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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

14. Sonntag nach Trinitatis, 01.09.2013

Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 28:10-19, verfasst von Harald Klöpper


 

Gewagte Träume

Führungsstärke und Organisationstalent werden heute in vielen Stellenausschreibungen am Arbeitsmarkt vorausgesetzt. Menschen werden gesucht, die selbst in schwierigen Situationen scheinbar alles im Griff haben.

Die Bibel berichtet stattdessen eher von Menschen, denen das Wasser bis zum Hals steht. Menschen in Grenzsituationen erleben wir da, die sich irgendwie durchschlagen, bis sie von Gott getragen werden. Nur darum müssen sie letztlich nicht klein beigeben und können den aufrecht gehen, weil sie ahnen und glauben, dass Gott mit ihnen geradezu Traumhaftes vorhat.

Zu der zweiten Kategorie Mensch gehörte auch Jakob, einer der Stammväter im Glauben des Alten Testaments. Er ist der Zweitgeborene und hängt zum Verdruss seines Vaters Isaak am Rockzipfel der Mutter Rebekka, oder wie es in 1. Mose 25, 27 im Vergleich zu seinem älteren Zwillingsbruder Esau heißt:
Esau wurde ein Jäger, der am liebsten in der Steppe umherstreifte. Jakob wurde ein häuslicher, ruhiger Mensch, der bei den Zelten blieb.

Esau der unternehmerische Macher, Jakob der Stubenhocker. Nur mit List und Tücke schafft es Jakob, seinen Bruder Esau, den auserkorenen Stammhalter und somit eigentlichen Hoffnungsträger der Familie, zu überrunden. Zwar war es dem Zurückgesetzten gelungen, seinem älteren Bruder das Erstgeburtsrecht abspenstig zu machen. Aber wie wackelig dies war, wird daran deutlich, dass er sich nur durch einen ziemlich üblen Trick seiner Mutter Rebekka den Erstgeburtssegen seines Vaters Isaak erschleichen kann. Kein Wunder, dass Esau stinksauer ist und Jakobs Kopf will. In 1. Mose 27, 41 lesen wir:

 Esau konnte es Jakob nicht vergessen, dass er ihn um den väterlichen Segen gebracht hatte. Er dachte: „Mein Vater lebt nicht mehr lange. Wenn die Trauerzeit vorüber ist, werde ich meinen Bruder Jakob umbringen."

Und wieder ist Mutter Rebekka am Zug. Im Gegensatz zum Vater Isaak hatte sie schon immer Jakob bevorzugt. Sie schickt ihren Lieblingssohn darum kurzerhand fort. Außerdem nutzt sie die Gunst der Stunde. Ihr Mann ist nämlich über Esau verärgert, weil der ohne langes Fackeln sein Schicksal in die Hand nimmt. Als Jäger und Sammler lebt Esau ganz im hier und jetzt, sucht seine Chance im Vorfindlichen und heiratet zwei Hetiterinnen aus der Gegend. Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah?

Rebekka weiß, wie sehr dies ihren Mann Isaak wurmt. Genau das nutzt Rebekka aus: um Jakobs Ansehen bei seinem Vater zu steigern, schickt sie Jakob kurzerhand zu ihrem Bruder Laban. Dort, im fernen Mesopotamien soll er heiraten. Zudem wäre er dort vor Esaus Rachegelüsten sicher.

Hier beginnt nun der vorgesehene Abschnitt des Predigttextes aus 1. Mose 28:

10 Jakob zog aus von Beerscheba und machte sich auf den Weg nach Haran
11 und kam an eine Stätte, da blieb er über Nacht, denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen Stein von der Stätte und legte ihn zu seinen Häupten und legte sich an der Stätte schlafen.
12 Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder.
13 Und der HERR stand oben darauf und sprach: Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben.
14 Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden.
15 Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.
16 Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht!
17 Und er fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels.
18 Und Jakob stand früh am Morgen auf und nahm den Stein, den er zu seinen Häupten gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem Steinmal und goss Öl oben darauf
19 und nannte die Stätte Bethel; vorher aber hieß die Stadt Lus.

„Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht!" Deutlicher kann es kaum ausgedrückt werden. Für Jakob war Gott bisher eher zweitrangig gewesen, ein Bekenntnisstand der Eltern, aber nichts persönlich Aufregendes.

Aber mit der Vision von der Himmelstreppe ändert sich das schlagartig. Neue, ja geradezu heilige Lebensdimensionen und Zukunftsperspektiven tuen sich Jakob auf. In Beth-El, dem Haus Gottes, erfährt Jakob Hoffnung, Schutz, ja sogar Freiheit und inneren Frieden. Dieser unerwartete Schatz verwandelt den optisch unscheinbaren und deshalb sogar im übertragenen Sinn steinigen Ort. Für Jakob wird er geradezu zu einer „Pforte des Himmels". Hoffnung, Schutz, Freiheit und inneren Frieden machen das möglich.

War Jakob zuvor ein von Minderwertigkeitsgefühlen, Ehrgeiz und von seinen Gaunereien Getriebener, so findet er in Beth-El unverhofft eine Zuflucht. Welch ein Segen!

Dieser Segen reicht weit. Weit hinaus über das egozentrische und verzogene Muttersöhnchen, das wie ein pubertierendes Kind kaum weiter als an die Erfüllung der eigenen Wünsche denkt. Im Gegenteil: Mit der Vision der Himmelsleiter, dem Erspüren von Gottes Nähe wird Jakob auf einen Schlag erwachsen. Er wächst über sich selbst hinaus und wird sogar Verantwortung für andere übernehmen. So kann er in der Tat zum Segen werden für alle Geschlechter, also für die ganze Menschheit.

Aber vergessen wir nicht: diese Vision ist ein Traum, keine Beschreibung der Realität. Trotz der Vision ist Jakob immer noch auf der Flucht vor seinem Bruder und auf der Suche nach Anerkennung durch den Vater. Ein Albtraum. Aber nach dem Traum von Gottes Nähe und Zusagen muss der nicht mehr seine Gegenwart bestimmen.

Um diese neue Freiheit niemals zu vergessen und aus Dankbarkeit, dass Gott ihn in der Not angenommen hat, errichtet Jakob das Steinmal. Niemals wieder wird er vergessen: Ich kam nach Beth-EL, dem Haus Gottes, wie ich war. Aber er schenkte mir die Zuversicht, dass ich nicht auf ewig derselbe bleiben muss. Stattdessen kann ich mein Leben auf Hoffnung, Freiheit und Frieden mit allen Menschen ausrichten.

Vor 50 Jahren, genauer gesagt am 28. August 1963, hatten sich ebenfalls Menschen auf einen langen und steinigen Weg gemacht. Aber einmal in Washington angekommen, sollte sich auch ihr Blickwinkel sollte durch einen Traum weiten.

Zu sehen war an diesem Tag in Washington aber keine gewaltige Himmelsleiter, sondern ein eher relativ kurz geratener Mann. Sein Name? Martin Luther King. Ihm sollte es in der Abschlussrede gelingen, nicht nur an der erlösenden „Pforte des Himmels" zu rütteln, sondern sie mit einem Traum um mehr als einen Spalt zu öffnen.

Die Hundertausende vor ihm waren allerdings alles andere als Muttersöhnchen. Eigentlich teilten sie mit Jakob lediglich das Schicksal, vehement in die zweite Reihe gestellt zu sein. Dagegen und für ihr Menschenrecht gingen sie auf die Straße und wehrten sich. Sie verbaten sich aber die unlauteren Mittel des Jakob.

Was der Grund für ihre Diskriminierung war? In den damaligen USA galten sie aufgrund ihrer Hautfarbe als Bürger zweiter Klasse. Und dagegen rumorte es schon lange. In den Kirchen mehr als in den Gewerkschaften und Parlamenten.

Nur weil die Kirchgänger sich zur Wehr setzten, hatten sie sich 8 Jahre zuvor in Montgomery mit einem monatelangen Busboykott das Recht auf einen Busplatz erstritten. Weitere Aktionen folgten: friedliche Demonstrationen, Sit-Ins in Restaurants, Versuche die Kinder in Weißen vorbehaltenen Schulen anzumelden. Selbst für das Wahlrecht hatten sie kämpfen müssen.

Bei ihrem Protest gegen die damals gültigen Gesetze der Rassentrennung gingen sie jedoch erstaunlich phantasievoll und friedfertig um. Gewaltfreiheit war oberstes Prinzip. Bei aller Klarheit in der Darstellungen der Missstände, die Hand blieb offen ausgestreckt. An vielen Orten der Welt wurden sie damit zum Vorbild. Dennoch landeten diese Bürgerrechtler zu tausenden im Gefängnis. Einige von ihnen wurden sogar wiederholt von aufgebrachten Mobs windelweich geschlagen oder sogar ermordet.

All das hatte die Bürgerrechtsbewegung nicht aufhalten können. Zu einer Krise kam es dennoch im Frühling 1963. Denn im April fanden sich in Birmingham (Alabama) kaum noch Erwachsene, die für ihre Rechte auf die Straße gehen wollten. Sie zogen stattdessen ihre Ruhe vor und setzten auf allmähliche Reformen. Besonders die Begüterten blieben den Versammlungen fern und begnügten sich lieber mit dem Vorhandenen, als sich für soziale Gerechtigkeit und die gesellschaftliche Integration aller einzutreten. Selbst schwarze Pastoren konstruierten einen Gegensatz zwischen binnenkirchlicher Evangeliumsverkündigung und gesamtpolitischem Engagement. Das blieb sogar so, als an Karfreitag 1963 der für Bürgerrechte einstehende Martin Luther King mit gerade einmal 40 weiteren Aktivisten als angeblicher Unruhestifter verhaftet wurde.

In dieser für die Bürgerrechtler unerwarteten Krise traten zum Erstaunen aller die Menschen aus der dritten Reihe nach vorne: Schulkinder von der Oberstufe bis zur Grundschule. Im Mai 1963 gingen sie gegen die Hoffnungslosigkeit für sich und ihre Eltern demonstrieren. Zu Hunderten füllten sie die Straßen, schwänzten die Schule, lachten und sangen Freiheitslieder, selbst als sie verhaftet wurden.

Das steigerte den Zorn der lokalen Ordnungskräfte: am zweiten und den weiteren Tagen der Proteste wurden Wasserwerfer auf sie gerichtet, Hunde auf sie gehetzt. Die entsetzlichen Bilder gingen um die Welt und machten deutlich: Rassismus ist brutal und kann so nicht weitergehen. Mochte Kennedy auch in Berlin eine gute Figur machen, zu Hause gab es dicke Probleme.

Am 28. August sollte dies in Washington verdeutlicht werden. Von über 10 Rednern wurden darum verschiedene Forderungen für bessere Arbeitsbedingungen, für Chancengleichheit gestellt, von denen die Abschaffung der Rassendiskriminierung nur eine war.

Ein wahrer Durchbruch aber gelang Martin Luther King am Nachmittag, als er spontan sein Redekonzept beiseitelegte und seinen großen, inklusiven Traum eines anderen Amerika ausbreitete:

Ich habe einen Traum, dass sich auf den roten Hügeln von Georgia eines Tages die Söhne von früheren Sklaven und die Söhne von früheren Sklavenbesitzern am Tisch geschwisterlich niedersetzen können. Ich habe einen Traum, dass eines Tages selbst der Staat Mississippi, ein Staat, der unter der Hitze der Ungerechtigkeit und unter der Hitze der Unterdrückung schmort, in eine Oase der Freiheit und Gerechtigkeit verwandelt wird. Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der sie nicht nach der Farbe ihrer Haut, sondern nach dem Wesen ihres Charakters beurteilt werden...

Wenn dies geschieht, und wenn wir erlauben, dass die Glocken der Freiheit läuten, ... werden wir schneller den Tag erleben, an dem alle Kinder Gottes, Schwarze und Weiße, Juden und Christen, Protestanten und Katholiken sich an der Hand halten können und die Worte des alten Neger-Spirituals singen: Endlich frei, endlich frei. Dank sei Gott, dem Allmächtigen, wir sind endlich frei. [eigene Übersetzung]

Wieder ist es ein Traum, der aufhorchen lässt und Leben verändern wird. Auch ohne Himmelsleiter, Engeln und Erscheinung Gottes. Nichtsdestoweniger von ähnlicher Qualität.

Martin Luther King hatte gesagt: „Ich habe einen Traum." Gehört und verstanden wurde aber „Wir haben einen Traum". Ein Traum, der verschlossene Türen öffnet, der inklusiv ist, niemanden ausschließt, verengte Herzen weitet und darum keine Angst hat, Gott als Urheber für Chancengleichheit und ungeahnte Freiheiten zu nennen.

Davon können wir kaum genug bekommen. Denn auch heute, 50 Jahre später, sind wir weit davon entfernt, eine Gesellschaft ohne Menschen zweiter und dritter Klasse zu sein. Nicht nur in den USA. Die Hautfarbe spielt zwar immer noch eine Rolle, doch die großen Trennungslinien zeichnen sich heute eher ab bei Besitz und Arbeitsplatz. Wer sich heute außerhalb dieser beiden Felder bewegt, wird ausgegrenzt, kontrolliert und bevormundet. Feinschattierungen kommen hinzu nach geschlechtlicher Zugehörigkeit, Staatsangehörigkeit, Behinderung, Alter...

Ein ungeheuerlicher Rechtfertigungszwang macht sich darum breit, warum es keine Alternativen zu immer größeren Einkommensspannen geben soll. Die Wirtschaft diktiert, wo es gesellschaftlich lang geht, selbst wenn sie mehr Geld mit Mogelpackungen wie hedge fonds generiert als mit der Produktion reeller Waren.

Die Menschen werden darüber kleinkariert, überlegen sich wie Jakob, wie sie den Bruder und Nächsten übervorteilen können. Das ist Lichtjahre entfernt von der Freiheit, sich ohne Rechtfertigungszwang gemeinsam an einen Tisch zu setzen, sich vorbehaltlos gerade auch in schwierigen Situationen die Hand zu reichen.

Umso wichtiger wird deshalb Religion in seinem ursprünglichen Wortsinn als „Festhalten" an und „Verbinden" mit einer Vision vom Miteinander von Mensch und Gott. Jakob hat es erlebt, Martin Luther King hat es beschworen. Träume können so viel mehr sein als Schäume, weil ihnen eine bewegende, verändernde und gestalterische Sehnsucht innewohnen kann.

Martin Luther King hat in seinem späteren Leben deshalb auch seinen Traum immer wieder erweitert. Schwebten ihm 1963 noch staatliche Förderungsprogramme zur Vollbeschäftigung mit heute 15 Euro Mindestlohn vor, so zieht er vier Jahre später aus der zögerlichen Umsetzung der Regierungsprogramme den Schluss, dass nur eine Art bedingungsloses Grundeinkommen dauerhaft das Elend aller Beteiligten beseitigt. Denn um nichts weniger geht es King. Die Menschen sollen in Frieden ein Auskommen mit einander haben.

So wie Jakob sich durch die Gottesbegegnung in Verantwortung sieht für „alle Geschlechter auf Erden", wird King in seinem letzten Buch die provozierende Frage stellen: „Where Do We Go from Here: Chaos or Community?" (Wohin führt unser Weg: Chaos oder Gemeinschaft?) Für Jakob und King steht fest: die Menschen werden dem Chaos nur in Beth-El entkommen, dem Haus Gottes.

Sicherlich ist das ein gewagter Traum und eine Herausforderung. Aber auf ihm liegt der inklusive Friede und der versöhnende Segen Gottes. Deshalb ragt auch aus dieser Verheißung die Pforte des Himmels, die höher ist als alle Vernunft und unsere Herzen bewahrt in Christus Jesus. Amen.

 



Pfarrer Harald Klöpper
32052 Herford
E-Mail: kloepper@chrina.org

Bemerkung:
Liedvorschläge:
Halte deine Träume fest (LebensWeisen 24)
We shall overcome (EG NB 616)
Ich träume eine Kirche (Durch Hohes und Tiefes 197)
Da wohnt ein Sehnen tief in uns (LebensWeisen 19)
Es kommt die Zeit (Durch Hohes und Tiefes 388)




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