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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Kantate, 28.04.2013

Predigt zu Jesaja 12:1-6, verfasst von Jochen Riepe

 

 

I

Zukunftsmusik. ‚Zu jener Zeit wirst du sagen ...‘ , in jenen Tagen wirst du danken , jubeln , singen. Als sei endlich Frühling geworden, als kämen ‚Ströme lebendigen Wassers‘ * vom Libanon und vom Hermon . Mit einem weiten Herzen wirst du es hören : ‚Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Heilsbrunnen.‘

II

Das haben wir alle einmal gelernt : zu widersprechen, Kritik zu üben , oder , wie meine Generation nicht müde wurde, zu sagen , etwas zu hinterfragen. Was aber , wenn der Spieß umgekehrt wird und die Kritik sich gegen den Kritiker kehrt ? Nicht wahr , da sind wir trotz aller Beteuerungen des Gegenteils - empfindlich und verletzbar. Ich sollte einen Fehler begangen haben? Ich sollte Korrekturen benötigen ? Ich hätte mich ungerecht verhalten ? Im Tagebuch eines akademischen Lehrers lese ich die etwas spöttische Bemerkung : ‚Unsere Studenten sind wie kostbare Ming-Vasen, ein kritisches Wort, und sie haben einen Sprung.‘ ** Als gälte diese Empfindlichkeit nur für Studenten !

III

Ich danke dir , Herr, daß du bist zornig gewesen über mich‘ . Als Leser und Vorleser dieses wunderbaren Liedes aus dem Buch des Propheten Jesaja ist man versucht , über diese erste Zeile hinweg zu gleiten , um schnell zu den vollen , trostreichen und in der Lutherbibel ‚fettgedruckten‘ Strophen zu kommen . ‚Siehe, Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht.‘ Da sind wir wieder auf vertrautem Boden, aber der Anfang , der Auftakt des Liedes hat es in sich : Dank für eine Zeit, da es schwer war. Dank für eine Zeit, da mir Gott in den Weg trat oder mich geärgert hat - ja, für eine Zeit des Zorns , der Enge , des ‚Ausgedorrt-seins‘ ! Es ist , als würde durch diesen paradoxen Dank der Sinn , die Einheit und die Formung eines Lebensweges noch einmal ganz neu zum Thema . Das gehörte also auch in den Lebensdank : Die Zeit , an die ich mich gar nicht gern erinnere?

IV

Man muß sich als heutiger Hörer des Liedes noch einmal darüber klar werden : Was der Sänger und Beter für sich ausdrückt , das stellt das Buch des Propheten Jesaja in den Zusammenhang der Geschichte seines Volkes, der Geschichte Gottes mit Israel . Wie sollen wir Israels Ergehen, seine staatliche Krise , die Zerstörung des Landes und die Verschleppung vieler in das babylonische Exil anders verstehen , denn als Ausdruck des göttlichen Zornes ? Haben wir nicht die Gebote verletzt , den Bund gebrochen und Gottes Heiligkeit beleidigt ? Haben wir Gott nicht lediglich als Erfüllungsgehilfen für unsere Interessen und unser Wohlergehens benutzt - ohne die andere Seite zu sehen : Seinen Ruf , den Armen zu schützen und für die Schwachen einzutreten ? Gott und Gerechtigkeit gehören ein für allemal zusammen und wer dieses Paar aufspaltet , muß den Zorn des ‚Heiligen Israels‘ fürchten. Seinen Zorn - aber dürfen wir nicht gerade deshalb hoffen : Das Feuer wird zerstören , es wird aber auch reinigen , heilen und das Volk neu formen?

V

Nicht wahr , das haben wir alle einmal gelernt : Kritik zu üben - das Ende der schlechten deutschen Duldsamkeit. Was aber , wenn sich die Kritik gegen die Kritiker kehrt und einem jedem das aufgegeben wird , was man in den Unternehmen ‚passive Kritikkompetenz‘ nennt ; die Fähigkeit eines Mitarbeiters oder auch Leiters , sich von Kollegen und auch von Untergebenen etwas sagen lassen zu können und damit aufbauend umzugehen. Trotz aller gegenteiligen , gönnerisch-souveränen Beteuerungen , ‚man könne schon Kritik vertragen‘, ist diese Fähigkeit selten. Das kennt ja (fast) jeder von sich selbst : Eine negative Bemerkung schneidet buchstäblich ins Fleisch und kränkt , macht krank - umso fester mein Panzer , und mancher aggressiver Ausbruch eines Kollegen oder Vorgesetzten hat seinen Grund in diesem ‚Nicht-fertig-werden-können‘ mit dem ,‘was der gesagt hat‘. Manchenorts gilt darum eisiges Schweigen, alles Vertrauen ist wie weggefegt - aber diese Erstarrung kann niemals für Gott und sein Volk , für Gott und den Menschen gelten. Gott ist der Lebendige und diese ‚Gegen-Stimme‘ meines Lebens, dieser Einspruch gegen meine Selbstbezogenheit oder auch meine Gleichgültigkeit bleibt : ‘Wehe denen, die Böses gut und Gutes böse nennen‘.***

VI

Ich danke dir , Herr, daß du bist zornig gewesen über mich‘. Ich sagte es : Man will über diese Eingangszeile hinweggleiten , und doch ist sie es , die in aller Engführung uns den weiten Raum des Gotteslobes erschließt. Gerade der kritische , der zornige Gott ist der treue Gott, der Gott , der nicht gleichgültig ist, der nicht will, ‚daß meine Seele verdürbe‘**** und meine Illusionen und Selbstrechtfertigungen mich gleichsam einsperren und auf mich selbst zurückwerfen. ‚Mensch, wo bist du?‘ - diese Frage kann und soll mich ‚springen‘ lassen , denn dieser Sprung öffnet, ‚sprengt‘ und formt zugleich. Vielleicht kann man das so sagen : Gewissens-Bildung durch dieses treue göttliche Gegenüber und die Gewißheit des Trostes , nun auch gehalten zu sein , das sind die zwei Seiten einer Medaille , und wenn der Prophet mit seinem Liede dankt und schließlich zum Lob Gottes unter allen Völkern jubelnd aufruft , dann trägt ihn doch wohl diese Erkenntnis : Gottes Widerspruch tut weh , aber eben so baut Gott an uns. Und was für mich persönlich gilt , das darf auch für die Geschichte meines Volkes gelten : Nach der Krisis , durch das Gericht hindurch wird es neues Leben geben.

VII

Zukunftsmusik. ‚Zu jener Zeit wirst du sagen‘ - du wirst danken , jubeln , singen... als sei der Frühling endlich gekommen und die Bäche vom Libanon und vom Hermon brächten Ströme des Lebendigen und am Jordan blühte es : ‘Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Heilsbrunnen‘. Der Sänger , der Prophet ist vorsichtig : Der Weg durch den Zorn hin zum Dank , der Weg der Erkenntnis der Treue Gottes ‚ in guten und in schlechten Tagen‘ , dieser Weg steht letztlich allen noch bevor. ‚Zu jener Zeit wirst du sagen‘ , dann werdet ihr danken können -darf ich sagen ?- ‚für Alles‘*****. ‚Passive Kritikkompetenz‘ - die Annahme von kränkenden , nervenden oder deprimierenden Zeiten eines Lebenslaufs , diese Fähigkeit ist uns nicht einfach gegeben . Sie liegt immer als Bitte und (Auf-)Gabe vor uns. Kritik hat eine eigene Macht der ‚Austrocknung‘ unserer Verhältnisse , der Zorn Gottes kann verstocken und verhärten und es ist eine große Gnade und Gottesgabe , wenn wir in der Infragestellung unserer Person die Frage hören , auf die wir antworten können; wenn wir in der Frage das Interesse und darin die Treue des anderen mit-hören können. Gerade für das Arbeitsleben gibt es inzwischen eine Reihe von Modellen , die uns anleiten : im selbst-kritischen Gespräch neues Vertrauen zu finden. Ein solches Gespräch kann tränenreich sein , der Tränenstrom aber wird zum Lebensstrom werden.

VIII

Denn Gott ,der Herr, ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil‘. Das Wunderbare ist : In einem guten Liede ist die Zukunftsmusik des Propheten schon da und so mag am Kantate-Sonntag dies am Ende stehen : Miteinander betend, weinend , lachend , singend nehmen wir sie gleichsam vorweg . Lob‘ Gott getrost mit Singen! Im Gesang der Gemeinde Gottes ist der erste vertrauensbildende, lösende Schritt getan.

 



Pfarrer Jochen Riepe
44137 Dortmund
E-Mail: Jochen.Riepe@gmx.net

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