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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Trinitatis, 26.05.2013

Predigt zu Numeri 6:22-27, verfasst von Sibylle Rolf

 

22 Und der HERR redete mit Mose und sprach:

23 Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet:

24 Der HERR segne dich und behüte dich;

25 der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;

26 der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.

27 Denn ihr sollt meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.

 

Liebe Gemeinde,

Ein Vormittag in der Werkrealschule. Religionsunterricht. Die Schüler und Schülerinnen sind unruhig. Siebtklässler. Vor allem bei dem Thema, das sie gerade behandeln sollen: Mein Umgang mit meinem Körper, Sexualität, Liebe, Beziehung. Die Religionslehrerin hat Mühe, ihren Stoff durchzubekommen. Die Mädchen kichern, die Jungs laufen rot an. Und alle überspielen ihre Scham mit viel Lautstärke. Am Ende der Stunde das Ritual, das die Lehrerin das ganze Schuljahr lang mühevoll eingeübt hat. Die Jugendlichen stellen sich in einen Kreis. Sie sprechen gemeinsam: der Herr segne dich und behüte dich. Sie fassen sich an den Händen. Ob es wohl heute klappt? Die Schüler stellen sich auf. Die ersten kichern schon wieder. Einer der größten Unruhestifter sagt: Halt’s Maul, jetzt kommt der Segen. Tatsächlich kehrt Ruhe in die Unruhe ein. Die Jugendlichen sprechen einander zu: der Herr segne dich und behüte dich...

Ein Segen ist keine Zauberformel. Die unruhigen Schüler und Schülerinnen werden unruhig bleiben. Auch die nächste und übernächste Religionsstunde könnte wieder ein Kampf werden. Der Segen ist keine Garantie. Aber er ist eine Unterbrechung des Alltäglichen. Ein Atemholen. Ein Moment Ewigkeit mitten in der Zeit.

Ein kleines Kind kann nicht schlafen. Es fürchtet sich vor der Dunkelheit und dem Alleinsein. Dass die Mutter im Flur das Licht angelassen hat, hilft noch nicht. Immer wieder ruft es und wird immer verzweifelter. Irgendwann ist die Mutter mit ihrem Erziehungslatein am Ende und setzt sich ans Bett. Was soll ich denn noch tun, fragen ihre Augen. Und in einer Eingebung nimmt sie ihre Hände und legt sie ihrem Kind auf den Kopf. Sie sagt nichts. Aber sie lässt die Hände eine Weile dort ruhen. Am Ende zeichnet sie mit dem Finger ein Kreuz auf die Stirn. Das Kind seufzt einmal auf und schläft ein.

Ein Segen ist kein Schlafmittel. Er hilft nicht automatisch wie eine Pille. Auch morgen hat das Kind wahrscheinlich wieder Angst vor der Dunkelheit. Aber der Segen hat ihm in diesem Moment gesagt: du bist nicht allein. Du musst nicht verzweifeln, dir kann nichts geschehen. Auch wenn deine Mama nicht da ist, gibt es einen, der auf dich aufpasst.

Ich werde angerufen, weil die Mutter eines Mannes gestorben ist. Die Angehörigen haben sie noch nicht abholen lassen. Sie liegt noch in ihrem Bett, so, wie sie eingeschlafen ist. Ob ich sie aussegnen soll, frage ich am Telefon und merke, wie der Sohn durchatmet. Ja, das wäre schön. Nur eine kleine Feier wird es, mit einer Kerze, einem Psalm und einem Lied. Ich lege der Toten die Hände auf den Kopf und spreche ihr den Segen des dreieinigen Gottes zu. Die Angehörigen weinen. Aber ein tiefer Friede ist zu spüren.

Ein Segen nimmt die Trauer nicht weg. Die Tote bleibt tot und wird durch den Segen nicht wieder lebendig. Die Trauernden müssen vielleicht noch einen weiten Weg gehen, bis sie ohne die Verstorbene weiterleben können. Sie müssen noch viele Tränen weinen. Der Segen hilft aber, loszulassen und einen Toten in größere Hände zu legen. Anfang und Ende stehen in Gottes Hand. Wenn Trauern heißt loszulassen, dann ist der Segen ein wichtiger Schritt im auf dem Weg.

Gesegnet werden, das tut gut. Bei der Trauung. Bei der Taufe, bei der Konfirmation. Am Ende des Gottesdienstes. Segensworte sind Worte, die gut tun. Worte und Gesten, die ins Herz sprechen. Viele Menschen öffnen beim Schlusssegen ihre Hände. Manche kommen nur wegen des Schlusssegens zum Gottesdienst. Ein persönlicher Segen, bei dem mir die Hand aufgelegt wird, berührt mich, leiblich, im Herzen und in der Seele. Eine Wohltat. Ich fühle den Frieden, den der Segen mir verspricht. Noch lange spüre ich die Hände auf meinem Kopf.

Das Wort Segnen kommt vom lateinischen Signare, bezeichnen. Wenn wir gesegnet werden, werden wir mit einem Zeichen versehen. Im Segnen wird Gottes Name auf uns gelegt. Wir werden mit seinem Namen bezeichnet. Eltern zeichnen ihren Kindern darum ein Kreuz auf die Stirn: du gehörst zu Christus, sagen sie. Es gibt niemanden, der über dich verfügen kann. Deine Eltern nicht. Dein Chef später nicht. Oder deine Frau und deine Schwiegereltern. Auch deine Ängste werden nicht das letzte Wort über dein Leben haben, nicht deine Schuld, noch nicht einmal der Tod. Das letzte Wort hat Christus, zu dem du gehörst. Du bist ein Kind Gottes.

Auf lateinisch heißt segnen benedicere und auf griechisch eulogein. Beides bedeutet dasselbe: Gut sprechen. Wenn wir gesegnet werden, werden wir gut gesprochen. Alles, was uns ausmacht, alles Schöne und alles Schwere, kommt in einen Raum, in dem Gott segnend zu uns sagt: es ist gut. Segnen heißt nicht, etwas gut zu nennen, das nicht gut ist. Segnen ist nicht absegnen wider besseres Wissen. Wenn ich gesegnet, gut gesprochen werde, wird meine Person in ihrem Kern angesehen. So, wie du bist, bist du gut. Denn du bist ein Kind Gottes, mit seinem Namen bezeichnet. Die pubertierenden Schüler und Schülerinnen der Werkrealschule sind nicht die kichernde Peinlichkeit von unruhigen Jugendlichen. Im Kern ihrer Person sind sie gut. Das Kind, das nicht einschlafen kann, geht nicht in seiner Angst vor der Dunkelheit und dem Alleinsein auf. Es ist Gottes Kind und nicht allein und verlassen. Die verstorbene Frau geht nicht in ihrem eigenen Tod auf. Sie gehört zu Christus, der die Auferstehung und das Leben ist. Menschen, die gesegnet werden, werden liebevoll angesehen und gut gesprochen: so, wie sie sind, sind sie geliebt und behütet. So, wie sie sind, sind sie nicht allein. Das, was sie vordergründig auszumachen scheint – die Unruhe, die Angst vor der Dunkelheit, die Schuld, sogar der Tod – das bestimmt im letzten nicht über ihre Person. Ihre Person ist angesehen und geliebt. Gut gesprochen. Gesegnet.

Der biblische Schöpfungsbericht erzählt, wie Gott gut gesprochen hat. Gott sprach und es geschah, und Gott sah, dass es gut war. Am sechsten Tag erschafft Gott den Menschen und segnet ihn, Mann und Frau. Und siehe, alles war sehr gut. Später segnet Gott den Abraham, mit dem alles beginnen soll, der Bund zwischen Gott und Mensch. Ich will dich segnen, sagt Gott zu Abraham, und du sollst ein Segen sein. Der Beginn unserer Menschengeschichte mit Gott steht unter Gottes Urteil: es ist gut. Und dieses Urteil wird von Gott immer wieder gesprochen, indem er uns segnet. Jeden von uns. Auch heute, wenn der Predigttext nicht mehr gepredigt, sondern jedem, jeder zugesprochen und wirklich wird. Segnend wenden sich Vater, Sohn und Heiliger Geist uns zu. In den Segensraum Gottes treten wir zu Gott dem Schöpfer, der über uns ist und unser Leben geschaffen hat und erhält, zu Gott dem Sohn, der unser Leben mit uns geteilt hat und neben uns ist und der uns auch voraus ist, weil er vom Tod auferstanden ist, und zu Gott dem Heiligen Geist, der in uns ist und uns zum Leben ermutigt. Vater, Sohn und Heiliger Geist rühren dich an und segnen dich, wenn dir zugesprochen wird:

Der Herr segne dich und behüte dich.

Damit geht alles los. Mit Gottes Schutz und Segen. Mit dem Schutz vor allem Bösen und der Gnade zu allem Guten. Der Herr, unser Gott, ist das erste Wort und hat das erste Wort. Der Spender des Segens, der, von dem alles kommt, die Welt und mein Leben. Der Segen schafft Ruhe in der Unruhe. Eine wohltuende Unterbrechung. Wir brauchen diese Unterbrechungen, denn in ihnen gewinnen wir die Kraft, unser Leben zu leben. Halt’s Maul, jetzt kommt der Segen. Im Segen wird gut gesprochen, was zerbrechlich ist. Gott hat seinen Namen auf dich gelegt und dich mit seinem Zeichen bezeichnet. Dieser Schutzraum eröffnet sich dir jetzt. Es kann dir nichts geschehen.

 

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.

Wer sich unter den Segen Gottes stellt, der stellt sich ins Licht, das von Gott ausgeht. Im Segen wendet Gott uns sein Angesicht zu. Gottes leuchtendes, uns zugewandtes Angesicht strahlt voller Liebe und Wärme. Nach alter Theologie stirbt, wer Gott sieht. Beim Segen gilt das nicht. Wem Gott segnend sein Angesicht zuwendet, der wird erfüllt von Licht und Zuversicht. Wie eine strahlende Sonne geht Gott über dir auf, wenn er dich segnet. Deine Angst vor der Dunkelheit gewinnt ihr rechtes Maß zurück. Du bist nicht allein. Auch nicht im finsteren Tal, das dir das Leben manchmal zumutet. Deine Dämonen weichen zurück. Das, was du lieber im Halbdunkel halten würdest, weil es dir Angst macht, kann ans Licht kommen. Du gehst nicht darin auf. Er, der gnädige und barmherzige Gott, hat das letzte Wort über dein Leben.

 

Der Herr erhebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.

Der Friede, der höher ist als unsere Vernunft, ist das letzte Wort. Schalom. Wo Gottes Name auf uns gelegt wird, weitet sich der Raum des Schalom. In Frieden sein, ausgesöhnt mit dem, was ich habe, das will der Segen in mir bewirken. Versöhnt und friedlich leben und sterben zu können, das Zeitliche zu segnen, dazu verhilft der Segen Gottes. Ich kann das nicht machen, aber empfangen. Segen will geschenkt und empfangen werden, das ist das Geheimnis unseres Glaubens.

Gesegnet werden, das bedeutet, gesehen werden. Gesehen werden in dem, was ich brauche und mit dem, was ich mitbringe. Gesehen werden in dem, wie ich bin. Angesehen werden und sich nicht schämen müssen. Angesehen werden und keine Angst haben müssen, dass der, der mich ansieht, es nicht gut mit mir meinen könnte. Gesegnet werden, das eröffnet mir einen Raum des Lichts und der Wärme. Wer gesegnet wird, wird  in einen Raum gestellt, über dem sich der Himmel geöffnet hat, einen Raum, in dem er mit seinem Leben gut gesprochen wird. Wer gesegnet wird, auf den wird der Name Gottes gelegt. Gott über uns, Gott neben uns und vor uns, Gott in uns. Der Name des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.



Pfrin. PD Dr. Sibylle Rolf
Edingen-Neckarhausen
E-Mail: sibylle.rolf@wts.uni-heidelberg.de

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