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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Okuli: 3. Sonntag der Passionszeit:, 03.03.2013

Predigt zu Jeremia 20:7-11a (11b-13), verfasst von Thomas Bautz


 

Liebe Gemeinde!

Wir sind heute mit einer einzigartigen Persönlichkeit, dem Propheten Jeremia, konfrontiert. Wie kaum ein anderer besticht er durch seine Ehrlichkeit und sein kritisches Bewusstsein. „Kein anderer Prophet hat seine innere Krise mit einer solchen Offenheit enthüllt, keiner ist uns daher menschlich näher." (Gradwohl)

Jeremia ist von Selbstzweifeln befallen, aber auch sein „Gottesverhältnis" ist gründlich in Frage gestellt. Nach einigen Jahren des Prophetenamtes kommt er zu dem düsteren Schluss, dass er nicht nur „wie die Jungfrau zum Kinde" in dieses Amt geraten ist, sondern vielmehr von „Gott" hineingedrängt, verführt wurde: „DU hast mich betört. Und ich habe mich betören lassen." Jeremia ist enttäuscht, empört, fühlt sich betrogen und außerdem dem Stärkeren ohnmächtig ausgeliefert: „Gepackt hast DU mich und überwältigt."

In einer solchen Verfassung tiefster Erschütterung bleibt nur Verweigerung und Flucht nach innen: „Ich werde Seiner nicht (mehr) gedenken, nicht mehr in Seinem Namen sprechen ...".

Jeremia entschließt sich, fortan zu schweigen. Das fällt ihm nicht leicht, ist er doch seit langem Sprachrohr einer göttlichen Macht, die ihn antreibt, auch gegen seinen Willen. Er begehrt auf, muss sich aber dazu überwinden. Rückblickend stellt er seine Berufung in Frage, weil sie keiner freien Wahl entspricht; vielmehr wurde er jeglicher nüchterner Überlegung beraubt, gebannt, ins Netz gelockt, berauscht, verzaubert, und er ließ sich blenden, fesseln, gefangen nehmen, trunken machen.

Man hat des öfteren von einer „depressiven Lebensverfassung" Jeremias gesprochen. Ich bin ganz anderer Meinung. Jeremia empfindet Wut und Enttäuschung, die er als Klage gegen „Gott" richtet und nicht zögert, diesen auch anzuklagen. Er ist keinesfalls depressiv. Er will die Bürde seiner Berufung nicht länger tragen, die Rolle nicht mehr hinnehmen, insbesondere das Auftreten in der Öffentlichkeit als ein Prophet, der König und Volk viel Unheil verkünden muss: unbequeme Botschaften, die niemand wirklich hören will.

Jeremia gerät dadurch in eine Außenseiterposition, ist Anfeindungen ausgesetzt und ist zu guter Letzt sogar unter Freunden und Vertrauten wenig gelitten. Aber im Unterschied zum „Gottesknecht" des zweiten Jesajabuches, der willig Schläge einsteckt, nicht widerspenstig ist, tritt Jeremia als „unwilliger", „rebellierender Knecht" auf. „Er leidet, doch er bäumt sich auf gegen dieses Leid. Er wird geprügelt, aber er weigert sich, die Hand zu küssen, die ihn prügelt. Er ist der ‚Anti-Gottesknecht' ..." (Gradwohl)

Doch sind es weniger die äußeren Widrigkeiten seines Amtes, die Jeremia schwer bedrücken. Was ihm viel mehr zusetzt, ist die innere Auseinandersetzung mit seinem Gottesbild und den Erwartungen, die er an seine Berufung knüpfte. Das Gefühl, überwältigt, überrumpelt, betört, verführt worden zu sein, sät grundsätzliche Zweifel in ihm. Es beschleicht ihn der Gedanke, ob sein „Gotteserlebnis" in Wirklichkeit nicht eher einer „Gottesvergiftung" (Tilman Moser) gleichkommt.

Ich stelle mir die Persönlichkeit Jeremias vor als einen ehrlich um die Wahrheit ringenden Menschen, der versucht, seinen „Gott" und dessen Auftrag zu ignorieren und sich gänzlich in Schweigen hüllt. Ein Prophet, der aber erfahren muss, dass der göttliche Anspruch an ihn, verbunden mit einem unverbrüchlichen Zuspruch, eine Eigendynamik entfaltet:

„So wurde es in meinem Herzen wie ein sengendes Feuer ..." Dabei denke ich an van Gogh:

„man muß das Feuer in seiner Seele nie auslöschen lassen, sondern es anfachen. (...) die Stimme seines Gewissens stets deutlich sprechen hören; wer diese Stimme, die beste Gabe Gottes, in seinem Innersten hört, folgt ihr, findet zuletzt darin einen Freund und ist nie mehr allein."

Ein sensibles Gewissen, das auch Zweifel zulassen kann, hat (nach Adolf Holl) den Mönch Martin Luther zu einem lebendigen, unerschrockenen Glauben und Vertrauen verholfen. Glauben und Zweifel gehören zusammen, bedingen geradezu einander.

 

„Welcher Zweifel brach, o Glaube,
Klügelnd je zu dir sich Bahn?
Aber leicht schwang sich die Taube
Reinen Herzens stets hinan."

Karl Marx

 

Mir scheint, dass einzelne Persönlichkeiten, besonders Dichter, Maler, Künstler schlechthin, Philosophen, eher den Mut aufbringen, gegen den jeweiligen Zeitgeist und gegen verlogene Systeme anzustinken. Sie sind selbstkritisch und beziehen daraus die Kraft, die Philosophiegeschichte, die Dogmen-, Kirchen- und Theologiegeschichte kritisch zu beleuchten. Einzelne Denker klagen heute wieder grundlegende Reformen im Christentum ein (Gerd Lüdemann, Klaus-Peter Jörns, Hans Küng, Hubertus Halbfas, Joachim Kunstmann). Sie ziehen gegen unhistorisches Bewusstsein, gegen Opfertheologie, gegen Kirchenhörigkeit, für eine Rückbesinnung auf die Jesusbewegung, für eine Erneuerung des christlichen Glaubens zu Felde. Ziel ist dabei u.a. die Befreiung des Menschen zu einem selbstbestimmten, aber auch verantwortlichen Leben.

Der Protestantismus hat, spätestens seit Mitte des 20. Jh., viel von seinem kritischen Potential eingebüßt. Grundsätzliche Infragestellungen werden meist ignoriert. Stattdessen werden deskriptive Modelle entworfen, welche ganz pragmatisch klären sollen, inwiefern christlicher Glaube, in Wahrheit: Glaube in der Kirche, mit dem Leben in der Gesellschaft kompatibel ist.

Grenzte man sich einst gegenüber dem Katholizismus ab, wird inzwischen ein ökumenischer Schulterschluss gesucht, weil man einen vermeintlich gemeinsamen Gegner gefunden hat, nämlich die Säkularisierung. Der Protestantismus täte gut daran, wieder verstärkt an einem eigenen Profil zu arbeiten. Dabei kann auch ein Blick in die Vergangenheit hilfreich sein.

Heinrich Heine warnt 1833/35 in „Die romantische Schule" die damals „weisheitsdürstende deutsche Jugend" vor Verlockung und Betörung durch „die jesuitische Lüge im Gewande der Philosophie", die in Wahrheit „eine Rechtfertigung des Katholizismus" sei.

In den Vorreden zur deutschen Ausgabe der „romantischen Schule" fühlt sich Heine zu einem eigenen Bekenntnis zum „Wesen Gottes" positiv motiviert, denn:

„keine feigen Rücksichten sollen mich jedoch verleiten, meine Ansicht von den göttlichen Dingen mit den gebräuchlichen, zweideutigen Worten zu verschleiern. [...] - weder die Böswilligkeit meiner Feinde noch die pfiffige Torheit meiner Freunde soll mich davon abhalten, über die wichtigste Frage der Menschheit, über das Wesen Gottes, unumwunden und offen mein Bekenntnis auszusprechen."

Bei Persönlichkeiten wie Jeremia treiben ihre eigenen Gedanken und Zweifel immer wieder ins Gebet, ehrlich, offen und sogar „Gott" gegenüber kritisch. Eine rabbinische Geschichte erzählt von solch einer Gebetshaltung, wie sie dem christlichen Denken eher fremd ist:

Ein Rabbi beauftragt am Abend vor dem Versöhnungstag (Jom Kippur), einen Schneider zu beobachten. Dieser öffnet zwei Bücher vor „Gott", die beide Verfehlungen enthalten: eines die Liste der Sünden des Schneiders, dann jedoch auch ein anderes, „in welches ich alle Sünden eingetragen habe, welche du begangen hast: die Sorgen, die Trauer und den Kummer, die du mir und meiner Familie geschickt hast. Ewiger der Welt, wollten wir unsere Schulden genau zusammenzählen, so würdest du mir mehr schulden als ich dir. Doch es ist der Vorabend zum Versöhnungstag, da jedermann die Pflicht hat, mit seinem Nächsten Frieden zu schließen. Daher vergebe ich dir deine Sünden, wenn du mir die meinen vergibst."

Die Schüler des Rabbi waren natürlich entsetzt ob der unverschämten Haltung des Schneiders. Der Meister jedoch meinte, die „in seiner großen Einfalt" gesprochenen Worte des Schneiders „in allen himmlischen Sphären große Freude verursacht hätten."

Wenn ich auf einen Menschen treffe, sei es in der Literatur, sei es im Alltagsleben und so oft mir selbst die elementarsten Zweifel hinsichtlich der „Gottesfrage" kommen, rührt mich stets wieder das Gedicht „Dem unbekannten Gott" von Friedrich Nietzsche an:

Noch einmal, eh ich weiterziehe
und meine Blicke vorwärts sende,
heb ich vereinsamt meine Hände
zu dir empor, zu dem ich fliehe,
dem ich in tiefster Herzenstiefe
Altäre feierlich geweiht,
daß allezeit
mich deine Stimme wieder riefe.

Darauf erglüht tiefeingeschrieben
das Wort: Dem unbekannten Gotte.
Sein bin ich, ob ich in der Frevler Rotte
auch bis zur Stunde bin geblieben:
sein bin ich - und ich fühl die Schlingen,
die mich im Kampf darniederziehn
und, mag ich fliehn,
mich doch zu seinem Dienste zwingen.

Ich will dich kennen, Unbekannter,
du tief in meine Seele Greifender,
du Unfassbarer, mir Verwandter!
Ich will dich kennen, selbst dir dienen.

 



Pfarrer Thomas Bautz
D-53119 Bonn
E-Mail: thomas.bautz@ekir.de

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