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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Jubilate, 21.04.2013

Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 1:1-4a. 26-31a, verfasst von Klaus Wollenweber


 

der Mensch - das Ebenbild Gottes?

 

Liebe Gemeinde,

„Jubilate!" - so wird der heutige Sonntag in dieser österlichen Freudenzeit benannt. „Jauchzet Gott, alle Lande! Lobsingt zur Ehre seines Namens; rühmt ihn herrlich! Sprecht zu Gott: Wie wunderbar sind deine Werke!" - so heißt es im Psalm 66, der mit dem lateinischen Wort „jubilate" beginnt. Es liegt nahe, daß für diesen Sonntag im Gottesdienst als Predigttext eine Schöpfungsgeschichte Gottes vorgeschlagen ist. Aus der Schöpfungserzählung im 1.Kapitel der Bibel sind einige Verse ausgewählt, die ich uns jetzt in Erinnerung rufe:

11 Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. 2 Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. 3 Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. 4 Und Gott sah, dass das Licht gut war.

26 Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. 27 Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. 28 Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht. 29 Und Gott sprach: Sehet da, ich habe euch gegeben alle Pflanzen, die Samen bringen, auf der ganzen Erde, und alle Bäume mit Früchten, die Samen bringen, zu eurer Speise. 30 Aber allen Tieren auf Erden und allen Vögeln unter dem Himmel und allem Gewürm, das auf Erden lebt, habe ich alles grüne Kraut zur Nahrung gegeben. Und es geschah so. 31 Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.

 

Liebe Gemeinde, ein Lobpreis für den Schöpfergott, der die Entwicklung der Erschaffung des Kosmos mit Pflanzen, Tieren und Menschen jeweils als „sehr gut" bezeichnet. Diese biblische Erzählung ist ein Glaubensbekenntnis der Juden, ein Bekennntis zu ihrem Schöpfer des Himmels und der Erden. Wir Christen sehen darin einen einzigartigen Lobpreis des Schöpfergottes, der alles und uns alle ohne Ausnahme sehr gut geschaffen hat.

Dieses Bekenntnis zu dem einen Gott ist weder eine historische Aussage noch ein naturwissenschaftlicher Bericht über die Entstehung der Welt, sondern ein Lobpreis auf die wunderbaren Werke Gottes, zu denen auch der Mensch als Mann und Frau gehören. In dem Schöpfungs-Psalm 8 wird der Mensch noch besonders heraus-gehoben: „Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt." Dennoch gehört der Mensch zur Schöpfung Gottes; er ist nicht der Schöpfer! In der Realität unserer Welt treten wir Menschen oft wie Schöpfer auf, reißen die Macht an uns, die uns gar nicht zusteht, und wollen nicht daran erinnert werden, daß wir mit all unseren Gaben und Fähigkeiten „nur" begrenzte Geschöpfe sind: Bilder Gottes! Nicht selbst der Schöpfer- Gott.

Angesichts der Kriege, Gewalttaten, Terroranschläge und familiärer Schicksale liegt es heute sehr nahe, daß uns der Jubel des Sonntags „Jubilate" im Hals stecken bleibt, zumal wenn wir uns vor Augen halten: Sind wir mit unseren Begierden, Machtausübungen, Haßgefühlen und Ängsten wirklich ein Bild Gottes? Was haben wir aus der Schöpfung Gottes gemacht? Menschen töten andere Menschen; Menschen foltern und mißbrauchen, Menschen zerstören Kulturgüter; Menschen beuten die natürlichen Ressourcen der Erde aus und führen Kriege, üben Gewalt aus und drohen mit der Anwendung von Atomwaffen. Von einer „sehr guten" Schöpfung können wir wirklich nicht reden!

Was bleibt von „Jubilate" übrig? Auf welche Weise können wir noch in den Lobpreis des Schöpfergottes einstimmen, wenn die Realität so anders und grauenvoll aussieht? Der Mensch als Geschöpf Gottes - sehr gut? Oft genug sind Menschen schon in den letzten zwei Jahrtausenden in ihrem Denken und Handeln von verantwortlichen Christen beschworen worden, das Bild Gottes nicht mit dem realen Menschenbild zu vertauschen. Gott ist als Schöpfergott der Herr der Schöpfung. Der Mensch ist und bleibt Geschöpf - trotz seines Erfindungsgeistes und seiner Kreativität. In düsteren Farben sind häufig die schlimmen Folgen dieser Verwechslung ausgemalt und erlebt worden. Meistens sind wir weit entfernt von der Nähe Gottes und entsprechen seinem Ebenbild überhaupt nicht!

Dennoch bleibt die Aussage im biblischen Bekenntnis: „Gott schuf den Menschen sich zum Bilde, als Mann und Frau schuf er sie." Gott hat sich ein Gegenüber geschaffen. Gott existiert jetzt mit dem Menschen, und der Mensch kann nicht existieren ohne Gott. Der Mensch ist Mitgeschöpf Gottes mit all den anderen Lebewesen, aber er hat zugleich eine besondere Aufgabe in der Schöpfung, nämlich mit dem Schöpfergott - gleichsam in seinem Namen und in seiner Stellvertretung - die Erde zu bewahren und zu bebauen. Behutsam kann man vom Menschen als von Gottes mitschaffendem Geschöpf sprechen. Tradition und Reformation sind die Merkmale der besonderen Stellung des Menschen in der Schöpfung, unter den anderen Geschöpfen. Deshalb hat der Mensch allen Grund, in das „Jubilate" = „jauchzet Gott, alle Lande" immer neu aus Dankbarkeit einzustimmen.

Gott will von Anfang an mit uns Menschen den Weg in der Welt gehen. Er sagt Ja zu dem, was der Mensch als sein Ebenbild auf der Erde plant und erlebt und erforscht. Und zugleich sagen Juden und Christen Ja zu dem einen Gott, der sie beide in die Verantwortung genommen und gestellt hat. Das Ja Gottes zu uns Menschen und das Ja von uns Menschen zu Gott sind Inhalt und Beschreibung der sog. Gott-Ebenbildlichkeit des Menschen. Dazu können wir den Schöpfergott gar nicht genug loben und preisen.

Uns ist damit eine verantwortliche Aufgabe übertragen: wir können nicht die Hände in den Schoß legen und Gott nur so einen gnädigen und barmherzigen Schöpfer sein lassen. Nein! Wir sind zum verantwortungsvollen und bewußten Leben in und mit der Schöpfung aufgerufen. In der Stellvertretung Gottes bewahren und handeln wir auf Erden und unter dem Himmel. Dabei können wir uns fragen, ob wir dieser Aufgabe in der sehr gut geschaffenen Welt Gottes gerecht werden und ob wir ihr überhaupt aus unserer von Gott gewollten Ebenbildlichkeit heraus gewachsen sind.

Auch wenn unsere Antwort negativ ausfällt und wir den Eindruck haben oder sogar selbst den Eindruck erwecken, daß wir in unsrem Umgang mit der Erde und Welt aus der Spur gekommen sind, so bleibt doch die Glaubensaussage unverrückbar, daß wir mit unserer ganzen Existenz und Lebensweise das Gegenüber Gottes sind und somit die von Gott geschaffene Umwelt verantwortlich bewahren und mit gestalten.

Ich glaube, daß allein Gottes unendliche Liebe und Zuneigung zu seinen Geschöpfen bewirkt hat, daß Mensch und Schöpfung heute noch existieren. Wir verdanken der liebevollen Beziehung Gottes zu uns, zu Ihnen und zu mir, daß wir trotz allem schrecklichen und gottlosen Geschehen in der Welt die christlichen Lebenswerte erkennen. Dank dieser barmherzigen Liebesbeziehung Gottes spüren und erleben wir manchmal Frieden, Achtung voreinander, Anerkennung der unterschiedlichen Gaben und Fähigkeiten, Versöhnung, Bewahrung der Schöpfung und Gelassenheit in aller Unruhe und Hektik des Alltags. 

Der Sonntag „Jubilate" will uns anstecken, mitten aus den fast unüberwindlichen Problemen heraus den Schöpfergott zu loben und zu preisen. Wenn das laut geschieht, dann deutet und verändert dieses gewiß auch die gegenwärtige Situation des Miteinanderlebens. Wir lösen damit nicht alle Probleme der Realität, aber wir lösen uns in unserem Glauben von den Problemen; diese haben uns dann nicht mehr im Griff und können uns nicht mehr im Weiterdenken lähmen. Wir sind befreit von den vergleichenden trüben Blicken auf angeblich tolle Idealbilder. Wir finden in der Wechselbeziehung zwischen dem Schöpfergott und seinem Geschöpf Mensch den Mut, in unserem zeitlich begrenzten Leben als mitschaffende Kraft in Gottes Schöpfung zu bleiben und zu wirken.

 

Deshalb laßt uns heute am Sonntag Jubilate und ebenso im Alltag ganz getrost das Lob unseres Schöpfer-Gottes anstimmen.

Amen

 



Bischof Klaus Wollenweber
53129 Bonn
E-Mail: Klaus.Wollenweber@kkvsol.net

Bemerkung:
Lied: Jubilate Deo omnis terra.
Oder: Laudate omnes gentes, laudate Dominum.





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