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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

14. Sonntag nach Trinitatis, 01.09.2013

Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 28:10-22, verfasst von Bernd Giehl


 

Liebe Gemeinde!

Eigentlich sollten wir doch zufrieden sein. Na, jedenfalls wir Deutschen, die wir noch in Urlaub fahren und den Enkeln etwas zustecken können, wenn wir mal zu Besuch kommen. Eigentlich geht es uns doch gut. Eigentlich hat die CDU doch recht, wenn sie jetzt im Wahlkampf lauter glückliche Menschen zeigt. Anders als die Länder Südeuropas hat uns die Finanzkrise doch weitgehend verschont. Keine 25% oder gar 50% Jugendarbeitslosigkeit Keine junge Generation, die schon auf gepackten Koffern sitzt, um irgendwo anders ein besseres Leben zu suchen.

Eigentlich sollten wir doch ... Aber wie das immer so ist. Menschen, die „eigentlich" glücklich sein könnten, weil sie das haben, was ihre Existenz sichert, ein Zuhause, eine Arbeit, ein bisschen Geld, eine Familie, die wollen mehr. Die wollen wissen, warum sie auf der Welt sind. Die wollen einen Sinn für ihr Leben haben. Es reicht ihnen nicht, für ihre Arbeit zu leben. Oder ihren Platz auszufüllen, auf den Gott, das Leben oder das Schicksal sie gestellt hat. Die wollen wissen, wofür sie auf der Welt sind.

An dem Punkt kann sie beginnen, die Geschichte, die einen ins Unbekannte treibt. Was daraus erwächst, Glück oder Unglück, Leid für alle Beteiligten oder der große Lottogewinn des Lebens, das wissen wir noch nicht.

*

Eigentlich sollte er doch zufrieden sein. Er ist geborgen in einer Familie. Die Mutter liebt ihn; mit dem Vater kommt er aus. Der Familie geht es gut. Über Generationen hat sie einen gewissen Wohlstand erworben. Sie haben Hirten, die sich um die Tiere kümmern. Er muss nicht so hart arbeiten wie viele andere seiner Altersgenossen. Er kann einen gewissen Luxus genießen.

Aber wenn einer „eigentlich" sagt, dann stimmt meist etwas nicht. Dann ist es Zeit, die Ohren spitzen.

Doch, ja. Einen Punkt in seinem Leben gibt es, der ihm Kopfzerbrechen bereitet. Das ist die Ungerechtigkeit seiner Geburt. Er ist begabter als sein Bruder, er hat mehr Phantasie, wenn er will, steckt er seinen Bruder bei jeder Diskussion in die Tasche. Der ist der Praktiker, er ist der Intellektuelle. Der, der denken kann. Und wer denken kann, sollte doch eigentlich der Chef des Hauses werden. Aber da ist halt der Nachteil seiner Geburt. Dieses Leben mit seiner ganz eigenen Art von Humor. Wenn er wenigstens fünf Jahre jünger wäre als sein Bruder. Oder sagen wir: zwei Jahre. Aber es ist nur eine Viertelstunde, die sie voneinander trennt. Sie sind Zwillinge, aber sein Bruder Esau ist ein paar Minuten vor ihm auf die Welt gekommen.

Er hat mit seinem Vater über das Thema gesprochen. Er hat gesagt: Ich kann das Vermögen eher mehren als mein Bruder. Sein Vater hat ihn fortgeschickt. Seine Mutter hat ihm zugehört, sie hat versucht, ihn zu trösten, aber am Ende hat sie auch nichts für ihn tun können.

Jakob träumt vom besseren Leben. Davon, nicht nur der zweite zu sein. Er träumt über sich hinaus. Er schmiedet einen Plan. Er ist listiger als sein Bruder, der tumbe Tor.

Nur eins hat er in seinen Planspielen vergessen. Sein Bruder ist ein Jäger und notfalls auch ein Krieger.

Am Ende steht Jakob mit leeren Händen da. Am Ende befindet er sich auf der Flucht vor seinem Bruder, der ihn töten will. Am Ende liegt er an einem öden Ort, mit einem Stein als Kopfkissen und sieht womöglich am Himmel, das Sternbild des Orion, des Jägers, der seinen Bogen auf ihn richtet.

*

Nun weiß ich immer noch nicht, ob dieser Jakob mir sympathisch ist. Auch nach 30 Jahren im Pfarramt weiß ich es nicht. Aber was ich spüre: Ich verstehe ihn. Das Leben ist ungerecht, scheint er zu denken. Erst gibt es mir das Talent, das ich habe, und dann verwehrt es mir, diese Begabungen auch zu nutzen. Nun können Sie natürlich einwenden, dass er für solche Gedanken noch viel zu jung sei, dass er sich dazu erst einmal erproben müsse, aber Jakob lebt in einer Zeit, wo schon die Geburt darüber entscheidet, welchen Platz im Leben man einnimmt.

Manchmal ist das Leben ungerecht. Oder vielleicht empfindet man es ja auch nur so. Wenn die Konkurrenten, die einem so viel weniger fähig zu sein scheinen, an einem vorbeiziehen und man selbst zurückbleibt, wenn man an den Rand geschoben wird und es nicht versteht, wenn man sich alle Mühe gegeben hat, deren man fähig war, aber es reichte nicht, dann ...

erwächst daraus Enttäuschung, bittere Resignation womöglich oder einer hilft der Gerechtigkeit nach und dann wird es erst recht bitter.

So oder so, einen guten Ausgang kann man sich da eigentlich nicht vorstellen und womöglich sollte ich dem Betreffenden eine gewisse bürgerlich-behagliche Resignation wünschen, ein sich Schicken ins Unabänderliche bei einem guten Essen einem Glas Rotwein und am Ende einem Grappa und einer guten Zigarre.

*

Aber natürlich geht die Geschichte so nicht weiter. Andernfalls würde da der berühmte Satz stehen: „Und so lebten sie glücklich und zufrieden bis an ihr seliges Ende ..." aber der steht da nicht. In dem Fall müsste sie ja gar nicht erst erzählt werden. Nun muss ich gestehen, dass ich mir, als jemand der hin und wieder selbst gerne Geschichten erzählt, alle möglichen Fortsetzungen vorstellen könnte, dass ich aber auf die, die hier erzählt wird, wohl eher nicht gekommen wäre. Jakob legt sich an dem Ort, von dem vorhin die Rede war, zum Schlafen und dann träumt er von einer Leiter, die vom Himmel bis auf die Erde reicht. Er sieht Engel, die auf ihr hinauf- und hinunter steigen und dann erscheint Gott selbst und redet ihn an. „Ich bin Jahwe, der Gott deines Vaters Abraham und Isaaks Gott; das Land auf dem du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. Und dein Geschlecht soll ausgebreitet werden wie der Staub auf Erden ... und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden." Das ist, fast wörtlich, die Verheißung, die Gott einige Kapitel zuvor dem frommen Abraham gegeben hat.

Ich kann mir vorstellen, dass da mancher rechtschaffene Christ das Gefühl bekommt, angesichts dieser zweifelhaften Gerechtigkeit Gottes ziehe es ihm die Schuhe aus. Jakob, der Schuft, hat doch seinen Vater und seinen Bruder betrogen. Der hat Leid über seine ganze Familie gebracht. Der wollte das Recht des Erstgeborenen, wenn nötig mit List und Betrug, und nun bekommt er das noch Größere: den Segen des Allmächtigen, und die Verheißung an Abraham geht nun nicht an Esau, sondern an den, der Unrecht tat.

Und die andere Reaktion, die ich mir vorstellen kann ist der Satz: Manchmal nimmt das Leben doch noch einen unerwartet guten Ausgang.

*

Aber womöglich ist da noch mehr zu sagen. Als Erstes wohl dies, dass Gott selbst es ist, der die Geschichte noch einmal öffnet. Und ihr damit eine völlig unerwartete Wendung gibt. Nun ist das aber zugleich die Stelle, an der ich regelmäßig ins Grübeln gerate. Wie soll ich hier fortfahren? Ich könnte in die lichten Höhen der Theologie hochsteigen und die Himmelsleiter als Symbol für das Kommen Gottes in der Gestalt des Christus interpretieren. Schließlich ist es ja nicht Jakob, der mal kurz eine Leiter an die Sterne anstellt, sondern es ist Gott, der vom Himmel auf die Erde herabkommt.

Aber so verlockend das auch sein mag, weil es dem, der diese Geschichte auslegt, viele Schwierigkeiten erspart, so abstrakt bleibt es doch. Es befreit den Predigenden von der Mühe des eigen Nachdenken. Wo bin ich Gott begegnet? Und was hat diese Begegnung bewirkt?

Aber gibt es sie denn, diese Begegnungen mit Gott? Viele werden da ihre Zweifel haben. Gut, da findet man diese Geschichten in der Bibel, aber ist die Bibel nicht etwas ganz Anderes als das Leben? Vielleicht geben die, die so denken, ja noch zu, einen Hauch von Gott in dieser oder jener Kirche gespürt zu haben oder womöglich von einem Gottesdienst angesprochen worden zu sein, aber war das wirklich eine Begegnung mit Gott?

Ich kann die Frage nicht beantworten. Es gibt keine eindeutige Antwort auf diese Fragen. Man kann das nur für sich selbst entscheiden und aus der eigenen Erfahrung weiß ich, dass die Antwort bei ein- und derselben Person zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich ausfällt.

Wenn das alles aber so schwierig ist, und wenn man nicht endlos ins Grübeln über das eigene Leben kommen will, kann man sich ja auch einmal in der Literatur Hilfe holen. Die für mich schönste Beschreibung habe ich bei dem (emeritierten) Neutestamentler Klaus Berger in seinem „Jesus" Buch gefunden.

„Was heißt hier ‚Gott'?" so fragt Berger. Und dann antwortet er: „Geläufig ist das Bild vom alten Mann mit Bart. Das ist der Gott der Deisten. Er hat sich vornehm zurückgezogen aus dem Schlamassel, will nichts damit zu schaffen haben. Menschen erfahren Gott vielfach ganz anders - etwa als letzten Halt in größter Not, so wie Jesus, der voll Verzweiflung und Empörung ruft: Mein Gott, wozu hast du mich verlassen? Vielleicht erfahren wir Gott ganz tief drinnen im dunklen Wald unserer Nöte als die Wasserscheide. Es mag sein, dass wir ihn - einmal so tief vor- und eingedrungen - als den entdecken, der leise und verborgen wirklich alles wendet. Das meint ja ‚Neue Schöpfung‘ - das, was Gott vorhat. Das Neue Testament nennt es ‚sein Reich‘ - Morgenrot über den Ruinen, die Mord und Verbrechen geschaffen haben. Gott ist auch zu entdecken als der Punkt im Innersten der Welt (und gleichzeitig über sie hinausragend), der von Ungerechtigkeit unberührt ist, die Hoffnung aller Opfer, genau jene Hoffnung, von der man sagt, sie stirbt zuletzt. Gott ist zu finden als der alleräußerste, letzte Vorposten, von dem her das Ganze noch einmal neu zu bedenken ist, dass das Geheimnis der Welt am Ende für uns ist und nicht gegen uns. Gott ist aber auch der Widerstand, den wir geradezu physisch spüren können, wenn wir um Gerechtigkeit bitten und betteln und wir merken: Es wird uns nicht gewährt, was wir wollen; wir müssen die Mauer des Schweigens noch heftiger stürmen. Gott will wissen, dass er ganz nötig gebraucht wird, dann kann er sich liebevoll öffnen." (Klaus Berger: „Jesus", Augsburg 2005, S. 626)

*

Schön, wie Berger da von Hoffnung spricht. Ich jedenfalls könnte es nicht schöner sagen.

Aber womöglich muss man auch nicht so tief hinab. Man kann auch bei der eigenen Erfahrung bleiben. Und die sagt: Es gibt immer wieder einen Weg. Manchmal findet man ihn unerwartet. Man hat ihn nicht gesehen; je mehr man grübelte und suchte, desto mehr Wege verschlossen sich. Es wurde dunkler; „Hoffnung" schien ein Wort ohne Sinn zu sein. Aber gerade als man aufgeben wollte, öffnete sich ein neuer Weg. Nicht dass man es gleich bemerkt hätte. Es geschah allmählich, fast so wie nach einer langen schlaflosen Nacht ein neuer Morgen heraufdämmert. Der ist ja - zumindest in unseren Breiten - auch nicht sofort da, sondern erst einmal ist da ein graues Licht. Umrisse schälen sich heraus. Die Farben komme erst später.

Es ist eine schöne Erfahrung. Man muss hier nicht von Wunder sprechen. Auch nicht von einer Begegnung mit Gott. Aber man kann davon sprechen. Wahrscheinlich gibt es Menschen, denen Gott an anderen Stellen in ihrem Leben begegnet. Aber wahrscheinlich ist es auch gar nicht so wichtig, wie es passiert. Es ist schon viel, wenn man das überhaupt sagen kann: Mir ist in meinem Leben Gott begegnet.

 



Pfarrer Bernd Giehl
64569 Nauheim
E-Mail: giehl-bernd@t-online.de

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