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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

14. Sonntag nach Trinitatis, 09.09.2007

Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 28:10-19a, verfasst von Ekkehard Heise

Liebe Gemeinde,

   der Predigttext für heute steht im Alten Testament,

im 1. Buch Mose, Kapitel 28, 10 - 19a. Der Text ist in einigen Bibelausgaben überschrieben: „Jakob schaut die Himmelsleiter" (Lesung des Textes).

 

   Der Text lädt mich ein, über Himmelsleitern nachzudenken. Wann habe ich so etwas erlebt, der Himmel steht offen und ich kann bis zu Gott hinaufschauen?

Und es scheint eine ganz enge Verbindung zu geben, im Bild: eine Leiter auf der Engel hinauf und herabsteigen, eine Verbindung zu Gott wie wir sie nur ganz selten erleben. Unwillkürlich muss ich an meine Kindheit denken, die langen Sommerferien,  jeden Tag spielten wir Fußball, der Staub der Straße war uns so vertraut, dass wir uns abends auf den warmen Asphalt legten und gemeinsam in den Himmel schauten, müde und glücklich, die Welt war in Ordnung und Gott war einer von uns.

   Himmelsleitern - sie dienen nicht zum Erklimmen des Himmels, sondern, die Engel Gottes steigen daran auf und nieder.  Gottesboten nehmen ihren Weg über sie und der HERR steht oben darauf.

    Es gibt solche Momente im Leben, an denen man zu Füssen einer Himmelsleiter erwacht. Oft hat man den Ort nicht eigens ausgesucht, man war nur müde, abgekämpft, erschöpft,  die Sonne war untergegangen es wurde Nacht. Und dann dieses Gefühl: Gott ist hier uns ganz nah. Manche dieser Orte erinnert man, hat sogar Fotos von ihnen: Jene Kapelle in den Bergen, die uns Unterschlupf bot bei einem schlimmen Unwetter,  die kühle Kathedrale in einer heißen Stadt, in der meine Gedanken zur Ordnung fanden, und im bunten Licht der Glasfenster sah ich ein Leuchten das nur mir galt. Nicht alle Himmelsleitern führen in eine Kirche, bei Jakob ist es so, dass er im nachherein den Ort, an dem die Leiter die Erde berührte, zur Himmelspforte erklärt: „...und nannte die Stätte Bethel; d. h. Haus Gottes."  Gott sucht sich seine Heiligen Orte, der Mensch kann da nichts vorherbestimmen, nur staunend feststellen: „Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels."

    Sehr deutlich macht das Bild von der Himmelleiter, dass es den Himmel auf Erden nicht gibt, nur Orte wo die Füße der Leiter Gottes auf der Erde stehen. Deshalb besuchen Menschen Gotteshäuser, Kirchen, in der Hoffnung, in ihnen am Fuße einer Leiter zu stehen, deren Spitze an den Himmel rührt. Das Gebetsbuch, das in unserer Kirche ausliegt gibt davon Zeugnis: Menschen suchen Gottes Segen, sie bitten um seinen Schutz auf  Reisen und in ihrem Alltag. Unser Kirchraum lädt dazu ein, vor dem Altar, in den  Seitenkapellen, mit Blick auf die Glasfenster, Platz zu nehmen, innenzuhalten, zur Ruhe zu kommen und vielleicht im Gebet zu den ersten Sprossen einer Leiter geführt zu werden, die dann - oder auch in einem späteren Augenblick -  mit der Spitze an den Himmel rührt, und die Engel Gottes steigen daran auf und nieder. Und der HERR steht oben darauf und spricht: „Ich bin der HERR, ich will dich segnen und behüten...".

   Himmelsleitern, unsere Kirche ist nach den Heiligen Cosmas und Damian benannt. Auf zwei Glasfenstern sind sie dargestellt. Ihre Erkennungszeichen sind medizinische Dinge, wie z.B. ein Kistchen mit Salben, Arznei und ein Fläschchen. Diese Glasbilder wurden von einer Brüderschaft gestiftet und  bei ihrer Übergabe wurde deutlich, man verbindet mit diesem Geschenk auch den Dank ausgehend von dieser Kirche, in Taufe, Konfirmation und bei der Eheschließung, im Leben sehr viel Segen und Gottes Schutz erfahren zu haben. Viele Stader haben in diesen Kirchenbänken die Erfahrung gemacht, es führt eine Leiter vom Himmel und hier in St. Cosmae et Damiani berührt sie die Erde und Gottes Boten kommen auf ihr zu uns hinab, bringen seinen Segen und seinen Beistand und steigen auf dieser Himmelleiter hinauf, beladen mit unseren Gebeten, mit unseren Träumen, aus Angst und Freude aus Not und Glück.

   Und unsere beiden Heiligen selber, wo ist ihr Bethel? Wo ist der Ort ihrer Himmelsleiter? Es scheint, dass sie die Begegnung mit Gott weniger an Steinmalen, weniger an einer heiligen Stätte erlebt haben. Es scheinen die Menschen für sie, Orte der Gottesbegegnung geworden zu sein. Die Legende berichtet: Die Zwillinge Cosmas und Damian wurden im dritten Jahrhundert in Arabien geboren und widmeten sich der Medizin. Sie behandelten Reiche und Arme gleichermaßen und verlangten keine Bezahlung für die Versorgung, die sie leisteten. So bekamen sie den Titel " Die Silberlosen". Bald wurden sie beschuldigt, Christen zu sein, festgenommen und nach der letzten vergeblichen Aufforderung, ihrem Glauben zu entsagen im Jahre 289 n.Chr. enthauptet.

   Die Silberlosen, Ärzte und Apotheker, die Arme behandeln ohne Bezahlung zu verlangen. Warum tun sie dies? Weil sie Christen sind, aus Nächstenliebe,

ganz sicher in der Nachfolge dessen, der sagte, „was ihr den Armen und Hilfsbedürftigen getan habt, das habt ihr mir getan. In ihnen, in den Menschen in Not begegnet Euch Gott." Wer Jesus sucht, der muss an den Rand der Gesellschaft gehen, in die Keller der Menschheit. Dorthin führt die  Himmelsleiter Gottes am häufigsten. Ich denke mir,  ihre mittellosen Patienten  sind für Cosmas und Damian eine Himmelsleiter geworden, und genau wie in dem Traumbild des Erzvaters Jakob, führt diese Leiter nicht uns zu Gott, - niemand verdient sich durch Nächstenliebe den Himmel, das ist die heimliche Hoffnung der Gutmenschen,  -  sondern Gott kommt den beiden heiligen Ärzten auf ihr entgegen, schickt ihnen seine Boten. In den Menschen, die ihre Hilfe brauchen kommt Gott ihnen entgegen. Von so einer Himmelsleiter träumen wenige.

   Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht! Und er fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte!  

    Jakob erlebt diesen Moment auf der Flucht, seinen Bruder hat er betrogen, Angst und schlechtes Gewissen treiben ihn fort. Sein Schlaf unruhig, ein unbewusstes Gebet, vielleicht: „ Gott helfe mir". Die Antwort blieb nicht aus. Gebete sind unsere Himmelsleiter, sagen fromme Ordensleute.

    Wie besonders ist diese christliche  Erkenntnis, dass Gott in armen, ausgegliederten, an den Rand gedrängten, in kranken, exilierten und hoffnungslosen Menschen zu uns kommt. Heilige Stätten sind die Hütten der Armen, und die Sozialwohnungen und Wärmestuben und Asylantenheime.

   Für mich sind die Namenspatrone unserer Kirche Heilige, weil sie diese besondere Himmelsleiter gesehen haben, sie erkannt haben, die Himmelsleiter Gottes, die in Jesus Christus mitten unter uns Menschen führt und  hier, und überall dort, wo Not am Mann und an der Frau und an dem Kind ist, ein Haus Gottes errichtet, mit einer Pforte zum Himmel.  

   Es ist darum, dass  z. B. die v. Bodelschwinghschen Anstalten,  deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter versuchen,  das christliche Gebot der Nächstenliebe in die Tat umzusetzen unter dem Namen Bethel  weltweit bekannt wurden. „Bethel",  „Haus Gottes", dort wo die Himmelsleiter die Erde berührt. Dort wo „mehr oder weniger gesunde, mehr oder weniger behinderte,

mehr oder weniger leistungsfähige, jüngere und ältere Menschen, Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft und religiöser Prägung mit gleichen Rechten und Chancen"[1] in der Gesellschaft leben dürfen, dort steht der Himmel offen. Dort wo der schuldig gewordene Jakob Gott begegnet und die Zusage erhält nicht verloren zu sein, sondern gesegnet und beschützt.

   Ich wünsche und allen diese Erfahrung, eines offenen Himmels aus dem uns eine Leiter entgegenkommt, gerade in den Augenblicken, wenn wir uns von Gott weit weg glauben.

Amen.   

 


[1] Aus der Internetpräsenz http://www.bethel.de/bethel_de/ueber_uns/index.php



Dr. Ekkehard Heise

E-Mail: Ekkehard.Heise@t-online.de

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