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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

6. Sonntag nach Trinitatis, 07.07.2013

Predigt zu Jesaja 43:1-7, verfasst von Kathrin Oxen

 


Ein Name, der bleibt

Der kleine Junge war sehr schwach gewesen, als er auf die Welt kam. Als seine Mutter schon entlassen werden konnte, musste er noch auf der Kinderstation bleiben. Dort kümmerte sich ein junger Assistenzarzt um ihn. Irgendwann hatte er damit begonnen, seine kleinen Patienten noch zu taufen, wenn nicht klar war, ob sie den nächsten Tag erleben würden. Das Einverständnis der Eltern konnte er meistens nicht einholen. Und bei den ganz Kleinen war oft noch nicht einmal ein Name bestimmt worden. Weil aber bei der Taufe ein Name ausgesprochen werden musste, hatte er sich Namen überlegt. Immer die gleichen: Die Mädchen Elisabeth, die Jungen Christian. Wenn alles gut ging, dann konnten die Eltern bei der Anmeldung auf dem Standesamt ja noch einen anderen Namen eintragen lassen. Und wenn nicht- damals machte man noch nicht viel Aufhebens. Die meisten Eltern waren froh zu hören, dass ihr Kind noch getauft worden war.

Christian also. Er hatte es tatsächlich geschafft. Aber als seine Mutter ihn nach Wochen abholte aus dem Krankenhaus, war sie empört. Christian, auf keinen Fall. Der Junge soll Peter heißen, nach seinem Onkel, wenn schon kein Vater da war.

Einige Jahre später hatte der Arzt eine eigene Praxis. Zu seinem Einzugsgebiet gehörte auch ein Kinderheim. Gelegentlich kamen von dort kleine Patienten. Man hatte der Praxis der Einfachheit halber gleich alle Namen und Daten der Kinder mitgeteilt. Ein Peter war auch dabei. Und das Geburtsjahr stimmte auch.

Als das nächste Mal zwei Kinder aus dem Heim zum Impfen kamen, fragte er die Betreuerin nach Peter. Sie sah ihn verständnislos an. Nein, einen Peter hätten sie gar nicht in der Einrichtung. Da musste er doch die Liste holen, auf der Peter stand, mit Nachnamen und Geburtsdatum. Er zeigte darauf. Da lachte sie und sagte ja, ja, er habe recht, der hieße wohl Peter, aber das sei immer nur für die Papiere. Genannt würde er von allen nur Christian.


Und nun spricht der HERR, der dich geschaffen hat, Jakob,

und dich gemacht hat, Israel:

Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst;

ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!


Ein Mensch wird beim Namen gerufen und bei diesem Namen bleibt es. In der Geschichte von Peter, der nur Christian genannt wurde, hat sich die allererste Beziehung als die stärkste erwiesen. Es waren ja nur wenige Wochen, ganz am Anfang dieses Lebens, in denen der Arzt für den kleinen Jungen verantwortlich war. Eine Gefahr, eine Krise und eine Beziehung, die sich als stärker erweist als alles, was danach kommt. Selbst der ausdrückliche Wunsch der Mutter hatte dem nichts entgegen zu setzen. Die Wege, die Christian schon gegangen war, als der Arzt nach ihm fragte, kennen wir nicht. Keine geraden Wege, das lässt sich vermuten, wenn sie in einem Kinderheim endeten. Aber der Name hat sich erhalten, der zuerst über diesem kleinen Menschen genannt war.

Ein Volk wird beim Namen gerufen und bei diesem Namen bleibt es. Der Name ist Jakob und der Name ist Israel. Er kann nicht einfach ausgestrichen werden und ersetzt durch einen anderen. Die Worte klingen ja so persönlich, sie sprechen mich direkt an - aber ich bin damit nicht gemeint. Eine andere Beziehung steht da im Hintergrund. Gott spricht zu seinem geliebten und erwählten Volk. Es ist, als stünde ich neben einem Liebespaar. Sie haben eine Geschichte miteinander, sie können erzählen von Höhen und Tiefen, von Gefahren und Krisen und von dem, was geblieben ist durch alles hindurch. Liebe ist stark wie der Tod und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totenreich. Ihre Glut ist feurig und eine Flamme des Herrn, so dass auch viele Wasser die Liebe nicht auslöschen und Ströme sie nicht ertränken (Hohes Lied 8, 6f.) So ist die Liebe zwischen Gott und seinem Volk.


Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein,

dass dich die Ströme nicht ersäufen sollen;

Und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen

und die Flamme soll dich nicht versengen.


Eine Strophe aus dem großen Liebeslied zwischen Gott und seinem Volk. Sie haben Klagegesänge angestimmt damals, im Exil, als sie an fremden Wassern weinten. Das Land mussten sie verlassen, die Zukunft war zerstört, die Gegenwart mehr als bedrückend. Und natürlich stellten sie sich die Frage, ob es das jetzt gewesen sei mit Gott und ihnen. Denn jede Geschichte hat ja einen Anfang und ein Ende.

Sicher, man kann sich die alten Geschichten immer weiter erzählen, die vom Durchzug durch das Meer, die von Brot und Wasser in der Wüste. Aber von schönen Erinnerungen alleine kann niemand leben. Sich an den Anfang erinnern, gut, Gott hat uns geschaffen. Aber Gott hat ja alles geschaffen und das ist so lange her. Man könnte ja auf den Gedanken kommen, dass das eine Vergangenheit ist, zu der keine Gegenwart mehr gehört. Und dann ist das, was wir jetzt erleben, vielleicht einfach nur das Ende der Geschichte.


Ich bin der Herr, dein Gott, der Heilige Israels, dein Heiland.

Ich habe Ägypten für dich als Lösegeld gegeben, Kusch und Seba an deiner statt,

weil du in meinen Augen so wert geachtet und auch herrlich bist und weil ich dich liebhabe.

Ich gebe Menschen an deiner statt und Völker für dein Leben.


Sich daran zu erinnern, dass Gott alles geschaffen hat, war für sein Volk eigentlich immer nur ein Nebengedanke. Alle Schöpfungsberichte in der Bibel sind erst spät in der Geschichte Gottes mit seinem Volk, zur Zeit des Exils, entstanden. Sicher, es lag ein gewisser Trost darin zu wissen, dass Gott alles geschaffen hat. Ihr könnt euch überall zuhause wissen, nicht nur in der Heimat, in der ihr geboren seid. Überall trägt euch eine Mutter Erde, und nirgendwo braucht ihr euch unter einem geteilten Himmel zu ängstigen. Gott bannt überall das drohende Chaos und gibt euch Boden unter die Füße. (Friedrich Wilhelm Marquardt)

Aber was für ein Leben ist das, fern der Heimat, eingerichtet auf Zeit, immer noch mit der Hoffnung auf eine Rückkehr? Israel ist anderes gewohnt von seinem Gott. Die Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten war eine geschichtliche Erfahrung, eine Befreiung aus bedrückenden politischen Verhältnissen in direkter Auseinandersetzung mit den Machthabern der Zeit. Darauf warten sie in Babylon. Und genau das verspricht Gott ihnen. Wie ein politischer Unterhändler stellt sich Gott dar, der Ägypten und halb Nordafrika geben will, damit Israel frei wird und zurückkehren kann in die Heimat. Gott macht Politik, aus Liebe. Was in der unübersichtlichen Geschichte der Völker passiert, ist das Werk Gottes und Ausdruck einer unvergleichlich engen Beziehung. Zu der gemeinsamen Vergangenheit, zu Gefahr und Krisen, die sie miteinander erlebt und durchgestanden haben, gehört eine Gegenwart. Bis heute glaubt Israel daran, ganz konkret und politisch. Die Gründung des Staates Israel ist für das jüdische Volk auch die Erfüllung eines großen Versprechens. Durch das Wasser sind sie gerettet worden. Und das Feuer konnte sie nicht verbrennen.


So fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir.

Ich will vom Osten deine Kinder bringen und dich vom Westen her sammeln,

ich will sagen zum Norden: Gib her!, und zum Süden: Halte nicht zurück!

Bring her meine Söhne von ferne und meine Töchter vom Ende der Erde,

alle, die mit meinem Namen genannt sind,

die ich zu meiner Ehre geschaffen und zubereitet und gemacht habe.


Gott hat eine Geschichte mit seinem Volk und eine einzigartige Beziehung. Die letzten Worte aus dem großem Versprechen Gottes an sein Volk öffnen einen weiten Horizont. Sie geben mir Mut, mich einzuschleichen in die Hoffnung Israels und nicht zu fragen, ob sie für mich gedacht ist.1

Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein. Dieses Zitat aus dem Liebeslied Gottes an sein Volk wird gerne auch als Taufspruch verwendet. Die Taufe, wie wir sie feiern, betont sehr häufig den Anfang der Geschichte Gottes mit einem Menschen. Das Wunder des neuen Lebens, Gott, der in einem Kind als Schöpfer auf frischer Tat ertappt worden ist, wie Martin Luther es einmal gesagt haben soll.

Die Taufe ist aber auch ein Zeichen dafür, dass wir als Menschen aus allen Völkern in den Bund Gottes mit seinem Volk mit hineingenommen werden können. Bei der Taufe wird Gottes Name über unserem Leben ausgesprochen. Wir gehören damit zu allen, über die dein Name genannt wird. Damit beginnt eine Beziehung, die nicht zerstört werden kann. Gottes Liebe wird auch in unserem Leben konkret, in Geschichten von Gefahr und Krisen und von Rettung. Dass wir geschaffen worden sind, ist doch nur der Anfang. Die Geschichte Gottes mit mir geht weiter, an jedem Tag meines Lebens.


Zu meiner eigenen Taufe habe ich damals ein Geschenk bekommen. Einen silbernen Löffel, nur einen Löffel, kein ganzes Besteck. Das Datum meiner Taufe ist auf der Rückseite eingraviert. Das Datum eines Anfangs. Ein Kinderlöffel eigentlich. Heute liegt er im Besteckkasten zwischen den anderen Löffeln. Und immer wieder esse ich damit.

Amen.




Pfarrerin, Leiterin des Zentrums für evangelische Predigtkultur, Kathrin Oxen
06886 Wittenberg
E-Mail: kathrin.oxen@wittenberg.ekd.de

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