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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Pfingstsonntag, 19.05.2013

Predigt zu Numeri 11:11-12,14-17.24-25, verfasst von Dieter Splinter

 

 

Titel: Gespräch und Geist gehören zusammen

Und Mose sprach zu dem Herrn: Warum bekümmerst du deinen Knecht? Und warum finde ich keine Gnade vor deinen Augen, dass du die Last dieses ganzen Volkes auf mich legst? Hab' ich denn all das Volk empfangen oder geboren, dass du mir sagen könntest: Trag es in deinen Armen, wie eine Amme ein Kind trägt in das Land, das du ihren Vätern geschworen hast? Ich vermag all das nicht allein zu tragen, denn es ist mir zu schwer. Willst du aber doch mit mir tun, so töte mich lieber, wenn anders ich Gnade vor deinen Augen gefunden habe, damit ich nicht mein Unglück sehen muss.

Und der Herr sprach zu Mose: Sammle mir siebzig Männer unter den Ältesten Israels, von denen du weißt, dass sie Älteste im Volk und seine Amtsleute sind; und bringe sie vor die Stiftshütte und stelle sie vor dich, so will ich mit dir reden und von deinem Geist, der auf dir ist, nehmen und auf sie legen, damit sie mit dir die Last des Volkes tragen und du sie nicht allein tragen musst.

Und Mose ging heraus und sagte dem Volk die Worte des Herrn und versammelte siebzig Männer aus den Ältesten des Volks und stellte sie rings um die Stiftshütte. Da kam der Herr hernieder in der Wolke und redete mit ihm und nahm von dem Geist, der auf ihm war, und legte ihn auf die siebzig Ältesten. Und als der Geist auf ihnen ruhte, gerieten sie in Verzückung wie Propheten und hörten nicht auf.


I.

Liebe Gemeinde!

Gott lässt mit sich reden. Mose erfährt das. Er spricht mit Gott. Mose merkt dabei: Das Gespräch mit Gott und der Geist gehören zusammen. Sein Gespräch mit Gott hat drei Teile. Der erste Teil ist überschrieben mit: Mose klagt Gott sein Leid: „Ich bin nicht mehr willig, Gott! Mein Geist darum zu schwach." Der zweite Teil des Gesprächs lautet: Gott antwortet, gibt Mose dabei eine Handlungsanweisung - und verspricht geistvolle Abhilfe. Im dritten Teil des Gesprächs redet Gott öffentlich mit Mose. Dabei erfüllt Gott sein Versprechen der Geistverteilung. Das hat Folgen.


II.

Gespräch und Geist gehören zusammen. Im ersten Teil des Gesprächs zwischen Mose und Gott bekommen wir davon zunächst nur eine Ahnung. Mose klagt Gott sein Leid. „Es ist mir zu schwer...". Wenige Worte, die viel aussagen. „Es ist mir zu schwer...". Das ist der heimliche oder offene Stoßseufzer all derer, die schwer an ihrer Verantwortung tragen. Sie müssen Menschen führen, sind vielleicht verantwortlich für viele. Dabei kommen sie an ihre Grenzen. „Es ist mir zu schwer...". Diese Worte des Mose könnten die Worte sein von gewählten Volksvertretern, von Menschen in leitenden Ämtern in Kirche und Diakonie, in Wissenschaft und Verwaltung.

Es ist mir zu schwer...". Mose jedenfalls hat genug. Er will nicht mehr. Es geht ihm alles auf den Geist. Darum wendet er sich an Gott: „Warum bekümmerst du deinen Knecht? ... Hab ich denn all das Volk empfangen oder geboren, dass du mir sagen könntest: Trag es in deinen Armen, wie eine Amme ein Kind trägt, in das Land, das du ihren Vätern zugeschworen hast?"

Man kann den Unmut des Mose gut nachempfinden. Das Volk hat das Manna satt. Auf dem Weg durch die Wüste in das gelobte Land wird es damit von Gott versorgt. Sie zerreiben das Manna und machen sich Kuchen daraus. Das ist vor den Worten zu lesen, die wir hier miteinander bedenken. Der Speiseplan war den Israeliten aber nun zu einseitig. Darum fragten sie: „Wer wird uns Fleisch zu essen geben?" Um dann gleich fortzufahren: „Wir denken an die Fische, die wir in Ägypten umsonst aßen, und an die Kürbisse, die Melonen, den Lauch, die Zwiebeln und den Knoblauch. Nun aber ist unsere Seele matt, denn unsere Augen sehen nichts als Manna." (vgl. 4. Mose 11, 4-7)

Vergessen haben sie offenbar den Frondienst unter dem Pharao, vergessen haben sie die Schinderei unter den ägyptischen Sklaventreibern. Sie befinden sich in der Wüste, auf dem Weg in das gelobte Land. Auf dem Weg dorthin ist nun selbst Manna nicht mehr genug. Mose fragt darum Gott: „Woher soll ich das Fleisch nehmen, um es all diesem Volk zu geben?" Und dann stellt er fest: „Sie weinen vor mir und sprechen: Gib uns Fleisch zu essen!"

Mose macht eine Erfahrung, die viele machen, die Führungsaufgaben haben: Ist erst einmal ein Anspruch der zu Führenden erfüllt, kommt von diesen häufig schon der nächste. Aus Anforderungen können so schnell Überforderungen werden. Nie ist es genug. Das raubt einem den letzten Nerv. Das geht einem auf den Geist. Der ist dann irgendwann nicht mehr willig - und der Körper dann erst recht schwach. Burnout-Syndrom heißt das heutzutage.

Mose will es nicht soweit kommen lassen. Er will nicht immer das Kindermädchen für andere spielen müssen. Da gibt es doch noch jemanden, der zuständig ist. Das ist Gott selber. Er hat doch sein Volk in die Welt gesetzt. Daran erinnert Mose Gott. Mose erinnert Gott an seine Mutterpflichten: „Hab ich denn all das Volk empfangen oder geboren...?"

Das ist eine der wenigen Stellen im Alten Testament, in der Gott mit einer Mutter verglichen wird. Sonst wird dort der Vergleich eher vermieden. In der Umwelt des Volkes Israel wurde mit Muttergottheiten nämlich häufig ein Fruchtbarkeitskult verbunden. Jede Anspielung darauf wollte man in der Regel von Gott, dem Herrn, fernhalten. Mose aber lässt alle Zurückhaltung fahren: „Hab ich denn all das Volk empfangen oder geboren...?" Die Antwort auf diese rhetorische Frage ist klar: „Nein, du warst es doch! Du hast das Volk Israel in die Welt gesetzt! Dann kümmere dich auch darum." „Ich vermag das Volk nicht allein zu tragen, denn es ist mir zu schwer."

Mose will lieber sterben als weitermachen. Er ist am Ende. Er gibt es offen zu. Und genau das eröffnet den Ausweg: seine Grenzen zu erkennen, sich einzugestehen: „Ich bin ratlos. Ich weiß nicht mehr weiter. Ich brauche Hilfe." Genauer: „Gott, ich brauche deine Hilfe!" Gerade starken Führungsfiguren fällt dieses Eingeständnis häufig schwer. Gott aber fällt die Antwort leicht.


III.

Er lässt nämlich mit sich reden. Er lässt gerade die starken Führungspersönlichkeiten nicht allein, die zugeben können: „Gott, ich brauche deine Hilfe!" Wer mit ihm das Gespräch sucht, bleibt nicht ratlos zurück. Er bekommt Antwort auf seinen Hilferuf.

Die Antwort, die Mose bekommt, dürfte ihn allerdings überrascht haben. Sein Gespräch mit Gott hat Einfluss auf seine Geistesgaben. Und das geht so: Mose soll siebzig Führungskräfte aus dem Volk zusammenrufen. Wenn das geschehen ist, wird er, Gott, „herniederkommen und ... mit dir reden und von deinem Geist, der auf dir ist, nehmen und auf sie legen, damit sie mit dir die Last des Volkes tragen und du nicht allein tragen musst."

Mose bekommt also nicht gesagt: Ich schicke dir meinen Geist oder etwas mehr von demselben. Sondern ihm wird mitgeteilt: Von deinen Geistesgaben will ich anderen abgeben. Die Führungskraft, die du hast, wird auch in anderen sein. Geteilte Führung ist bessere Führung. Verteilte Verantwortung ist leichtere Verantwortung. Geteilte Lasten belasten den einzelnen weniger.

Seine Geistesgaben teilen - Mose könnte sich dem widersetzen. Nun ist er schon am Ende und dann soll ihm auch noch etwas genommen werden. Noch mehr Kontrollverlust droht, noch mehr Ohnmacht. Doch Mose denkt nicht so. Er sieht ein: Meine Kraft wächst, wenn ich davon abgebe. Meine Führung wird besser, wenn ich sie teile. Er folgt der Handlungsanweisung Gottes:


IV.

Und Mose ging heraus und sagte dem Volk die Worte des Herrn und versammelte siebzig Männer aus den Ältesten des Volks und stellte sie rings um die Stiftshütte." Mit der Stiftshütte waren die Israeliten unterwegs. In und mit diesem tragbaren Tempel wollten die Israeliten in der Wüste Gott die Ehre geben. Und Gott seinerseits gibt sich die Ehre: „Da kam der Herr hernieder in der Wolke und redete mit ihm (Mose) und nahm von dem Geist, der auf ihm war, und legte ihn auf die siebzig Ältesten. Und als der Geist auf ihnen ruhte, gerieten sie Verzückung wie Propheten und hörten nicht auf."

Die also zeigen sich begeistert, die schon ein Amt haben, Älteste sind. Aufgeräumt wird mit dem Vorurteil, jene ließen sich nicht mehr begeistern, die schon in Amt und Würden sind. Gerade denen, die schon Verantwortung tragen, wird darum zusätzliche Verantwortung gegeben. Sie behalten ihre bisherigen Ämter bei. Die Verantwortung mit Mose zu teilen, ist also offenbar ein Ehrenamt, ein Sache der Ehre. Die ist gebunden an eine Gabe des Geistes, an ein Charisma: die Gabe der Leitung.

Das Urbild aller Gemeindeleitung wird hier entwickelt. Der eine, der bisher die Hauptverantwortung trugt, wird von denen entlastet, die wie er die Gabe der Leitung haben.

V.

Gott nimmt gibt Gabe der Leitung, die Mose hat, an andere weiter. Andere haben nun wie er diese Geistesgabe. Von menschlichen Gaben ist bisher geredet worden. Die aber kommen in Bewegung, weil Gott seinen Geist ins Gespräch bringt. Er lässt mit sich reden. Und Gott redet seinerseits mit uns. Er tut es in der Heiligen Schrift. Er tut es in seinem Handeln am Volk Israel. Er tut es, indem er uns in Jesus Christus mit den Verheißungen verbindet, die er dem Volk Israel zugesagt hat. Er hat es in die Welt gesetzt. Schon da war sein Geist wirksam. Er ist es bis auf den heutigen Tag.

Gottes Geist ist es dort, wo Menschen sagen: „Gott, ich brauche deine Hilfe!" Sein Geist ist wirksam, wenn Menschen sagen: „Es ist mir zu schwer!" Gottes Geist ist dort wirksam, wo die Leitung einer Gemeinde als gemeinsame Verantwortung gesehen wird. Gottes Geist ist dort wirksam, wo Menschen sich - gestärkt durch Wort und Sakrament - in die Nachfolge Christi begeben. Gottes Geist ist dort wirksam.wo Menschen im Gespräch nach guten Wegen des Miteinanders suchen. Und Gottes Geist ist dort wirksam, wo wir alle miteinander und dem Geist überlassen, den Gott uns gegeben hat. Das ist nicht der „Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit."

Amen.




Pfarrer Dr. theol. Dieter Splinter
79249 Merzhausen
E-Mail: dieter.splinter@ekiba.de

Bemerkung:
Dr. Dieter Splinter, ist Landeskirchlicher Beauftragter für den Prädikantendienst der Evangelischen Landeskirche in Baden an der Evangelischen Hochschule Freiburg


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