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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

14. Sonntag nach Trinitatis, 01.09.2013

Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 28:10-19a, verfasst von Jürgen Jüngling


 

Eine Leiter zwischen Himmel und Erde - verträumt, verloren oder verlässlich?

10 Aber Jakob zog aus von Beerscheba und machte sich auf den Weg nach Haran 11 und kam an eine Stätte, da blieb er über Nacht, denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen Stein von der Stätte und legte ihn zu seinen Häupten und legte sich an der Stätte schlafen. 12 Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder. 13 Und der Herr stand oben darauf und sprach: Ich bin der Herr, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. 14 Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. 15 Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe. 16 Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Fürwahr, der Herr ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht! 17 Und er fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels. 18 Und Jakob stand früh am Morgen auf und nahm den Stein, den er zu seinen Häupten gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem Steinmal und goss Öl oben darauf 19 und nannte die Stätte Bethel.

 

1. Für mich steht es außer Frage: Wir haben soeben eine der schönsten Geschichten aus der Bibel gehört - geheimnisvoll, stärkend und Mut machend. Einen Vers davon möchte ich heute Morgen besonders hervorheben, ein starkes Wort der Verheißung an Jakob, den Stammvater Israels: „Ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, ... und will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe." (v15) Ein großes Versprechen an einen jungen Mann, der unsicher und verzagt unterwegs ist und nicht recht weiß, wie alles werden soll. Und dann diese Verheißung längst nicht nur für diesen einen Tag auf der Flucht, sondern eine Zusage für immer: „Bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe." Solche Art von Zusage haben auch wir nötig - einerlei, ob wir an uns selbst oder an unsere diversen Aufgaben in Beruf und Familie denken. Solch eine Zusage hat bleibenden Wert - in der Zeit der Jugend, in der Mitte unserer Jahre und erst recht gegen deren Ende. Da dürfen wir uns sicher sein: Wir stehen nicht auf verlorenem Posten, weil wir unter der Zusage Gottes stehen - ein Leben lang.

2. So viel erst einmal zu diesem einen - für mich zentralen - Vers aus der langen und so traumhaften Geschichte! Der Traum Jakobs auch unser Traum? Einen, den Menschen immer schon geträumt haben? Eine Leiter zwischen Himmel und Erde, die beides verbindet, den himmelweiten Abstand zwischen Göttlichem und Menschlichem einfach überbrückt, eine Leiter, die unsere schwachen Möglichkeiten so ausweitet, dass uns gar der Himmel offen steht - viel zu schön, um wahr zu sein? Ist das nicht auch immer schon das versteckte und doch so offensichtliche Thema von Glaube überhaupt: die Überwindung der gewaltigen Distanz zwischen der himmlischen und der irdischen Sphäre?

Ja, das ist sicher der stets neue Wunsch der Menschheit, zwischen oben und unten vermitteln zu können. Ich erinnere nur an die Menschen damals in Babylon, als sie daran gingen, ihren berühmten Turm zu bauen. Allerdings packten sie das falsch an, zäumten, wenn man so will, das Pferd vom Schwanz auf. Denn sie, sie selber wollten das alles und alles allein bewerkstelligen. Sie fügten beharrlich Stein auf Stein bis hinauf in schwindelnde Höhen, um nur ja dem Himmel näher zu kommen, um ihn gar zu stürmen. Und darüber hatten sie vergessen, dass Gott selber dafür zuständig ist, dass er und nur er die gewaltige Distanz zwischen sich und uns Menschen überbrückt. Er und niemand anders vermittelt diese Nähe. Und den Seinen schenkt er sie mitunter im Schlafe. Ich sage nur: Bethel! Bei Jakob ist das ja mit Händen zu greifen: Ihm ist es vergönnt, den Himmel wirklich offen zu sehen, die Anwesenheit Gottes nahezu körperlich zu erfahren. Zu schön, um wahr zu sein?

3. Charakteristisch ist ja, wie er die Anwesenheit Gottes erlebt hat - auf eine für Gott ganz und gar typische Weise: Jakob erhält eine große Verheißung. Er und durch ihn später sein ganzes Volk sollen das verheißene Land bekommen. Und diese Verheißung geht noch einen Schritt weiter: Gott werde mit ihm sein und ihn behüten, wo immer er auch hinziehe. Und dann ein letzter Schritt: „Ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe." (v15) Das muss man sich geradezu auf der Zunge zergehen lassen: Eben noch hatte dieser Jakob sich trickreich den Segen seines Vaters Isaak erschlichen. Nun verspürte er den heißen Verfolger-Atem seines betrogenen Bruders Esau förmlich im Nacken. Die Angst um Leib und Leben und die Zukunft an sich war übermächtig. Und genau da hinein das Wort der göttlichen Verheißung! Dieses „ich bin mit dir" und jenes „ich will dich nicht verlassen", das sollte fortan zu so etwas werden wie ein Geländer an all´ den Wegen, die Jakob vor sich hatte, auch an den Umwegen und selbst an den Abwegen. Und genau das möchte ich Ihnen heute früh so gerne weitersagen: Dieses Gotteswort gilt und geht mit - so wie damals bei Jakob, so auch bei uns Heutigen, egal, wo wir gerade stehen, und egal, wer wir sind: Ich bin mit dir. Ich, der große Gott, ich nehme dich und nehme euch einfach bei der Hand - damit ihr nicht strauchelt und weitergehen könnt. Allerdings: Die Hand ausstrecken, das müsst ihr schon selber.

4. Die Geschichte mit Jakob geht weiter. Er wird nämlich wach, und es fällt ihm wie Schuppen von seinen Augen, dass Träume mehr sind als Schäume. Erst recht dieser eine elementare Traum in der Nacht. Ihm wird klar, dass Gott wirklich da ist. Und dann passiert etwas, was wir von so vielen Gottesbegegnungen her kennen: Ihn überfällt Furcht und Zittern, Staunen und Erschüttern. Anders kann es wohl auch gar nicht gehen in der direkten Begegnung mit unserem Gott. Es ist ein Gefühl der Faszination auf der einen und eines der Angst auf der anderen Seite. Das haben uns die Propheten berichtet, das kennen wir von Paulus, von Martin Luther und so ebenfalls von Jakob, dem Stammvater Israels. Und auch wir kennen solche Gefühle von der einen oder anderen Gelegenheit her: der Schritt aus der sengenden Hitze in das Dämmerlicht und die Kühle der großen Kathedrale, der Anblick des gerade geborenen und noch ganz schrumpeligen Babys oder das mächtige „Großer Gott..." am Ende des bewegenden Abschiedsgottesdienstes oder oder oder! Ich bin tief davon überzeugt: Es gibt Situationen, in denen man wirklich an der Pforte zum Himmel steht so wie Jakob am Fuß der Leiter. Diese Pforte kann wahrlich überall sein: am steinigen Wüstenort, in meinem oft so banalen Alltag und nirgends so beeindruckend wie alle Jahre wieder am Heiligen Abend. Denn überall da kann sie weit aufspringen, die Tür zum schönen Paradeis. „Tut mir auf die schöne Pforte, führt in Gottes Haus mich ein" (EG 166,1) - das geschieht da, wo wir die Bibel aufschlagen, jenes große Buch der Geschichte zwischen Gott und Mensch. Das geschieht da, wo wir die Hände zum Gebet falten, so wie heute an diesem Sonntag. Das geschieht da, wo wir vor Freude in die Luft springen, und auch dann, wenn wir weder ein noch aus wissen. Die Frage allerdings bleibt: Wie offen und wie bereit sind wir eigentlich für solche Erfahrungen und ebenso die Verheißungen? Jakob jedenfalls hat auf sie gebaut, sich und sein ganzes Volk, und wurde darin zum Segen für viele. Und: Wir hätten viel gewonnen, wenn wir uns darin von ihm anstecken ließen. Amen

 



Oberlandeskirchenrat i.R. Jürgen Jüngling
Kassel
E-Mail: juengling@webgum.de

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