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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

2. Sonntag nach Trinitatis, 09.06.2013

Predigt zu Jesaja 55:1-5, verfasst von Manfred Wussow


 

Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch! Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist, und sauren Verdienst für das, was nicht satt macht?

Hört doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am Köstlichen laben. Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir! Höret, so werdet ihr leben! Ich will mit euch einen ewigen Bund schließen, euch die beständigen Gnaden Davids zu geben.
Siehe, ich habe ihn den Völkern zum Zeugen bestellt, zum Fürsten für sie und zum Gebieter.

Siehe, du wirst Heiden rufen, die du nicht kennst, und Heiden, die dich nicht kennen, werden zu dir laufen um des HERRN willen, deines Gottes, und des Heiligen Israels, der dich herrlich gemacht hat.

 

Sehnsucht nach Leben

Nein, so dämlich sind wir nicht, jetzt an Sonderangebote, Schnäppchen und „Geiz ist geil" zu denken! Nicht, dass es das alles nicht gäbe, aber diese Spur verliert sich sowieso im Dunstkreis von Geschäftemachern und Zahlenfreaks. Sie wollen mein Bestes - mein Geld. Darauf reinfallen? Lieber nicht!

Mein Freund Jesaja hingegen erzählt von Menschen, die durstig sind - durstig nach Zukunft, einem neuen Anfang, überhaupt nach einer guten neuen Zeit. Denn die Menschen, die Jesaja tagein tagaus begegnet, sind müde geworden. Sie haben die Hoffnung längst aufgegeben, wieder in ihre alte Heimat zurückkehren zu können. Immer noch sind sie Fremde, Deportierte, Vertriebene. Wie viele Jahrzehnte sind vergangen, seit dem das Volk Israel nach Babylon verschleppt wurde? Vier? Fünf? Wie schnell ein halbes Jahrhundert vergeht ... Die Jüngeren kennen die Geschichte nur noch vom Hörensagen, die Älteren haben sich damit abgefunden, in fremder Erde begraben zu werden. Jerusalem ist eine Ruine, die Heimat verwildert - und Gott unendlich weit weg.

In Babylon, Hauptstadt eines Weltreiches, Kulturmetropole und Wirtschaftszentrum in einem, haben die Menschen aus Israel, dem Volk Gottes, sich mehr als redlich bemüht, ihre Identität in der Fremde zu bewahren. Sie wollen auch ihre Geschichte mit Gott aufheben, sich immer neu in sie einfinden. Kostbare Schriften entstehen - und die Synagogen, Orte, an denen Menschen zusammenkommen. Am Sabbat. Dem Ruhetag Gottes - und dem von Gott geschenkten Ruhetag für Menschen, die von ihrer Geschichte nicht loskommen. Aber können Menschen von Erinnerungen leben, von vergangenen Träumen, von vagen Hoffnungen? Angeblich soll alles besser werden. Erzählen die Menschen. Aber - das erzählen sie schon lange.

Heute sind wir in einer glücklichen Lage! Wir lauschen einer Predigt, die damals gehalten wurde. Ich kenne den Ort nicht, die Menschen auch nicht. Aber den Prediger. Der gibt sich zu erkennen. Jesaja. Dass es schon der zweite ist, der unter diesem Namen tätig ist, verwundert mich nicht. Gott hat einen langen Atem - und lässt Menschen in seinem Namen reden. Immer wieder. Da können auch die Jahrzehnte ins Land gehen. Gottes Treue darf immer wieder ausgesprochen, erbeten, gelobt, gefeiert werden. Manchmal auch bezweifelt, manchmal auch errungen werden. Als der zweite Jesaja zum ersten Mal auftrat, sagte er: Tröstet, tröstet mein Volk! Spricht euer Gott. Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, das ihre Schuld vergeben ist ..." (Jes. 40,1).

Ein Neuanfang kündet sich an. Evangelium ist das - ein gutes Wort, eine frohe Botschaft.

Heute hören wir Jesaja sagen:
„Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser!" Alle, die ihr durstig seid! Ausnahmslos. Durstig sind alle. Alle hier! Schon der erste Satz sitzt. Menschen, die sich nach Leben sehnen, hören zu. Vor ihren Ohren entsteht eine neue Welt. Die Welt Gottes. Er lässt ausrichten: „Ich will mit euch einen ewigen Bund schließen." Das hört sich nach Zukunft an, nach großer Zukunft - und die alte Geschichte an den Füßen wird ganz leicht.

 

Unbezahlbar

Wir können den Schauplatz in Babylon jetzt ruhig verlassen. Wir sind in unserer Kirche zum Gottesdienst versammelt. Wie viele Lebensgeschichten hier versammelt sind! Aus eigener Erfahrung oder auch als aufmerksame Zuhörer und Beobachter wissen - oder ahnen - wir, wie sich ein Niemandsland ohne Hoffnung anfühlt.

In unserer Mitte sind viele Menschen, die aus ihren Familiengeschichten von Flucht und Vertreibung wissen. Im nächsten Jahr, 2014, denken wir an die Trecks und Flüchtlingsbewegungen, die im Winter 1944/45 aufbrachen. 70 Jahre ist das her. Manche Straßennamen erinnern an Orte, die von Menschen aufgegeben werden mussten - und die neu von Menschen bebaut und wohnlich gemacht wurden. Über viele Gräber ist Gras gewachsen, über Schuld aber werden wir immer neu reden müssen. Über gemeinsame Hoffnungen auch. Gerade, weil so viele Jahre vergangen sind - und alte Parolen immer öfter auftauchen. Wir nennen das Gedankengut rechts - recht ist es nicht. Hass wird gesät, Hass wird geerntet. Sümpfe, die man nicht sieht, verstecken sich hinter prächtigen Fassaden.

In unserer Mitte sind aber auch viele Menschen, die lange Jahre ihres Lebens an der Wolga verbrachten und dann, irgendwann, zu uns kamen. Sie haben auch Vertreibungs- oder Ansiedlungsgeschichten hinter sich. Ihre Sprache ist geprägt, manchmal sieht man es ihnen auch an, woher sie kommen. Aber wenn sie dann erzählen und ihre alten Lieder singen, beschenken sie uns mit einer großen Glaubenskraft. Sie erzählen, wie sie Behörden ausgetrickst, Bethäuser versteckt und Älteste ordiniert haben, um dem Glauben der Väter (wie sie das nennen) treu zu bleiben. Der Klang der Worte erinnert an die Lutherbibel - vor 100 und mehr Jahren. Dass die Kinder und Enkel eigene Wege gehen, überrascht uns zwar nicht, lässt aber viele Geschichten verschwinden. Wie kann es uns gelingen, diese Erfahrungen zu würdigen, aufzubewahren, in unsere eigene Schatzkiste aufzunehmen?

Da doch aller guten Dinge drei sind: Die Leiterin einer Kindertagesstätte erzählt, wie viele Familiengeschichten in ihrer Einrichtung zusammenkommen: Kinder von türkischen, pakistanischen und persischen Eltern - und so weiter -, dazwischen einige deutsche Kinder. Das Lebensumfeld im Viertel ist, sagen wir, multikulturell. Aber wenn es dann auch fachmännisch heißt, die Kinder hätten einen Migrationshintergrund, stehen wir etwas ratlos da: alle Kinder entdecken doch gemeinsam die Welt! In der Einrichtung werden die unterschiedlichen Feste - die christlichen, jüdischen, islamischen wie die hinduistischen - auch gemeinsam gefeiert. Migration heißt: Vielfalt, Lebendigkeit. Migration heißt aber auch: Vorurteil, Fremdartigkeit. Das Wort „Hintergrund" mag ich nicht, wo doch so vieles vordergründig ist. Werden die Kinder die vielen Vorurteile, die sie später bewusst wahrnehmen müssen, überwinden können?

In Babylon, Weltstadt mit internationalem Flair und kultureller Vielfalt, hat Jesaja von Quellen gesprochen, aus denen das Leben sprudelt - Leben eingefasst und sprudelnd als Hoffnung, als Zukunft. „Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser!"

Wasser ist ein Bild für Leben, ein Bild für den Ruheplatz am Wasser, das Bild einer Oase in der Wüste.

Einerseits: Menschen sind durstig. Sie können das sagen, ohne dabei schwach zu werden oder sich etwas zu vergeben.
Andererseits: Gott, in alten Liedern als Quelle des Lebens gelobt, lädt uns ein, bei ihm das Leben zu finden. Darum ruft Jesaja aus: „Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser!"

Erfrischend und belebend, wie kühles Nass auf der Haut, wie frisches Wasser auf der Zunge, geht uns auf, dass wir beschenkt werden. Käuflich ist nichts, was unser Leben ausmacht. Weder die Zeit, noch die Gesundheit, weder die Hoffnung, noch die Zukunft. Aber das macht den Reiz aus:
Was wir nicht kaufen können, wird uns doch anvertraut. Die Zeit wie die Gesundheit, die Hoffnung wie die Zukunft.

Unbezahlbar ist, was uns von Gott zukommt.
„Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist, und sauren Verdienst für das, was nicht satt macht?"

 

Sich laben

Ob jemals Menschen geglaubt haben, sich Hoffnungen kaufen zu können? Sich mit Geld der Vergangenheit entledigen zu können? Zukunft auf einem Markt zu finden? Die Menschen in Babylon kenne ich nicht. Für sie kann ich auch nicht reden. Ich kann sie nicht einmal fragen. Macht Jesaja ihnen einen Vorwurf? Ist es eine verstecke Anspielung? Ich muss es nicht wissen. Ich bin aber herausgefordert. Oft stehe ich mit leeren Händen da - um mit ihnen Wasser zu schöpfen! Ein schönes Bild für geschenktes und anvertrautes Leben. Nur von leeren Händen reden, macht depressiv - Hände, die schöpfen, richten auf.

Ich sollte jetzt langsam zum Schluss kommen. Sie möchten alle nach Hause. Haben Sie das Mittagessen schon vorbereitet? Was gibt es denn Gutes bei Ihnen?

Ob Jesaja auch Leute vor sich hat, die hungrig sind? Jedenfalls sagt er in seiner Predigt - so, als ob sich Gott persönlich darum kümmern würde, was uns schmeckt und guttut:

Hört doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am Köstlichen laben.
Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir!
Höret, so werdet ihr leben!
Ich will mit euch einen ewigen Bund schließen, euch die beständigen Gnaden Davids zu geben.

Dieses Menü entfaltet sich erst im Ohr, dann im Herzen. „Höret, so werdet ihr leben". Zu hören ist - Gott. Wenn er redet, schafft er die Welt, in der ich lebe - er schafft die Welt, in der ich leben werde - er schafft seine Welt. In ihr wird es keine Klagen mehr geben, keine Ängste, keine Vorurteile, keinen Hass und keine Ungerechtigkeit.

Jesaja sieht einen reich gedeckten Tisch. Mit Köstlichkeiten. Ein Festmahl!

Gott gibt sozusagen seinen Einstand - und wir leihen ihm unsere Ohren.

Jesaja ist ein Meister - das muss ich ihm lassen. Erst ruft er: Kommt zum Wasser, dann: Hört auf ihn - schließlich: Seht, seht hin: du wirst Heiden rufen, die du nicht kennst, und Heiden, die dich nicht kennen, werden zu dir laufen um des HERRN willen, deines Gottes, und des Heiligen Israels, der dich herrlich gemacht hat.

Herrlich gemacht! Wie das auf der Zunge zergeht!
Wir werden gleich Abendmahl feiern.
Wir versammeln uns um den Tisch des Herrn. Er lädt alle ein.

Jesus hat Jesaja gekannt. Gut gekannt.
Jesaja ruft: Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir ... spricht der Herr.
Jesus sagt: Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid,
ich will euch erquicken!

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne
in Christus Jesus, unserem Herrn.

 



Manfred Wussow
Aachen
E-Mail: M.Wussow@gmx.de

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