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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Christi Himmelfahrt, 09.05.2013

Predigt zu Jesaja 43:1 und 2, verfasst von Joachim Ringleben

               Bei deinem Namen gerufen (Jes 43, 1 u.2)

Liebe Gemeinde!

Da kommt einer als Schüler zum ersten Mal in eine fremde Stadt,  es mag Göttingen gewesen sein, und geht in ein unbekanntes Haus, wo er zu ihm nicht bekannten Leuten bestellt ist. Und als er die Halle betritt, sich suchend umblickt, da hört er von einer Galerie auf einmal eine freundliche, warme Stimme, die ihm von oben her einladend zuruft: “Herr Ringleben“. In dieser Anrede ist alle Fremdheit verschwunden, und man fühlt sich geradezu liebevoll erwartet und empfangen.

Das, liebe Gemeinde, ist wie eine Urszene, die einem Sinn und Herz für unseren Bibeltext öffnen kann. Und der angehende Theologiestudent spürt: so könnte es im Himmel sein.

 

I

Jedenfalls erschließt sich in einer solchen kleinen Szene etwas vom Geheimnis unseres Eigennamens. „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen“ - der eigene Name, er steht für unsere einmalige Individualität und für unser Eigenstes, er bedeutet nicht nur eine Benennung wie sonst ein Wort, sondern er bedeutet jeweils nur mich in meiner persönlichen Identität und hat immer auch etwas Intimes für einen selber. Es sind ja zuerst Vater und Mutter gewesen, die uns mit unserem Namen gerufen haben. Das unverwechselbare, einmalige Selbst, das jeder für sich ist, gilt gewöhnlich als ineffabile - unsagbar; im Eigen-Namen wird es aber aussprechbar und identifiziert. Werde ich bei meinem Namen genannt, so weiß ich, dass ich, gerade ich und kein anderer gemeint ist.

Mein Name, er steht dafür, wer ich bin. Zugleich bin ich durch den Namen, mit dem ich genannt und gerufen werde, in die Sprache einbezogen: Joachim, tue dies, sag‘ doch einmal …, gehe dorthin, lass das los usw. Mein Name gibt mir meinen Ort im Gefüge der umgebenden  Menschen und der Welt, im Gefüge der mich mit den Anderen verbindenden Sprache, der Sprache, in der Andere mit mir reden und ich mit ihnen.

Von dieser Kommunikation hat der französische Psychoanalytiker J. Lacan gesagt, und unser Jes.-Wort klingt dabei schon an:

„Was ich im Sprechen suche, ist die Antwort des anderen. Was mich als Subjekt konstituiert, ist meine Frage… Um ihn zu finden, rufe ich ihn bei einem Namen, den er, um mir zu antworten, übernehmen oder ablehnen muß“ (Schriften I (1986), 143 ).

Das gilt zunächst vom Reden zwischen uns Menschen. Es gilt aber, wie unser Predigttext zeigt, nicht weniger auch von Gott her, der unsere Antwort sucht und uns bei unserm Namen ruft: „Adam, wo bist du?“ (1 Mos 3.9). Diese Frage an jeden von uns ist die Frage nach unserem wahren Ort im Sein, nach der Wahrheit unserer Existenz. Gerade darum antworten wir auf diesen Ausruf  meist wie schon Adam: „Ich hörte deine Stimme im Garten und fürchtete mich“ (V. 10)

Zugleich gilt das Lacansche Wechselspiel von Frage und Antwort aber auch von uns her im Verhältnis zu Gott, es gilt von uns, die wir Gottes Antwort suchen und ihn im Gebet bei seinem Namen rufen: „Vater unser im Himmel“.

Werde ich von Gott bei meinem Namen gerufen, so bin ich unausweichlich ganz persönlich gemeint und getroffen. Daher ist dieser nach mir Rufende auch die Instanz, an die ich mich persönlich wenden kann, der, dem ich meine allerpersönlichsten Dinge sagen kann: im eigenen Gebet.

„Und nun spricht der Herr: … ich habe dich bei deinem Namen gerufen“ (Jes 43,1). Durch die Sprache, durch diese Anrede kommt Gott zu mir, kommt er an mich: in seinem Wort. Gott selber ist das Wort, das am Anfang war. Als er Mensch wurde unter Menschen und unsere Menschensprache redete, da kam er in sein Eigentum (Joh 1, 11)

 

 

II

„Ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“ - so „spricht der Herr, der dich geschaffen  hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel“ (Jes 43, 1).

„Ich habe … gerufen“, d. h.: immer schon, und noch bevor du denken kannst oder von mir weißt. Du aber hast es vielleicht nicht vernommen oder nicht hören wollen. Zuweilen aber hast du diese Stimme sehr wohl gehört, sie aber verdrängt oder wieder vergessen.

„Dich bei deinem Namen gerufen“ - das ist eine persönliche Schöpfung. Wie die ganze Schöpfung überhaupt eine durchs Wort und im Wort ist, so geschieht diese neue Schöpfung immer wieder durch die persönliche Anrede mit dem eigenen Namen. Gott ruft: nämlich das Nichtseiende, dass es sei (Röm 4, 17).

Dies schöpferische Angeredetwerden, das ist unser wahrer Ort, und es ist die zuvorkommende Antwort Gottes auf die unsere Existenz begründende Frage: Adam, wo bist du? Eva, wo bist du?

Liebe Gemeinde, die Frage: Existiert Gott überhaupt? - ist eine Scheinfrage. Am Anfang steht immer Gottes Anrede an mich. Und seine Frage: wo bist du? und sein Rufen nach uns mit unserem Namen, sie erreicht uns von außen, uneinholbar. Wir können unsere Existenz im Letzten nicht aus uns selber begründen und verstehen. Das Kreisen um sich selbst, es führt immer nur zu Sinnleere, Nichtigkeit im Tod und geheimer Verzweiflung. Unser Heil liegt allein darin, dass wir Gottes Anrede vernehmen: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“.

Ich - dich: Gott sagt „Du“ zu mir. Sein rufendes Ich macht mich zu einem Selbst vor ihm. Er ist unser absolutes Gegenüber, er blickt auf jeden von uns und, was wir sind, sind wir in seinen Augen. Indem er zu uns spricht, in seinem Wort, das wir persönlich hören, blickt er uns an.

Dass es kein Sprechen ohne Ich und Du gibt und dass Gott unser ewiges Du sein will, kann man schon bei Humboldt und M. Buber lernen. Es gibt aber Sprachen, in denen es für diese besondere Anrede „Du“ auch ein besonderes Wort gibt, z. B. englisch „thou“, das für den Anruf Gottes vorbehalten ist und für unser Anrufen Gottes.

 

III

Die Wendung in unserem Jes.-Text: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“ ist so einzigartig eindrücklich, dass es nicht verwundert, Echos davon in der Literatur zu finden. Das eine, das uns heute etwas mehr beschäftigen soll, findet sich bei der zeitgenössischen Schriftstellerin Felicitas Hoppe in ihrem autobiografisch gefärbten Roman von 2012: „HOPPE“.  Es lautet:

„Denn einmal, sagte sie, auch wenn keiner von uns weiß, wann, wird auch dieses Spiel ausgespielt sein, weil unvermutet jemand vorbeikommen wird, der dich bei deinem richtigen Namen nennt, den ich auch nicht kenne.

Denn auf welchen Namen wir wirklich getauft sind, wer kann das schon wissen.

Diesem und keinem anderen Ruf wirst zu folgen, denn diesen Ruf vernimmt jeder, … weshalb du sofort wissen wirst, dass du gemeint bist, nur du und sonst niemand, für immer und ewig“(S.255f).

Dieser Text redet von der geheimen Sehnsucht und Erwartung, dass uns „Jemand“ ganz unvorhersehbar mit unserem wahren Namen anruft und nennt, also jenem Namen, in dem wir ganz wir selbst sind, mit jenem Namen nennt, der uns endgültig identifiziert und den wir in seiner eigentlichen Bedeutung noch nicht kennen, sondern mit dem wir neu zu uns selber finden. Das ist ein unwiderstehlicher Ruf, und man weiß, wenn er uns trifft, dass wir ihn irgendwie immer schon gehört haben - jeder vernimmt ihn - und man weiß dann sofort: „du bist gemeint, nur du und sonst niemand“.

 

Die religiöse Dimension in Hoppes Anspielung auf Jes 43, 1 scheint an zwei Stellen ihres Textes deutlich durch. Einmal, dieser Ruf und dies Nennen bei unserem Namen identifiziert uns „für immer und ewig“. Bei Jes. heißt das. „Du bist mein!“. Von Gott bei seinem wahren Namen gerufen zu werden, das ist endgültig: unabweisbar und unaufhebbar, es betrifft mein ewiges Geschick.

Sodann spielt Hoppe ausdrücklich auf die Taufe an. Und es ist ja auch so: bei unserer Taufe im Namen Gottes bekommen wir unseren Namen zugeeignet. Von Gott bei meinem Namen gerufen zu werden, das ist meine wahre und endgültige Taufe.

Die christliche Taufe erfolgt auch im Zusammenhang mit einem Eigennamen: dem Namen Jesu Christi. Ihm werden wir als Getaufte übereignet, so wie Jesus selber an Gott übereignet wurde bei seiner eigenen Taufe. Da erreicht ihn die Stimme und der Ruf Gottes: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen“ (Mk 1, 11), Dieser Eigenname ist allerdings unendlich viel mehr als unsere menschlichen Namen. Im Luther-Lied hören wir dazu: „Fragst du, wer der ist? / Er heißt Jesus Christ,/ der Herr Zebaoth, / und ist kein anderer Gott, / das Feld muß er behalten“ (EG 362, 2).

Liebe Gemeinde, in diese Taufe des Gottessohnes sind wir alle mit hineingetauft. Immer wenn Gott an den Namen seines Sohnes denkt, erinnert er sich unserer Namen mit, die wir ja nach seinem Sohn „Christen“ heißen. So gilt für uns: „Ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen“ (Jes 43, 1).

 

IV

Liebe Gemeinde, für das bei seinem Namen Gerufenwerden steht im Neuen Testament eine einzigartige Szene, in der unser Jes.-Text christlich wiederholt und angeeignet wird.

Ich meine die Erfahrung der Maria Magdalena mit dem Auferstandenen, Joh 20. Diese Frau sucht voller Trauer und weinend ihren toten Herrn und sein Grab. Und als er vor ihr steht, da erkennt sie ihn nicht, sondern hält ihn für den Gärtner (v.14f). Dann heißt es da: „spricht Jesus zu ihr: Maria!“ (v.16). Er nennt sie bei ihrem eigenen Namen, und in diesem Augenblick weiß sie, mit wem sie es in Wahrheit zu tun hat; sie antwortet anbetend: „mein Meister“ (v.16). Dadurch, dass er sie mit ihrem Namen anredet, identifiziert ihr Herr sich für sie, macht sich ihr eindeutig kenntlich.

In diesem bewegenden Vorgang voller persönlicher Intimität und Liebe ist gänzlich das enthalten, was Jes. mit den Worten ausgedrückt hat: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erhört …, du bist mein!“

„Fürchte dich nicht“ - das spricht auch der Auferstandene immer wieder seinen zweifelnden oder verzagten Jüngern zu (Mt 14,27; 17,7; 28,10 u.ö.; cf. Lk 24, 37). Denn „du bist mein“, das bedeutet, ewig geborgen zu sein. Was mir irdisch zustoßen kann, ist in Gottes lebendiger Gegenwart und seinem Schutz aufgehoben. So heißt es plastisch bei Jes.: „Denn so durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, daß dich die Ströme nicht ersäufen; und so du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen und die Flamme soll dich nicht versengen“ (43, 2), Es ist ein ewiger Schutz da - bei allem was uns im Leben bedrohen mag, was uns wegzuspülen droht und den Boden unter den Füßen wegreißt, bei allem was uns versengen, verbrühen oder verkohlen mag. Er, der Herr des Himmels und der Erde, hält an dir fest und sagt unverbrüchlich: „Du bist mein!“.

Kurz vorher heißt es bei Jes. schon: „Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott; ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich erhalte dich durch die recht Hand meiner Gerechtigkeit“ (Jes 41. 10).

„Du bist mein“ - das erfüllt unser unstillbares Verlangen nach ewiger Geborgenheit und ewiger Liebe.

Denn der, der uns bei seinem Namen gerufen hat, er ruft auch: „ich habe dich erlöst“ (43, 1). -

Auch diese Zusage von Namensnennung und Erlösung hat in der Literatur ein säkulares, zwischenmenschliches Echo gefunden. In der Erzählung von A. Schmidt „Seelandschaft mit Pocahontas“ (X) findet sich eine anrührende Szene: Im Urlaub am Dümmer lernt der Ich-Erzähler ein ziemlich ungünstig aussehendes und entsprechend gehemmtes Mädchen kennen und lieben. Der entscheidende Wendepunkt wird mit den folgenden Worten wiedergegeben:

 Sie „stand still mit hängenden Armen, … wartete ergeben und sehnsüchtig bis ich sie nannte und erlöste: >> Pocahontas! <<“. Es folgt der erste Kuß. (Das erzählerische Werk in 8 Bänden (Haffmann), Bd. 2 (1985), 93). Pocahontas, das ist - laut der Encycl. Britannica - jene Indianerprinzessin, die einen weißen Mann dadurch vor dem Martertode rettet, dass sie ihn heiratet; der Mann hieß übrigens Schmidt. In dieser Erzählung verschafft die Nennung mit dem Namen „Pocahontas“ dem Mädchen nun die erlösenden Möglichkeit und Freiheit, sich selber anzunehmen, so wie sie ist. Sie wird durch diesen Namen zu ihrer eigenen Identität „erlöst“.

 

V

„So spricht der Herr, der dich geschaffen hat …: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“

Liebe Gemeinde, für den, der das hört und glauben kann, gibt es keine metaphysische Einsamkeit mehr. Er ist, wie Felicitas Hoppe sagte, erlöst „für immer und ewig“.

Es geht um unseren wahren Namen, den unser Schöpfer und Erlöser kennt. Während wir manche Eigennamen so oft im Alltagsleben vergessen, wie S. Freud es untersucht hat, so ist das bei Gott ganz anders. Er will in Ewigkeit unsern Namen nicht vergessen, denn er selbst hat uns bei ihm gerufen. Wenn wir das von ihm erhoffen, so will er uns ewig aushelfen. Und wenn wir das von ihm allein erwarten, so haben wir seine Verheißung. Denn an Gott zu glauben, das heißt, dass wir auch seinen Namen wissen: „Er kennt meinen Namen, darum will ich ihn schützen“ (Ps 91, 14), so spricht unser Erlöser über jeden von uns.

Amen

 



Abt Prof.Dr. Joachim Ringleben
Göttingen
E-Mail: jringle@gwdg.de

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