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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Trinitatis, 26.05.2013

Predigt zu Numeri 6:22-27, verfasst von Rainer Stahl


 

Der Herr segne dich!

Liebe Schwestern und Brüder,

den heutigen Predigttext kennt Ihr alle. Ihr habt ihn schon vielmals gehört. Ihr habt ihn von Eurem Pfarrer schon zugesagt bekommen. Auch von mir schon. Und ich werde ihn Euch zum Ende dieses Gottesdienstes wieder zusagen und zusingen - Ihr wisst ja schon, dass ich den Segen im Gottesdienst singe, entsprechend meiner Thüringer Tradition. Und Ihr nehmt dieses Wort vielleicht immer aktiv auf, indem Ihr ein Kreuz schlagt - was sehr gut ist.

Es ist das Segenswort, mit dem wir jeden Gottesdienst abschließen:

„Der Herr segne dich und behüte dich!
Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig!
Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden!"

Dieses Wort darf ich Euch heute predigen! Das ist ein besonderes Geschenk.

Zum Predigtwort gehören aber - liebe Schwestern und Brüder - auch die einleitenden Sätze und der Abschlusssatz dieser Einheit:

„Und es sprach der Herr zu Mose folgendermaßen:
Sprich zu Aaron und seinen Söhnen folgendermaßen:
So sollen sie die Söhne und Töchter Israels segnen:

...

Und legt meinen Namen auf die Söhne und Töchter Israels.
Und ich werde sie segnen."

Sollten wir das ernst nehmen? Schauen wir uns um!

Wer könnte unter uns als Sohn oder Tochter Israels identifiziert werden? Wer könnte also den Segen empfangen?
Wer könnte als Aaron und seine Nachkommen identifiziert werden? Wer könnte den Segen spenden?

Ich vermute einmal: Niemand. Niemand hier ist direkter Adressat. Niemand hier kann aktiv mit diesem Segen umgehen. Dieser Segen ist wirklich ein geistlicher Schatz der jüdischen Nachbarn, die Gott glauben, die ihr Leben in Beziehung zu Gott organisieren, die in den Gottesdienst in die Synagoge gehen. Es ist ihr Segen. Auf sie ist der Name des Herrn gelegt. Sie segnet Gott.

Ich sage uns dieses große Segenswort in einer Übersetzung eines längst verstorbenen erstklassigen Hebräischkenners in Israel und Hebräisch-Professors in Jerusalem (Harry Torczyner):

„Es segne dich der Ewige und behüte dich!
Der Ewige erleuchte dir sein Antlitz und sei dir gnädig!
Der Ewige wende dir sein Antlitz zu und gebe dir Frieden!"

Eine Predigt dieser Worte kann ich nur beginnen, weil ich diese eigentliche Zugehörigkeit der biblischen Worte zur Kenntnis nehme und akzeptiere. Ja, so ist das:

Dieser Segen - liebe Schwestern und Brüder - ist der große Schatz unserer jüdischen Nachbarn. Allen Gemeindegliedern in der jüdischen Gemeinde gilt dieser Segen. Und spenden können ihn diejenigen, die Nachkommen Aarons sind, die zum Generationenzusammenhang und Familienzusammenhang der Priester gehören. Da stehen wir staunend daneben.

Was können wir machen - liebe Schwestern und Brüder? Muss ich hier aufhören?

Es gibt ein Lied in unserem Gesangbuch, das von Joachim Sartorius stammt, der Kantor in Schweidnitz in Schlesien - heute Świdnica - gewesen ist. Er hat etwa 1591 das Lied „Lobt Gott, den Herrn, ihr Heiden all" geschrieben. In diesem Lied - wir singen es dann als Predigtlied - gibt es die Formulierung:

„... dankt ihm zu aller Stunde,
dass er euch auch erwählet hat
und mitgeteilet seine Gnad
in Christus, seinem Sohne."

Joachim Sartorius meint das sicherlich so: Er kennt die Gemeinde in Schweidnitz und viele Christen in Schlesien. Aber er denkt besonders an die Menschen, die noch keine Christen sind - in fernen Ländern z.B. - und bringt seine Überzeugung zum Ausdruck: Auch diese sind erwählt und können Christen werden.

Ich verstehe dieses Lied ganz anders: Ich verstehe es von der Aussageabsicht der Vorlage her, die Joachim Sartorius umgedichtet hat: Der Psalm 117, der die Grundlage dieses Liedes ist, und unser Segenswort, das wir heute bedenken, sind von Juden geschrieben, die Gott, den Herrn, schon glauben. Aus ihrer Perspektive sind wir alle Heiden. Und in den Segensbereich des Gottes, des Herrn, können wir Heiden vor allem - und damit hat Joachim Sartorius ganz großartig Recht -, vor allem über Christus kommen, der uns Gottes Gnade mitgeteilt hat.

Als solche Menschen, die durch Christus Gottes Gnade empfangen, hoffen wir, dass auch Gottes Segen auf uns kommt und auf uns bleibt!

Ich möchte jetzt - liebe Schwestern und Brüder - diesen Segen nicht bis ins Einzelne auslegen. Ich möchte Euch nur auf zwei Zusammenhänge hinweisen:

Wie geschieht Segen? Wie wird mir Segen zuteil?

Indem mir Gottes Angesicht leuchtet und sich mir zuwendet. Wenn sich Menschen freudig und einander zustimmend ansehen, ist oft schon die Hälfte eines Problems gelöst. Auf alle Fälle ist die Grundlage gelegt, dass die Schwierigkeiten meisterbar, beherrschbar, lösbar sein werden.

Unser alter Segen wünscht, dass Gott genauso auf die Menschen schaut, denen dieser Segen zugesprochen wird. Nachher, am Ende dieses Gottesdienstes, wird Euch so bewusst gemacht, dass Gott so auf Euch schaut, dass Gott Euch wohlwollend wahrnimmt!

Und - der zweite Zusammenhang - drei Begriffe setzt der Segen ein, um diese positive Zuwendung Gottes zu uns plastisch werden zu lassen: Bewahrung/Behütung, dann Gnade, dann Frieden.

Das erste ist also, dass wir nicht verunsichert werden. Segen Gottes erleben wir besonders dann, wenn wir Bestätigung erfahren, wenn wir in unseren Vorhaben und Leistungen bestärkt werden, wenn wir vor Unheil und Verunsicherung verschont bleiben.

 

Das zweite bedeutet, dass uns Gott dort zurechtrückt und uns aufhilft, wo wir Fehler gemacht haben. Da rechnet Gott nicht vor und nicht ab, sondern da deckt er zu und lässt uns neu anfangen.

Und das dritte ist Wohlbefinden total. Šalom, was wir mit „Frieden" übersetzen, meint Frieden - natürlich -, aber auch Wohlbefinden, Glück, Gesundheit, gute Gemeinschaft, Gewissheit, in sich ruhen, stark sein.

Das alles erbittet die segnende Person für denjenigen und für diejenige, die und der gesegnet werden soll! Und das erbitte ich dann am Ende des Gottesdienstes für Euch!

Zum Schluss noch ein wichtiger Gedanke - liebe Schwestern und Brüder: In unserem Bibeltext werden die Priester angesprochen. Sie sollen es sein, die diesen Segen den Gläubigen zusprechen. Wer sind diese Priester bei uns?

Wir evangelisch Lutherischen sind der Auffassung, dass wir alle durch die Taufe zu solchen Priesterinnen und Priestern geweiht sind. Jede von Euch, jeder von Euch, die getauft sind, hat die Vollmacht, diesen Segen anderen weiterzusagen, anderen zu spenden. Auch ich als Pfarrer habe diese Vollmacht nur, weil ich getauft bin, habe sie nicht etwa durch die Ordination empfangen, sondern hatte sie schon vorher!

Oftmals wird in der Gemeinde darüber diskutiert, was das heißt, dass alle Getauften Priesterinnen und Priester sind - wie die Bibel sagt. Das heißt zu aller erst, dass Ihr alle segnen könnt!

Wenn die Tochter zur Berufsausbildung wegzieht, kann der Vater ihr die Hände auflegen und sie segnen: „Der Herr segne dich und behüte dich..."

Wenn die Mutter zu einer Operation ins Krankenhaus muss, kann der Sohn zu ihr gehen, ihr die Hände auflegen und ihr sagen: „Der Herr segne dich und behüte dich..."

Weitere Situationen brauche ich jetzt gar nicht auszumalen. Ihr wisst, was ich meine. Euch werden Möglichkeiten bewusst. Nehmt diesen Segen mit in Euer Leben und vermittelt einander die Kraft und die Stärke, die in ihm ruht:

 

„Der Herr segne dich und behüte dich!
Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig!
Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden!"

                                                                                                               Amen.

 



Pfarrer Dr., Generalsekretär des Martin-Luther-Bundes, Rainer Stahl
D-91054 Erlangen
E-Mail: rs@martin-luther-bund.de

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