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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

18. Sonntag nach Trinitatis, 29.09.2013

Predigt zu Exodus (2. Buch Mose) 20:1-17 "Ich bin der Herr, dein Gott", verfasst von Andreas Pawlas



Und Gott redete alle diese Worte: Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an vielen Tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten. Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der HERR wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht. Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligest. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt. Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der HERR den Sabbattag und heiligte ihn. Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebest in dem Lande, das dir der HERR, dein Gott, geben wird. Du sollst nicht töten. Du sollst nicht ehebrechen. Du sollst nicht stehlen. Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles, was dein Nächster hat.

Liebe Gemeinde!

Jetzt gibt es sicherlich manche unter uns, die denken bei sich: „Mein Gott, was für ein langweiliger Predigttext. Denn die zehn Gebote kennt doch wirklich jeder". Ja, auch ihr Hauptkonfirmanden kennt sie. Denn wir versuchen doch schon seit einer ganzen Weile, sie nicht nur zu lernen, sondern sie auch zu begreifen, zu hinterfragen und zu aktualisieren. Darum denken jetzt vielleicht auch manche: „Prima, endlich einmal ein Predigttext, den wir alle genau kennen." Denn: wer kennt nicht die zehn Gebote? Welchem Volk, welcher Religion einer auch angehören mag, so ist doch zumindest der Inhalt dieser Gebote jedem bekannt. Und fast jedem Kind auf der Welt werden diese Gebote oder ihr Inhalt auf irgendeine Weise nahe gebracht.

Und dennoch bringt mich dieser Predigtauftrag in eine ganz persönliche Schwierigkeit. Warum? Nein, bestimmt nicht, weil ich etwa gerade gestohlen, gelogen, oder jemanden umgebracht hätte, sondern aus ganz einem anderen Grund. Und das hängt mit meiner ersten Pfarrstelle in Lauenburg/Elbe zusammen. Denn als ich dort auf dem Boden meines in die Jahre gekommenen Pastorats herumstöberte, da fand ich mit einem Mal ein altes schön gedrucktes Original-Edikt aus dem Jahre 1727. Darin gebot der damalige Herzog allen Herrschaften im Herzogtum Lauenburg strikt, zu einem bestimmten Sonntag ihre Hausangestellten zur Kirche zu schicken. Ob sie wollten oder nicht, war ihnen derart befohlen, zur Kirche zu gehen. Und weiter gebot dieses Gesetz ganz eindeutig allen den Pfarrern in dem Herzogtum, an diesem Sonntag streng über die Verwerflichkeit von Hausdiebstählen zu predigen.

Na, wie klingt das für unsere heutigen Ohren? Jedenfalls hatte ich mir dann dieses alte Gesetz an die Wand meines Amtszimmers gehängt. Und wozu denn bitte? Doch um mich gefälligst immer an den Schwur zu erinnern, den ich sofort erschreckt bei der Entdeckung dieses Ediktes getan hatte, nämlich an den Schwur, niemals so zu predigen, wie der Herzog es wollte.

Jetzt weiß ich nicht, ob Sie und Ihr verstehen könnt, warum ich so erschreckt war und dann ein solchen merkwürdigen Schwur tat? Aber mir wurde dabei schlagartig klar, in was für eine Ecke Prediger und Kirche durch ein solches Edikt gedrängt wurden: Der Pastor, der sollte gefälligst der Mann mit dem moralisch erhobenen Zeigefinger sein. Pastor und Kirche als eine Art Zwangsinstanz der Obrigkeit!

Allerdings, war das etwa nur damals so und ist es nun in unseren heutigen demokratischen Zeiten alles ganz anders? Aber warum erlebe ich es denn noch so oft, dass ein Kreis von gestandenen Männern sehr schnell das offenbar pikante Thema wechselt, wenn ich als Pastor in die Nähe komme? Oder dass Frauen sehr schnell aufhören, die letzten Hässlichkeiten über die Nachbarin auszutauschen, wenn ich als Pastor um die Ecke biege? Für mich sieht das nicht anders aus, als wenn Pastoren und Kirche einfach nur als so etwas wie eine Sittenpolizei verstanden werden. Und für viele Kinder bedeutet darum Gottesdienst und Kirche nur, dass die vielen, ihnen schon im Elternhaus lästigen Gebote und Verbote mit allem „Du sollst" und „Du darfst nicht" nun auch noch einmal verstärkt am Sonntag morgen eingebläut werden sollen - und das auch noch auf freiwilliger Basis! Ist es da ein Wunder, dass viele Kinder und genauso Erwachsene Reißaus nehmen, um sich einem solchen Trommelfeuer an Weisungen und Einschränkungen, an Geboten und Verboten zu entziehen und stattdessen die Freiheit genießen, sich sonntags morgens genüsslich im Bett zu aalen oder auf dem Fußballplatz das Spiel ihrer Lieblingsmannschaft anzusehen?

Aber obwohl das so ist, soll und will ich trotzdem über die Zehn Gebote predigen. Und dabei will ich gar nicht das herausstreichen, was allen, die auch nur die geringste Verantwortung tragen, wissen: nämlich wie notwendig diese Gebote sind, und dass sicherlich alles unter uns drunter und drüber gehen würden, wenn etwa das Verbot zu töten, zu stehlen, zu ehebrechen usw. aufgehoben würde. Aber muss ich das als Prediger alles noch einmal wiederholen? Muss ich mich als Prediger darum zu einer Art Arm unserer Polizei machen, wo doch eigentlich jeder wissen müsste, wie die notwendigen Gebote aussehen und dass sie nach Gottes Willen sein sollen und in Gottes Wort ihren tiefsten Grund haben?

Nein, ich will jetzt etwas anderes machen. Und das will ich tun, ohne diese Notwendigkeiten der Gebote und diese Verankerungen unserer Lebensgesetze auch nur anzutasten und ohne die furchtbaren Konsequenzen für diejenigen zu verschweigen, die die Gebote Gottes durchbrechen, nämlich Folgen bis ins dritte und vierte Glied.

Wirklich, ich will jetzt etwas anderes tun. Und zwar will ich jetzt diejenigen beim Wort nehmen, denen die Freiheit so wichtig ist, und die sich die Freiheit genommen haben, sich etwa durch das Gebot der Sonntagsheiligung nicht binden zu lassen, und heute morgen deshalb hier nicht im Gottesdienst sind. Ich will sie jetzt beim Wort nehmen und genau auf das Wort „Freiheit" hören. Ich will jetzt darauf hören, was es heißt, dass für diejenigen, die sich in die Nachfolge Christi stellen, die zehn Gebote zu den „Zehn großen Freiheiten" des christlichen Lebens werden.

Aber wenn man einmal genau auf unseren Bibeltext schaut, dann sieht man tatsächlich, dass das ist keinesfalls hergesucht ist, sondern dass genau Freiheit und Befreiung die Einleitung und Begründung für das göttliche Wort sind, unter das wir uns gestellt haben. Denn Gott spricht zu dem alten Gottesvolk: „Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir."

Unser Gott war es eben, der sich mächtiger erwiesen hatte, als die Götter Ägyptens, eben als der Pharao mit seinen gewaltigen Reiterscharen. Gott hatte sich als der Lebendige erwiesen, als der, der aus Knechtschaft befreit, aus Not errettet, ja später sogar als derjenige, der aus der Fessel des Todes errettet durch die Auferstehung Jesu Christi! Wie sollte man dann andere Götter neben ihm verehren können? Wer wollte es denn ernsthaft wagen, den Schlaf am Sonntagmorgen, das Fußballspiel oder was es sonst noch an Ereignissen oder Menschen unserer Zeit gibt, die vergöttert werden, wer wollte es denn ernsthaft wagen, sie neben oder statt des lebendigen Gottes zu verehren? Wer wollte ernsthaft den Stars, Idolen oder Phantasien unserer Zeit den einen heiligen Namen Gottes zulegen und sie anbeten und sich im Leben und Sterben auf sie verlassen? Nein, ich glaube im Grunde tut man das auch nicht. Nein, so richtig von Herzen kann man wirklich nur den lebendigen Gott und Vater Jesu Christi verehren. Es ist das erste und zweite Gebot, das uns den Maßstab gibt, zwischen Gott und den Götzen zu unterscheiden. Durch das Schauen und Akzeptieren dieses Anspruches Gottes wird anderen Menschen und Dingen, die uns vereinnahmen wollen, faktisch die Maske abgerissen. Nein, nur unser Gott, dem wir unser Leben verdanken, darf uns vereinnahmen, nur ihm dürfen wir unser ganzes Leben anvertrauen, alles andere ist nicht anderes als Betrug und Manipulation.

Und wie sollten wir nun etwas von dieser Freiheit gegenüber der ganzen Welt, die einem Christenmenschen von Gott zugestanden ist, wie sollten wir etwas von dieser Freiheit erfahren, wenn wir uns nicht die Freiheit nähmen, den Sonntag wirklich zu heiligen, indem wir Gottes Wort hören?

Und wenn man dann diese Botschaft von der Befreiung von Sünde, Schuld und Tod wirklich verstanden hat, kann es dann etwa noch eine Last sein, Vater und Mutter zu ehren? Bewirkt nicht vielmehr das Gefühl, von Gott befreit und getragen zu werden, dass durch manches Missverständnis und manches Ärgernis hindurch das wieder erkennbar wird, was man seinen Eltern zu verdanken hat, weshalb man ihnen darum auch gern dankt, indem man sie ehrt?

Das sind doch Erfahrungen der Freiheit, die Gott im Glauben schenkt! Und wie sollte man angesichts solcher Erfahrungen einen anderen aus Rache oder aus Wut töten können; oder ihm seinen Ehepartner nehmen oder ihn bestehlen? Wer sein Leben auf Gott wirklich ausrichtet, dem ist doch schlicht Freiheit von Tötungswut und diebischer sowie sexueller Raffgier zugesagt.

Und wie ist das mit dem Lügen und mit dem Begehren? Aber warum sollte denn derjenige, der vom dreieinigen Gott von aller Lebensangst und aller Lebenssucht befreit ist, noch lügen? Etwa aus Angst? Aber vor wem sollte ein Christ noch Angst haben? Oder um sich einen Vorteil zu verschaffen oder lange Begehrtes zu erlangen? Aber wie lächerlich klein und kaum noch begehrenswert sind doch alle weltlichen Dinge angesichts der ewigen Verheißungen, mit denen der Christ beschenkt ist.

Ja, so sollte man denken und fühlen können. So sollte man überzeugend glauben können. Aber wie ist das, wenn man in sich ehrlich entdecken muss, dass man solchen Glauben irgendwie noch nicht aufbringen kann, wenn man in sich entdecken muss, dass man einfach noch nicht so befreit ist, dass man gern und selbstverständlich nach Gottes Gebot lebt? War dann alles vergebens - in meinem Leben und überhaupt in dieser ganzen Welt?

Wie gut, dass uns da unser Gott eine Freiheit geschenkt hat, die unser Herr Jesus Christus durch seinen Tod am Kreuz teuer erkauft hat: Denn wir dürfen, so, wie wir sind, als Schuldige oder als Versager, als Ängstliche oder Depressive, so egoistisch oder unwahrhaftig, wie wir wohl sein mögen, wir dürfen, so, wie wir sind, zu Gott rufen, ihm alles klagen, und ihn so bitten, uns von uns selbst zu befreien, damit wir endlich zu uns selbst kommen, damit wir aus seiner Hand unser Leben neu entgegen nehmen dürfen. Und dann, wenn wir uns das trauen, dann haben wir keine Götter mehr neben dem lebendigen Gott, dann erfüllen wir tatsächlich das erste und wichtigste Gebot und erfüllen damit alle anderen Gebote. Gott gebe uns, dass wir das immer wieder tun, damit wir froh erfahren, wie er uns seine Freiheit schenkt: die herrliche Freiheit der Kinder Gottes, die uns heute treibe und erfülle bis in alle Ewigkeit. Amen.




Pastor i. R. Dr. Andreas Pawlas
25365 Kl. Offenseth-Sparrieshoop
E-Mail: Andreas.Pawlas@web.de

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