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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Ostermontag, 01.04.2013

Predigt zu Jesaja 25:8-9, verfasst von Günter Goldbach

 

Was heißt eigentlich Auferstehung?

I.

Liebe Christinnen und liebe Christen, haben Sie die Osterbotschaft auch in diesem Jahr schon gehört? In der Osternacht? Am Ostermorgen? Beim Besuch oder der Übertragung eines Gottesdienstes am gestrigen Ostersonntag? Durch eine theologische Betrachtung in einer Zeitung? „Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!" Hat Sie diese frohe Botschaft, die gute Nachricht aus den Berichten der Evangelien, aus den Briefen des Paulus irgendwie erreicht?

Nun - ich weiß - gerade an diesen Berichten und ihren Widersprüchen entstehen die Zweifel der Skeptiker: Bei Markus finden drei Frauen, zutiefst erschrocken, das geöffnete Grab Jesu. Ein Engel erklärt ihnen: Jesus ist auferstanden. Und sie laufen entsetzt davon (Mk. 16,1-8). - Bei Matthäus erscheint ein Engel in einem Erdbeben und wälzt vor den Augen der Frauen den Felsen hinweg, mit dem das Grab Jesu verschlossen war. Und sie finden das Grab leer (Mt. 28,1-8). - Bei Lukas sind es zwei Männer in weißen Kleidern, die den Frauen die Auferstehung erklären (Lk. 24,1-9). - Im Johannes-Evangelium schließlich sind es zunächst zwei Engel und dann, ja dann der Auferstandene selbst, der der Maria aus Magdala begegnet (Joh. 20,11-18). - In allen Details sind alle Berichte widersprüchlich. Was soll man denn nun für wahr halten?! Was ist denn tatsächlich geschehen?!

Also, die Widersprüche lassen sich schon erklären: Sie resultieren aus dem unterschiedlichen zeitlichen Abstand zum Ostergeschehen. Aus den verschiedenen mündlichen und schriftlichen Quellen, die die Autoren der Evangelien benutzt haben. Vor allem aber erklärt sich diese irritierende Interpretationsvielfalt naturgemäß aus dem schlechterdings unvorstellbaren Sachverhalt: Ein zu Tode Gekreuzigter begegnet den Lebenden als der Lebendige! Das ist ein schlechterdings irritierendes Geschehen. Das ist das alles rational Erklärbare außer Kraft Setzende. Das ist ein bisher nie da Gewesenes. „Der Tod ist verschlungen durch den Sieg des Lebens" (vgl. 1. Kor. 15,55). Das ist das absolut Neue. Das bislang Unvorstellbare.

II.

Das absolut Neue? Das bislang Unvorstellbare? Haben wir das nicht gerade auch aus dem Predigttext im Alten Testament gehört? „Gott wird den Tod verschlingen auf ewig...Er wird die Tränen abwischen von allen Angesichtern...Das ist der Gott, auf den wir hofften. Lasst uns jubeln und fröhlich sein über sein Heil". Also auch schon im Alten Testament, hier im Prophetenbuch Jesaja: Auferstehungshoffnung, ja Gewissheit der Auferstehung: „Er wird den Tod verschlingen auf ewig"?!

Ich sollte zunächst erklären: Der Tod ist im Alten Testament auf keine Weise der Ort Gottes. Durch den Tod wird der Mensch von Gott getrennt. Er ist ausgelöscht. Er ist gewesen. Ein Gewesener und nun Verwesender. Deshalb ist der Tote und alles Tote im Alten Testament das Unreine schlechthin. Ja, „der Tote repräsentiert den äußersten Grad von Unreinheit" (Gerhard v. Rad). Eine Sakralisierung des Todes war damit ausgeschlossen. - In vielen antiken Kulturen und Religionen (z. B. in Ägypten) war das anders. Grabbeigaben zeugen davon, die man den Toten mit ins Grab legte. Natürlich doch in der Vorstellung, der Verstorbene könne sie später, irgendwo anders, noch einmal gebrauchen. - So etwas gab es und gibt es in Israel nicht. Das Alte Testament weiß deshalb nichts von einem Leben nach dem Tode, weil es das nicht gibt.

Aber umso leidenschaftlicher schreien die Menschen des Alten Testaments danach. Vor allen Dingen aus den Psalmen können wir das erfahren. Sie, diese Beter der Psalmen, leugnen den Tod nicht. Aber sie erbitten, ja sie fordern von Gott als dem einzig Lebendigen das Leben - gerade in der Feststellung der Totalität des Todes. In der Leugnung der Auferstehung. „Wirst du denn unter den Toten Wunder tun oder werden die Verstorbenen auferstehen?" (Ps. 88, 11). Du wirst meine Seele doch nicht in der Hölle lassen und nicht zugeben, dass dein Heiliger verwese?" (Ps. 16, 10). - Gott, du wirst nicht! Gott, du kannst doch nicht! Du bist doch der Lebendige! Das ist der Schrei Israels aus der Todeswirklichkeit.

Und dann: „Gott wird den Tod verschlingen auf ewig" - wie wir es heute aus dem Jesajabuch erfahren. Die Fingerzeige auf die Macht und Möglichkeit Gottes in den Psalmen werden hier im hellenistischen Spätjudentum zu einer Gewissheit der Auferstehung. Der prophetische Spürsinn der großen Glaubenden des Alten Testaments deutet immer direkter auf die Lebenskraft Gottes, die die Todeskraft zu zerstören vermag. Man könnte vielleicht sagen: Diese Überzeugung wird immer deutlicher, je näher sie der Zeit des Neuen Testaments kommt. Denn unser Text, so sagen es die Fachleute (Otto Kaiser u. a.), stammt wohl aus dem 2. Jh. v. Chr. und ist dann später in das sehr viel ältere Prophetenbuch Jesaja (aus dem 8. Jh. v. Chr.) „eingetragen" worden. Die Worte unseres Predigttextes sind „Auferstehungszusätze" - so sagen einige alttestamentliche Experten sogar (u. a. Kaiser). Und - das muss natürlich auch deutlich gesagt werden: Das alles ist und bleibt im Horizont des Alten Testaments eine Zukunftshoffnung! Dass sich diese Hoffnung erfüllt hat, dass der Gott Israels Jesus von den Toten auferweckt hat, das kann und will im Judentum niemand glauben - bis heute nicht.

In Russland begrüßte früher (und heute vielfach wieder) an einem Ostermorgen jeder einen jeden mit dem Ostergruß: „Christus ist auferstanden!" Und der so Gegrüßte antwortete dann: „Er ist wahrhaftig auferstanden". - Nun wird erzählt (Werner Bergengruen): Als Zar Nikolai Pawlowitsch am Ostermorgen aus seinem Kabinett trat, salutierte die Schildwache auf dem Korridor und präsentierte das Gewehr. Der Zar sah es wohlgefällig. Dann ging er auf den Soldaten zu, um mit ihm den Ostergruß zu tauschen. „Christus ist auferstanden!" sagte er und erwartete natürlich, den Gegengruß zu hören. Der Soldat aber schwieg. Der Zar runzelte die Stirn. Und leicht unmutig wiederholte er langsam noch einmal: „Christus ist auferstanden!" Der Posten, blass geworden, aber mit fester Stimme, antwortete: „In keiner Weise, Eure Majestät". Der Zar wurde jetzt rot vor Zorn, aber eingedenk des Ostersonntags nahm er sich zusammen und fragte nur: „Was soll das heißen?" - „Ich bin ein Jude, Eure Majestät", antwortete der Soldat.

III.

„Gott wird den Tod verschlingen auf ewig... Das ist der Gott, auf den wir hofften" - noch einmal: Das ist eine utopische Hoffnung des Volkes Israel. Und sie bezieht sich im Übrigen auf das Volk Israel als Ganzes - und auf alle anderen Völker. Allenfalls ist dieses Hoffnungsbild eine Grundierung für das den Tod überwindende „Lebensbild", das uns im Neuen Testament vor Augen gestellt wird. Wollten wir also diesen Text in Anspruch nehmen für eine christliche Osterpredigt, dann müssten wir ihn zunächst einmal herausnehmen aus seinem ursprünglichen Zusammenhang. Wir müssen die Worte transponieren in das, was zu Ostern nach dem Zeugnis des Neuen Testaments geschehen ist. Nicht: „Gott wird den Tod verschlingen auf ewig". Sondern von Ostern her muss es heißen: Gott hat den Tod verschlungen auf ewig. Auch wenn immer noch gestorben wird - aber davon später. Zunächst müssen wir uns also klar machen: Der Übergang vom Alten zum Neuen Testament ist ein Vorgang der Personalisierung. Will sagen: Es geht grundlegend nicht vorbei an Ihm und niemals ohne Ihn: den von Gott aus dem Tode auferweckten Jesus aus Nazareth. In Ihm und durch Ihn hat Gott das Leben behauptet, ja mit seiner Macht „durchgesetzt" - „gegen den Herrn aller Herren: den Tod" (Kurt Marti). Ostern ist damit der Beginn eines kosmologischen Ereignisses. Das ist ein zweiter Schöpfungsmorgen, was da in den Evangelien zu lesen steht.

Freilich beginnt alles zunächst mit einem Irrtum. Die Frauen gehen ja zu einem Grab. Natürlich, möchte man denken. Wohin sonst? Verehrung der Toten, Pflege der Gräber - das kennen wir doch selbst. Auch Jerusalem ist also voller Gräber: die Felsengräber, die Königsgräber; das Grab, das dem Absalom zugeschrieben wird. Die vielen Gräber auf dem Ölberg, dem Tempelberg zugewandt. Den christlichen Pilgern wird auch das Grab der Maria gezeigt, der Ort ihrer „dormitio". Und dann die gewaltige Grabeskirche: kein Ort der Besinnung, der Verehrung, der Dankbarkeit heutzutage; vielmehr ein Ort unglaublichen touristischen Andrangs. Ein Streitpunkt über die Zugänge und die Zugangszeiten zwischen den christlichen Konfessionen. Judentum und Christentum sind sich darin einig - und wir erleben sie heute auch: die starken Gefühle, die zum Grab hinziehen. Wo sich die Gedanken eben nur noch mit dem Tod und den Toten beschäftigen.

Aber das ist ein Irrweg, den die Frauen am Ostermorgen auf sich nehmen. Sie wollen einem Toten die letzte Ehre erweisen. Doch sie finden nur ein leeres Grab. - Das beweist zunächst einmal gar nichts. Für das Verschwinden von Leichen gibt es schließlich Erklärungen. Die Frauen verstehen sowieso nicht, dass ihr Weg zum Grab sinnlos war. Sie sind nur erschrocken. Und dann werden sie auch noch getadelt: „Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten?! Er ist nicht hier. Er ist auferstanden" (Lk. 24, 5-6). Was wollt ihr überhaupt auf dem Friedhof? könnte man hinzufügen. Ihr hättet doch wissen können, dass der, den ihr sucht, nicht bei den Toten zu finden ist. Aber die Frauen verstehen immer noch nichts. Sie sehen nur das leere Grab. Und auch die Jünger können mit dieser Nachricht nichts anfangen. Nur Petrus rennt noch einmal los. Aber er findet auch nichts anderes als das leere Grab (Lk. 24,12).

Das leere Grab - welch ein Wirbel wird seither darum gemacht. Die einen halten es für den Beweis der Auferstehung schlechthin. Die anderen, Skeptiker und Agnostiker, halten nur einen Betrug für erwiesen. Historisch-kritische Theologen schreiben dicke Bücher mit Argumenten dafür und dagegen. Nur Paulus scheint alles verstanden zu haben: Er erwähnt das leere Grab mit keinem einzigen Wort (1.Kor. 15, 3-10).

Tatsache bleibt: Sie haben Ihn getötet, weil sie den nicht ertragen konnten, den Er verkündete: den Gott, der gegen alle Tatsachen das Leben setzt. Sie haben seinen Sohn gekreuzigt und zu den Toten geworfen. Seine Freunde haben ihn dann in ein Grab gelegt. Das alles sind Tatsachen. Und auch das ist eine Tatsache: Sie haben geglaubt, dass Gott seinen Sohn der Herrschaft des Todes überlassen würde. Aber der lebendige Gott schafft eine Wirklichkeit, die unsere Welt der Tatsachen durcheinander bringt. Im Vergleich zu ihm, dem lebendigen Gott, ist das von uns entwickelte Weltbild der Physik anscheinend chancenlos. Und das Weltbild der Biologie offenbar nur ein alter Hut. Deshalb: „Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten?" lautet die Frage der Boten Gottes (Lk. 24, 5).

Zuerst wird sie bei Lukas erwähnt: die Maria aus Magdala. Magdala ist ein kleiner Ort am See Genezareth, südlich von Kapernaum. Zu Beginn seiner Wanderschaft über die Straßen seines Landes war Jesus auch dort. Sieben böse Geister hat Jesus dieser Maria ausgetrieben, lässt Lukas uns wissen. Von da an hat sie Jesus begleitet - als eine der treuesten der Treuen. Zusammen mit einer gewissen Johanna und einer Susanna (und auch anderen Frauen) hat sie für Jesus und seine Jünger und deren Unterhalt gesorgt (Lk. 8,1-3). Wir hören dann zunächst nicht mehr viel von ihr. Aber Maria aus Magdala steht unter dem Kreuz Jesu (Mt. 27,55f). Sie sieht ihn sterben. Als die meisten Jünger geflohen sind. Sie gehört auch zu den Frauen, die am Ostermorgen zum Grab Jesu kommen (Lk. 24,10). - Mit dem Namen der Maria aus Magdala verbindet sich schließlich eine der schönsten Ostergeschichten, die das Neue Testament berichtet. Wir haben sie vorhin als Evangelium für diesen Gottesdienst gehört (Joh. 20, 11-18).

Nach dem Johannes-Evangelium ist sie die erste, die in der Dunkelheit des Ostermorgens zum Grabe kommt. Und sie berichtet den Jüngern das schrecklich Unbegreifliche: Der Stein ist weg. Der tote Jesus ist verschwunden. Petrus und Johannes kommen und sehen - ratlos entsetzt. Sie kommen und sehen - und gehen wieder. Maria aber bleibt. - Vielleicht nicht ganz untypisch, könnte man denken: Die Männer verraten, verleugnen, fliehen, verstehen nicht, laufen weg. Die Frauen bleiben (Lk. 23, 49). So auch hier die Maria aus Magdala.

Maria stand draußen bei dem Grab und weinte". Und sie fragt jeden nach dem toten Jesus. Aber sogar Engel können ihr nichts sagen. Und auch der zunächst nicht, den sie für den Gärtner hält. „Frau, warum weinst du?" Welch eine Frage! Und dann geschieht es: Das völlig Unerwartete und zunächst kaum Geglaubte: „Maria!" - und sie begreift und glaubt. „Rabbuni". - Und: „Rühre mich nicht an!" - Das war früher wohl geschehen. Was immer das heißen mag.

Liebe Christen, es spricht viel für die Wahrhaftigkeit dieser überlieferten Geschichte. Es sind nur wenige Worte. Begleitet von Tränen, die zunächst alles verschwommen erscheinen lassen. „Aber Gott wird abwischen die Tränen" - um an die Worte aus unserem Predigttext zu erinnern, die sich hier erfüllen. Keine langen Worte der Erklärung über die Auferstehung. Das Wort fällt überhaupt nicht. Keine schwierige und umständliche Beweisführung wie bei Paulus. Die Beschreibung des Unbeschreiblichen gelingt mit einem einzigen Wort, einem Namen: „Maria!". Und die Tränen versiegen. - Das kennen wir auch: Tränen können unsere Augen verschleiern. Wir können nichts anderes mehr wahrnehmen. Wenn die Tränen abgewischt werden, können die Augen wieder sehen und neues Leben wahrnehmen. So wird auch die Maria aus Magdala mit einem Wort hineingezogen in die neue Welt Gottes. Sie erlebt den Toten als Lebendigen.

IV.

Liebe Christen, das Leben ist größer als unsere moderne Anschauung vom Leben. Unsere Zeit hat das Leben eingeengt. Für sie ist nur das wirklich, was man anfassen kann. Was man berechnen kann. Was darüber hinausgeht, gilt als Traum oder als Einbildung. Die meisten gehen daran vorüber. Auch an der Osterbotschaft von der Auferstehung Jesu.

Aber das Leben ist größer, als wir es übersehen, ausloten und darstellen können. Wir können diesem größeren Leben nur entgegengehen. Und ich bin sicher: Das ist unsere Bestimmung. Denn Ostern ist die Berechtigung zu diesem Entgegengehen.

Der Auferstandene hat die Todeslinie überschritten. Er hat den Tod hinter sich. Wir haben ihn vor uns. Und er steht uns nicht nur bevor. Er wirft seine Schatten voraus auf unser Leben. Wir haben das Leben überhaupt nicht anders als vom Tod begrenzt und mit ihm vermischt. Darum können wir uns ein Leben, das dem Tode entnommen ist, gar nicht vorstellen. Wir können das größere Leben gar nicht fassen.

Aber das größere Leben umfasst uns. Das ist die Osterbotschaft: „Ich lebe und ihr sollt auch leben" (Joh. 14, 19). Dieses Wort Jesu sollten wir verstehen als sein persönliches Versprechen. Allerdings: Zwischen diesem Versprechen und seiner Einlösung liegt für uns die Zeit des Wartens - angefüllt mit der ganzen Angst unseres Herzens. Mit mühsamem Schwanken zwischen Zweifel und Zuversicht. Mit der unerhörten Spannung: Wird er sein Wort auch an uns einlösen? Eine Spannung, die sich nicht auflösen wird - bis jene andere Wirklichkeit uns einholt und wir erleben werden, was zu glauben so schwer ist. Bis wir „nicht (mehr) an den Tod glauben (müssen)" (Ernst Lange). Wir nicht und keiner mehr.

Zugegeben: Da sind einige, die fürchten den Tod nicht. Dann ist alles aus und vorbei. Und endlich Ruhe. So sagen und so denken sie. Und: Auferstehung - besser nicht. Dann stünden wohl immer noch alte Rechnungen offen. Ein Wiedersehen im Jenseits - das wäre bestimmt kein Grund zur Freude: Da würde z. B. manch einer die Frau wieder sehen, die er damals im Stich gelassen hat. Und manch eine den Mann, den sie belogen und betrogen und ins Unglück gestürzt hat. Und die Kinder, die nicht geboren werden durften - aus einer vorgeblich unabweisbaren Notlage abgetrieben. - Aber werden wir überhaupt einer den anderen wieder sehen? Soll man sich die Auferstehung so vorstellen?

Sehr gefasst hatte das kleine Mädchen die Trauerfeier in der Kappelle mitgemacht. Und an der Hand seiner Eltern war es dann tapfer dem Sarg gefolgt auf den Friedhof hinaus. Hatte einen kleinen Blumenstrauß auf den Sarg geworfen. Erst bei dem „Leichenschmaus" im Gasthof kullerten plötzlich viele Tränen über seine Wangen und es platzte aus ihm heraus: „Und wo ist Oma jetzt? Sie bleibt doch hoffentlich nicht in diesem schwarzen Loch da unten?" - „Weißt du, der Körper löst sich in der Erde langsam auf", erklärte der große Bruder. „Ach was", warf der Vater schnell dazwischen, „Oma ist jetzt im Himmel". Die Mutter legte schließlich den Arm um das Mädchen und sagte: „Du hast doch gehört, was der Pastor vorhin in der Kapelle gesagt hat: Oma ist jetzt bei Gott zuhause. Er hat schon auf sie gewartet. Bestimmt hat er zu ihr gesagt: Schön, dass du da bist. Glaub nur, es geht ihr gut. Und irgendwann werden wir sie auch wieder sehen". - Da beruhigt sich das Mädchen. Und lässt sich Kakao und Butterkuchen schmecken.

Sind das die richtigen Bilder und Vorstellungen, die über das Sterben hinausreichen? Bei Marie-Luise Kaschnitz heißt es in einem ihrer Gedichte: „Glauben Sie, fragte man mich/ an ein Leben nach dem Tode/ und ich antwortete: ja/ Aber dann wusste ich keine Auskunft zu geben/ wie das aussehen sollte...dort/ Mehr also, fragen die Frager/ erwarten Sie nicht nach dem Tode?/ Und ich antwortete: weniger nicht".

Wie schön: Gott gibt Anteil am Leben! Mehr nicht. Aber auch nicht weniger. Doch ich vermute: Unser Herz bleibt unruhig. Es wird wieder und wieder bewegt von der Frage, „wie es denn weitergeht". Lässt sich nicht doch über das bisher Gesagte hinaus noch einiges erklären über das nicht Absehbare? Nun gut, ich will es versuchen:

Gottes Leben besiegt den Tod Jesu. Das ist die österliche Botschaft. So war es schon mehrfach gesagt worden. Und nun: Da Jesus unseren Tod gestorben ist, ist damit grundsätzlich auch unser Tod besiegt. Fragen Sie jetzt: Also leben wir doch weiter? Nein, so ist es nicht gemeint. Wir sterben. Denken Sie vielleicht: Ist da nicht ein Rest, die Seele, ein Seelenfunke, den Gott - so wollen wir hoffen - sozusagen wieder anfacht? Nein. Das ist platonische Philosophie. Das ist auch eine unter uns verbreitete, sehr populäre Anschauung. Aber ich glaube, sie ist nicht richtig. Unsere vergrabenen oder verbrannten Körper - in ihnen war einmal Leben. Und dann waren sie tot. Wie auch der gekreuzigte Jesus tot war und begraben wurde. Und wo bleibt unser Ich, wir selber, wenn wir sterben? Im Tod. Keine andere Antwort ist möglich. Die Auferstehung ist Neu- und Anders-Schöpfung des gewesenen und gestorbenen Ich. Gott wird sich ja erinnern können. Und unser auferwecktes Ich wird sich auch erinnern können. Und unserem auferweckten Ich könnte dann - wenn ich mich mal so psychologisch ausdrücken darf - der Tod wie ein Schlaf vorgekommen sein. „Adam wird aufwachen, sich die Augen reiben und sagen: ich habe bloß eine Stunde geschlafen" - so erklärt es Doktor Martinus wunderbar anschaulich. „Zeit" ist also das von uns vorgestellte, hier erlebte Lebensmaß - bis zur Todesgrenze. Für das gestorbene Ich ist die Zeit aufgehoben. „Man muss die Zeit aus dem Sinn tun und wissen, dass in jener Welt nicht Zeit noch Stunde sind, sondern alles ein ewiger Augenblick". Das war noch einmal Martin Luther (WA 10 III, 194).

Und jetzt zum Schluss: Vielleicht denken Sie: Woher weiß der Pastor das alles? Nun, was die Maria aus Magdala und dann auch die Jünger mit dem auferstandenen Jesus nach den Berichten der Evangelien erfahren und erlebt haben, scheinen mir ganz untrügliche Hinweise darauf zu sein. Natürlich doch: Der Auferstandene selbst ist der Garant der Identität zwischen dem vergehenden Menschen, der Er war und der ich jetzt bin. Und dem Menschen der Auferstehung, der Er ist und ich dann sein werde.

Und ob es ein Wiedersehen gibt nach dem Tode? Auch da haben wir Sein Wort, dem wir glauben und worauf wir vertrauen können. Er sagt zu seinen Jüngerinnen und Jüngern: „Ich will euch wieder sehen und euer Herz soll sich freuen" (Joh. 16,22). In Ihm, durch Ihn, bei Ihm - da gibt es auch ein Wiedersehen der Menschen. An Ihm vorbei nicht. Ohne Ihn gibt es keine Hoffnung, nur den Tod. Mit Ihm ist immer Hoffnung - auf so vieles Unvorstellbares, nie Geahntes. Auch Erlösung für die ganze Welt - in einer unvorstellbaren Zukunft, die jener Seher aus dem Buch Jesaja schon gesehen haben will: Vernichteter Tod und ewiges Leben, getrocknete Tränen und Freude für alle. Auch für die, die von Jesu Auferstehung nie etwas erfahren konnten, die aber doch auch nur scheinbar verloren gegangene Kinder Gottes sind: die ermordeten Juden in Auschwitz und anderswo; die hingerichteten Moslems in Srebrenica und anderswo; die im Mittelmeer Jahr für Jahr auf der Flucht ertrunkenen Afrikaner; die Kinder, die in der Dritten Welt im Sekundentakt den Hungertod sterben... - für alle Menschen: ewiges Leben in der Gemeinschaft mit Gott.

 

 



Dr. Dr. Günter Goldbach
49088 Osnabrück
E-Mail: guenter.goldbach@uni-osnabrueck.de

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