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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Kantate, 28.04.2013

Predigt zu Psalter 98:, verfasst von Güntzel Schmidt

 

Liebe Gemeinde,

Kantate, singet!, heißt dieser Sonntag, nach dem Beginn des 98. Psalms, den wir vorhin gebetet haben. Darum möchte ich heute auch über ein Lied sprechen, das Lied „Nun freut euch, lieben Christen g'mein" - wir haben es schon gesungen, und es wird uns noch weiter im Gottesdienst begleiten.

Aber eigentlich geht das gar nicht: Über ein Lied zu predigen. Ein Lied will gesungen werden. Worte und Melodie gehören zusam­men und lassen sich nicht trennen: In einem Lied klingen die Worte, die Sprache entfaltet ihre Musik, und ebenso steuert die Melodie Höhen und Tiefen, Leichtigkeit und Dramatik zu den Worten bei. Aus diesem untrennbaren Wechselspiel zwischen Wort und Musik entsteht das Lied, und so geht das Lied ins Ohr, und vielleicht sogar ins Blut.

Und manchmal, da berührt ein Lied auch unser Herz.

Darüber zu sprechen wäre wohl in etwa dasselbe, als würde ein Zauberer seine Tricks erklären: Der Reiz der Zauberei, die Illusion wäre dahin. Es ist, als würde man ein Geheimnis verraten.

Aber wir sind hier in einer Kirche, und hier geht es um Wahrhaftigkeit. Wenn das Lied es nicht erträgt, bei Licht betrachtet zu werden, dann sollte uns das misstrauisch machen. Der Zauber der Musik muss unsere Neugier, unsere Fragen aushalten.

I

„Nun freut euch, lieben Christen g'mein,
und lasst uns fröhlich springen,
dass wir getrost und all in ein
mit Lust und Liebe singen".

Wir haben gesungen. Gesprungen sind wir nicht - das wäre vielleicht auch nicht gegangen, singen und springen auf einmal. Aber im „Singen und Springen" drückt sich die Freude aus, eine kindliche - und das meint hier: unschuldige, selbstvergessene - Fröhlichkeit:

„Lasset uns singen, tanzen und springen", heißt es in einem Frühlingslied.

„Nun freut euch" - eine Aufforderung, der wir widerstanden haben - jedenfalls, was das Springen angeht. Aber es ist schon deutlich, dass uns da jemand überreden will, zur Freude, zur Fröhlichkeit, zum getrost Sein, zu Lust und Liebe. Und dazu versucht er noch einiges mehr: Er versucht, uns neugierig zu machen: „was Gott an uns gewendet hat", das will er uns erzählen - ja, was ist es denn, was ist „seine süße Wundertat", zudem noch „teuer erworben"? Wenn wir so fragen, dann hat uns das Lied schon in seinen Bann gezogen, dann wollen wir mehr wissen, weiter hören. Selbst - oder vielleicht gerade - dann, wenn uns gar nicht zum Lachen zumute ist.

Die Melodie tut ein Übriges dazu. So leicht kommt sie daher; wie ein Kind hüpfen die Achtelnoten am Beginn jeder Zeile und lassen uns springen - wenn nicht körperlich, so doch im Gesang. Es hüpft in uns, innerlich. Und die gebundenen drittletzten und vorletzten Noten der beiden ersten Zeilen und am Schluss - springen, singen und erworben - die machen so einen spielerischen, frechen Schlenker; sie ziehen uns gleichsam fort, wie ein Kind, das zum Spielen auffordert; sie setzen uns in Bewegung, man möchte fast ein bisschen Mitschwingen mit dieser Melodie.

 

II

Die Melodie war ein Schlager, ein Gassenhauer, als Martin Luther sie 1523 mit seinen Worten verband. Es war ein Liebeslied, auf das er sein Lied dichtete:

„Sie gleicht wohl einem Rosenstock,
Drum liegt sie mir am Herzen.
Sie trägt auch einen roten Rock,
Kann züchtig freundlich scherzen.
Sie blühet wie ein Röselein,
Die Wänglein wie das Mündelein.
Liebst du mich, so wie ich dich,
Röslein auf der Heiden."

Martin Luther dichtet auf dieses Liebeslied sein Lied. Und zunächst ist nicht mehr zu erkennen, dass es einmal ein Liebes­lied war, dessen Melodie Luther summte, während er die Zeilen niederschrieb. Denn in der zweiten und dritten Strophe schildert er die Not, in der er sich vor seiner reformatorischen Entdeckung befunden hatte:

„Dem Teufel ich gefangen lag,
im Tod war ich verloren,
mein Sünd mich quälte Nacht und Tag,
darin ich war geboren.
Ich fiel auch immer tiefer drein,
es war kein Guts am Leben mein,
die Sünd hatt' mich besessen.

Mein guten Werk, die galten nicht,
es war mit ihn' verdorben;
der frei Will hasste Gotts Gericht,
er war zum Gutn erstorben;
die Angst mich zu verzweifeln trieb,
dass nichts denn Sterben bei mir blieb,
zur Höllen musst ich sinken."

Hier spricht jemand, der von der Sünde „besessen" war. Der mit dem Bewusstsein der eigenen Unwürdigkeit und Schuldhaftigkeit aufgewachsen war und darunter litt. Der aber auch die von der damaligen Kirche angebotene Rettung durch die „guten Werke" - frommes Leben, Gebet und Ablass - als Selbstbetrug durch­schaute. Und nun Angst bekam. Angst, weil es keinen Ausweg gab, kein Entkommen von einem Gott, der ihn unerbittlich richten und verurteilen würde; vor dem er nicht bestehen konnte.

 

III

Können wir das heute noch mitsingen?
Können wir heute noch vom Teufel und von der Sünde, vom Gericht und von der Hölle singen?

Viele der mittelalterlichen Vorstellungen erscheinen uns heute fremd, überholt, vielleicht sogar abstoßend.

Und doch sind uns diese Begriffe, die Martin Luther für seine seelische Verzweiflung benutzt, irgendwie vertraut.

Dass wir nicht genügen - das hat man uns auch schon mal gesagt.

Dass all unser Bemühen, alle unsere guten Werke manchmal nicht genügen, um eine Freundschaft, eine Beziehung zu erhalten, um unsere Kinder auf einen guten Weg zu bringen, um uns vor den Unbilden des Lebens zu schützen - das mussten wir auch schon erfahren.
Angst vor dem Leben und Angst vor dem Tod, Angst, zu versa­gen oder Angst, den falschen Weg gegangen zu sein - das ist uns nicht unbekannt.

Wenn wir auch vielleicht den Kopf schütteln über die Worte, die Luther da wählte - während wir sie singen, empfinden wir das, was sie sagen. Da teilt sich eine Wahrheit mit, die wir Luther nachempfinden können, da wird sein Ich zu unserem Ich, und wir steigen am Geländer des Liedes mit ihm hinab in die Tiefe der Verzweiflung und der Angst.

 

IV

Und es passiert etwas Wunderbares: Wir erleben die Befreiung mit, die Luther bei seiner reformatorischen Entdeckung der Rechtfertigung allein aus Glauben empfand. Erleben sie aber nicht mit den Worten und aus der Sicht Luthers. Denn die Schilderung seines Bekehrungserlebnisses würde uns vielleicht Respekt abnötigen, aber sie wäre ein wenig peinlich. Und sie würde uns nicht helfen.

Luther führt uns mit seinem Lied in den Himmel. Wir werden Zeugen, wie Gott selbst eingreift, wie er Mitleid hat mit dem Verzweifelten:

Da jammert Gott in Ewigkeit
mein Elend übermaßen;
er dacht an sein Barmherzigkeit,
er wollt mir helfen lassen;
er wandt zu mir das Vaterherz,
es war bei ihm fürwahr kein Scherz,
er ließ's sein Bestes kosten.

Woher weiß Martin Luther das? Hatte er eine Vision, ist das eine prophetische Schau - oder hat er sich das bloß ausgedacht?

Luthers reformatorische Entdeckung geschah über einem Bibelwort. Er lässt uns daran teilhaben, indem er für uns eine Bibelstelle auslegt, den sogenannten Philipperhymnus - also auch ein Lied, das im Brief des Paulus an die Philipper steht:

„Er, der in göttlicher Gestalt war,
hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein,
sondern entäußerte sich selbst
und nahm Knechtsgestalt an,
Er erniedrigte sich selbst
und ward gehorsam bis zum Tode,
ja zum Tode am Kreuz.
Darum hat ihn auch Gott erhöht
und hat ihm den Namen gegeben,
der über alle Namen ist,
dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen
aller derer Knie,
die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind"

Luther legt in seinen Worten aus, was das für uns bedeutet: Dass Gott uns sein Vaterherz zuwendet - ja, dass er ein liebender Vater ist, der ein Herz für uns hat, der uns helfen will und darum seinen Sohn bittet:

„hilf ihm aus der Sünden Not,
erwürg für ihn den bittern Tod
und lass ihn mit dir leben"

Und tatsächlich:

„Der Sohn dem Vater g'horsam ward
er kam zu mir auf Erden"

- zu mir, ganz persönlich. Und mehr noch: Er spricht zu mir, zu mir ganz persönlich:

„Halt dich an mich,
es soll dir jetzt gelingen;
ich geb mich selber ganz für dich,
da will ich für dich ringen;
denn ich bin dein und du bist mein,
und wo ich bleib, da sollst du sein,
uns soll der Feind nicht scheiden."

Ein Liebeslied, das Luther benutzt, um damit von seiner reforma­torischen Entdeckung zu singen. Und Verse eines alten Liebes­gedichtes, die Luther zitiert, um die Liebe zu zeigen, die Jesus zu uns hat:

„Ich bin dein und du bist mein,
des sollst du gewisse sein.
Du bist beschlossen in meinem Herzen.
Verloren ist das Schlüsselein.
Du musst immer drinnen sein."

 

V

Eine Aufforderung zur Freude, dieses Lied.

Die Aufforderung, einzustimmen in das Ich dessen, der erkannt hat, dass Gott uns liebt, und dass er uns meint, mich meint - mich ganz persönlich. So persönlich, dass ich die guten Worte der Bibel, die Worte über Gottes Liebe, Gottes Vergebung auf mich beziehen darf - ja, dass ich sogar glauben darf, dass Jesus meinetwegen Mensch geworden, um meinetwillen am Kreuz gestorben und auferstanden ist.

Die Predigt das alles nur erzählen. Sie kann nur werben. Sie kann versuchen, durch den Reiz, die Überzeugungskraft ihrer Worte den Hörer zur Zustimmung zu bewegen: Ja, ich bin gemeint. Aber damit ist die Liebe Gottes nur gewusst, noch nicht gefühlt.

Das Lied kann mehr.

Mit seiner Melodie zieht es mich hinein in den Kreis der Singen­den, verwickelt es mich mit seiner Liebesbotschaft, und auch wenn ich das alles gar nicht glauben und hören will, ich singe mit. Ich spreche es nach, was Luther mir vorspricht: „Ich bin dein und du bist mein", und das lässt mich nicht kalt.

Und ich spreche, ich singe es anderen vor. Ich schlüpfe in die Rolle des „Ich", der nun stellvertretend den anderen vorsingt, wie befreiend es ist, wenn Gott mir sein Vaterherz zuwendet. Wenn Jesus zu mir sagt: „Ich bin dein und du bist mein".

Wir „lieben Christen g'mein", wir haben Grund zur Freude.

Dieses Lied erinnert uns daran.

Wenn wir es singen, teilen wir einander von dieser Freude mit, trägt der, der sich freut, den mit, der keinen Grund zur Freude hat, und macht es ihm so leichter. Im Wechselspiel von Wort und Melodie, im Wechselspiel des Singens scheint Gottes Liebe zu uns auf. Und wenn es gut geht, dann berührt sie uns, rührt unser Herz an. Und wir glauben es.

Amen.

 



Pfarrer Güntzel Schmidt
38104 Braunschweig
E-Mail: guentzel@me.com

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