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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

18. Sonntag nach Trinitatis, 29.09.2013

Predigt zu Exodus (2. Buch Mose) 20:1-17 "Vom Lichtstrahl der Gebote", verfasst von Ralf Reuter

 

Vom Lichtstrahl der Gebote

Liebe Gemeinde!

Die Gebote Gottes - was bedeuten sie uns heute? Gesetze, Vorschriften, Wegweiser, Lebenshilfen? Lernstoff für Konfirmanden, Grundlage der Zivilisation, Zentnerlasten auf dem Gewissen, die Möglichkeit, sie anderen um die Ohren zu hauen, oder sind sie wie ein leuchtender Strahl aus dem Himmel?

Als ich vor Jahren eine Taufe auf Sardinien hatte, da fiel ein Lichtstrahl von einem Fenster oben in der Kirche und wanderte ganz langsam durch den etwas dunklen Altarraum. Von Minute zu Minute näherte er sich dem Taufbecken. Ein starkes warmes Licht, gebündelt, es beleuchtete einen Kreis. In dieser Lichtmitte konnte man alles genau erkennen. Ich war etwas irritiert, und überlegte zugleich, wie wir mit der Taufe ins Licht kommen konnten. Dann traf es auf den Täufling, die Mutter machte instinktiv zwei Schritte ins Licht, und wir tauften den kleinen Fritz. Es war wie das Licht am ersten Tag der Welt, das Gesicht des Kindes im vollen Glanz und mit ihm seine Eltern und alle, die in der Nähe standen.

Die Gebote wie einen göttlichen Strahl vom Himmel ansehen, der uns neu ins Gottesverhältnis stellt, Chancen für einen echten Sonntag eröffnet, uns die alten Eltern besuchen und achten lässt. In dessen Licht wir neu für das Leben eintreten, und aus himmlischer Perspektive einen Blick auf unsere Ehe werfen. Eine christliche Haltung, die Ethik im Beruf und Alltag in den Blick nehmen, nicht stehlen, nicht falsch Zeugnis reden, und das des anderen nicht begehren.

Im 2. Buch Mose hören wir im langen ersten Drittel etwas über Gott, im zweiten Drittel über den Feiertag und erst ganz zuletzt kommen die ethischen Ratschläge vor. Das irritiert. Bei uns ist das andersherum. In unseren kirchlichen Verlautbarungen, manchmal auch in Predigten, kümmern wir uns zuerst um die Rettung der Welt, aber seltener um den Glauben, wie wir wieder neu ins göttliche Licht kommen. Wir sehen das scheinbar als nicht so dringend an.

Das ist im Alltag genauso. Die neue Suche nach Spiritualität, nach Ritualen im Familienleben, nach einem Sinnbezug im Arbeiten, das sind mühsame Versuche, dem ständigen Zwang zur Optimierung der eigenen Möglichkeiten zu entkommen. Eigentlich kommt der Glaube bei uns gar nicht vor, wir haben schlichtweg keine Zeit dafür. Und die Gestaltung des Sonntags? Manche träumen noch davon, als der Sonntag freie Zeit zum Kirchgang war, mit Sonntagskleid und Anzug, und niemand sich schon am Nachmittag auf die kommende Woche vorbereitete, als man Besuche machte, weil alle frei hatten, es gab Wein zum Essen und auf dem Kaffeetisch stand Torte...

Wie kommen wir wieder ins Licht, mit uns heute, in unseren vielschichtigen Lebensformen? Wie kommt der Gottesbezug wieder rein? Wir ahnen ja längst, dass die Kraft für ein ethisches Leben aus einem gelebten Glauben kommt. Und die Versuche zur Rettung der Welt himmlische Hoffnung brauchen. Und das Leben mit den Fragmenten samt Krisen und Leidenserfahrungen nur im Lichte Gottes als Ganzes zu sehen sein wird. Die Gebote jedenfalls beginnen mit Gott.

Als erstes wird von Gott als dem Befreier berichtet. Ich bin der Herr, dein Gott, der dich herausgeführt habe. Sind die Gebote für freie, befreite Menschen? Damals beim Volk Gottes in der Wüste, heute in unserer Wüste der Möglichkeiten? Es wird weiter von der Ausschließlichkeit Gottes gesprochen. Folgt durch die Bindung an Gott eine Befreiung von lebensfeindlichen Orientierungen? Wie kommt dieser befreiende, aber auch eifernde Gott zu uns in unsere Lebensverhältnisse? Als drittes sollen wir uns keine eigenen Bilder von Gott machen. Ich wähle daher den Weg über das neue Testament. Dort wird mir Jesus Christus zu einem Bild Gottes, er lebt diesen Gott und macht ihn erkennbar, ja Gott bildet sich selber in seinem Sohn ab als ein mitfühlender und befreiender Gott.

Diese Bilder der Geschichten, die am Sonntag in der Kirche erzählt werden, vom verlorenen Sohn und seiner Annahme, vom barmherzigen Samariter, von reichen Kornbauern, von der Hochzeit zu Kana, sie helfen mir, diesen Gott zu verstehen und ihm zu vertrauen. Existentiell wird das Ganze, wo wir unser Leiden im Leiden dieses Jesus wiedererkennen, und den Tod im Lichte seines Todes und in der Hoffnung auf die Auferweckung deuten können. Rembrandt hat das gemalt, wo plötzlich der himmlische Lichtstrahl mitten in die Kreuzigungsgruppe fällt. Es ist die Botschaft, dass der Gott dieses Jesus von Nazareth auch uns leuchtet, mit dem Licht seiner Ewigkeit.

Und doch, liebe Gemeinde, es braucht diesen Schritt der Mutter des Täuflings in der Kirche von Porto Rotondo, die sich ins Licht stellte. Die Gebote sind auch Entscheidungen, sich in diese Tradition zu stellen und aus ihr heraus das eigene Leben bescheinen zu lassen. Darauf vertrauen, dass dieses Licht einem gut tut, dass es einen wärmt und die Wege ausleuchtet. Es braucht diesen freien und befreienden eigenen Schritt im Sinne eines Priestertums aller Gläubigen. Die Frau machte diesen Schritt selber. Die Zukunft der Gebote (und auch der Kirche) werden die Menschen sein, die selber in den Lichtkreis dieses göttlichen Lichtes gehen, und ihr Leben mit dem Wort Gottes in Verbindung bringen.

Ich habe das in diesem Jahr mit unseren Führungskräften erlebt, für die ich in der Landeskirche verantwortlich bin. Auf der Pilgertour. Die wollten miteinander den Römerbrief lesen, keine leichte Kost. Wollten jeden Tag Abendmahl feiern, ohne dabei eine falsche Frömmigkeit an den Tag zu legen. Sitzend auf Baumstämmen, oder im Stehen im Wald. Frei, nur mit dem Vaterunser und den Einsetzungsworten. Und dann kam der Wunsch auf, die Beichte zu feiern, mit der Lesung der Gebote vorweg. Um sich die Schuld vergeben zu lassen und mit dem Segen Gottes einen neuen Anfang zu machen. Befreiung und Sendung, in ein hartes Geschäftsleben, in schwierige Familienverhältnisse, in eine Welt, die einen fordert. Geistliches Leben, nicht vom normalen Leben getrennt.

Ich stelle mir das im Verhältnis zu den alten Eltern vor, im Umgang mit Demenz und Gebrechlichkeit in unserer Gesellschaft. Ich glaube, wir wollen das eigentlich nicht, haben mit Besuchen im Altenheim mehr Probleme als wir zugeben. Doch im Lichtstrahl des Himmels leuchten auch alte Gesichter, bekommt jeder Mensch einen unendlichen Wert. Machen wir uns auf den Weg dorthin, und in eine neue Anerkennung von Krankheit und Alter. Damit unser Weg nicht in die aktive Euthanasie mündet.

Da leuchtet schon das Gebot: Du sollst nicht töten. Vielleicht das einfachste und schwerste Gebot zugleich. Gut, dass im Rechtsstaat das Töten juristische Folgen hat, eine Folge der Gebote! Doch was machst du, wenn andere dich töten wollen? Bringst du sie im Notfall um? Wir kennen das Szenario aus dem Widerstand im 3. Reich, und zurzeit in Syrien. Soll man Waffen liefern? Du sollst nicht töten, dies meint ganz umfassend, Leben zu wahren. Aus der Geschichte mit Gott heraus dieses Gebot nicht aufweichen, sondern als Herausforderung sehen, sich in Frage zu stellen und mit anderen zu diskutieren. Zum Glauben und seinem Weg braucht es immer mehrere. Können wir den Geboten immer gerecht werden? Nein, wir sind Menschen. Die Gebote können wie Krisen sein, sie sind Anfechtungen, sind geistliche Herausforderungen, die uns befreien wollen. Ich glaube, in ihnen kämpft Gott um uns.

Um dann wieder sein Programm mit den Geboten zu starten. Im Ehepartner ein unaufgebbares Geschenk sehen. Es gibt ein ganz süßes Beispiel von Luther, der einmal sinngemäß sagte: Wenn mir eine Frau begegnet, die attraktiver erscheint als die meine, kann ich als Christ sagen: Wenn ich alle Frauen in der Welt ansehe, so finde ich keine, von der ich rühmen könnte, wie ich von meiner mit fröhlichem Gewissen sagen kann; diese hat mir Gott selber geschenkt und in die Arme gegeben. Der Glaube, die Bindung an Gott, das kann vom eigenen Optimierungszwang befreien, und zur Liebe führen, die sich binden kann.

Und im Geschäftsleben? Sich mittags einen Moment besinnen, mir ist dieses Leben geschenkt, ich bin geliebt, gesandt, beauftragt, wie schön dass ich leben darf. Soweit es an mir liegt stehle ich anderen die Möglichkeiten nicht, und setze mich für einen fairen Umgang im Unternehmen ein. Ich muss nicht jedes Geschäft machen, auch wenn es erst einmal Nachteile bringt. Und brauche nicht mitzumachen im Schlechtreden, auch nicht inkognito in den Netzwerken, brauche kein Neiden, kein alles besitzen wollen. Ja, die Gebote helfen, in ihnen versuchen wir immer wieder neu, aus dem Licht heraus zu agieren, aus der Gotteskraft diese Welt zu lieben und sie zu verändern.

Die Gebote Gottes - sie stehen im Kontext der Befreiung und der Lebensermöglichung. Sie sind Gabe und Aufgabe, weisen uns auf Gott und zugleich auf unseren Nächsten, auf diese Welt und ihr Leben. Und manchmal, da sind sie wie ein göttlicher Strahl vom Himmel, in den wir uns stellen können und in seinem Lichtkreis gedeiht der Glaube und das Leben neu.

Amen.

 



Pastor Ralf Reuter
37079 Göttingen
E-Mail: Ralf.Reuter@evlka.de

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