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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

6. Sonntag nach Trinitatis, 07.07.2013

Predigt zu Jesaja 43:1-3a.4a.5-7, verfasst von Klaus Wollenweber

 

Titel: Gott kennt Ihren Namen und begleitet Sie

Liebe Gemeinde,

erstes Klassentreffen nach 25 Jahren. Wir sammeln uns auf dem Schulhof des Arndt-Gymnasiums vor dem Speerträger-Standbild. Mir sind nicht mehr alle Namen parat. Einige Klassenkameraden sind unverkennbar, bei anderen muß ich den Namen erfragen. Etwas peinlich, wo wir doch mal 9 Jahre fast täglich zusammen waren! Wir werden vom ehemaligen Direktor begrüßt. Er gibt jedem die Hand, ordnet in seinem Gedächtnis die Gesichter den Namen zu oder umgekehrt und nennt - zu meinem großen Erstaunen - bei fast jedem den richtigen Namen. Ich finde dies bewundernswert!

An diese Begebenheit erinnerte ich mich beispielhaft, als ich den für den heutigen Sonntag vorgeschlagenen Predigttext aus dem Buch des sog. Zweiten Jesajapropheten Kapitel 43 las:

Jetzt aber - so spricht der Herr, der dich geschaffen hat, Jakob, und der dich geformt hat, Israel: Fürchte dich nicht; denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du gehörst mir.
Wenn du durchs Wasser schreitest, bin ich bei dir, damit dich die Ströme nicht fortreißen.
Wenn du durchs Feuer gehst, wirst du nicht versengt und keine Flamme wird dich verbrennen.
Denn ich, der Herr, bin dein Gott, der Heilige Israels, dein Retter.
Denn du bist in meinen Augen teuer und wertvoll, und ich liebe dich.
So fürchte dich nun nicht, denn ich bin mit dir. Vom Osten bringe ich deine Kinder herbei, vom Westen her sammle ich euch.
Ich sage zum Norden: Gib her! Und zum Süden: Halt nicht zurück! Führe meine Söhne heim aus der Ferne, meine Töchter vom Ende der Erde!
Denn jeden, der nach meinem Namen benannt ist, habe ich zu meiner Ehre erschaffen, geformt und gemacht."

 

Liebe Gemeinde, nach 20 Jahren Abwesenheit von meiner ersten langen Wirkungsstätte in Bonn hielt ich dort wieder mal einen Gottesdienst und verabschiedete am Ausgang die Gemeindeglieder. Eine Frau gab mir strahlend die Hand und sagte: „Kennen Sie mich noch? Sie haben mich getauft und konfirmiert!" Ich hatte sie nicht wiedererkannt und fragte nach ihrem Namen. Als sie ihn nannte, konnte ich sie sofort dem besagten Konfirmandenkreis zuordnen.

Noch eine andere Situation: Für mich bleibt unvergeßlich, wie ich zu Zeiten der DDR an den Grenzübergängen nach der Abgabe meines Ausweises noch zusätzlich nach dem Namen gefragt wurde. Am liebsten hätte ich geantwortet: „Der steht doch da geschrieben! Sie können ihn doch lesen oder nicht?".

Aber bei der immer bedrückenden und angespannten Atmosphäre an diesen Grenzposten habe ich es nie gewagt, so zurückzuantworten, sondern habe schnell meinen Namen genannt.

Ja, Namen sind nicht Schall und Rauch! Der Name gehört wesentlich zur Identität einer Person. Im Namen des dreieinigen Gottes haben wir diesen Gottesdienst begonnen, nicht in meinem oder Ihrem Namen! Damit haben wir eine unmißverständliche Zuordnung vorgenommen. Nicht anders ist es, wenn wir im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes taufen. Zu dem Namen, den die Eltern ihm oder ihr gegeben haben, bekommt der Täufling den Namen „Christ"; er oder sie ist nun ein Christ und gehört zu Gott.

Oftmals ist mit der Nennung des Namens durch einen anderen ein Anspruch verbunden. Erinnern Sie sich: Wenn Sie plötzlich mit Namen aus einer Gruppe herausgerufen worden sind, dann ist einem zunächst mulmig zumute. Was will der von mir? So ein Anruf ist ja nicht immer angenehm. Oft vermißt man dabei die aufmunternde Zusage: Fürchte dich nicht!

In der biblischen Heilszusage des zweiten Propheten Jesaja spüre ich ein tiefes Fundament des Vertrauens. Der Prophet spricht vor über zweieinhalbtausend Jahren so aufmunternd und zuversichtlich zu seinem Volk in einer bedrängenden und beunruhigenden Lebenssituation. Sein Volk Israel lebte in der jahrelangen babylonischen Gefangenschaft, heimatlos, und es hatte in der Zeit der Vertreibung das Fürchten gelernt. Bei vielen Israeliten war der Zweifel größer als das Vertrauen in Gottes Handeln. Skepsis herrschte gegenüber der Zusage Gottes im Blick auf dessen Treue und Geborgenheit. Das menschliche Verhalten glich eher einer großen Flucht vor dem Geschehen in der Vergangenheit und der Furcht vor dem, was in der Zukunft auf jeden Einzelnen zukommt.

Ich denke, diese Erfahrung ist zeitlos gültig. Vielen von uns ist diese Lebenssituation nicht ganz fremd. Auch wir können unserer eigenen Vergangenheit nicht entfliehen und sind häufig voll Unruhe gegenüber unserer eigenen Zukunft. Ja, manche von uns können sich von entsprechenden Angstgefühlen nicht freisprechen. Insofern betreffen auch uns diese Prophetenworte, die möglicherweise einigen von uns längst vertraut sind als Tauf- oder Konfirmations- oder Trausprüche. Ich bin überzeugt, daß diese alten Worte viel mehr sagen und bedeuten als bloß schöne, vergangene Aussagen. In unserer Lebenssituation können sie uns ergreifen, uns gefangen nehmen, uns auf jeden Fall ermutigen und uns aufbauen.

Denn keine und keiner von uns heute ist frei von Angst. Wir brauchen allerdings in diesen Zeiten weltweiter Angst gegen allen Augenschein die furchtlosen Menschen, die in der allgemeinen Hilflosigkeit und auch Orientierungslosigkeit klarsichtig bleiben. Furchtlose, klarsichtige Menschen - das sind sicher nicht die, die heute die stärksten Waffen besitzen und immer neue Raketen- und Drohnensysteme bedenken und erfinden, sondern m.E. viel mehr und eher die, die befreit sind von Ehrgeiz, von Eifersucht, von Neid und Haß und Machtstreben, - kurzum von all diesen Mächten des Bösen. Furchtlose Menschen sind frei von vorgegaukelten, billigen Vertröstungen und von allgemeinen Parolen und Klischees.

„Fürchte dich nicht! Denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!" Das sind so markante Sätze, die zweifellos klare Wegmarkierungen und Grenzpfähle setzen und eine eindeutige Richtung zum sinnvollen Leben aufweisen, zur Geborgenheit und zur Gelassenheit. Es sind unverwechselbare Zusagen Gottes, die jeden persönlich ansprechen, akzeptieren, bejahen und wichtig nehmen. Sie wollen von uns nicht zusätzlich noch etwas abfordern, sondern sie sprechen uns frei und beschenken uns mit dem, was wir lebens-notwendig brauchen: Furchtlosigkeit, Vertrauen und Orientierung.

So macht Gott aus uns selbst solche furchtlosen Menschen.

Es hat mal ein Mensch gezählt, wie oft die drei Worte „fürchte dich nicht!" in der Bibel zu finden sind. Ergebnis: 365 mal! Ich habe dies nicht nachgeprüft, aber für mich bedeutet dies: „Fürchte dich nicht!" gilt für jeden Tag des Jahres neu. Morgens gilt diese Zusage Gottes beim Wachwerden und abends beim Einschlafen und soundso den Tag über bei allem Geschehen. Und wenn ich mir selber diese Lebensweise nicht zusagen kann, weil ich trotz allem ein immer noch ängstlicher Mensch bin, dann laß ich es mir doch täglich wie ein guter-Morgen-Gruß oder wie ein guter-Nacht-Kuß von einer anderen Person zusprechen. Das geht auch per Telefon oder per Mail.

Wie heißt es doch bei dem zweiten Jesaja-Propheten: „Wenn du durchs Wasser schreitest, bin ich bei dir, daß dich die Ströme nicht fortreißen. Wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen; denn ich bin der Herr, dein Gott dein Erlöser und Retter, dein Heiland."

Liebe Gemeinde, da sind Sie und ich persönlich angesprochen. Gott meint wirklich uns ganz persönlich; er guckt nicht an uns vorbei auf andere. Wir können uns auch nicht hinter anderen verstecken. Sein Wort trifft unmißverständlich Sie und mich: „Ich habe dich erlöst!" Wovon erlöst? - so können Sie jetzt fragen. Denn unsere Lebenssituation ist völlig anders als die des Volkes Israel in der babylonischen Gefangenschaft. Doch halt! Leben wir nicht auch im übertragenen Sinn in einer Gefangenschaft? Sind wir nicht in unserem Denken und Handeln befangen?

Da sind die Zwänge, in die wir privat, beruflich, gesellschaftlich, politisch, kirchlich, glaubensmäßig - aus welchen Gründen auch immer - hineingeraten sind oder uns selbst hineinmanövriert haben. Du bist erlöst - das heißt: Gott befreit dich von all der Tapete, mit der du dein eigenes Leben nach außen hin verschönerst, dir etwas vormachst und dich selbst damit täuschst. Gott erlöst uns wirklich immer wieder von unseren Fehlern und von dem Krampf, daß ich lebenslang an meiner Schuld tragen müßte. „Ich habe dich erlöst!" - das ist eine Tätigkeit Gottes, die für uns Christen ihren fundamentalen Ausdruck im Kreuzestod Jesu Christi fand: „dies ist geschehen zur Erlösung von euren Sünden!"- so heißt es im Epheserbrief.

Keine und keiner von uns ist Gott unbekannt. „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!" Bei unserer Taufe ist dies verbal hörbar und sichtbar geworden. In der Taufe ist der Bund des dreieinigen Gottes mit Ihnen und mit mir geschlossen worden. Das steht zwar nicht sichtbar auf meiner Stirn geschrieben, aber es ist auch nicht ungültig zu machen. Einmal getauft, ist immer getauft. Auch wenn wir Menschen uns möglicherweise im Lebensvollzug gegen diese feste Verbindung entscheiden, so gilt und bleibt dennoch für Gott die Zusage bestehen: In Kreuz und Auferstehung Jesu habe ich dich erlöst, in der Taufe habe ich dich bei Namen gerufen; mit deinem Leben gehörst du zu mir. So spricht der Herr über Leben und Tod, der dich geschaffen hat.

Schlußfolgerung, liebe Gemeinde:

Ein spanischer Dichter soll einmal gesagt haben: „Geht! Es gibt keinen Weg. Indem ihr geht, entsteht der Weg." Ich ändere diese Aussage und gebe Ihnen zum eigenen Nachdenken mit in diese neue Woche. „Geht! Es gibt keinen Beweis für den richtigen Weg des Lebens. Indem ihr geht, begleitet euch Gott, zeigt sich Gott unterwegs."

Denn ich bin davon überzeugt, daß Gott sein Ziel nicht aus den Augen verliert: das friedliche Zusammenleben von uns Menschen in seiner Nähe, das Heil seiner Schöpfung und die Liebe als Orientierung unseres Lebens in der Schöpfung Gottes. Wo wir aus dem Vertrauen zu unserem Namensrufer seine heilende und erlösende Nähe spüren, da brauchen wir um unsere Zukunft keine Angst zu haben. Und wenn dennoch ein Gefühl der Angst bleibt oder neu aufkommt, so hat dieses Angstgefühl seine Macht verloren; diese Angst kann uns nicht mehr beherrschen, nicht in den Bann ziehen. Gott ist bei uns und stärker und machtvoller als alle Ängste. Deshalb sagen Sie sich selbst oder gegenseitig ganz getrost jeden Tag: „Fürchte dich nicht!"

Amen

 



Bischof Klaus Wollenweber
53129 Bonn
E-Mail: Klaus.Wollenweber@kkvsol.net

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