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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Jubilate, 21.04.2013

Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 1:1-4a. 26-31a. 2:1-4a, verfasst von Andreas Pawlas


 

 

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Weib. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht. Und Gott sprach: Sehet da, ich habe euch gegeben alle Pflanzen, die Samen bringen, auf der ganzen Erde, und alle Bäume mit Früchten, die Samen bringen, zu eurer Speise. Aber allen Tieren auf Erden und allen Vögeln unter dem Himmel und allem Gewürm, das auf Erden lebt, habe ich alles grüne Kraut zur Nahrung gegeben. Und es geschah so. Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. So wurden vollendet Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heer. Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte. So sind Himmel und Erde geworden.


Liebe Gemeinde!

Wohl dem, der in diesen Lobpreis der Schöpfung so ehrfürchtig und staunend einstimmen kann, wie es für mich in diesem Bibelwort aus vergangenen Zeiten bis in die Gegenwart herüber klingt. Und dabei muss man nicht unbedingt, religionshistorischer Experte sein um zu hören, dass das ganz andere Töne sind, als sie sonst so bei manchem anderen grausamen Schöpfungsmythen dieser Welt angestimmt werden.

Jedoch, so feierlich und erstaunlich dieser Lobpreis der Schöpfung auch klingen mag, so wissen wir doch alle, wie viele ernsthafte Menschen sich heutzutage einfach nicht in der Lage fühlen, derart mit einzustimmen in das Lob der Schöpfung und des Schöpfers. Dafür gibt es die unterschiedlichsten Gründe. Aber am Wichtigsten sind wohl drei:

Der erste Grund spiegelt sich in den aktuellen Zeitungs- und Nachrichtensendungen, wo fast nur noch von entsetzlichen Naturkatastrophen oder Umweltschäden zu hören und zu sehen ist. Da verstummen viele angesichts der Berichte von Überschwemmungen und Wirbelstürmen. Oder dass etwa in China wegen der Vogelgrippe-Gefahr massenweise die Hühner getötet und verbrannt werden müssen, weil man der Gefahr sonst nicht Herr werden kann. Oder es ist für viele schlicht nicht auszuhalten, dass im syrischen Bürgerkrieg dem Leid von Mensch, Tier und Umwelt einfach nicht Einhalt geboten werden kann. Darum will manchem alle Dankbarkeit und Freude über Gottes guter Schöpfung einfach im Halse stecken bleiben.

Nun hat der zweite Grund gegen alle Freude an Gottes guter Schöpfung mit klugem Nachdenken, also mit unserer Wissenschaft zu tun. Und da meint heute so mancher, angesichts der wissenschaftlichen Modelle über die Entstehung unserer Welt, dass man nur noch rechnen müsse und nur noch über so etwas wie Moleküle und Atome und Urknall-Theorien reden dürfe - aber nicht mehr über Gott und seine schöne Schöpfung. Der biblische Schöpfungsbericht sei doch bestenfalls ein Märchen für kleine Kinder oder für nicht so ganz kluge Mitbürger. Wer dagegen verständig und vernünftig sein wolle, für den könne doch nur die Urknall-Theorie oder etwa ähnliches gelten.

Aber jetzt kommt noch der dritte und vielleicht gewichtigste Einspruch gegen ein Lob der Schöpfung. Und dieser Einspruch kommt durch das Leid, das wir als Gottes Geschöpfe täglich erfahren, eben das Leid hier unter uns, das ein jeder von uns erlebt und tragen muss. Denn wie soll derjenige Gott und seine Schöpfung loben können, den etwa die Trauer um einen geliebten Menschen oder den seine Krankheit um den Verstand bringt? Wie soll derjenige loben und danken können, der keine Perspektive bei seiner Arbeit hat, oder den der Ärger und die ungerechterweise fehlende berufliche Anerkennung ganz wund reibt? Ja, wie soll Lob und Dank über Gottes gute Schöpfung wachsen können, wenn Sorge umgeht, oder wenn Zank und Streit Familie und Verwandtschaft zerfetzt?

Aber jetzt halt! Denn das könnte ja so klingen, als bräuchten wir uns mit vielem aus alten vergangenen Zeiten - so auch dem Lobpreis der Schöpfung - nicht weiter zu beschäftigen, weil jetzt einerseits alles völlig anders ist und weil wir andererseits ja angeblich so viel weiter gekommen sind. Ja, es gibt viele, die meinen, wir wären durch unsere Wissenschaft und überhaupt durch unsere Tüchtigkeit in die Lage versetzt, alles viel besser zu können und zu wissen, als die Menschen vor uns, weil wir eben alle Geheimnisse enträtselt hätten und überhaupt die Herrscher der Welt seien.

Aber Hand aufs Herz! Kann das tatsächlich stimmen? Muss es zu naiv sein, sich vorzustellen, dass der Schöpfungsbericht vor 3000 Jahren in den Ohren der Menschen damals im Kern nicht sehr viel anders als heute geklungen haben mag. Warum? Weil es doch zumindest Leid damals genauso wie heute gab: Genau wie heute starben damals Menschen, wurden krank, traurig und verzweifelt. Genau wie heute hatten damals Menschen Erfolg und Misserfolg bei ihrer Arbeit, sorgten sich und hatten Zank und Streit.

Aber was hat dann wohl die Menschen, die in Gottes Auftrag den Schöpfungsbericht und den Lobpreis Gottes niederschrieben, damals bewegt, das trotzdem zu tun? Denn jeder, der auch nur eine Handvoll Lebenserfahrung besaß, würde ihnen doch nahezu jedes einzelne Wort als widerlegt vorhalten können, eben widerlegt durch das Leid, denn das gab es damals auch, widerlegt durch die Naturkatastrophen, denn die gab es damals selbstverständlich auch, und widerlegt auch durch andere vernünftige Gedanken über die Entstehung der Welt, denn die gab es damals selbstverständlich auch. Ja, das sagt die normale Lebenserfahrung damals und heute.

Es gibt aber auch eine andere Erfahrung, und das ist die Glaubenserfahrung. Es gibt diese Erfahrung, die jeder von uns mit Gott machen darf, die ganz tief in unserem Herzen wohnt, und die nicht messbar, zählbar und wiegbar ist, und über die wir uns meist aus guten Gründen genieren zu sprechen. Unsere Glaubenserfahrung halten wir ganz verborgen, so dass sie gar nicht da zu sein scheint, und doch färbt sie alles ein, was wir erleben, was wir erleiden und worüber wir uns freuen. Unsere Glaubenserfahrung hat ganz eng mit der tiefsten Orientierung und Bewertung unseres Lebens zu tun und leitet uns dazu an, alles in unserem Leben als eine Gabe aus Gottes Hand zu verstehen.

Und deshalb kann jetzt manchen die Blütenpracht in unseren Gärten in diesen Frühlingstagen dennoch ganz von selbst zum Staunen bringen und dazu, unserem Gott mit vollem Herzen über seine schöne Schöpfung zu danken. Dagegen mag es einem anderen helfen, einfach einmal auf unsere kleinen Kinder zu schauen. Und dann könnte er sich daran erinnern, wie es damals bei deren Geburt war, als man sie mit einem Male, nachdem sie neun Monate im Verborgenen gewachsen waren, von Angesicht zu Angesicht sehen durfte. Wie viele durften da erleben, wie einem ganz von selbst Dankbarkeit ins Herz oder Tränen der Rührung ins Auge schossen? Wie viele haben da als Mutter oder Vater, als Oma oder Opa ganz von selbst die Hände gefaltet und gesagt: „Gott sei Dank! Was sind das für niedliche Geschöpfe! Mein Gott, wie wunderbar sind Deine Werke!"

Aber was soll man denn auch anderes angesichts der Geburt eines Kindes sagen? Sollte man etwa sagen: Prima, da sind sie ja endlich, die neuen Aldi-Kunden ab 2019 und die neuen Rentenzahler ab 2031? Oder hätte man wissenschaftlich berechnen sollen, welche Dehnungsbelastungen es für die Sehnen und Knochen bedeutet, wenn ein so kleines Kind beginnt, seinen Köpfchen zu heben? Damit würde sich doch jeder Gewalt antun, der staunend und ergriffen am Bettchen eines Neugeborenen steht. Angesichts unserer Kinder, die ja wirklich keiner von uns selbst erfunden, gemacht, gestrickt, gehäkelt oder gentechnisch zusammengesetzt hat, sondern die auf von Gott gefügter Weise ihren Lauf ins Leben nehmen durften, angesichts unserer Kinder, kommt es bei einem gesunden Menschen trotz aller Gefährdung der Schöpfung fast ganz von allein dazu, über Gott und sein Schaffen und Wirken zu staunen und ihm zu danken.

Zu uns Menschen gehört eben eigentlich ganz unvermittelt diese wichtige und elementare Lebens- und Glaubenserfahrung, nämlich, dass wir uns und unser Leben nicht selbst gemacht haben, sondern es dem Unbegreiflichen und Leben spendenden verdanken, für das in unserer Sprache „Gott" steht.

Allerdings hat ja unsere Glaubenserfahrung, also unsere Erfahrung mit dem Unbegreiflichen, das wir als Gott bezeichnen dürfen, nicht nur mit dem Wunderbaren und Bestaunenswerten zu tun, sondern auch mit unserem Leid. Jedoch: könnte es hier nicht helfen, dem Gott, dem wir seine Schöpfung in ihrem komplizierten, aber wunderbar sinnvollen Ineinandergreifen verdanken, auch zu vertrauen, dass er genauso sinnvoll alle Knoten und Verwirrungen meines Lebens entwirren kann? -

Und dennoch: was ist, wenn mich Zerstörung, Vernichtung oder Tod nun vollkommen durcheinanderbringen wollen? Oder könnte ich etwa lernen, mich darauf zu verlassen, dass der Gott, der aus Güte und Liebe seinen Sohn aus dem Tod hat auferstehen lassen, dass dieser Gott auch alle Lieben, die mir durch den Tod weggerissen wurden, wieder auferstehen lassen kann, ja, dass er die ganze Schöpfung und alle Zerstörung in ihr am Ende aller Zeiten wieder zu heilen und wieder gut zu machen vermag?

Wohl dem, der in dieser Gewissheit leben kann! Und dann kommt offensichtlich aus dieser Lebensgewissheit die Kraft, auch das Leid in dieser Welt zu bestehen. Und dann wird offensichtlich in diesem Glauben an Gottes Handeln in Jesus Christus auch die eigene Fehlerhaftigkeit, Schuld und Endlichkeit aufgehoben, und neuer Lebensraum von Ewigkeit zu Ewigkeit geschenkt.

Und jetzt bekommt mit einem Mal das Wasser der Schöpfung eine eigene Bedeutung, nämlich als das Wasser der Taufe: Denn wenn es nun diese Lebensgewissheit ist, die uns in der Taufe auf unserem Lebensweg unverlierbar mitgegeben wird, diese Lebensgewissheit, dass Gott in Christus mich sinnvoll hält, trägt und führt, dann kann ich doch auch gelassen und vielleicht sogar fröhlich sein, selbst wenn ich krank oder in Not bin. Denn dann kann ich mir ja gewiss sein, dass es in Gottes guter Schöpfung Wege für mich gibt, selbst wenn ich nur ein ganz wenig von ihnen ahne, Wege, die mir helfen, Gutes zu denken und zu fühlen und mich durch Höhen und Tiefen, durch Leben und Sterben zu Gott und in sein Reich führen und das ist das Entscheidende. Und dann kann man sogar am Feiertag der Woche getrost ruhen, so wie es Gott nach allem Schaffen tat.

Und wenn ich mich dann so auf meinen persönlichen unverwechselbaren Weg durch Gottes schöne Welt mache, und mir dabei gewiss bin, dass Gott mir eine Menge Ideen und gute Kraft mitgegeben hat, dann weiß ich aber auch, was ich zu tun habe, wenn ich etwa von Naturkatastrophen höre oder von Missbrauch mit Gottes Schöpfung: nämlich einerseits für die Betroffenen zu beten, aber andererseits das Hilfreiche zu tun, was mir möglich ist.

Übrigens kann ich dann auch ganz gern die neuesten Theorien über die Entstehung der Erde zur Kenntnis nehmen und kann auch noch die nächsten und übernächsten Theorien abwarten, die vielleicht wieder ganz anders sind.

Wenn ich so auf meinem Weg durch Gottes wunderbare Schöpfung bin, wenn mein Herz trotz mancher Schmerzen weit wird, beim Anblick unserer Kinder, strahlender Blumen und erhabener Berge, dann kann ich einfach nur sagen: „Mein Gott, wie wunderbar sind Deine Werke und es ist gut, was Du geschaffen hast"! Und dann darf ich gewiss sein, dass ich nicht nur jetzt derart Gott loben und danken darf sondern bis in alle Ewigkeit. Amen.

 



Pastor i. R. Dr. Andreas Pawlas
25365 Kl. Offenseth-Sparrieshoop
E-Mail: Andreas.Pawlas@web.de

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