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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

18. Sonntag nach Trinitatis, 29.09.2013

Predigt zu Exodus (2. Buch Mose) 20:1-17 „Die Jagd“, verfasst von Luise Stribrny de Estrada


 

Gnade sei mit euch und Friede
von dem, der da ist,
der da war und der da kommt. Amen.

Liebe Schwestern und liebe Brüder!

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im 2.Buch Mose im 20. Kapitel. Hören wir jetzt die 10 Gebote:

Und Gott redete alle diese Worte: Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an vielen tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten. Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der HERR wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht. Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligest. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt. Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der HERR den Sabbattag und heiligte ihn. Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf daß du lange lebest in dem Lande, das dir der HERR, dein Gott, geben wird. Du sollst nicht töten. Du sollst nicht ehebrechen. Du sollst nicht stehlen. Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles, was dein Nächster hat."

„Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe." Damit beginnen die 10 Gebote in der Bibel. In der Luther-Version, die wir im Konfirmandenunterricht gelernt haben oder lernen, kommt dieser allererste Satz nicht vor, weil er Martin Luther nicht entscheidend erschien. Ich möchte Luther darin widersprechen und halte diesen Satz gerade für wichtig. Deshalb beginne ich meine Predigt über die 10 Gebote mit ihm.

„Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe." Gott stellt sich den Menschen vor. „Ich bin es", sagt er den Israeliten, „der dich befreit hat. Kein anderer Gott hat das vermocht und auch nicht Mose allein." Das Herausführen in die Freiheit ist also die entscheidende Tat Gottes und wird zur Grundlage der Beziehung zu seinen Menschen. Gott beginnt die Beziehung, indem er sich selbst vorstellt. - Dann geht es um sein „Du", um das Volk Israel und um uns. „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir", sagt Gott. Denn diese Götter haben keine Macht und lenken nur ab von dem einzigen Gott, dem Gott Israels, der durch Jesus Christus auch unser Gott wurde. Um Ich und Du geht es in der Beziehung zu Gott. Gott will mit uns in eine Beziehung treten, er erwartet eine Antwort von uns. Er will unser Gott sein, er hofft, dass wir ihn unseren Gott sein lassen, weil er ein Gegenüber braucht und sucht. Gott will nicht allein sein.

Die 10 Gebote klingen in unseren Ohren mit vielen „Du sollst" und vielen „Du sollst nicht". Könnte Gott nicht anders auf uns zukommen?, fragen wir uns vielleicht. Mit weniger Verboten, eher als ein Werbender und Lockender...Uns fällt es heute schwer, die 10 Gebote so zu hören und zu lesen, wie sie ursprünglich gemeint waren: Sie sind Spielregeln für die Freiheit. Die Israeliten, die der Sklaverei entronnen waren, mussten sich neu organisieren. Es gab keinen Pharao mehr, keinen Sklaventreiber, der ihnen vorschrieb, was sie zu tun und wie sie zu leben hatten. Sie mussten sich selbst Regeln geben, um ihr Zusammenleben zu ordnen. Sonst würde alles drunter und drüber gehen und einer würde den anderen ungestraft umbringen, wenn der ihn beleidigt oder ihm etwas gestohlen hatte. Dies Regeln erhalten sie von Gott, der sie befreit hat. Gott will sie mit den 10 Geboten nicht knechten, sondern ihnen Leitlinien an die Hand geben, innerhalb derer sie gut leben können.

Bis heute sind diese Gebote die Grundlage für die Rechte und Gesetze, die bei uns gelten. Sie sind der ethische Maßstab, an dem wir uns in unserer Kultur orientieren; er gilt für Christen, aber auch für Andersgläubige und ebenso für Menschen, die nicht religiös sind. Allerdings erleben wir immer wieder, wie gegen diese Gebote verstoßen wird. Ein Beispiel sind die Versprechen, die vor der Wahl gemacht werden und häufig nach dem Sieg umgestoßen werden. „Wir gehen nur mit dieser Partei eine Koalition ein, mit keiner anderen!" oder „Wir versichern Ihnen, dass der Euro stabil ist!" Das Gebot „Du sollst nicht lügen" wird dabei oft nicht ernst genommen. Als Wähler ärgern wir uns darüber und regen uns auf - und zeigen damit, dass uns das 8. Gebot wichtig ist, obwohl wir selbst es auch oft nicht befolgen. Trotz dieser und vieler weiterer Verstöße ist es richtig, diese Regeln als Orientierung zu haben und uns und andere daran zu messen.

Ich möchte exemplarisch eines der 10 Gebote genauer beleuchten, nämlich das fünfte Gebot. Es heißt: „Du sollst nicht töten". Martin Luther schreibt dazu im Kleinen Katechismus als Erklärung: „Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unserm Nächsten an seinem Leib keinen Schaden noch Leid tun, sondern ihm helfen und beistehen in allen Nöten." Bereits bei Luther wird deutlich, dass dieses Gebot über das Totschlagen hinausreicht. Es umfasst auch das Verbot, den anderen zu schädigen und ihm weh zu tun. Und umgekehrt weist es uns ein in das Mitleid und den Beistand für unseren Nächsten. Martin Luther bezieht dabei das Verbot auf die körperliche Schädigung. Wir weiten das 5. Gebot heute aus und verstehen es auch als ein Verbot, jemand anderem Schaden an seiner Seele zuzufügen.

Was geschehen kann, wenn Menschen dieses Verbot nicht einhalten, beschreibt ein Film, der letztes Jahr in die Kinos kam. Er heißt „Die Jagd". Der Film spielt in einem kleinen Ort und erzählt die Geschichte von Lucas, der als Erzieher im Kindergarten arbeitet. Ein Mädchen aus dem Kindergarten, Tochter seins besten Freundes, macht merkwürdige Andeutungen über ihn. Die Leiterin des Kindergartens vermutet daraufhin, dass Lucas das Mädchen sexuell missbraucht. Anstatt die Aussprache mit ihrem Mitarbeiter zu suchen, entzieht sie sich einem Gespräch und setzt eine Maschinerie in Gang, die dem Schutz des Mädchens dienen soll. Sie informiert die Eltern, und bald weiß es der ganze Ort. Lucas versucht, mit den Eltern, seinen Freunden, zu reden, aber die verfallen in Panik, als er bei ihnen auftaucht und werfen ihn aus dem Haus. Eine Treibjagd auf ihn beginnt. Der Chef des Supermarktes erteilt ihm Hausverbot, und lässt ihn gleich hochkant rauswerfen. Unbekannte schmeißen einen Feldstein durch sein Fenster, der ihn leicht hätte erschlagen können. Die Polizei führt ihn in Handschellen ab.

Am nächsten Tag wird er wieder freigelassen, weil die Beschreibungen der Kinder, denen er Gewalt angetan haben soll, sich als nicht stringent erweisen. Aber er bleibt ein Geächteter, der sich im Ort nicht mehr sehen lassen kann. Trotzdem geht er in den Weihnachtsgottesdienst, bei dem der Kinderchor singt. Es kommt zu einem Aufeinandertreffen mit dem Vater des Mädchens, bei dem er ihm erklärt, er habe seiner Tochter nichts getan. Der Vater kommt ins Nachdenken und spricht abends mit seiner kleinen Tochter, die sagt, sie habe etwas Dummes über Lucas gesagt. Der Vater glaubt ihr.

Schnitt. Ein Jahr später sehen wir die Protagonisten wieder bei einer Jagd in den Wäldern rund um das Dorf. Zunächst scheint es, dass Lucas rehabilitiert ist und wieder dazu gehört. Während der Pirsch aber gibt jemand auf Lucas einen Schuss ab, der ihn fast am Kopf getroffen hätte. Im Gegenlicht ist das Gesicht des Schützen nicht zu erkennen. Mit diesem Bild endet der Film.

Mich hat am meisten betroffen, wie Lucas von allen verdächtigt wird, ohne die Chance zu haben etwas dagegen zu unternehmen. Noch schlimmer als die Schläge und die Prügel, die er einstecken muss, wiegt, dass zunächst keiner ihm glaubt und keiner zu ihm hält. Er steht außerhalb der Gesellschaft und ist ein Geächteter. Ihm wird körperlicher und seelischer Schaden zugefügt.

„Du sollst nicht töten", heißt es im fünften Gebot. Wie verhalte ich mich, wenn jemand verdächtigt wird, etwas Schlimmes getan zu haben? Tratsche ich über ihn? Oder suche ich das Gespräch mit ihm? Werde ich handgreiflich? Wie weit glaube ich das, was andere mir über jemanden erzählen? - Oder habe ich selbst erlebt, dass andere Unwahrheiten über mich verbreitet haben? Kenne ich das, dass eine Behauptung umgeht unter den Bekannten und plötzlich alle gegen mich Stellung beziehen?

Der Film illustriert, was passieren kann, wenn ein Gerücht eine Eigendynamik entwickelt und zur Lawine wird, die einen Menschen unter sich begräbt. Wie können wir die Anfänge einer ähnlichen Lawine verhindern? Indem wir genau hinschauen und hinhören und keine Vorverurteilungen vornehmen. Wäre einer der Betroffenen bereit gewesen, mit dem Verdächtigen zu sprechen und ihm zuzuhören, wäre all das nicht passiert. Wir sollten lernen, das Freund-Feind-Schema in Frage zu stellen und uns nicht vereinnahmen zu lassen, sondern uns ein eigenes Urteil zu bilden.

Wenn wir das fünfte Gebot so verstehen, kann es -so, wie alle anderen- dazu verhelfen, dass Menschen miteinander auskommen. Dieses Gebot will einen Freiraum eröffnen, innerhalb dessen wir leben können ohne einander zu verletzen. Dann wird ein Miteinander möglich anstelle eines Gegeneinander. So ermöglicht das Gebot gutes Leben, wie Gott es für uns Menschen will.

Daran lasst uns mit bauen und tun, was uns möglich ist.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft,
bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus.

Amen.

 



Pastorin Luise Stribrny de Estrada
23566 Lübeck
E-Mail: pastorin.stribrny@gmx.de

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