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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Pfingstsonntag, 19.05.2013

Predigt zu Numeri 11:11-12.14-17.24-25a, verfasst von Uland Spahlinger

 

11 Und Mose sprach zu dem HERRN: Warum bekümmerst du deinen Knecht? Und warum finde ich keine Gnade vor deinen Augen, daß du die Last dieses ganzen Volks auf mich legst?
12 Hab ich denn all das Volk empfangen oder geboren, daß du zu mir sagen könntest: Trag es in deinen Armen, wie eine Amme ein Kind trägt, in das Land, das du ihren Vätern zugeschworen hast?


14 Ich vermag all das Volk nicht allein zu tragen, denn es ist mir zu schwer.
15 Willst du aber doch so mit mir tun, so töte mich lieber, wenn anders ich Gnade vor deinen Augen gefunden habe, damit ich nicht mein Unglück sehen muß.
16 Und der HERR sprach zu Mose: Sammle mir siebzig Männer unter den Ältesten Israels, von denen du weißt, daß sie Älteste im Volk und seine Amtleute sind, und bringe sie vor die Stiftshütte und stelle sie dort vor dich,
17 so will ich herniederkommen und dort mit dir reden und von deinem Geist, der auf dir ist, nehmen und auf sie legen, damit sie mit dir die Last des Volks tragen und du nicht allein tragen mußt.

24 Und Mose ging heraus und sagte dem Volk die Worte des HERRN und versammelte siebzig Männer aus den Ältesten des Volks und stellte sie rings um die Stiftshütte.
25 Da kam der HERR hernieder in der Wolke und redete mit ihm und nahm von dem Geist, der auf ihm war, und legte ihn auf die siebzig Ältesten.

 

Pfingsten, liebe Gemeinde, das Fest des Heiligen Geistes, der Geburtstag der Kirche, wie manche sagen: die Jünger werden von Gott gestärkt, sie erhalten den Heiligen Geist, „den Tröster und Führer in alle Wahrheit" (wie der Evangelist Johannes einmal sagt). Sie sehen sich herausgerufen aus ihren Häusern, auf die Straße zu gehen, in die Öffentlichkeit, und die Geschichte von Jesus Christus zu erzählen: wie in ihm und durch ihn Gott seine großen Taten für die Menschen getan hat. Und sie erleben, dass manche sie für betrunken halten, viele andere aber zuhören - denn die Menschen haben Sehnsucht nach einem heilen Leben. Und so können wir nur wenig später, nach der Pfingstgeschichte, in der Apostelgeschichte lesen:

44 Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam.
45 Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte.
46 Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen
47 und lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk. Der Herr aber fügte täglich zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden. (Apg 2,41-47)

Es hat Wirkung, will uns Lukas in seiner Apostelgeschichte sagen, dass Gott den Heiligen Geist gesandt hat. Der Geist Gottes weht zwar, wo er will (vgl. Joh. 2). Aber Gott will, dass er die Menschen bewegt - in ihrem Verstand, in ihren Herzen. Gott will, dass er die Menschen bewegt, ihre Gaben und Talente zu benutzen - und zwar so, dass es der Gemeinschaft nützt.

Hierfür ist der heutige Predigttext aus dem 4. Buch Mose ein interessantes Beispiel. Erstens stammt er aus dem Alten Testament: Gottes Geist wirkt also nicht erst nach Pfingsten. Immer schon ist Gottes Geist da, schon vor Beginn der Schöpfung. Hier, in der Mosegeschichte, geht es darum, wie das Volk sich nach der Flucht aus Ägypten selbst organisieren kann. Vorher waren sie Sklaven gewesen. Sie waren unfreie Menschen. Sie mussten sich nicht selbst organisieren. Aber gleichzeitig: Sie durften sich nicht selbst organisieren, sie hatten nicht die Freiheit.

Gott hat sein Volk aber in die Freiheit geführt. Er hat den Israeliten damit verdeutlicht: die Freiheit ist das höchste Gut. Sie wird aber nur funktionieren, wenn alle verstehen: Freiheit ist Freiheit miteinander und füreinander. Sie heißt nicht, dass jeder machen kann, was er will. Das wäre Chaos und Faustrecht. Freiheit muss organisiert und gestaltet werden.

Die Freiheit selbst zu organisieren und zu gestalten ist manchmal anstrengend. Viel einfacher ist es, wenn du nur das tun musst, was ein anderer dir sagt. Das Volk Israel in der Wüste hat das erfahren. Zu einer Zeit riefen sie sogar nach den Fleischtöpfen Ägyptens - das heißt: sie wollten zurück in die Unfreiheit, in der aber wenigstens für sie gesorgt war. Oft reagieren Menschen so, wenn die Freiheit ihnen zu anstrengend erscheint: sie wollen lieber die Sicherheit der Sklaverei......

Und natürlich ist auch richtig: mit der Gestaltung der Freiheit hatten sie keine Erfahrung. Sie schauten auf Mose. Und Mose, der Anführer, spürte: allein bin ich mit der Aufgabe überfordert. Es ist mir zu viel. Und so sprach er auch mit Gott: „Warum bekümmerst du deinen Knecht? Und warum finde ich keine Gnade vor deinen Augen, daß du die Last dieses ganzen Volks auf mich legst? ... Ich vermag all das Volk nicht allein zu tragen, denn es ist mir zu schwer." Auch wenn die Auswahl in unserem Predigttext das nicht deutlich macht: es ging dabei um ganz praktische Fragen wie Essen und Trinken. Es ging um das Überleben in der Wüste. Eine zu große Aufgabe für einen allein.

Und was tut Gott? Gott sagt nicht: „Keine Sorge, ich mach das schon!" Gott sagt vielmehr: Lass uns das Problem gemeinsam lösen. „Sammle mir siebzig Männer unter den Ältesten Israels, von denen du weißt, daß sie Älteste im Volk und seine Amtleute sind, und bringe sie vor die Stiftshütte und stelle sie dort vor dich, so will ich herniederkommen und dort mit dir reden und von deinem Geist, der auf dir ist, nehmen und auf sie legen, damit sie mit dir die Last des Volks tragen und du nicht allein tragen mußt" (4. Mose 11, 16-17).

Das ist ein sehr interessanter Vorgang: Anstatt nur eine Person mit besonderen Fähigkeiten zu segnen, beschließt Gott, eine Gruppe, ein Kollektiv mit der Verantwortung zu beauftragen. Und dazu sendet er seinen Geist. Gott baut also für das Volk keine steile geistliche Hierarchie, sondern eine sehr einfache Leitung. Ein Leitungskomitee soll beraten und beschließen, was nötig ist. Und dazu gibt Gott ihnen seinen Geist. Der Geist Gottes ist also kein Führer in übernatürliche Fähigkeiten, sondern die Kraft, den Alltag nach dem Willen Gottes zu organisieren und zu gestalten. Die praktischen und die geistlichen Fragen zu lösen. Beim Volk Israel war es die Frage nach der Versorgung, die gelöst werden musste. Bei den Jüngern am Pfingsttag war es die Frage: Woher nehmen wir den Mut, die Botschaft nach draußen zu bringen, und die Kraft, Gemeinde zu gründen und zu organisieren? Und was für Fragen in unseren Tagen anstehen: das sollen wir wohl an jedem Ort mit offenen Sinenn und Herzen selbst herausfinden.

Ich will auf ein Beispiel aus der Ukraine zu sprechen kommen. Die kleine lutherische Gemeinde in Feodosia auf der Krim hatte über viele Jahre keinen eigenen Ort, um sich zu treffen. Ihre Gottesdienste mussten sie in einem kalten, ungemütlichen Hotelfoyer feiern, für die sie dazu auch noch Miete zahlen mussten: Der Preis erhöhte sich alle 15 Minuten. Jeder kann sich die Folge vorstellen: Alle hofften, dass der Gottesdienst nicht zu lange dauert, und danach verließen alle das Hotel, fast als wären sie auf der Flucht. Gemeinschaft kam so niemals wirklich zustande. Man sagte sich draußen auf der Straße noch auf Wiedersehen und alle gingen nach Hause. Und der Heilige Geist musste mit ihnen nach Hause gehen.

Über eine längere Zeit haben wir überlegt, wie der Gemeinde geholfen werden kann. Wir haben andere Kirchen am Ort angefragt, ob es möglich ist, einen Raum zu benutzen. Leider erfuhren wir Ablehnung. Der Gemeindevorstand träumte von einem eigenen Haus - das wäre sehr teuer geworden und wer hätte eine große Immobilie instand halten können? Wir haben über diesen Punkt kontrovers gestritten.

Schließlich aber einigten wir uns darauf: Eine Wohnung ist die richtige Lösung für die Gemeinde. Der Kirchenvorstand und das Präsidium der Synode stimmten zu. Und wir fanden Unterstützung, diese Wohnung zu kaufen: der Martin-Luther-Verein Bayern und die Bayerische Landeskirche haben aus der Fastenopferaktion 2012 eine beträchtliche Summe gegeben - und nun ist die Wohnung vorhanden, sie ist renoviert und kann genutzt werden.

Auch das ist - ich denke, das kann man so sagen - Wirken des Heiligen Geistes: Aus einer Not entsteht ein Plan. Dieser Plan wird so lange beraten, bis er ein sinnvolles Projekt wird. Nicht einer allein entscheidet, sondern eine Gruppe. Und dann kommt noch ökumenische Unterstützung dazu, die Hilfe der Schwestern und Brüder. So kann Kirche Jesu Christi entstehen und wachsen. So wirkt Gottes Geist, manchmal auch über den Geldbeutel. Denn bei der Wohnung geht es ja nicht um die Immobilie: es geht um einen Ort, an dem die Gemeinde sich treffen kann. Es geht um die Gemeinschaft, die durch die biblische Botschaft von der Liebe Gottes begründet wird. Es geht um Gemeinschaft, die möglich wird, weil andere liebevoll mit ihren Mitteln mitgeholfen haben.

Die Gemeinde in Feodosia weiht ihre Wohnung, ihr kleines Gemeindezentrum am Samstag vor Pfingsten ein. Schon jetzt ist die Veränderung zu spüren: Sie hat nun einen Ort für Gottesdienst und Bibelarbeit, für Konfirmandenunterricht und Kirchenvorstand und für andere Aktivitäten. Sie hat nun eine neue Verantwortung für die Räume und für das Leben der Gemeinde. Sie kann nun neue Menschen einladen, zu kommen und zu hören und mitzufeiern. Sie erlebt ganz neue Freiheit.

In diesem Fall also wirkt Gottes Geist nicht so, dass er die Menschen auf die Straße schickt zum Missionieren, sondern dass er sie beauftragt, Menschen einzuladen zur Gemeinschaft im Geist Jesu. Wie sagte Lukas über die ersten Christen? „Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen" (Apg. 2,46).

Es muss ja nicht unbedingt täglich sein .... aber miteinander singen, beten, Bibel lesen essen und trinken und das alles einmütig: das sind die kleinen Segnungen, die Gott uns durch seinen Geist schenken will. Wir müssen sie nur annehmen.

Gaben des Geistes: sie begegnen uns im Alltag. Sie begegnen uns, wenn wir die richtigen Leute für die Lösung von Aufgaben und Problemen suchen und finden. Sie begegnen uns, wenn wir unsere Talente entdecken, wenn wir sie fördern und wenn wir sie nützlich machen für das Leben und den Glauben.

Amen.

 



Bischof Uland Spahlinger
Odessa,Ukraine
E-Mail: spahlinger.uland@gmx.de

Bemerkung:
Bischof Spahlinger ist Bischof für die Deutsche Evangelisch-Lutherische Kirche der Ukraine


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