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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Reformationsfest, 31.10.2013

‚O Jerusalem!‘ ‚O Christenheit!‘ ‘O Gott!’
Predigt zu Jesaja 62:(1-5) 6.7 (10-12), verfasst von Jochen Riepe

 

I

O Jerusalem!‘ ‚O Christenheit!‘ ‘O Gott!' ‚O‘ , liebe Gemeinde, ist das kürzeste Wort der deutschen Sprache. Anrede. Aufruf. Ein Sammelbecken voller Gefühle : Freude , Erstaunen, Schmerz und Trauer ... ‚O Christenheit‘ - ‚das Reich muß uns doch bleiben!‘

II

Martin Luther erzählt im Großen Katechismus eine Anekdote* : Der Kaiser geht auf einen Bettler zu und stellt ihm frei , etwas von ihm zu erbitten. ‚Sage mir, guter Mann, was ich für dich tun kann.‘ Der Bettler aber antwortet demütig und bescheiden : ‚Eine Bettelsuppe, Herr!‘ Der Kaiser ist weniger gerührt als vielmehr beleidigt und empört . Will ihn dieser Bettler verhöhnen und verspotten ? Er , der doch geben könnte aus der Fülle, er wird soz. unter seinen Möglichkeiten gefordert... und unter seinen Möglichkeiten gefordert sein, das - kränkt! Kann dieser Bettler buchstäblich nicht über den Tellerrand hinaus sehen ?

III

O Jerusalem , ich habe Wächter über deine Mauern bestellt, die den ganzen Tag und die ganze Nacht nicht mehr schweigen sollen ... Laßt dem Herrn keine Ruhe, bis er Jerusalem wieder aufrichte...‘ Das O- Wort eines uns unbekannten Propheten des 6. / 5. Jahrhunderts vor Christus gilt einer konfliktreichen Stadt. Nach biblischer Zählung** waren 42 360 Juden aus dem babylonischen Exil zurückgekehrt und suchten nun in Jerusalem und Judäa, ja - Wiederaufnahme , Anschluß oder auch Wieder-in-Besitznahme des ihnen oder den Vätern einst gehörenden. Sie trafen auf Daheimgebliebene , die um ihre Häuser fürchteten. Sie trafen auf Neuangesiedelte, die um ihre Äcker und Weinberge bangten. Sie kamen in die Heimat und doch in die Fremde, eine darniederliegende, arme , von Versorgungsnöten geplagte Stadt. Die Mauer - Symbol der Sicherheit der Stadt , der Tempel - Ort der Vergewisserung ihres Glaubens , waren zerstört - mit ihm auch der Gott der Väter und Mütter ?

IV

Der Prophet hat es schwer : Die Freude der Rückkehrer , der Mut zum Neubeginn und dieses fatale Gefühl der Leere : ‘Was sollen wir eigentlich hier? Wieso suchen, was eh verloren ist?‘ liegen ja nahe beieinander. Wie kann man in einer solchen unüberschaubaren Lage , in diesem Durcheinander von Erwartungen und Enttäuschungen überhaupt sprechen und die Herzen erreichen ? Fast einem Machtwort gleich bestellt der Prophet Wächter über die zerstörten Mauern , die die Menschen und - das ist das Erstaunliche und Aufrüttelnde - Gott selbst - ohne Ruhe zu geben , ohne sich abspeisen zu lassen - erinnern sollen ,‘ bis er Jerusalem wieder aufrichte‘ . Man schreckt als Leser vor dieser Provokation oder Respektlosigkeit zurück , aber es ist doch deutlich , worauf sie zielt. Wo alles mit dem Kleinen und Kleinsten, dem Nächstliegenden und der Bewältigung des Alltags beschäftigt ist , wo Furcht und Mißtrauen, Ärger und Konflikt herrschen , muß der weite Blick , muß Gott , muß Gottes Verheißung erinnert werden : ‚Denn der Herr hat Lust an dir, und dein Land hat einen lieben Mann‘.

V

Der Kaiser und der Bettelmann - denken wir noch einmal an Luthers Anekdote vom unterforderten Kaiser. Ich sagte es : der Bettler sieht nicht über den Tellerrand seines kläglichen Seins hinaus und kann die Möglichkeiten , die der Kaiser eröffnen will, nicht einmal ahnen - befangen wie er ist. Gewiß : Wir loben gern Bescheidenheit und Selbstzurücknahme - die Bettelsuppe , ein guter Mann dieser Mann! Liebe Gemeinde , im Verhältnis zu Gott müssen wir solche Menschen nicht sein! Was Gott gibt , so lehrt Luther die im Katechismus Lernenden , ist ein ‚ewiger, überschwenglicher Schatz‘ , und Gott begehrt nichts mehr von uns , ‚als daß man viele und große Dinge von ihm bitte‘.* Ja, umgekehrt : es ist ‚Schmach und Unehre‘ für Gott, wenn wir das Größte nicht mehr von ihm erbitten : ‚Dein Reich komme‘ und nicht mehr fröhlich- verwegen diese Zeile singen können : ‚das Reich muß uns doch bleiben‘.

VI

O Jerusalem ! O Christenheit!‘ Die Wächter auf deinen zerstörten Mauern liegen Ihm Tag und Nacht in den Ohren, daß Er nicht vergesse! Daß wir nicht vergessen! Gewiß liegen Jahrtausende zwischen dem damaligen Ruf und dem heutigen , und doch ist eine Gemeinsamkeit, die alle Zeiten verbindet : Wir denken von Gott gering , wir denken von unserem Gebet gering , und produzieren gleichsam einen kleinmütigen, ja: kleinlichen Gott, der den Seinen höchstens etwas Gnade, etwas Liebe, etwas Frieden , eben die Bettelsuppe reicht und ansonsten leer ausgehen läßt. ‚Und wie sie glauben, so haben sie‘, sagt unser Lehrer Martin Luther*** und stellt dem entgegen : Hat Gott nicht mit Christus uns alles gegeben ? Schenkt er uns nicht den Glauben, der Sünde, Hölle und Tod überwindet ; den Glauben , der mit ihm kooperieren und gestalten soll - ganz neue Möglichkeiten im Miteinander und der Begegnung suchend ? Es gibt ja diese grobe , aber zugleich erhellende Diagnose unserer kirchlichen Lage : Im Dreieck von wärmender Kuschelkirche, greller Reklamekirche und kühler Verwaltungskirche wanken wir hin und her und fragen ängstlich und selbstbezogen : Will man uns auch ? Werden wir anerkannt ? Kommen auch viele? Geht uns das Geld aus ? usw.usw. Was für ein Kleinglaube! Was für ein unterforderter Glaube !

VII

Der seelsorgerliche und auch stadtpolitische Clou des Propheten liegt vielleicht darin , daß er die Jerusalemer Rückkehrer erinnert : Auch der Gott, der sich verweigert , der verborgen bleibt, steht zu uns gleichsam im Kontakt und wir können ihm tastend-suchend, betend entsprechen. ‚O‘ ist das kürzeste Wort unserer Sprache , aber in ihm liegt die Fülle eines reichen Herzens, vom freudigen Erstaunen bis zum abgründigen Schmerz, vom bittenden Appell bis zum nervenden Nicht-los-Lassen : O Gott. O weh. Öffnet sich in diesem O nicht die ganze Verheißungsgeschichte , die ganze Verheißungssprache? Sie konnten es doch nachlesen : wie Er sie einst befreit hatte und in das Land führte. Sie hörten die Gebote , die ihnen Leben brachten. Sie erzählten von dem Gott , der ihnen Königtum und weltliche Macht gewährt und dann wieder entzogen hatte. Sie sangen die Lieder von Klage und Errettung und sie hörten die Heilsrufe ihrer Priester :‘Saget der Tochter Zion : Siehe , dein Heil kommt‘. Jetzt , da die Lage so schwierig und verworren war, die Ansprüche miteinander stritten , sollte Gottes Schweigen nicht eben einen neuen Raum der Begegnung eröffnen ?‘ Erinnert euch des Vergangenen - mein Wort wird tragen‘**** .

VIII

O Jerusalem , du mußt viel lernen . Du wirst leben - und doch anders als du erwartest oder wünschst. O Christenheit , du mußt vielleicht noch mehr lernen und wirst ebenso staunen über das , was Gott mit dir vorhat! Den Blick über den Tellerrand hinaus - den Blick auf Gott , der dein Gebet sucht, den Blick auf die anderen , die Fremden, die das Gespräch und ein faires Miteinander suchen. Zum Nachweis unserer Existenzberechtigung wollen wir gern für andere da sein , wir sollten lernen : mit ihnen zu reden und zu leben. Kuschel-, Reklame- oder Verwaltungskirche - das können doch nicht die letzten Gestalten der Gemeinde sein , die immer wieder rufen darf :‘Dein Reich komme‘. Dein Schalom. Deine Gerechtigkeit.

O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes‘.*****




Pfarrer Jochen Riepe
44137 Dortmund
E-Mail: Jochen.Riepe@gmx.net

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