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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

14. Sonntag nach Trinitatis, 09.09.2007

Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 28:10-19a, verfasst von Paul Geiß

Heilige Orte - heilige Zeiten - Erfahrungen mit Gott -
Träume weisen den Weg


Mose 28, 10 - 19a (Einheitsübersetzung)

10 Jakob zog aus Beerscheba weg und ging nach Haran.
11 Er kam an einen bestimmten Ort, wo er übernachtete, denn die Sonne war untergegangen. Er nahm einen von den Steinen dieses Ortes, legte ihn unter seinen Kopf und schlief dort ein.
12 Da hatte er einen Traum: Er sah eine Treppe, die auf der Erde stand und bis zum Himmel reichte. Auf ihr stiegen Engel Gottes auf und nieder. 13 Und siehe, der Herr stand oben und sprach: Ich bin der Herr, der Gott deines Vaters Abraham und der Gott Isaaks. Das Land, auf dem du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben.
14 Deine Nachkommen werden zahlreich sein wie der Staub auf der Erde. Du wirst dich unaufhaltsam ausbreiten nach Westen und Osten, nach Norden und Süden und durch dich und deine Nachkommen werden alle Geschlechter der Erde Segen erlangen.
15 Ich bin mit dir, ich behüte dich, wohin du auch gehst, und bringe dich zurück in dieses Land. Denn ich verlasse dich nicht, bis ich vollbringe, was ich dir versprochen habe.
16 Jakob erwachte aus seinem Schlaf und sagte: Wirklich, der Herr ist an diesem Ort und ich wusste es nicht. 17 Furcht überkam ihn und er sagte: Wie Ehrfurcht gebietend ist doch dieser Ort! Hier ist nichts anderes als das Haus Gottes und das Tor des Himmels.
18 Jakob stand früh am Morgen auf, nahm den Stein, den er unter seinen Kopf gelegt hatte, stellte ihn als Steinmal auf und goss Öl darauf.
19 Dann gab er dem Ort den Namen Bet-El (Gotteshaus).

Liebe Gemeinde!

In einem Fotoband über die Mongolei sind sie zu sehen, Steinhügel am Wegesrand, meistens an Strassenkreuzungen oder an gefährlichen Stellen, auch auf Hügeln und oben auf Bergen oder schlicht mitten in einer Wohnsiedlung, Steinhügel mit Geldscheinen unter die Steine gelegt, Kerzen, sogar Wodkaflaschen mit Inhalt, ganze Zigarettenschachteln. Und mit den gelben, weissen oder blauen Shawls, in die Symbole des buddhistischen Glauben eingewebt sind. Man nennt diese Steinhügel Ovo.
Ein Ovo ist ein Ort der Einkehr, des Gebetes, der Ort an dem man zu Gott beten kann um Führung auf dem Lebensweg, um Bewahrung vor Gefahr, um Schutz vor bösen Mächten.
Wie entstehen solche Ovos?
Einer hat eine besondere geistliche Erfahrung, eine Erfahrung der Gegenwart Gottes, ein besonderes Erlebnis der Bewahrung oder Rettung. Er beginnt mit einem kleinen Steinhügel. Die vorbei wandernden, vorbei fahrenden Menschen halten an, halten inne, beginnen nachzudenken, sprechen selbst ein Gebet und legen ihre Gabe auf den Hügel. Sie gehen einmal im Uhrzeigersinn um den Hügel herum und ziehen dann weiter. Im Lauf der Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte wachsen die Hügel zu imposanten Gebets- und Opferstätten empor: Ein heiliger Ort der Gegenwart Gottes ist entstanden.

Ähnlich ging es auch dem Stammvater Jakob, dem Sohn des Isaak. Er hat sich trickreich den Segen seines fast blinden Vaters erschlichen. Der Vater sendet ihn in das Land der Mutter, in das Land von Rebekka, wo Isaaks Schwager Laban wohnt. Von dort aus der gleichen Stammeslinie, soll er sich eine Frau erwählen, es soll keine kanaanitische Frau sein, die den Gott der Väter, den Gott Abrahams und Isaaks nicht kennt. Gleichzeitig muss Jakob sich vor der Wut seines Bruders Esau fürchten, der sich um sein Erstgeburtsrecht betrogen sieht.
Schlimme Bedrohungen warten auf Jakob, Entscheidungen liegen vor ihm, die er noch nicht ermessen kann, am Ende eines Tages der Wanderung in das Land Haran schläft er ein, den Kopf auf einen Stein gebettet.
Und er hat einen tröstlichen Traum: Eine Treppe zwischen der Erde unten und dem Himmel oben sieht er, der Himmel ist offen, Engel steigen auf und nieder, ja, er kann es kaum glauben, Gott selbst offenbart sich ihm.
Gott erneuert seine Verheissung, die Verheissung, die er auch Abraham und Isaak gegeben hat: Land wirst Du besitzen, sesshaft sollst Du werden, Nachkommen wirst Du haben wie Sand am Meer, wie Staubkörner, Du wirst Dich ausbreiten über das ganze Land, in dir sollen gesegnet werden alle Menschenfamilien auf der ganzen weiten Welt, eine dreifache Verheissung: Land und Sesshaftigkeit, ein grosses Volk soll aus ihm werden und Segen für die ganze Menschheit. Dazu verspricht ihm Gott: Ich bin mit dir, ich behüte dich, wohin du auch gehst, und bringe dich zurück in dieses Land. Denn ich verlasse dich nicht, bis ich vollbringe, was ich dir versprochen habe.

Jakob wacht auf, und was macht er? Er baut einen Ovo, giesst Öl zum Segen über diesen Stein, nennt den Ort Bethel - Haus Gottes und zieht getröstet und getrost weiter.

Mit solchen Erfahrungen sind die heiligen Stätten aller Religionen entstanden, aus solchen Träumen sind Kirchen erwachsen, meist sogar an der Stelle ehemals heidnischer Kultstätten, so ist zum Beispiel die Elisabethkirche in Marburg entstanden, eine Gründungslegende besagt, das Elisabeth auf dem Kirchberg bei Marburg gestanden hat, einen Stein den Berg hinunter gerollt hat und versprochen: Wo dieser Stein zu liegen kommt, soll eine Kirche gebaut werden, der Stein fiel in einen Sumpf des Lahnflusses, und man hat eine Kirche erbaut, die schönste frühgotische Kirche Europas, mit hunderten von großen Eichenstämmen in den Sumpfboden gerammt.
Und Elisabeth hat so ein Zeugnis ihres Glaubens hinterlassen. Ihr Geburtstag vor 800 Jahren wird in diesem Jahr weithin gefeiert. Sie wird mit ihrem unbezähmbaren Glauben an das Gute im Menschen, an die Güte Gottes und an die Fähigkeit des Menschen zu helfen, als echt protestantische, vorbildhafte Frau, ja fast wie eine Heilige verehrt.

Jakob erfährt: Die Grenze zwischen Himmel und Erde ist aufgehoben, Gott selbst öffnet sich gegenüber den Menschen.
Elisabeth erfährt: In all meiner Schwäche kann ich helfen, aus Gottes Güte kann ich leben.
Und wir: Welche Orte, welche Zeiten, welche Erinnerungen an Bewahrung und Schutz, an Aufbruch mit Mut und Zuversicht haben wir?

Kirchen sind zu allen Zeiten und an vielen Orten Häuser Gottes.
In ihnen kann man zur Ruhe kommen,
an Kreuzungspunkten des Lebens Mut zu guten Entscheidungen erbitten,
Gottes Segen erfahren,
Gemeinschaft der Starken und Schwachen im Glauben erleben,
Gottesdienste feiern,
Ehrfurcht lernen,

so wie Jakob, den nach dem Aufwachen zuerst ein Schrecken ankommt, der dann der Ehrfurcht weicht: Hier ist wahrhaftig Gott, ihm werde ich eine Verehrungsstätte errichten.
Und wie geht's weiter: Es folgt die spannende Geschichte von den Erfahrungen mit Laban, von der Ehe mit Jakobs vier Frauen, von den zwölf Söhnen, den Stammvätern
und Stammmüttern des Volkes Israel. Es folgt die Geschichte von Schuld und Sühne, von Joseph und Mose, vom Auszug aus Ägypten, den Richtergeschichten, David, Salomo und den späteren Propheten bis hin zu Jesus. In seinem Stammbaum tauchen Abraham, Isaak und Jakob auf, alle Mütter und Väter des Glaubens in eine Linie gebracht bis hin zur endgültigen Errettung und Bewahrung in ihm, in Jesus Christus durch sein endgültiges und letztes Opfer, das er gebracht hat, um alle in die Erlösung und Bewahrung mit hineinzunehmen.
In Jesus hat sich die Verheissung an Jakob endgültig erfüllt. Ja, vielleicht kann man so vermessen sein zu sagen, in ihm sind alle Religionen mit wahrgenommen und zu ihrem wahren Sinn hin befreit worden.
Von Jakob geht ein Segensstrom aus, über alle Väter und Mütter des Glaubens, über Jesus hin zu uns heute, ein Segensstrom, der die ganze Menschheit ergreifen könnte.

Sind sie von diesem Segensstrom ergriffen, mitgerissen, führt er zu Mut und Zuversicht gegen alle Widrigkeiten des Lebens?

Jetzt, liebe Gemeinde, kommt Ihre Aufgabe:
Ihre, Eure Aufgabe ist: Diese Verheissung an Jakob, in Jesus zu einer endgültigen Gestalt geworden und für die Zukunft uns verheissen, umzusetzen. Umzusetzen  in die alltäglichen Trostgeschichten, Millimetergeschichten nennt sie der Theologe Ulrich Bach. Er nennt sie deshalb Millimetergeschichten, weil manchmal nur Millimeter weise Fortschritte erzielt werden, um Gottes Zuspruch im alltäglichen leben zu spüren und umzusetzen.
Vielleicht ist ja Ihre Kirche, in der sie zu Hause sind, solch ein Ort, an und in dem sie die Gegenwart Gottes spüren wie einst Jakob in Beth-El.
Und so ist die Kirche der wirkliche Raum für den Traum, der Sinn und Ziel gibt und dem Leben die Richtung weist.

AMEN



Pfarrer Paul Geiß
Jugenheim
E-Mail: geiss.ev.kirche@T-Online.de

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