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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Pfingstsonntag, 19.05.2013

Predigt zu Numeri 11:11-12.14-17.24-25, verfasst von Johannes Block

 

Der Geist der Demokratie

Pfingsten - das ist die Geburtsstunde der Demokratie, der repräsentativen Demokratie. Das Wort der Bibel für die Predigt am Pfingstsonntag ist von einem demokratischen Geist durchdrungen. Mose, der Anführer Israels während der Wüstenwanderung in das Gelobte Land, erhält siebzig Älteste an die Seite gestellt. Die Last, das Volk zu führen, wird auf mehrere Schultern verteilt:

Und der HERR sprach zu Mose: Sammle mir siebzig Männer und bringe sie vor die Stiftshütte, so will ich herniederkommen und dort von deinem Geist, der auf dir ist, nehmen und auf sie legen, damit sie mit dir die Last des Volks tragen und du nicht allein tragen musst.

Pfingsten als Geburtsstunde der Demokratie, der repräsentativen Demokratie - das ist eine gewagte These. Kritisch lässt sich fragen: Was hat denn ein über dreitausend Jahre alter Bibeltext mit der modernen Staatsform der Demokratie zu tun? Widerspricht ein Gremium mit dem Patriarchen Mose und siebzig älteren Männern nicht den Erwartungen an eine offene und durchlässige Gesellschaft?

1. Die Demokratie in der Kirche

Immer wieder ist der Vorwurf laut geworden, dass sich die Kirche allzu oft auf die Seite der Mächtigen gestellt und dass sie eher die beharrenden, reaktionären Kräfte unterstützt habe. Doch die Schrifttradition der Kirche, die Bibel, spricht eine andere Sprache - jedenfalls heute am Pfingstsonntag, dem Tag des strömenden, fließenden und wehenden Geistes unter allem Volk. Das biblische Wort aus dem 4. Buch Mose spricht eine erstaunlich moderne Sprache, wenn von siebzig Volksvertretern die Rede ist und wenn die Last des öffentlichen Amtes offen ausgesprochen wird. Achten wir auf beide Momente - auf die Idee der Volksvertretung und auf die Last des öffentlichen Amtes:

a. Die Idee der Volksvertretung

Siebzig Älteste oder Volksvertreter werden an die Seite des Moses gestellt. Das Gremium der Siebzig ist so etwas wie ein Vorläufer der synodalen oder presbyterialen Verfassung der Kirche. Jede evangelische Landeskirche in Deutschland hat eine Synode: ein Kirchenparlament. Und jede evangelische Kirchengemeinde hat einen Gemeindekirchenrat oder Kirchenvorstand: ein Gemeindeparlament. Die Demokratie in der Kirche ist bereits in der Bibel angelegt, wenn wir davon hören, dass die Last und Aufgabe der Führung auf siebzig Älteste oder Volksvertreter aufgeteilt wird. In vielen Landeskirchen heißen die Kirchenvorsteher wie in unserem Bibeltext „Älteste". Die kommende Gemeindekirchenratswahl am 13. Oktober in der Stadtkirchengemeinde ist ein wichtiges Moment gelebter Demokratie in der Kirche. Die Kandidatenfindung und die Wahlbeteiligung bei einer Gemeindekirchenratswahl haben auch etwas mit dem Geist zu tun, der seit Moses Zeiten über die Menschen kam, um gemeinsam Verantwortung zu übernehmen und gemeinsam zu leiten und zu führen. Manchmal sitzt und hockt der Geist bereits zwischen Briefwahlunterlagen und Wahlurnen.

b. Die Last des öffentlichen Amtes

Neben der Schaffung eines Gremiums der Siebzig ist die Klage über die Last des Amtes ein weiteres modern klingendes Moment unseres Bibeltextes. Mose bekennt:

Ich vermag all das Volk nicht allein zu tragen, denn es ist mir zu schwer.

Wer ein öffentliches Amt innehat, der weiß: Demokratie ist ein mühseliges Geschäft. Es muss gar nicht ein hohes Staatsamt sein, um die Last eines Amtes zu spüren. Stadträte, Orts- und Stadtbürgermeister, Landräte, Landtagsabgeordnete, Amtsleiter, Vereinsvorsitzende, Elternvertreter, Gemeindekirchenräte und viele andere öffentlich engagierte Personen wissen, wie zäh, zeitraubend und mühselig es sein kann, an der Willensbildung des Volkes beteiligt zu sein. Öffentlich wird man sich auf die Zunge beißen. Doch heimlich wird vielleicht der eine oder andere Mose zustimmen, der die Nase gestrichen voll hat:

Und Mose sprach zu dem HERRN: Hab ich denn all das Volk empfangen oder geboren, dass du zu mir sagen könntest: Trag es in deinen Armen, wie eine Amme ein Kind trägt, in das Land, das du ihren Vätern zugeschworen hast? Ich vermag all das Volk nicht allein zu tragen, denn es ist mir zu schwer.

Mose beobachtet, dass sich das Volk schwer tut mit der Freiheit. Man sehnt sich zurück nach den Fleischtöpfen Ägyptens (2. Mose 16,3) und klagt: „Früher war alles besser!" Marianne Birthler, die ehemalige Bundesbeauftragte für die Unterlagen der Staatssicherheit, drückt es in Anlehnung an den Auszug der Israeliten folgendermaßen aus:

„Nichts ist schwieriger, als Sklaven aus einem Goldenen Käfig in die Freiheit zu führen."

Das Volk sehnt sich nach Freiheit, aber nach Verantwortung sehnt es sich nicht. Das Volk will gut geführt und regiert werden, doch Entscheidungen sollen nicht wehtun. Die Wahlbeteiligung stagniert, und die Teilnahme an öffentlichen Sitzungen in Rathäusern und anderswo ist gering - selbst bei wichtigen kommunalen Bauvorhaben. Kommt es dann zu Entscheidungen, schlagen die Wellen der öffentlichen Empörung hoch. Wer wie Mose ein öffentliches Amt innehat, der weiß: Demokratie ist ein mühseliges Geschäft. Von der Wanderung durch die Demokratie sind viele müde geworden - wie das Volk Israel während der Wüstenwanderung:

Da fingen die Israeliten wieder an zu weinen und sprachen: Wer wird uns Fleisch zu essen geben? Wir denken an die Fische, die wir in Ägypten umsonst aßen, und an die Kürbisse, die Melonen, den Lauch, die Zwiebeln und den Knoblauch. Nun aber ist unsere Seele matt. (4. Mose 11,4-6)

Viele sind müde geworden von der Wanderung durch die Demokratie. Viele bleiben zuhause und suchen nach den einfachen Lösungen: Schuld hat der Euro! Oder: Schuld haben die Ausländer! Oder: Schuld haben die Superreichen und Börsenzocker!

Wie gut, dass heute Pfingsten ist! Wie gut, dass es einen Geist gibt, der aus der Klage und aus dem Jammer führt:

Da kam der HERR hernieder in der Wolke und nahm von dem Geist, der auf Mose war, und legte ihn auf die siebzig Ältesten.

2. Der Geist der Demokratie

Ohne Geist, ohne Begeisterung wird die Demokratie weder gelingen noch überleben. Darin besteht der Beitrag der Kirche in der Demokratie, dass sie an den pfingstlichen Geist erinnert, der sich auf Menschen legt und sie in Bewegung versetzt. Die Revolution, die aus der Kirche kam - so nannte jemand die Ereignisse im Wendejahr 1989. Wie im Rausch, erzählt ein Augenzeuge, habe er die Montagsdemonstration um den Leipziger Ring am 9. Oktober 1989 erlebt (Cornelius Weiss). Von Verzückung spricht unser Bibelwort, als der Geist über die siebzig Ältesten kommt. Verzückt und berauscht wird man, wenn der Geist weht, der in die Freiheit und in die Selbstverantwortung ruft. An Pfingsten weht ein menschenweiter Geist, der dazu befreit, Verantwortung zu übernehmen und Gemeinschaft zu gestalten. An Pfingsten geht es um den Geist der Demokratie. Und der Geist der Demokratie kommt deshalb zum Zuge, weil Mose, der alte Patriarch, um seine Begrenztheit weiß.

a. Die eigene Begrenztheit

Unser Bibelwort setzt damit ein, dass Mose seine Belastungsgrenze erkennt. Der Patriarch macht Platz, damit andere helfen und Verantwortung übernehmen. An dieser Stelle grüßen wir aus der Wittenberger Stadtkirche, aus der „Mutterkirche der Reformation", den zurückgetretenen Bischof von Rom, den Papst Emeritus im Vatikan. Der Rücktritt Benedikts vom Amt, die Einsicht in die eigene Begrenztheit, hat biblische Qualität. Mose hat es vorgelebt. Demokratie lebt davon, dass niemand allmächtig, allwissend oder unfehlbar sein muss. Viel zu oft suchen wir nach makellosen Vorbildern und sehnen uns nach dem tadellosen Bundespräsidenten, nach dem perfekten Spitzenkandidaten oder nach dem vorbildlichen Sportidol. Umso größer ist dann die Enttäuschung, wenn die ausgemalten Vorbilder doch nichts anderes sind als unsere eigenen Spiegelbilder: Menschen mit Fehlern, Ecken und Kanten.

Eine Demokratie erstickt an Vorbildern und Führerpersonen, die sich unfehlbar und allwissend geben. Wir müssen unsere Politiker und Volksvertreter aus dem verbreiteten Vorurteil entlassen, unfehlbar und allwissend sein zu müssen. Die Demokratie lebt von der Einsicht um die eigene Begrenztheit. Es muss möglich sein, nicht auf jedes gesellschaftliche Problem sofort eine gestanzte politische Antwort zu geben. Es muss möglich sein, ohne vorgefertigte Worthülsen ergebnisoffen in eine politische Talkshow zu gehen. Es muss möglich sein, Positionen zu ändern und Macht abzugeben ohne Gesichtsverlust und ohne Demütigung. Die Demokratie lebt von dem Geist, der um die eigene Begrenztheit weiß. Mose, der alte Patriarch, hat es vorgelebt.

b. Der aufgeteilte Geist

Der Geist der Demokratie kommt schließlich darin zum Zug, dass man etwas teilen kann, ohne dass es dadurch weniger wird. Die siebzig Ältesten haben es erfahren: Der Geist, der auf Mose liegt, lässt sich aufteilen. Das gehört zum Lustgefühl in der Demokratie: Es gibt Dinge, die sich teilen lassen, ohne dass sie dadurch weniger werden. Geteilte Freude ist doppelte Freude, heißt es im Volksmund. Der Geist der Demokratie kommt dort zum Zug, wo geteilte Macht nicht als ein Weniger, sondern als ein Mehr erfahren wird: Mehr Menschen gewinnen Teilhabe; mehr Menschen übernehmen Verantwortung; mehr Menschen reifen an Führungsaufgaben. Die siebzig Ältesten haben es erfahren:

Da kam der HERR hernieder in der Wolke und nahm von dem Geist, der auf Mose war, und legte ihn auf die siebzig Ältesten. Und als der Geist auf ihnen ruhte, gerieten sie in Verzückung wie Propheten und hörten nicht auf.

Verzückung und Ekstase - das ist in biblischer Zeit ein Zeichen dafür gewesen, dass man vom Geist ergriffen war. Verzückte und ekstatische Erfahungsmomente sind allerdings im Lauf der Kirchengeschichte immer wieder gebändigt worden, bis sie gänzlich versandeten. Was aber an ekstatischer Erfahrung übriggeblieben ist - das ist die Erfahrung von Musik. Musik ist eine der letzten Möglichkeiten in der rationalen Moderne, Verzückung und Ekstase auszuleben - wenn auch zumeist in der zivilisierten Form des inneren Erlebens.

In der Erfahrung von Musik können wir der Erfahrung des Geistes nachzuspüren. Wie der Geist nicht weniger wird, wenn er sich austeilt, so auch die Musik: Sie teilt sich aus in viele Ohren und wird dennoch nicht weniger. Vielmehr umgekehrt: Je mehr mitmachen und je mehr zuhören, umso schöner und gewaltiger wird die Erfahrung von Musik.
Wie aus einem Geist kann man gemeinsam singen. Die Erfahrung von Musik kann eine Gemeinschaftserfahrung sein, ohne dass sich dabei der einzelne Sänger auflöst wie ein Tropfen im Ozean. Auf jede einzelne Stimme kommt es an, damit aus allem ein Großes und Ganzes wird. In der Erfahrung von Musik lässt sich dem Geist nachspüren, den die Demokratie braucht: man verantwortet gemeinsam, aber löst sich nicht auf in die Totalität des Volksganzen. Die Gemeinschaft individueller Menschen - das macht den Geist der Demokratie aus.

Ein Sinnbild dafür kann zum Schluß die Orgel der Stadtkirche sein, die vor dreißig Jahren, am Pfingstfest 1983, eingeweiht wurde. Die Orgel, von der Orgelbaufirma Sauer erbaut, verfügt über mehr als 50 Register mit tausenden von Orgelpfeifen. Aus den vielen einzelnen Orgelpfeifen wächst ein gemeinsamer Klang. Aus den vielen wird eine Gemeinschaft, wenn der eine Geist weht und strömt wie die Luft durch die vielen Orgelpfeifen.

Blick wir zurück: An Pfingsten feiern wir den strömenden, fließenden und wehenden Geist. Dieser Geist wird mehr, wenn man ihn teilt. Dieser Geist macht aus vielen einzelnen Stimmen einen großen Klang. Pfingsten - das ist die Geburtsstunde der Demokratie, der repräsentativen Demokratie. Die Bibel erzählt von dem Geist des Moses, der sich auf die Siebzig austeilt und Begeisterung auslöst. Von diesem Geist lebt die Demokratie der Kirche. Von diesem Geist lebt die Demokratie der Gesellschaft. Am Ende werden wir in große Verzückung geraten. Veni sancte spiritus!

 



PD Dr., Pfarrer Johannes Block
06886 Lutherstadt Wittenberg
E-Mail: block@kirche-wittenberg.de

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