehören, dass wir ihm unser Leid klagen. Dieses Leiden Gott zu klagen, heißt über dieses Leiden hinauszukommen und den Geist frei zu bekommen.
Dieser freie Geist lässt uns nach Gottes Willen für unser Leben fragen.

Für einen jeden und eine jede von uns ist Gottes Wille ein ganz persönlicher, unseren Talenten und Begabungen entsprechend angepasst. Allen gemeinsam ist aber, dass er aus der Liebe Gottes entspringt. Diese Liebe ist größer als alles menschliche Leiden. Sie gibt uns die Kraft, alles Leiden anzunehmen und zu tragen; wenn es sein muss, bis in den Tod.

Wir sind auch in der Passionszeit auf dem Weg zur Auferstehung.

Amen.



Pfarrer i. R. Rainer Kopisch
38102 Braunschweig
E-Mail: rainer.kopisch@gmx.de

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