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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

6. Sonntag nach Trinitatis, 07.07.2013

Predigt zu Jesaja 43:1–7, verfasst von Dietrich Stollberg

 

 

Liebe Gemeinde!

Unser heutiger Predigttext beginnt mit einem bekannten Satz, den manche als Tauf- oder Konfirmationsspruch liebgewonnen haben und der einen tröstlichen Klang hat. Als Trost ist er auch gemeint. Angeredet wird allerdings nicht ein einzelner Mensch, sondern „Jakob", ein alter Name für das Volk Gottes, das wie sein Stammvater Jakob nach dessen Kampf mit dem geheimnisvollen Geist am Jabbok auch „Israel" genannt wurde. Dieses Volk, das allerdings schon Jahrhunderte lang nicht mehr wie unter David und Salomo in Freiheit existiert, sondern immer wieder in Kriege verwickelt ist, seine Oberschicht durch Deportation nach Babylonien verloren, aber auch immer wieder Rettung erfahren hat, wird vom Propheten angesprochen: „Wer hat Jakob der Plünderung preisgegeben und Israel den Räubern? Hat es nicht der Herr getan, an dem wir gesündigt haben? ... Darum hat er über sie ausgeschüttet seinen grimmigen Zorn und den Schrecken des Krieges ..." (42, 24 f.) Es hilft aber alles nichts, denn das Volk wird nicht besser, „...sie nehmen's nicht zu Herzen" (42, 25).

Trotzdem geht jetzt der Text weiter: „Und nun spricht der Herr, der dich geschaffen hat, Jakob, und der dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich frei gekauft; ich habe dich namentlich, d. h. persönlich, gerufen; du gehörst mir!" Gott liebt sein Volk so sehr, dass er ihm nichts mehr übel nimmt, sondern es auch in den größten Gefahren schützen will: Weder Wasserfluten noch Feuersbrünste sollen ihm dauerhaft schaden. Es werden sogar Länder genannt, die aus der Sicht des Propheten als Lösegeld für Gottes eigenes Volk den Eroberern überlassen wurden: Ägypten, Kusch und Seba. „Ich gebe Menschen an deiner Statt und Völker für dein Leben." Ich, dein Gott, liebe dich und werde aus allen Himmelsrichtungen deine Landsleute, die es dorthin verschlagen hat, zurückholen.

Konservative Kreise im heutigen Staat Israel beziehen solche Verheißungen sehr wörtlich auf die politische Situation in Palästina. Für liberalere Juden und für Christen sieht die Sache anders aus, wie wir, was die Christenheit betrifft, gleich noch sehen werden.

Fürchte dich nicht ..." Das ist der Trost, den der Prophet im Namen des Gottes Israels Jahrhunderte vor Christus verkündet - hinein in eine Situation, in der man in Jerusalem davon träumt, wieder eine bedeutende Hauptstadt zu werden, aus der Schmach der Zerstörung und Deportation erlöst zu werden und wirtschaftlich wie politisch aufzusteigen.

Die Christenheit, die sich als das neue Volk Gottes versteht, internationaler und religiös freier als eine Stammesreligion unter einem Nationalgott, hat diese alten Texte in einem neuen Rahmen ausgelegt. „Bei deinem Namen gerufen, du gehörst mir" - das heißt nun: Ich, dein Gott, habe dich, Christenheit, bei dem Namen Jesu Christi gerufen, herausgerufen aus der Menge der Menschheit als mein Volk, das sich zu dem Messias bekennt. Mein Volk ist nun weltweit zuhause und braucht keinen Trost mehr, der ihm die alte Heimat in und um Jerusalem verspricht. Es ist überall daheim. Dein Name, bei dem ich dich gerufen habe, heißt: „Christ". Die Engländer und Amerikaner sprechen daher vom Vornamen auch als vom „Christian name". Du bist ein Christenmensch, ein Anhänger meines Sohnes, sagt Gott. Du bist wie Jesus mein eigenes Kind, ein Kind Gottes!

Und so wird dieser Text auch zu einem christlichen Tauftext. Denn wer sich zu dem weltweit regierenden Gott und Vater Jesu Christi bekennt, sich durch die Taufe herausrufen lässt in die Elite des internationalen und ökumenischen Gottesvolks, braucht sich nicht mehr zu fürchten, weil er oder sie zu Gott gehört. Kirche heißt auf Griechisch und Lateinisch „ecclesia"; das kommt von griechisch „herausrufen". Die Gemeinde besteht aus Herausgerufenen, auch aus Berufenen, die dazugehören. „Fürchte dich nicht; denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!"

Wir dürfen heute aber vielleicht noch einen Schritt weiter gehen: Könnte es sein, dass Gott, der Schöpfer, uns bei unserem Namen „Mensch" ruft - und damit heraus aus konfessioneller und religiöser Enge und hinein in eine gesamtmenschliche Gemeinschaft? Das wäre ein Ruf zu Humanität, d. h. Menschlichkeit, heraus aus einem zu engen Horizont, zu mehr Friedensbemühungen, zu einem Engagement für Naturschutz und Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit und kritischer Solidarität, heraus aus Unterwürfigkeit und Bequemlichkeit, wenn es um Kirche, Land und Staat geht, zu mehr Kritik und Verweigerung, wo Politiker uns austricksen wollen. Da heißt es dann auch: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!"

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus! (Amen!)

 



Prof. Dr. Dietrich Stollberg
90762 Fürth
E-Mail: dstollberg@hotmail.de

Bemerkung:
Lit.: Dietrich Stollberg, „Alles, was Christum treibet" - lutherisch gepredigt, Neuendettelsau 2011.


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