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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

11. Sonntag nach Trinitatis, 11.08.2013

Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 28:10–22, verfasst von Juraj Bándy

 

 

Gnade sei mit euch und Friede...

 

Die Geschichte von Jakobs Traum in Bethel gehört zu den bekannteren biblischen Geschichten. Diese Geschichte wird im Religionsunterricht behandelt, und viele Maler haben sie dargestellt. Für uns ist sie zwar eine bekannte Geschichte, aber denken wir daran, dass sie eine ganz neue Erfahrung des Glaubens beschreibt.

Jakob war auf der Flucht. Warum musste er flüchten? Er hatte sich mit einer List den Segen seines Vaters erschlichen, den sein Bruder Esau bekommen sollte. Jakob hatte seinen fast blinden Vater betrogen. Er hatte seinem Vater vorgegaukelt, dass Esau, der Erstgeborene vor ihm stehe. Der Vater gab so seinen väterlichen Segen Jakob, dem Jüngeren (27, 1ff). Als Esau das erfuhr, wurde er zornig und beschloss, seinen Bruder zu töten (27, 41ff). Daraufhin hat sich Jakob auf Rat seiner Mutter entschieden, dass er zu seinem Onkel Laban nach Haran fliehen wollte (27, 43ff). Dort wollte er warten, bis sich der Zorn seines Bruders beruhigt. Als er auf der Flucht ist, begegnet ihm Gott.

Wir haben also vor uns einen Menschen, der auf der Flucht von dem Ort ist, wo er eine Sünde begangen hat und die Sicherheit bei seinem Verwandten im Ausland sucht. Er hat Angst vor der Begegnung mit seinem Bruder und in dieser Situation begegnet er dem Herrn. Jakob gelang es vor seinem Bruder zu flüchten, aber vor Gott konnte er nicht weglaufen, weil die Flucht von Gott unmöglich ist. Wenn wir diese Umstände des Traumes Jakobs betrachten, dann können wir konstatieren, dass die Begegnung mit Gott besser für ihn ausgefallen ist, als es er verdient hat.

1. Welche neue Erfahrungen des Glaubens hat Jakob in seinem Traum erworben?

a) Er hat erfahren, dass die Begegnung mit Gott überall möglich ist.

b) Er hat erfahren, dass er überall zu Gott beten kann.

c) Ihm wurde bewusst, dass Gott der Geber des Segens ist.

d) Ihm wurde bewusst, dass Gott ihn schützend begleitet.


Ad a) Jakob hat bisher den Herrn nur als einen Familiengott gekannt. Deswegen ist es für ihn überraschend, dass er sich dem Herrn an einem Ort begegnet, wo seine Familie nicht anwesend ist. Das ist für ihn eine neue Glaubenserfahrung, dass ihn Gott außerhalb des Familienhauses anspricht. Er sagt zu ihm: „Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott" (V. 13). Gott ist an keinen Ort und an keine Gruppe von Menschen gebunden. Er ist auch dann gegenwärtig, wenn wir es nicht erwarten. Deswegen hat Jakob überrascht konstatiert. „Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht!" (V. 16).

Ad b) Jakobs Traum ist die Beschreibung des ersten visuellen Traumes in der Bibel. Die erste Erwähnung eines Traumes im Alten Testament befindet sich in Gen. 20, 3, aber Abimelek hört nur das Wort Gottes, aber sieht nichts. Jakob dagegen sieht eine Leiter oder Treppen (wir wissen nicht genau, was das hebräische Wort sullam bedeutet), die die Erde mit dem Himmel verbindet. Die Leiter ist nicht leer, sondern die Engel Gottes bewegen sich auf ihr in beiden Richtungen. Die Engel zeigen in dieser Vision die Verbindung des Himmels und der Erde, die Verbindung Gottes mit den Menschen. Dieser Kontakt zwischen dem Herrn und uns ist durch das Gebet möglich. Die Engel sind dafür da, damit unsere Gebete zu Gott kommen und damit die Antwort Gottes zu uns kommt.

Die Begriffe, die in dieser Geschichte gebraucht werden  Heiliger Ort, Gottes Haus, Pforte des Himmels  ,auf einer Seite die Möglichkeit des Kontakts mit dem Himmel ausdrücken, anderseits aber auch auf die Grenzen hinweisen, die unüberbrückbar sind. Auf der Leiter bewegen sich nur die Engel. Jakob hat selbst im Traum nicht gewagt, auf der Leiter zum Himmel zu klettern.

Ad c) Sofort nachdem der Herr sich Jakob vorgestellt hatte, gab er ihm große Versprechungen: „Das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden" (V. 13 - 14).

Jakob erfuhr in diesem Moment, dass man Gottes Segen weder kaufen (25, 31ff) noch mit List sich erschleichen kann (27, 1ff), sondern ihn als Gottes Geschenk empfangen soll. Der Herr gab den Segen, bevor Jakob nur ein Wort sagen konnte. In diesem Segen bestätigt Gott auch die Zusagen, die er den Vorfahren Jakob schon gegeben hat, den Besitz des Landes, aber er verspricht auch etwas Neues: die mächtige Nachkommenschaft. Als Jakob diesen Segen empfing, hatte er noch keine Kinder.

Der Herr ist der, der uns segnen will. Uns „genügt es" seinen Segen mit Dankbarkeit zu empfangen. Wir müssen dafür keine Vorbedingungen erfüllen.

Ad d) „Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe" (V. 15). Der Herr verspricht Jakob, der seine Heimat verlassen musste, dass er mit ihm wird. Er wird mit ihm sein, wie er mit Abraham und mit Isaak gewesen ist. So, mit dieser Zusage wird der Herr zum Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.

Der Flüchtling Jakob, für den der Boden zu Hause zu heiß war und in ein unbekanntes Land unterwegs war, brauchte solche Zusicherung. Der Herr versprach ihm nicht nur die Beschützung auf dem Weg nach Haran, sondern auch den Rückkehr nach Hause. Der Herr will nicht, damit wir heimatlos wären.


2. Wie reagierte Jakob auf die Begegnung mit Gott?

Er reagierte zuerst mit diesen Worten: „Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels" (V. 17). Die Begegnung des sündigen Menschen mit dem heiligen Gott ist immer schreckenerregend. Die Begegnung mit dem heiligen Gott endete für Jakob besser, als er es verdient hätte. Der Herr straft ihn nicht für den Betrug, sondern gibt ihm einen neuen Segen. Die Güte und die Barmherzigkeit Gottes sind immer größer als unsere Sünden.

Jakob machte dann ein Versprechen, dass der Herr sein Gott sein soll (V. 21b.). Er band aber seine Versprechung auf die Bedingung, dass Gott ihn auf dem Weg hüten, mit den notwendigen Dingen versorgen und nach Hause führen möge (V. 20. - 21a). Er hat irgendwie nicht bemerkt, dass alles, was er verlangte und als Bedingung stellte, Gott ihm schon zugesagt hatte: „Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten..." (V. 15). Sind wir nicht häufig so wie Jakob, dass wir dem Herrn verschieden Bedingungen stellen wollen und nicht merken, dass er uns mehr gibt, als wir von ihm fordern?

Jakob macht auch ein weiteres Versprechen. Er versprach, dass er am Ort, wo er so unerwartet und wundervoll dem Herrn begegnet hat, ein Heiligtum aufbauen werde. Er hielt es für wichtig, damit etwas Sichtbares und Greifbares am diese Begegnung mit Gott ihn erinnere.

Jakob machte noch ein Versprechen. Er hat sich verpflichtet, dass er von seinem Einkommen den Zehnten geben wird (V. 22b). Dieses Versprechen machte er deswegen, weil es ihm klar wurde, dass alles, was er hat, Gottes Gabe ist.

De Begegnung mit Gott ist nur dann wahrhaftig, wenn sie nicht nur unser Herz, sondern auch unsere Geldtasche berührt. Außer Jakobs Beispiel können wir auch das Beispiel von Zachäus nennen. Dieser Oberzöllner, den Herr Jesus trotz des Missmutes von vielen Menschen besuchte, sagte nach der Begegnung: „Siehe, Herr, die Hälfte meiner Güter gebe ich den Armen, und wenn ich jemand betrogen habe, so gebe ich vierfältig wieder" (L 19, 8).

Sind wir dessen bewusst, dass alles, was wir haben, Gotte Gabe ist? Können wir mit Dankbarkeit etwas dem Geber zurückgeben? Wir sollten nicht vergessen, dass den fröhlichen Geber Gott lieb hat (2Kor 9, 7).


3. Vielleicht könnten wir jetzt sagen, dass alle unsere bisherigen Gedanken um einen Traum kreisen. Träume sind Schäume, sagt das Sprichwort. Sollen wir diesen Traum Jakobs so ernst nehmen? Kann man aus einem Traum so viele Folgerungen ziehen?

Wenn es nur um einen gewöhnlichen Traum ginge, bestimmt nicht. Aber wir haben es mit einem erfüllten Traum zu tun. Der Traum wurde nicht nur erfüllt, sondern auch in Jesus Christus übertroffen. Er sagte nämlich zu seinen Jüngern: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren über dem Menschensohn" (J 1, 51).

Worüber Jakob nur träumte, können die Jünger Jesu sehen. Jakob sah in seinem Traum die Pforte des Himmels, die sowohl offen als auch geschlossen sein kann. Die Jünger Jesu können den geöffneten Himmel sehen. Jakob sah in seinem Traum Engel, die sich auf einer Leiter in beiden Richtungen bewegten. Wir wissen aber, dass die Engel Diener des Menschensohnes sind. Wir wissen, dass der Menschensohn für uns dieselbe Funktion hat, die Bethel für Jakob hatte - den Kontakt mit Gott zu sichern.

Wir fragen nicht mehr: Wo ist unser Bethel? Wir können so fragen: Wer ist unser Bethel? Eine so gestellte Frage können wir so beantworten: Unser Bethel, unsere Kontaktperson mit Gott ist der Herr Jesus Christus. Mit ihm können wir uns im verkündigten Evangelium und in den gespendeten Sakramenten treffen. Durch ihn können wir sicher sein, dass Gott mit uns ist und uns schützend begleitet. Amen.

 



Prof. Dr. Juraj Bándy
811 02 Bratislava
E-Mail: bandy@fevth.uniba.sk

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