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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Okuli: 3. Sonntag der Passionszeit:, 03.03.2013

Predigt zu Jeremia 20:7-11a, verfasst von Jochen Riepe

 

I

Es gibt einen Stachel im Fleisch, der wehtut und mich doch stark machen kann. Es gibt einen Ruf, der verwundet und eben so leben läßt. Es gibt ein Widerfahrnis, das unterwirft und eben so erhebt. ‚Gott ist glühender Backofen voller Liebe, der da von der Erde bis an den Himmel reicht‘, so zitieren wir gern Martin Luther. Aber liegen Liebesglut und Zornesglut nicht näher beieinander, als wir oft denken?

Aber der Herr ist bei mir wie ein starker Held‘.

II

Das Haus der Seele, auch das Haus des Glaubens, liebe Gemeinde, hat viele Räume und manche dieser Räume betreten wir lieber nicht und die Türen bleiben geschlossen. Kein Wort darüber. Opfer von Gewalttaten, traumatisierte Menschen, sagen das manchmal: ‚Ich kann darüber nicht sprechen. An dieser Tür der Erinnerungen gehe ich schnell vorbei.‘ Ärzte und Therapeuten drängen dann nicht. Vielleicht kann das jetzt nicht Erträgliche später ausgesprochen und bearbeitet werden. Wir wissen um diesen Raum, aber betreten wollen wir ihn (noch) nicht. Um es anders zu sagen: Wir lesen im Buch unseres Lebens die Überschrift eines Kapitels, aber das Kapitel selbst nicht.

III

Und dann, liebe Gemeinde, öffnet einer die Tür und spricht: ‚Herr, du hast mich verführt und ich habe mich verführen lassen. Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen‘. Das ist der Anfang eines Gebetes, das der Prophet Jeremia als Klage, als bittere Klage, vor Gott trägt. ‚Das war - das ist meine Berufung: ein Gewaltgeschehen‘. Eine Wunde. Ein Trauma. Jeremias Wortwahl deutet es an und man wagt kaum, das Bild nachzusprechen: Wie ein Mädchen von einem Mann verführt und als es zögerte, mit Gewalt bedrängt wurde, so hat Gottes Wort in seinem Leben gewirkt. Jeremia klagt Gott an und zugleich hadert er mit sich selbst: Hätte ich mich bloß nicht überreden lassen! Wäre ich bloß nicht mitgegangen! Dann wäre mein Leben wie früher, ruhig, ausgeglichen. Ich gehörte dazu und wäre wie einer von ihnen.

IV

Was ist es, was den Propheten umtreibt? Es ist die Erschütterung durch ein großes und starkes Nein, das Gott gesprochen hat. ‚Gericht, Unheil diesem Volk - Gottes Zorn wird es vernichten!‘ Sie haben den Bund gebrochen, die Gebote übertreten: ‚Frevel und Gewalttat‘. Dieses ‚Nein‘, dieses Urteil wurde dem Propheten gleichsam in den Mund gelegt* und er hat es geschluckt. Aber wer kann solch einen Auftrag ausführen? ‚Du sollst in kein Trauerhaus gehen und trösten. Du sollst in kein Hochzeitshaus gehen und mit ihnen essen und trinken!‘ ** Wo ist der Mensch, der sich nicht - wie einst Abraham vor Sodom - schützend vor die vom Tode Bedrohten stellte und Fürbitte hielte! Jeremia will vergessen, diese Beauftragung aus seinem Gedächtnis streichen, und doch: Je mehr er vergessen wollte, umso mehr brannte es in seinem Herzen, so daß er ‚schier vergangen‘ wäre. Es gibt Propheten, auch Prediger, die sind gleichsam neutrale Sprachrohre einer fremden Botschaft, und wenn sie ihren Auftrag erfüllt haben, gehen sie hinter ihren Pflug zurück. Und es gibt Propheten, die ‚er-leben‘ die fremde Botschaft und werden sich selbst fremd.

Aber der Herr ist bei mir wie ein starker Held‘.

V

Das Haus der Seele, das Haus des Glaubens, hat viele Räume und natürlich: Wir lieben die aufbauenden oder die normalen, die mit den angenehmen und gemäßigten Temperaturen. Aber plötzlich ist alles anders. Eine Tür hat sich aufgetan zu einem Raum, den wir so nicht kannten: das Feuer des Zorns, der enttäuschte und leidende Gott - und der betende Jeremia nimmt uns mit, oder vorsichtiger gesagt, denn Papier ist geduldiger: Er fragt. ‚Lieber Leser, lieber Hörer, willst du mitgehen?‘ Der Gott des Zorns, der Gott der sein Volk nicht ertragen kann, der sein Volk gar einem Krug vergleicht, den man zerbrechen soll, so daß er nie wieder zusammen gesetzt werden kann - wer will sich diesem göttlichen Nein aussetzen und es ausrichten? Das Feuer des Zorns - wer es heute verkündigte angesichts einer Menschheit, die im gierigen Raffen, Verbrauchen, Zerstören und Wegwerfen diesen Planeten wie keine Generation zuvor in seiner Existenz bedroht ... er würde es wahrscheinlich dem Propheten gleich erleben. Jeremia beschreibt das eindrücklich und immer wieder: Wie die anderen ihn verspotten, ihm Gewalt antun oder darauf warten, ob dieser Nervende, dieser Quälgeist und Stimmungsverderber ‚nicht falle‘.

VI

Willst du, lieber Leser, lieber Hörer, diesen Raum betreten? Willst du mit Jeremia klagen, protestieren, beben? Wir sind ein Stück mit dem betenden Propheten mitgegangen und dürfen jetzt zögern oder innehalten. Ich sagte es: es gibt Räume im Haus der Seele und im Haus des Glaubens, die uns fremd sind und die manche nie betreten wollen oder müssen. Ein Opfer der ‚Gottes-Gewalt‘, ein Opfer dieser ‘Gottes-verführung‘ wird nicht jeder - Gott sei Dank! - und mancher mag denken: Wir sind doch in einer anderen Zeit und was haben wir mit diesen altisraelitischen Gestalten oder auch mit zeitgenössischen Fundamentalisten zu tun! Vielleicht reicht es auch zu wissen: Wenn die Zeit kommen sollte, die Zeit meiner ‚Gottes-Krise‘, da wir klagen: Wenn es denn einen Gott gibt, der das Unrecht sieht, wie könnte er nicht zürnen und, ja, dazwischengehen! Was ist es um diesen fernen*** und unverständlichen Gott, was ist es um dieses Brennen im Herzen, das mir keine Ruhe läßt? Dann mögen wir uns an die Bekenntnisse Jeremias erinnern. Vielleicht hat kein Prophet zuvor wie dieser es artikuliert: Die Entmachtung, die Unterwerfung, das Widerfahrnis des göttlichen Wortes - und das buchstäbliche Zerriebenwerden zwischen den Mühlsteinen der Gewalt der Verhältnisse und dem richtenden, ‚hammerharten‘ Worte Gottes.

VII

Es gibt einen Stachel im Fleisch, der wehtut und von Gott kommt. Es gibt einen Ruf, der verwundet und leben läßt. Es gibt einen vernichtenden und aufbauenden Zorn der Liebe. Wenn wir in diesen Wochen den Weg der Passion Jesu mitgehen und uns zum Kreuz von Golgatha (ver-)führen lassen, an den Ort außerhalb, den Ort der Schmach und des Spottes und der Gewalt, so bedenken wir ja auch immer dies: Er, der Christus, der die Nähe eines Gottes predigte, dessen Liebe‚ von der Erde bis an den Himmel reicht‘, der Ja sagte und noch einmal Ja, er erfuhr wie kein anderer den göttlichen Zorn. Er wurde nicht‚ verschont‘ ****. Er hat gleichsam den Raum betreten und für uns durchschritten und im Innersten des Zorns die Liebe als seine Quelle und seinen Ursprung offenbart. Was Jeremia am Ende seines Gebetes sagt, wurde in Christus zur Klammer aller Gebete:

Aber der Herr ist bei mir wie ein starker Held‘.

 



Pfarrer Jochen Riepe
Dortmund
E-Mail: Jochen.Riepe@gmx.net

Bemerkung:
* Jer 1, 9; 15,16
** Jer 16,5; 16,8
*** Jer 23,23.29
**** Röm 8 , 32


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