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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

6. Sonntag nach Trinitatis, 07.07.2013

Predigt zu Jesaja 43:1-7, verfasst von Winfried Klotz

Liebe Gemeinde,

Große Zusagen macht Gott durch einen Propheten seinem ins Land am Euphrat und Tigris deportierten Volk: "Fürchte dich nicht, ich habe dich befreit!" Wir kennen nicht den Namen des Propheten, aber wir wissen, dass er im Autrag Gottes spricht.Wir kennen auch die Lebensbedingungen der weggeführten Judäer nicht genau. Ihre Stimmungslage aber erfahren wir aus Psalm 137.

1 An den Flüssen Babylons saßen wir und weinten,

jedes Mal, wenn wir an Zion dachten.

2 Unsere Harfen hingen dort an den Weiden;

wir mochten nicht mehr auf ihnen spielen.

3 Doch die Feinde, die uns unterdrückten,

die uns verschleppt hatten aus der Heimat,

verlangten von uns auch noch Jubellieder.

»Singt uns ein Lied vom Zion!«, sagten sie.

4 Fern vom Tempel, im fremden Land -

wie konnten wir da Lieder singen

zum Preis des HERRN?

Soweit ein Ausschnitt, weggelassen habe ich die Sehnsucht nach Jerusalem und den Zorn und Hass gerichtet gegen die Feinde, die sich auch in Psalm 137 spiegeln. Psalm 137 bietet noch ganz und gar keinen Blick in eine lebenswerte Zukunft. Er macht keine Hoffnung für die Zukunft und versöhnt nicht mit der Gegenwart, aber sehnt sich nach grausamer Rache gegen die babylonischen Feinde. In Psalm 137 ist der Blick rückwärtsgewandt, die Last der Vergangenheit erdrückt Gegenwart und Zukunft.

Wie anders der Ton in unserem Bibelwort aus Jesaja 43. Ein uns nicht namentlich bekannter Bote Gottes in der Exilszeit sagt:

„Jetzt aber sagt der HERR, der dich ins Leben gerufen hat, Volk Israel, du Nachkommenschaft Jakobs: Fürchte dich nicht, ich habe dich befreit! Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du gehörst mir!"

Zuerst wird deutlich: Hier öffnet nicht ein Mensch sein Herz und sagt, wie es ihm geht, wie in Psalm 137. Hier redet eine fremde Stimme und was sie ankündigt, hat erst einmal keinen Anhalt an der Gegenwart. Und doch könnten die Zuhörer die Stimme erkennen und die Worte verstehen, denn sie redet in einer Weise wie Gott es in den Berichten aus der Zeit der Vorfahren und wie es als Zuspruch die Priester im Tempel getan haben. „Fürchte dich nicht!" Das ist der Tenor, das ist der Grundton, das ist das Fundament dieser Sätze. Fürchte dich nicht! Fürchte dich nicht, ich habe dich befreit! Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du gehörst mir!"

Der hier durch seinen Boten redet kommt aus der Tiefe der Vergangenheit und ist zugleich die Zukunft seiner Menschen. Er stellt sich vor als „der HERR, der dich ins Leben gerufen hat, Volk Israel, du Nachkommenschaft Jakobs". Erinnere Dich also, Du Volk Israel an Deinen Gott und an seine rettenden Taten! Denke zurück und erkenne die Stimme, die Dich anredet.

Und für uns: Erinnert Euch, liebe Schwestern und Brüder, an den, der Euch durchs Evangelium von Jesus berufen und als sein Eigentum bestimmt hat. Was ER Euch sagt ist keine Interpretation der Vergangenheit, damit Ihr die Gegenwart leichter ertragen könnt. Was er Euch sagt ist unwiderrufliches Zeugnis für seine liebevolle Zuwendung zu Euch.

Was Gott seinem Volk damals, was Gott uns durch Jesus Christus sagt, ist ein Versprechen kommender Rettung. „Ich habe dich befreit! Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du gehörst mir!" Das ist nicht einfach ein Trostwort, das ist Ankündigung des Umsturzes. Das nicht Absehbare wird kommen, das nicht Berechenbare eintreten, ich habe dich befreit, deshalb wirst Du frei sein! Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, das heißt, ich kenne Dich! Ich kenne Deine dunkle Gegenwart, ich kenne Deine Trauer und Deinen Zorn, ich kenne Deine mich anklagenden Fragen, aber vor allem kenne ich Dich als mein Volk, mit dem ich einen Bund geschlossen habe. Ich habe Dich damals aus Ägypten gerufen (Hosea 11, 1), deshalb gehörst Du mir! Mein Bund mit Dir hat Bestand, auch wenn Du mich vergessen hast und überheblich und treulos Deine Wege gewählt hast.

Ist das Therapie für die verwundete Seele, ist das Licht in dunkler Zeit, ist das Trost, der das Leben erträglich macht? Zuerst einmal gar nicht! Zuerst einmal sind die Worte Gottes im Mund des Propheten eine Zumutung für die geschlagen und heimatlos im Zweistromland Lebenden. Aber wer der fremden Stimme nachhört, wer sich erinnern lässt, wer um dieses Wortes willen beginnt Gott zu suchen, der geht nun doch einen neuen Weg. Das Kreisen um das eigene schwere Schicksal bestimmt nicht mehr das Leben. Das Leben bekommt einen neuen, anderen Schwerpunkt. In Kapitel 50 wird dieser Weg des Vertrauens beschrieben: „Wer von euch fragt nach dem HERRN, wer hört auf seinen Bevollmächtigten? Er darf wissen: Auch wenn sein Weg durchs Dunkel führt und er nirgends ein Licht sieht - auf den HERRN kann er sich verlassen, sein Gott hält und führt ihn." (50,10)

Gott hält und führt, und das heißt noch lange nicht, dass Licht am Ende des Tunnels sichtbar wird! Aber mit Gott ist ein neuer Spieler ins Spiel eingetreten und das verändert alles. Mit Gott, der an seine Bund erinnert, der sich sein Eigentum nicht nehmen lässt, der wie damals beim Auszug aus Ägypten sein Volk im Wasser des Schilfmeeres und im Feuer der Wüste behütet. ER ist der Herr und ER ist das FÜR sein Volk, ER ist sein Retter. Er löst sein Volk aus, er bezahlt in einer für uns nicht durchschaubaren Weise. Und das alles, weil er seine Menschen lieb hat! „Völker gebe ich für dich hin, ja die ganze Welt, weil du mir so viel wert bist und ich dich liebe!" (V. 4)

Die Rettung ist noch nicht da, die Heimkehr hat noch nicht begonnen, das Elend ist noch allgegenwärtig, aber mit Gott ist ein neuer Spieler ins Spiel eingetreten und das verändert alles!

Liebe Schwestern und Brüder, nicht anders ist es mit unserem Vertrauen auf Jesus Christus. In IHM ist Gott ganz für uns und das gilt, obwohl die neue Schöpfung, die neue Welt, das Reich Gottes noch nicht sichtbar geworden sind. Das gilt, auch wenn wir uns noch elend abquälen mit uns selbst und mit den zerstörerischen Kräften dieser Welt. Aber ein neuer Spieler ist ins Spiel eingetreten und er muss das Spiel gewinnen. Wer das Kreuz durchlitten hat und den Tod besiegt, kann nicht verlieren in diesem Kampf um die Verlorenen, in diesem Kampf mit den Mächten und Gewalten. Jesus ist der Herr. Amen



Pfarrer Winfried Klotz
Bad König
E-Mail: Winfried Klotz

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