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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Kantate, 28.04.2013

Predigt zu Jesaja 12:1-6, verfasst von Manfred Gerke



(K)eine Zukunftsmusik

„We can move mountains when we believe, come to the fountain there's a blessing to receive." „Wir können Berge versetzen, wenn wir glauben. Komm zur Quelle, dort empfangen wir Segen." So, liebe Gemeinde, sangen am Gospelday, dem 22. September 2012, um Punkt zwölf mehr als 12.000 Menschen von der Nordsee bis zur Zugspitze - und darüber hinaus. Sie sangen für Frieden und Gerechtigkeit und gegen Hunger und Armut. Sie sangen von Gott, der mitten unter uns handelt und wirkt.

Sie sangen das Danklied der Erlösten - wie damals der Prophet. Wir hören Jesaja 12,1-6:
Zu der Zeit wirst du sagen: Ich danke dir, HERR, dass du bist zornig gewesen über mich und dein Zorn sich gewendet hat und du mich tröstest. Siehe, Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht; denn Gott der HERR ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil. Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Heilsbrunnen.
Und ihr werdet sagen zu der Zeit: Danket dem HERRN, rufet an seinen Namen! Machet kund unter den Völkern sein Tun, verkündiget, wie sein Name so hoch ist! Lobsinget dem HERRN, denn er hat sich herrlich bewiesen. Solches sei kund in allen Landen! Jauchze und rühme, du Tochter Zion; denn der Heilige Israels ist groß bei dir!

Ein großartiges Lied - voller Freude und Jubel. Und mit einem ganz ungewöhnlichen Dank: „Ich danke dir, Herr, dass du bist zornig gewesen über mich." Wohl das einzige Mal, dass jemand in der Bibel für den Zorn Gottes dankt und singt! Nun mag vielleicht mancher denken, der Beter freut sich, dass nun alles wieder gut ist. Von wegen! Vermutlich müssen wir anders als Luther übersetzen: „Ich danke dir, denn du bist zornig über mich gewesen. Möge dein Zorn sich wenden und du wirst mich trösten." Da dankt jemand, der noch kein Licht sieht. Er dankt für den Zorn Gottes.

Unmöglich, denken Sie? Kann man so von Gott reden? Ein Kollege berichtete: „Sie sitzt vor mir in der zweiten Reihe und blickt mich missmutig in. Ich spüre, dass ihr das, wovon ich soeben spreche, nicht gefällt. Ich halte heute Abend einen Vortrag über den Liederdichter Paul Gerhardt. Im Augenblick geht es um das Lied ‚Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld'. Ich kämpfe mich wacker durch die einzelnen Strophen und bin soeben bei ‚die Straf ist schwer, der Zorn ist groß' angelangt, als mich der missmutige Blick der Dame aus der zweiten Reihe trifft. Habe ich etwas Fal­sches gesagt?

Wenig später in der Diskussion klärt sich die Geschichte auf. Sie könne nicht an einen Gott glauben, der zornig sei, sagt die Dame. Das entspreche nicht ihrem Gottesbild. Gott sei grund­sätzlich nicht zornig, sondern lieb und gütig. Auch die Rede von Strafe entstamme allenfalls dem Gruselkabinett einer schwarzen Pädagogik. Welche Folgen allein das für ganze Generationen ge­habt habe, wisse man ja zur Genüge. Außerdem vertrügen sich solche alttestamentarischen Aussagen nicht mit dem Gott des Neuen Testaments, den Jesus nahe gebracht habe: den Gott der Barmherzigkeit und der Vergebung. Den Gott, der uns liebevoll annehme, so wie wir sind, und nicht wutentbrannt für irgendetwas bestrafe."

Ja, viele Menschen wünschen sich einen nur lieben Gott. Alles andere erschreckt sie und ist ihnen innerlich zu schwer. So ist vom Zorn Gottes heute in der Kirche nur noch selten die Rede, sicher auch, weil diese Rede oft missbraucht wurde, um Angst zu schüren. Doch ob wir damit nicht etwas Wichtiges unterschlagen? Und man hat in der Kirchengeschichte auch oft behauptet - und das hatte ebenfalls schlimme Folgen -, dass das Alte Testament vom Gott der Rache, das Neue Testament aber vom Gott der Liebe spreche. So wurde nicht nur die hebräische Bibel gering geachtet - und damit auch die Juden, das Volk, das dieses Buch verehrt. So wurde auch Gott verharmlost, seine dunkle, uns scheinbar harte Seite, das, was wir nicht verstehen: sein Zorn.

Doch wenn jemandem Zorn zusteht, dann nicht uns, sondern ihm, Gott. Und ich denke an einen Lehrer. In der 6. Klasse hat er versucht, uns Mathema­tik zu vermitteln. Äußerlich war er ziemlich raubeinig und konnte tüchtig schimpfen. Doch wir merk­ten, dass er es gut mit uns meinte. Er wollte uns et­was beibringen. Und wir haben - meine ich jedenfalls - nicht nur eine Menge gelernt. Wir haben ihn auch geachtet und waren enttäuscht, als wir zum neuen Schuljahr einen anderen Lehrer bekamen. Auch wenn dieser Vergleich hinkt, wird dieses deut­lich: Härte oder Zorn muss nicht unbedingt etwas Schlechtes sein. Wenn Gott uns zornig ist, dann heißt das zumindest: Wir sind ihm nicht gleichgültig.

Und was wir tun, auch nicht! Gottes Zorn ist sein gerechtes Nein zu dem, was seiner Liebe zum
Menschen widerspricht, sein Nein zur Sünde und zum Täter der Sünde. Gott sagt Nein, um seines größeren Jas willen. Sein Zorn ist die Seite seiner Menschenliebe, die so vielem, was auf dieser Erde der Fall ist, widerspricht. Sein Zorn steht auch dafür, dass Gott nichts, was geschieht, gleichgültig lässt. Er kann sich nicht abfinden mit dem, was Menschen anderen Menschen antun.

Darum darf man seine Liebe auch nicht gegen seinen Zorn ausspielen, genauso wenig seine Barmherzigkeit gegen seine Gerechtigkeit. Beides drückt Gottes leidenschaftliche Liebe, aber auch seine verwundbare Liebe zu seiner Schöpfung und zu seinen Geschöpfen aus. Gottes Liebe umfasst beides: Sein Ja und sein Nein.

Sicher, manchmal begreife ich nicht, was geschieht. Und trotzdem dankt unser Beter. Mehr noch, das hebräische Wort bedeutet auch loben und bekennen. Er preist Gott, auch jetzt, und singt von seiner Hilfe. Das entscheidende Stichwort. Dreimal erklingt es in Vers 2 und 3. Luther übersetzt es mit „Heil". „Siehe, Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht. Denn Gott ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil." Und dann ist noch vom Heilsbrunnen die Rede.

Hilfe, Heil, Frieden - das gehört zusammen. Genau das bedeutet der Name „Jesaja": der HERR ist meine Rettung, mein Heil, meine Hilfe. Und er ist meine Kraft und mein Psalm. Mein Loblied. Und wo dieses Lied erklingt, da schafft es Räume, in denen ich leben und atmen kann. Die Männer im Feuerofen, umzüngelt von lodernden Flammen. Sie singen. Sie loben Gott. Und er befreit. Paulus und Silas im innersten Gefängnis von Philippi, ausgepeitscht, in den Block gespannt. Mitten in der Nacht beten sie und loben Gott. Die Mauern wanken, die Blöcke zerreißen, die Türen werden aufgesprengt.

Oder da erzählt einer: In unserer südafrikanischen Kirchengemein­de St. John's Lutheran Church in Durban gab es eine Band. Schon lange vor Beginn des Got­tesdienstes am Sonntagmorgen begann sie damit, so genannte „Chorusse" zu singen, mo­derne und einfache Lobpreislieder zum Mit­singen. Bereits am Parkplatz, oberhalb der Kirche, waren sie zu hören - zwei Gitarren, manchmal ein Bass und ein Klavier, dazu mehrstimmiger Gesang. Es war egal, in wel­cher Stimmung die Menschen zur Kirche ka­men - schon nach kurzer Zeit machten sie mit, sangen sich den angesammelten Frust der alltäglichen Erniedrigungen von der See­le.

„Sing to the Lord a new song!" Ja, das musste sein: der ewig alten Leier der Unterdrückung das Lob der anderen Wirklichkeit Gottes ent­gegenzusetzen; im Singen „mit fröhlichem Schall" etwas von der Ankunft des Herrn zu erleben, der allen anderen Herren den Ab­schied gibt. Am kraftvollsten waren für mich immer die Karfreitagprozessionen verschie­dener Konfessionen, bei denen frühmorgens um sechs Uhr weit über tausend Menschen durch Durbans Straßen zogen, an verschiede­nen Stationen - vom Foltergefängnis bis zum Rathaus - Fürbitte hielten und abschließend in der großen Menge ein Kreuz mit Osterblu­men schmückten. Dabei wurden viele neue Lieder gesungen - kraftvoll und kostbar, viel­stimmig und in verschiedenen Sprachen der Menschen, die Gott kostbar sind, „erkauft aus allen Stämmen und Sprachen und Völkern und Nationen" (Offb 5,9). Kaum etwas entwaffnet mehr, nimmt der Dunkelheit die Kraft und gibt Gott die Ehre.

So schöpfen sie aus der Quelle - wie die Menschen damals: „Und ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus der Quelle des Heilsbrunnens." Ein tolles Bild. Wasser - einst die Bedrohung schlechthin, unüberwindliches Hindernis, das Schilfmeer, wird zum Zeichen des Leben! Der Sänger erinnert an das, was die Pilger Jahr für Jahr in Jerusalem erleben. Die Wasserprozession - das ist der Höhepunkt des Laubhüttenfestes. Und im Talmud stehen die Worte: „Wer die Lustbarkeit bei der Wasserprozession nicht gesehen hat, hat im Leben keine Lustbarkeit gesehen. Es gab keinen Hof in Jerusalem, der nicht vom Licht der Wasserprozession bestrahlt worden wäre."

Das muss ein besonders feierlicher Augenblick gewesen sein, wenn Abends die Trompeten ertönten, Feuer und Rauch in den Himmel stiegen, neun Priester in einer goldenen Kanne Wasser schöpften aus der Siloahquelle, durch die Straße zogen und sie schließlich darbrachten im Tempel. Laut rief dann einer: „Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus dem Heilsbrunnen." Und der Chor der Priester und das ganze Volk stimmten unter kräftigem Gesang mit ein, so dass es durch die Gassen Jerusalems hallte.

Der Heilsbrunnen - ein besonderer Brunnen. „Quellen der Hilfe" übersetzt ein jüdischer Ausleger. Schillernd das Bild: Quellen schenken Fruchtbarkeit und Leben, Segen und Hilfe. Quellen - ein Bild für Gottes Tora, seineWeisung an uns, für sein Wort, für ihn selbst, die lebendige Quelle. - Und unser Lied schöpft aus dieser Quelle. Lauter Anklänge an Psalmen, an das Schilfmeerwunder und den Gesang der Mirjam. Er schöpft aus den Quellen der Befreiung, aus der Erfahrung, die Menschen mit Gott gemacht haben.

Und genau das geschieht im Singen. Ich schöpfe aus dieser Quelle. - Charlotte von Kirschbaum war die verständnisvoll-intelligente Mitarbeiterin Karl Barths. Schon recht früh litt sie an Demenz, sie war „nur noch tief verschleiert, was sie einst gewesen ist", stellte Barth fest, der sie regelmäßig in ihrem Pflegeheim be­suchte. Damals schrieb er einen erstaunlichen Satz: „Sie ist mir in ihrer ganzen Hinfälligkeit erbaulich." Man stockt un­willkürlich. Andere hätten geschrieben: Sie ist darin be­kümmernd oder bemühend oder mitleiderregend oder gar abstoßend. Aber „erbaulich"? Was kann erbaulich sein, wenn einer hinfällig wird?

Natürlich freute sich Barth nicht an der Hinfälligkeit. Aber was ihn erbaute, war offenbar, dass er da mittendrin noch ein freundliches Licht zu sehen glaubte. War es denn nicht ein helles Zeichen dieses Lichts, wenn sie ihm einmal beim Abschiednehmen unversehens sagte: „Gelt, wir ha­ben es doch gut!" Und war dieses Licht nicht die Kraft, die Krankheit klaglos anzunehmen?

Eberhard Busch erzählt: Ich war bei einem der Besuche dabei. Da hatte sie fast alles vergessen und konnte fast nichts mehr aufnehmen. Wie sollte da eine Unterhaltung vonstatten gehen? Es ging so, dass Barth ihr eine Reihe von Chorälen vorsang. Sie versuchte, etwas mitzusingen, und tat es, indem sie auf seine Lippen schaute, um die ihr unbekannt gewordenen Worte zu erraten. Zuletzt wurde seine Lieblingsstrophe angestimmt - die, die er auch im November 1934 in seiner letzten Bonner Vorlesung mit seinen Studenten gesungen hatte, bevor er aus Amt und Würden vertrieben wurde. Es ist der Vers:

„Der ewig reiche Gott woll' uns bei unserm Leben ein immer fröhlich Herz und edlen Frieden geben, und uns in seiner Gnad erhalten fort und fort und uns aus aller Not erlösen hier und dort." Was für ein Bild und was für ein Klang! Der alte Mann und die hinfällig Gewordene! Aber wer es sah und hörte, dem wurde klar: Der da von ihnen Angerufene, der ewig reiche Gott, er ist doch gewiss das Licht, das noch in sol­cher Hinfälligkeit scheint. Und wo es scheint, da wird es auch darin noch „erbaulichen" Trost geben.

Trost im Singen. Trost, indem wir singen. Nein, das Dunkle und Traurige wird nicht überspielt, aber umfangen und umspannt. „Auch wenn die eigene Stimme mir ihren Dienst versagt, das Lied auf anderen Lippen trägt, bis der Morgen tagt. Von Atemnot befallen, im Kummer stumm gemacht - das Hoffnungslied mit allen hat mich ans Licht gebracht" (Sytze de Vries, deutsch Jürgen Henkys).

Deshalb kann und muss die Gemeinde singen, auch in schweren Zeiten, gerade in schweren Zeiten. Nicht nur als Dank. Sondern im Singen schon vorwegnehmen, was einmal kommt. Ja, sich in das hinein singen, was Gott mit uns vorhat. „Und ihr werdet sagen zu jener Zeit: Danket dem HERRN, ruft an seinen Namen! Macht kund unter den Völkern sein Tun, verkündigt, wie sein Name so hoch ist." Sein Name. Hier fällt zum ersten Mal im Jesajabuch dieses Wort: Name. Sein Name, ein Machtmittel, ein Machtwesen, durch das Gott in die Welt eingreift, sie zu ihrem Ziel führt und den Seinen Schutz und Stärke widerfahren lässt.

Sein Name - damals am Dornenstrauch Mose anvertraut: Jahwe. Ich bin da. Ich bin für dich da, für euch. Euer Gott. In eurer Mitte. Jetzt soll dieser Name laut werden, angerufen, ausgerufen vor den Völkern und der Welt. „Lobsinget dem Herrn, denn er hat sich herrlich erwiesen. Solches sei kund allen Landen." Mit Stimmen und Instrumenten, ein Konzert des Jubels und der Freude. Gott ist am Werk!

Dabei sind wir nicht allein. „Jauchze und rühme, Bewohnerschaft von Zion, denn groß ist in deiner Mitte der Heilige Israels." Der Heilige Israels, der Lieblingsname des Propheten für Gott steht ganz bewusst am Ende dieses Liedes. Der Heilige Israels ist groß in deiner Mitte! Nicht erst in ferner Zukunft, sondern heute schon. Übrigens, am Sabbatausgang wird in den Synagogen der Segen gesprochen mit Worten aus Jesaja 12, aus unserem Lied. Das Bekenntnis zum Gott der Hilfe will schon jetzt am Anfang einer neuen Woche gesungen werden und so in den Alltag hineinwirken.

„Aus Danken und Loben vor Gottes Angesicht", schrieb Willy Kramp, „entstehen die einzigen Werke auf dieser Welt, die nicht den Stachel des Bösen in sich tragen. Denn nur das dankende Herz ist wirklich barmherzig; nur die lobende Seele vermag Frucht zu bringen, Not zu lindern, Menschen zu verwandeln. Wo das geschieht, da wird es im Leben eines Menschen und auch für andere licht und hell."

„Wir können Berge versetzen, wenn wir glauben. Komm zur Quelle, dort empfangen wir Segen." Übrigens, am 22. September 2012 waren wir auch dabei, mehr als achtzig Sängerinnen, Sänger und Instrumentalisten aus dem Rheiderland. Wir hatten uns aufgestellt in der großen Passage von Multi-Süd (in Leer). Kaum waren die ersten Töne erklungen, blieben Menschen stehen. Zum Schluss waren es mehr als 200!

Ein Gesang, der ansteckte, einlud mitzumachen. Eine besondere Wirkung erfasste viele: Strahlende Gesichter, aber auch Menschen, die bewegt waren und uns hinterher still die Hand drückten und dankten - wie ein Rollstuhlfahrer, der angerührt war, als wir den irischen Segen sangen: „Sei gewiss, dass du geliebt bist, und dass die Sterne für dich leuchten..." „We can move mountains when we believe, come to the fountain there's a blessing to receive." Amen.

 



Pastor Manfred Gerke
26826 Weener
E-Mail: Gerke.Manfred@t-online.de

Bemerkung:
Herr Gehrke ist Präses des Synodalverbands Rheiderland der Ev.-ref. Kirche


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