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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Pfingstsonntag, 19.05.2013

Predigt zu Numeri 11:10-18.20.24-25, verfasst von Thomas Bautz


 

Liebe Gemeinde!

Die Tora erzählt von der Befreiung des Volkes Israel aus der Knechtschaft Ägyptens, wie ADONAI am Sinai den Israeliten begegnet und sich mit ihnen verbündet.

Kaum drei Tagesreisen vom Ort dieser Ereignisse entfernt, sehen wir das Volk in Aufruhr und Mose völlig überfordert und verzweifelt. Die große Masse der Israeliten ist die Entbehrungen in der Wüste leid. Es begegnet „Gott" wie auch Mose und Aaron mit starken Vorwürfen und Wehklagen, so wie es auch das Buch Exodus (16,2-3) erzählt:

„Da murrt die ganze Gemeinde der Israeliten gegen Mose und Aaron in der Wüste, und die Israeliten sagen zu ihnen: Wären wir doch durch die Hand ADONAIs in Ägypten gestorben, als wir bei den Fleischtöpfen saßen und reichlich Brot zu essen hatten! Jetzt habt ihr uns in diese Wüste hinausgeführt, um diese ganze Volksgemeinde Hungers sterben zu lassen!"

Aus Numeri (11,5) erfahren wie genauer, wonach sich das Volk sehnt:

„Wir denken an die Fische zurück, die wir in Ägypten umsonst zu essen hatten, an die Gurken und Melonen, an den Lauch, die Zwiebeln und den Knoblauch!"

Doch wie steht es um die „Fleischtöpfe" in Wirklichkeit? Diese Frage wird bei jüdischen Auslegern sehr kontrovers diskutiert. Die einen weisen darauf hin, dass Fische in Ägypten sehr billig und demzufolge weit verbreitetes Grundnahrungsmittel waren. Außerdem hätten die Israeliten auch als Sklaven Märkte aufsuchen und sich dort an allen Speisen bedienen dürfen. Andere Exegeten bestreiten das und meinen, das Sitzen am Fleischtopf sei nicht notwendig mit einer Teilhabe daran verbunden. Es hieße nicht: „als wir aus dem Fleischtopf aßen", sondern „als wir am Fleischtopf saßen"!

Ihr Brot haben die Sklaven ohne Fleisch gegessen.

Die Vergangenheit wird also idealisiert, in bunten Farben gemalt, was die Wüstenexistenz nicht gerade leichter werden lässt. Ägypten bedeutete zwar Knechtschaft, Unterdrückung und sicher auch Gewalt, aber in (gewohntem) Schwarz-Weiß-Denken erheben die Israeliten ihre Klagen stereotyp gegen „Gott" und Mose/ Aaron: In der Wüste ist alles problematisch und widerwärtig (cf. Num 21,4-5), in Ägyptens Sklavenzeit hingegen war man wenigstens sicher und versorgt. Vergessen sind Leiden und Tod; nur der „Fleischtopf" bleibt in Erinnerung.

Daher folgen Murren, Aufbegehren und schließlich der Aufschrei: „Wären wir doch gestorben durch die Hand ADONAIs im Lande Ägypten!"

Auch Mose, der größte, bedeutendste Prophet und Führer Israels, wünscht sich den Tod und spricht dies vorwurfsvoll seinem „Gott" gegenüber aus; im Grunde verständlich: Mose ist am Ende seiner Kräfte. Er kann nicht mehr und weiß nicht mehr weiter. Die Aufgabe, dieses Volk zu führen, ist ihm bei weitem über den Kopf gewachsen.

Aber Mose macht aus seiner Schwachheit, aus seiner tiefen, ernsten Not keine Tugend. Er wird nicht zum blinden Blindenleiter. Er schwingt sich nicht auf zum hilflosen Helfer. Er unterliegt nicht der Versuchung, seine Ohnmacht mit herrischen Machtgelüsten zu kompensieren. Seine Ehrlichkeit gegenüber ADONAI lässt ihn offen werden für einen neuen Weg: Er bekommt nicht nur eine neue Hilfe; vielmehr soll er siebzig Älteste des Volkes auswählen, die weise, lebenserfahren genug sind, mit ihm gemeinsam das Volk zu führen.

Diese siebzig Ältesten sollen auch in der Rechtsprechung und in der Wirtschaft bewandert, also auch im weitesten Sinn politisch befähigt sein. Dass sie auch in religiöser Hinsicht mit Mose gemeinsam Leitungsfunktionen und damit insgesamt eine umfassende Verantwortung tragen, erkennen wir daran, dass „Geist Gottes" von Mose auf diese siebzig Ältesten übergeht.

Rabbiner vergleichen dies gern mit einer Kerze, die brennt und an der etliche andere Kerzen angezündet werden, ohne dass die erste etwas von ihrem Licht einbüßt.

Mit unseren menschlichen Gaben verhält es sich ähnlich: Wir müssen nicht befürchten, dass sie uns „ausgehen" oder abnähmen. Im Gegenteil: Je mehr wir mit ihnen „wuchern", je großzügiger wir andere daran teilhaben lassen, desto mehr bereichern sie die Gemeinschaft oder wirken ansteckend. Man muss nicht unbedingt ein Genius oder ein großer „Geist" sein, um andere Menschen zu begeistern.

Oft sind es Menschen, die nicht nur besonders begabt, sondern auch stark belastet sind, etwa durch eine chronische Krankheit, dauerhaften Schmerz oder ein anderes Leid, die aber gerade deshalb desto dankbarer sind für ihre Existenz, für das Leben, für menschliche Anerkennung und Zuwendung.

Mose kann dem Volk keine Mutter sein, das ist eher die Rolle ADONAIs, den Jesus von Nazareth später gern als „Vater im Himmel" anspricht. Mose ist zwar als Führergestalt unvergleichlich, unnachahmlich; aber er ist eben nur ein Mensch und als solcher darauf angewiesen, dass die auf ihm ruhende Last ein für allemal auf viele Schultern verteilt wird. Mose ist daher keineswegs nur als Führer ein Vorbild, sondern eben auch als jemand, der Verantwortung und wichtige Aufgaben mit ebenso Begabten teilt und delegieren kann.

Mose zählt zu den berühmten Figuren der Menschheitsgeschichte, deren historische Existenz zwar im Dunklen liegt, deren überlieferte Persönlichkeit aber derart bedeutsam geworden ist, dass sie nahezu unsterblich sind. Aber auch solche Berühmtheiten bleiben nicht allein; sie bekommen Unterstützung oder haben Schüler.

Die Zahl „Siebzig" ist häufig eine Symbolzahl und weist auf Ganzheit und Vollkommenheit: siebzig „Alte" bei der Offenbarung, beim Bundesschluss am Sinai (Ex 24,1); siebzig Älteste an der Seite von Mose. Der Hohe Rat (Synhedrion) konstituiert sich aus siebzig Männern. Dem Rabbi Jesus folgen siebzig Jünger (Lk 10,1).

Aber auch siebzig (eigentlich zweiundsiebzig) Gelehrte, die der Legende nach die hebräische Bibel (AT) ins Griechische übersetzen (LXX; Septuaginta).

Und schließlich erzählen Legenden, Konfuzius habe siebenundsiebzig Schüler gehabt, deren Namen sogar größtenteils überliefert worden sind.

Die „Siebzig" deutet also in verschiedenen Kulturen darauf hin, dass Gemeinschaft sozusagen eine „runde Sache" ist: etwas lebendiges, vollkommenes Ganzes. Freilich muss Gemeinschaft wachsen, und sie erfordert Anstrengung, Engagement und bleibendes Interesse aller.

Gemeinschaft lebt vom gegenseitigen Respekt und Vertrauen. Wer anderen ihre Gaben und ihre Erfolge neidet, sät Missgunst und Zwietracht. Van Gogh berichtet davon:

„Als ich hier in die Stadt (Den Haag) kam, bin ich in alle möglichen Ateliers gegangen, nur um Umgang zu suchen und Freundschaften zu schließen. Jetzt bin ich in diesem Punkte sehr abgekühlt; ich finde, die Sache hat eine arge Schattenseite, eben weil die Maler zwar herzlich scheinen, aber einem nur allzu oft ein Bein stellen. Das ist das Üble: man müsste einander helfen und vertrauen, denn es gibt in der Gesellschaft ohnehin genug Feindseligkeit; und überhaupt würde man besser dabei fahren, wenn man einander nicht schadete. Der Neid treibt viele dazu, ganz systematisch schlecht über andere zu reden, und was kommt dabei heraus?

Statt eine große Gesamtheit zu bilden, eine Malergemeinschaft, stark durch Eintracht, kriecht jeder in sein Schneckenhaus und arbeitet für sich allein; die Erfolgreichen schaffen gerade durch ihren Neid eine Art Wüste um sich her, meiner Meinung nach eine schlimme Sache, für sie selbst. Ein Wettkampf mit Bildern oder Zeichnungen ist in gewissem Sinn recht und billig, aber es darf nicht einer des anderen persönlicher Feind werden und sich in diesem Kampfe anderer Mittel bedienen."

Was der berühmte Maler hier berichtet, wird in Variation von vielen Menschen in unserer Gesellschaft erlebt. In vielen Bereichen überwiegt das Gerangel um Ämter, Posten, Positionen und lukrative Stellen. Mitarbeiter sind manchmal eher Mittel zum Zweck als gleichberechtigte Kollegen. Hierarchische Strukturen unterbinden teilweise die freie, kreative Entfaltung derer, die sich einfach nur für die gemeinsame Sache einsetzen wollen.

Aber es gibt freilich auch gelebte Gemeinschaft und Kollegialität, echte Teamarbeit und Solidarität mit und unter denen, die zumindest vorübergehend weniger leisten können, weil sie durch Krankheit eingeschränkt oder durch private Krisen weniger belastbar sind. Es gibt auch Arbeitsverträge, die es Müttern oder Vätern ermöglicht, um ihrer Kinder willen die hilfreiche Elternzeit zu beanspruchen. Schwieriger ist es, nach Jahren beruflicher Abstinenz wieder ins Berufsleben zurückzukehren und einen verständnisvollen Arbeitgeber anzutreffen.

Oftmals wird die Frage laut, ob Arbeitsverhältnis und Betriebsklima in Einrichtungen der Kirche besser sind als anderswo. Ich halte diese Frage für müßig. Ich durfte als Schüler und während meines Studiums (einschließlich einer Unterbrechung von zwei Jahren, in denen ich nur arbeiten ging) in Fabriken, bei der Gebäudereinigung und im Dienst des Sozialamtes in Frauenwohnheimen Erfahrungen mit Berufstätigen vom Arbeiter bis zum Leitenden sammeln.

Die Menschen und ihr Miteinander waren nicht schlechter, ja, noch nicht einmal wesentlich anders als der Umgang, der in Gemeinden oder in kirchlichen Institutionen gepflegt wird. Ich finde es ohnehin unangebracht, Menschen zu klassifizieren. Das geschieht oft genug, im Kleinen wie im Großen.

Deshalb bin ich auch vorsichtig mit biblischen Klassifikationen: Menschen, „auf denen der Geist Gottes ruht" oder „die von Gottes Geist getrieben werden" und die deshalb „Gottes Kinder" sind, wozu „der Geist Gottes gibt Zeugnis unserem Geist". Woran erkennt man die Geistbegabten? Paulus warnt vor geistlichem Übereifer oder übersteigertem Enthusiasmus; er kämpft gegen jegliches pseudochristliche Gehabe, das eine Sonderstellung beansprucht.

„Geist Gottes" meint vermutlich nichts anderes als das, was in einer Schöpfungserzählung der Genesis umschrieben wird: „und Geist Gottes war schwebend (brütend) über den Wassern"; ein wesentliches Element bei der Schöpfung. Seit dem frühen Mittelalter wird dieser Geist als „Schöpfer Geist" angesprochen wie in dem berühmten „Veni creator spiritus". Luther hat den poetischen und vertonten Text 1524 vom Lateinischen ins Deutsche übertragen (hier nur drei Strophen):

 

„Komm', Gott Schöpfer, Heiliger Geist,
besuch' das Herz' der Menschen dein,
mit Gnaden sie füll', denn du weißt,
daß sie dein Geschöpfe sein.

Denn du bist der Tröster genannt,
des Allerhöchsten Gabe teuer,
ein' geistlich' Salb' an uns gewandt,
ein lebender Brunn, Lieb' und Feuer.

Zünd' uns ein Licht an im Verstand',
gib uns ins Herz' der Lieb Inbrunst,
das schwach' Fleisch in uns, dir bekannt,
erhalt' fest dein Kraft und Gunst."

 

Für mich ist „Geist Gottes", „Schöpfer Geist", dem verwandt, was wir bei uns als kreative, schöpferische Gaben und Kräfte entdecken; auch Begabungen, die wir zwar fördern, pflegen und mit viel Übung weiterentwickeln müssen, die uns aber ursprünglich in die Wiege gelegt wurden. Begabungen aber, die nicht geweckt und die nicht gefördert werden, verkümmern.

Ich finde es bereichernd, mitunter einen bescheidenden Beitrag leisten zu können, dass ein Kind oder ein junger Mensch sich entfalten und seine Gaben mit Freuden entdecken kann. Wir sollten überall, wo uns Menschen anvertraut sind, verstärkt Aufmerksamkeit und Anstrengung investieren und mithelfen, dass in unserer Gesellschaft Originale und reife Persönlichkeiten heranwachsen: Menschen, die nicht zur Konformität neigen, sondern den Mut entwickeln, gegen den Strom des jeweiligen Zeitgeistes zu schwimmen.

Amen.

 



Pfarrer Thomas Bautz
53119 Bonn
E-Mail: thomas.bautz@ekir.de

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