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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

3. Sonntag nach Trinitatis, 16.06.2013

Predigt zu Psalter 66:6 (Flutkatastrophe), verfasst von Paul Kluge

Liebe Geschwister,

das Hochwasser in vielen Teilen Deutschlands hat nicht nur materielle Schäden angerichtet. Angst, Mutlosigkeit, Verzweiflung haben mancher Seele geschadet. Andererseits hat es eine Flut von Hilfsbereitschaft und Solidarität gegeben – Werte, die zu guten Zeiten nur ein dünnes Rinnsal bilden. Die folgende Geschichte hat sich so ähnlich in einer vom Hochwasser betroffenen Stadt abgespielt:

In bräunlichen Wasserflächen spiegelt sich eine strahlende Sonne. Sie taucht die ganze Stadt in ein Licht, das alles fremd erscheinen lässt. Eine bedrückte, bedrückende Stimmung lastet in den Straßen, den Häusern. Feuerwehr- und Polizeisirenen schrillen durch die Luft, schwere Fahrzeuge dröhnen und Hubschraubern knattern. Dies alles weckt Angst bei den Menschen und die lässt die Gefahr noch größer erscheinen.

Einwohner der Stadt und freiwillige Helfer aus allen Gegenden des Landes füllen und stapeln Sandsäcke, und wer zu schwach dafür ist, versorgt die Kämpferinnen und Kämpfer mit Essen und Trinken, bietet einen Platz zum Ausruhen an. Alle sorgen sich, ob die Dämme hoch genug sind, ob sie überhaupt dem Druck widerstehen können. Die Meldungen in den Medien verstärken diese Sorgen noch.

In ihrer Wohnung nahe am Fluss backt Karin ihren zweiten Erdbeerkuchen. Die Kaffeemaschine gurgelt, der Tisch ist gedeckt. Karin hat die Mitbewohner des Hauses eingeladen, ältere bis alte Menschen und allesamt allein lebend. Karin möchte der allgemeinen Atmosphäre von Bedrohung und Angst etwas entgegen setzen, auch für sich selber. In Gefahr allein zu sein, ist nicht gut.

Karin hat gerade den zweiten Kuchen fertig, als es klingelt. Vor der Tür steht Frau Wottke. Sie ist mit ihren 92 Jahren die Älteste im Haus. Karin lässt die Wohnungstür offen und bittet Frau Wottke ins Wohnzimmer. „Schön haben Sie es hier“, stellt die fest, „und so modern.“

Es klopft an der offenen Tür, Hans kommt herein. In der linken Hand ein paar Blumen aus seinem Garten, der rechte Arm fehlt bis auf einen kurzen Stummel. Doch wenn es im Haus etwas zu reparieren gibt: Hans macht das.

Es dauert nicht lange, bis alle Hausbewohner versammelt sind. Als Letzte kommt Ruth angehetzt, sie hat noch die aktuellsten Nachrichten gesehen. Alle stehen etwas verlegen im Wohnzimmer, bis Karin sie an den Tisch bittet.

„So etwas hat es ja noch nie gegeben“, stellt Frau Wottke fest, und alle geben ihre eher allgemeine Meinung zum Hochwasser, zu der bestehenden Gefahr ab. Schließlich sagt Frau Wottke, dass sie das nicht gemeint habe. „Sondern?“ fragt Ruth und erfährt, dass Frau Wottke schon fast 70 Jahre in diesem Haus und in ihrer Wohnung lebe, dass es aber noch kein Zusammensein aller Hausbewohner gegeben habe. „Gefahr verbindet“, bemerkt Hans und erntet allgemeine Zustimmung.

Karin schenkt Kaffee aus und bittet, beim Kuchen kräftig zuzulangen. Frau Wottke wiederholt, dass sie so etwas noch nie erlebt habe und erzählt von ihrem Einzug in das damals neue Haus. Daraus ergibt sich eine Gesprächsrunde „Einzugsgeschichten“, die Gefahr rückt so lange in den Hintergrund.

Doch dann dringt von draußen eine Lautsprecherstimme in die Wohnung: „Achtung, Achtung, hier spricht die Polizei.“ Die Bewohner der Straße, des ganzen Stadtteils werden aufgefordert, ihre Wohnungen bis 20 Uhr zu verlassen. Notquartiere stünden da und da bereit, Alte und Kranke würden mit Bussen hingefahren, die Mitnahme von einem Gepäckstück sei erlaubt.

Stille macht sich am Kaffeetisch breit, die Angst kommt zurück, diffus bei dem einen, auf Sachschäden bezogen bei der anderen. „Ich gehe nicht!“ trotzt Frau Wottke, „im Krieg bin ich auch immer geblieben.“ – „Willst Du hier absaufen?“ fragt Hans sie, und sie kontert, dass sie immer noch gut schwimmen könne. „Man soll den Kopf nicht hängen lassen, wenn einem das Wasser bis zum Hals steht“, wirft Ruth ein und erntet ein allgemeines Lachen, kurz und bitter.

Karin geht zu ihrem Bücherregal, nimmt ein Buch heraus, blättert darin. Sie möchte mal ein paar Zeilen vorlesen, bittet sie um Gehör, setzt die Lesebrille auf und liest: „Ins Trockne wandelt er die Meere, gebot dem Strom, vor uns zu fliehn; wir freuten uns der Macht und Ehre, die uns hieß durch die Fluten ziehn.“

Was das denn für ein komischer Text sei, fragt Hans. „Das ist aus einem Kirchenlied“, erklärt Frau Wottke; sie habe es im Konfirmandenunterricht lernen müssen, seitdem aber nie mehr gesungen. Karin ergänzt, dass es sich um die Nachdichtung eines Psalms handle. „Und wovon handelt das?“ fragt Ruth, worauf Karin kurz den Durchzug durchs Rote Meer erzählt.

Hans bittet darum, den Text noch einmal lesen zu dürfen, Karin zeigt ihm die Stelle. Er liest die Zeilen erst einmal still, dann murmelnd. „Genau!“ sagt er schließlich in die Stille hinein, die sich eingestellt hat, „Genauso ist es.“ Dann erzählt er von seinem Schiffbruch, den er als Mariner erlebt habe. Auf irgendein schwimmendes Teil habe er sich retten können, bis sie ihn herausgefischt hätten. „Nur meinen Arm hab ich da gelassen“, schließt er und streckt seinen Stummel in die Höhe.

Ruth, die als Krankenschwester gearbeitet hat, berichtet von Patienten, die in Selbstmitleid oder auch in Todesangst zu ertrinken drohten und durch irgendein Wort wieder Boden unter die Füße bekamen.

Frau Wottke nimmt das Wort: „Ach, Kinder, wie oft ich so etwas schon erlebt habe! Da gerätst du in Gefahr, und es ist schlimm und du hast Angst. Aber die Gefahr geht vorüber. Du hast vielleicht etwas verloren, bist zu Schaden gekommen, aber dann liegt das Leben wieder vor dir und du kannst neu anfangen. Also, mich haut so schnell nichts um, denn jede Gefahr geht vorüber. Und darum bleibe ich hier.“

„Ohne Strom, ohne Telefon, ohne Wasser?“ fragt Hans und nimmt ihr damit etwas von ihrer Zuversicht. Dann verabschiedet er sich, um seinen Koffer zu packen. Ob er noch ein Stück Kuchen mitnehmen dürfe, fragt er Karin. Die bittet um einen Augenblick Geduld und läuft in die Küche. Mit einem Tablett kommt sie zurück, darauf in Folie verpackter Kuchen für alle. Die verabschieden sich nun, nur Frau Wottke möchte noch einen Kaffee.

„Das war mutig von Ihnen“, sagt sie zu Karin, „dass sie die Liedstrophe vorgelesen haben. Sie wissen ja, wie die Leute hier sind. Ich geh zwar nicht in die Kirche, aber ich bete jeden Tag. Das gibt mir Kraft. Und darum haut mich auch nichts um.“

„Hans konnte mit der Strophe ja auch was anfangen“, meint Karin, „ihm fiel gleich etwas aus seinem Leben dazu ein.“ – „Dem kann noch viel mehr dazu einfallen“, bemerkt Frau Wottke ohne ihre Bemerkung näher zu erklären, und dann: „Früher habe ich darum gebetet, von Gefahr verschont zu bleiben. Das funktionierte aber nicht. Heute danke ich Gott, dass ich die Gefahren überstanden habe.“

Karin wagt nun einen Vorschlag, den sie sich überlegt hat. Sie habe den Schlüssel für die Wohnung einer Freundin. Die sei in Urlaub gefahren und habe ihr die Wohnung angeboten, falls dieser Stadtteil evakuiert würde. „Die Wohnung ist groß genug für uns beide“, schließt Karin. Frau Wottke nimmt an und bittet Karin, das Gesangbuch mitzunehmen. Amen


Gebet: Guter Gott, du legst uns Lasten auf, und du hilfst uns, die Lasten zu tragen. Wir haben das oft erlebt und können dafür dankbar sein. Doch oft vergessen wir den Dank und werfen dir die Lasten vor. Wenn uns Gefahr droht und wir in Angst geraten, verlieren wir schnell unser Vertrauen zu dir, zu anderen und zu uns selbst. Damit vergrößern wir die Gefahr, gefährden uns selbst und andere. Darum bitten wir dich um ruhige Gelassenheit.

Guter Gott, Hilfe und Solidarität zu erleben, tut gut. Sie stärken uns, Gefahr und Belastung zu ertragen. Sie geben uns Vertrauen in unsere Mitmenschen. Dieses Vertrauen erhalte uns in Zeiten, in denen wir auf Hilfe und Solidarität nicht angewiesen sind. Und mach uns zu Hilfe und Solidarität bereit, wenn andere ihrer bedürfen. Öffne uns die Augen, darin deine Hilfe und Solidarität zu sehen. Lass uns erkennen, dass du uns trägst, wenn wir etwas ertragen. müssen.

Guter Gott, die Fluten haben große Schäden angerichtet, haben Menschen in Not und in Verzweiflung gestürzt. Wecke unsere Bereitschaft, mit Trost zu ermutigen, anzufassen, wo Hände gebraucht werden, und anderen abzugeben, die viel verloren haben. Vieles bewegt uns, für das uns die Worte fehlen. Darum beten wir mit den Worten Jesu: Unser Vater im Himmel …

Gesänge: 366, 1 - 5;  279, 1 - 4;  432, 1 - 3; 414, 3 + 4



Landespfarrer a.D. Paul Kluge
Jetzt: Leer (Ostfriesland)
Früher: Magdeburg
E-Mail: paul-kluge@t-online.de

Bemerkung:
Siehe auch: Im Suchprogramm zu den Stichworten:
Katastrophen,
Katastrophen, Kluge


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