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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Kantate, 28.04.2013

Predigt zu Jesaja 12:1-6, verfasst von Hans-Otto Gade

 

 

Öffne dein Herz und singe!

 

Vorbemerkung:
Durch die im 2. Teil der Predigt eingeschobenen Lieder wird die Gesamtpredigt recht lang.
Wer diesen Weg mitgehen will muss die Gesamtliturgie des Gottesdienstes entsprechend einrichten.


Liebe Gemeinde,

am Dienstag, 9. April habe ich nach einer abendlichen Sitzung den Fernseher eingeschaltet. Im Videotext war zu lesen: Dortmund liegt 1 : 2 gegen Malaga zurück! Das ist wohl das Aus, so dachte ich und habe umgeschaltet.
Kurz nach Spielende wollte ich noch ein paar Kommentare zu diesem Spiel hören und habe den Sportsender eingeschaltet, auf dem ein Champions-League-Spiel live kommentiert wird.
Welche Überraschung! Die Kommentatoren lachten und freuten sich unbändig und die Gäste im Studio umarmten einander und sangen lauthals Dortmunder Fan-Gesänge.
Was war geschehen? Dortmund hatte völlig überraschend in der Nachspielzeit doch noch 2 Tore erzielt und somit das Halbfinale erreicht.
Da blieben allen die Worte weg und die Freude über den völlig unerwarteten Sieg fand nur ein Ventil: Das Singen! Auch im Stadion selbst haben die Borussen-Fans lauthals und voller Freude gesungen - wenn wir uns freuen dann singen wir! Wenn wir glücklich sind, dann ersetzen unsere Lieder die fehlenden Worte!

Wir singen auch bei anderen Gelegenheiten - dazu später mehr. Vorher möchte ich Ihnen eine kleine Geschichte erzählen, die ich vor vielen Jahren erlebt habe:
Mit meiner Frau und den Kindern haben wir in den Tiroler Alpen eine Bergwanderung unternommen. In einem Hochtal dicht unterhalb eines Dreitausenders zog plötzlich eine schwarze Wolkenwand auf. Da gibt's nur eins: Schnell absteigen. Eine Berghütte konnten wir von ferne sehen, aber bis dahin war es noch eine halbe Stunde zu gehen.

Die Blitze zuckten, der Regen prasselte und auch wir Erwachsenen bekamen es mit der Angst zu tun.
Plötzlich fing unser Ältester an zu singen: „Geh‘ aus, mein Herz, und suche Freud‘ in dieser lieben Sommerzeit!", so schallte es laut durch das enge Tal.
Mehrfach haben wir die vor allem bekannten vier Strophen gesungen - dann konnten wir pitschenass aber sehr erleichtert die Tür zur Berghütte öffnen.
Fröhliches Beifallklatschen empfing uns. Die Wanderer in der Hütte hatten uns schon von weitem gehört: „Bei dem Wetter so fröhlich singen! Einfach Klasse!"


Singen trotz Angst und Ungewissheit. Singen in allen Lebenslagen. Singen gegen den Augenschein. Singen als Dank und aus Erleichterung.

Der Prophet Jesaja singt auch. Er singt das Danklied der Erlösten - so ist die Überschrift über unserem Predigttext:

1 Zu der Zeit wirst du sagen: Ich danke dir, HERR, dass du bist zornig gewesen über mich und dein Zorn sich gewendet hat und du mich tröstest.
2 Siehe, Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht; denn Gott der HERR ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil.
3 Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Heilsbrunnen.
4 Und ihr werdet sagen zu der Zeit: Danket dem HERRN, rufet an seinen Namen! Machet kund unter den Völkern sein Tun, verkündiget, wie sein Name so hoch ist!
5 Lobsinget dem HERRN, denn er hat sich herrlich bewiesen. Solches sei kund in allen Landen!
6 Jauchze und rühme, du Tochter Zion; denn der Heilige Israels ist groß bei dir!

Eine bedrohliche Entwicklung findet einen überraschend guten Abschluss - das Volk Juda ist frei und erlöst aus der drohenden Gefahr durch die Feinde von außen.
Jesaja will gemeinsam mit dem König und dem Volk Gott für die Errettung danken.
Doch ihm fehlen die richtigen Ausdrücke, die angemessenen Redewendungen um das auszudrücken, was er sagen will.
Wir hätten vielleicht eine ergreifende Rede gehalten, Jesaja aber fordert das Volk auf, einfach zu singen, dankbar zu singen. Er vergisst dabei nicht die Schatten der Vergangenheit und den Zorn Gottes, der so deutlich spürbar über dem Volk gelegen hat.

Mit seinem Lied will Jesaja das sagen, was wir bis heute hin auch oft so empfinden: wenn es um das Lob Gottes geht, wenn es auch in unserem Leben darum geht, unsere tiefsten Gefühle auszudrücken, dann fehlen uns auf die Worte, dann bleibt uns nur das Lied, dann bleibt uns der Gesang, der Choral!
Unsere wohl geratene Jugend und alle Verliebten wissen das: Nichts kann besser unsere Gefühle ausdrücken als ein Lied, eine Scheibe, eine CD/DVD. Besser als alle Worte beschreibt, umschreibt so ein Song, so eine Melodie das, was wir fühlen und ausdrücken wollen.

Und so ist das auch in der Kirche: Kantate - singet! - Das ist der Name dieses Sonntags. Singt das Lob Gottes, das ist die Aufforderung an uns Christen. Spätestens seit den Zeiten der Reformation ist es so in der Kirche, dass zu bestimmten Zeiten und Anlässen vor allem gesungen wird.
Ich denke an die Gottesdienste am Heiligen Abend und an Weihnachten, wenn die Gemeinde zum Schluss des Gottesdienstes singt: O du fröhliche, oh du selige, Gnaden bringende Weihnachtszeit.
Mir fällt die Osterzeit ein mit dem herrlichen Choral: Christ ist erstanden!
Diese Lieder können mehr ausdrücken als gesprochene Worte es vermögen, weil sich hier die Musik mit dem Wort und mit unseren Gefühlen verbindet.

Wenn uns die richtigen Worte fehlen, wenn Sätze und Wörter nicht mehr das ausdrücken können was wir fühlen: Dankbarkeit, aber auch Schmerz und Trauer und Angst, Freude und das Lob Gottes, wenn uns Worte fehlen, dann singen wir Christen. Dann nehmen viele von uns das Gesangbuch und legen alle Gefühle und all das, was uns bewegt, in die Lieder aus vielen Jahrhunderten.

Ich möchte mit Ihnen durch ein Leben gehen und mit ihnen die Lieder aus unserem Gesangbuch singen, die an entscheidenden Daten des Lebens wichtig sind. Dazu erfinde ich mal einen Menschen, nennen wir ihn Fridolin:

Fridolins Leben als Christ beginnt mit der Taufe. Zu diesem Anlass kommen seine Eltern mit dem kleinen Fridolin in die Kirche, um Gottes Segen zu erbitten für die Zukunft ihres Kindes. Und ein Leben lang kann Fridolin dann aus diesem Geschenk seiner Taufe leben, so, wie es in dem

Lied Nr. 200 ausgedrückt ist: Ich bin getauft auf deinen Namen.
Schlagen wir dieses Lied doch einmal auf und singen die erste Strophe.

Wir gehen weiter im Leben unseres noch jungen Fridolin. Nach dem Kindergarten freut sich Fridolin nun auf die Schule. Dieser neue Lebensabschnitt beginnt mit dem Schulanfängergottesdienst. Ein Lied das wir bei solchen und ähnlichen Anlässen oft singen ist die

Nr. 334: Danke für diesen guten Morgen. Wir singen jetzt die erste und sechste Strophe.

Fridolin besucht nicht nur die Schule, sondern jeden Freitag geht er auch zum Kinderkreis. Dort singt er mit den anderen Kindern zu Beginn jedes Nachmittages das

Lied Nr. 168: Du hast uns, Herr, gerufen. Wir singen davon die erste Strophe.

Fridolin wird nun größer und älter. Die vier Jahre der Grundschule sind vorüber. Er kommt zu einer weiterführenden Schule und mit Beginn des siebten Schuljahres wird er zum Konfirmandenunterricht angemeldet. Nach der Konfirmandenzeit, an einem der Sonntage nach Ostern, wird Fridolin konfirmiert. Bei seiner Konfirmation wird das Lied gesungen, dass sich viele Konfirmanden und Konfirmanden wünschen:

Nr. 209: Ich möcht, dass einer mit mir geht. Wir singen die erste Strophe.

Fridolin entwickelt sich zu einem prächtigen Jüngling. Er lernt ein Mädchen kennen, mit dem er sich verlobt und der er die Frage aller Fragen stellt. An einem Sonnabend im Mai treten beide vor den Altar und lassen sich trauen. Bei ihrer Trauung wird das Lied gesungen, das wohl bei fast jeder Trauung aus vollem Herzen und voller Dankbarkeit gesungen wird:

Nr. 317 (316): Lobe den Herren! Wir singen die vierte Strophe.

Fridolin ist nun erwachsen geworden. In seinem Beruf leistet er sehr viel und ist nicht nur eine Zierde der Menschheit, sondern auch eine Leuchte der Einwohnerschaft seiner Heimatstadt. Natürlich hält er sich, wie jeder Christ, weiterhin treu zu seiner Kirche.
Aber ab und zu plagen ihn auch Sorgen. Seine Frau bleibt nicht von Krankheiten verschont und eines seiner Kinder scheint den Drogen sehr nahe zu kommen. Da findet Fridolin im Gesangbuch Paul Gerhardts

Lied Nr. 361: Befiel du deine Wege. Wir singen die zweite Strophe.

Und eines Tages muss Fridolin Abschied von seiner Frau nehmen. Bei der Trauerfeier wird das Lied gesungen, das in vielen Kapellen bei fast jeder Beerdigung die Gefühle der Trauernden trägt:

Nr. 376: So nimm denn meine Hände. Wir singen die erste Strophe.

Nach der Zeit der Trauer - ja, auch die Trauer hat eine Zeit, die einen Anfang und ein Ende hat - nach der Zeit der Trauer schaut Fridolin zurück auf sein Leben. Viel, sehr viel ließe sich sagen über sein Leben. Lange Reden könnte Fridolin halten über die Zeit, die ihm geschenkt war. Doch als Summe seines Lebens wählt Fridolin - wie sollte es anders sein - ein Lied aus dem Gesangbuch.

Die Nr. 321: Nun danket alle Gott. Von diesem Lied singen wir gleich zum Beschluss dieser Predigt alle drei Strophen.

Wir haben gesehen wie die Lieder unseres Gesangsbuches uns durch unser Leben begleiten können. Alles, was uns bewegt und alles was wir denken und fühlen und vielleicht nicht mit Worten ausdrücken können - letztlich auch das Lob Gottes - alles können wir mit den Liedern ausdrücken, die uns ein Leben lang begleiten und tragen - hin bis zur Ewigkeit Gottes.

Amen

 

 



Pastor i. R. Hans-Otto Gade
21614 Buxtehude
E-Mail: hans-otto.gade@ewetel.net

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