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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Reformationsfest, 31.10.2013

Predigt zu Jesaja 62:6-7,10-12, verfasst von Rainer Stahl

 

 

„Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus,
die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit Euch allen!"

Liebe Leserinnen und Leser! liebe Schwestern und Brüder!

Über deine Mauern, Jerusalem,
habe ich Wächter befohlen -
den gesamten Tag und die gesamte Nacht,
immerfort werden sie nicht schweigen.
Die Erinnerer des Herrn
[geben] euch keine Ruhe
und geben ihm keine Ruhe,
bis er gegründet,
und bis er einsetzt
Jerusalem zum Lobpreis auf der Welt!

 

Siehe, der Herr hat es hören lassen bis zu den Enden der Welt:
Sagt der Tochter Zion:
Siehe, deine Rettung ist gekommen!
Siehe, sein Lohn ist bei ihm
und sein Arbeitsgewinn vor ihm.
Und man wird sie nennen:
»Volk in Heiligung!«,
»Freigekaufte durch den Herrn!«
Dich aber wird man nennen:
»Aufgesuchte!«,
»Niemals verlassene Stadt!« (Jesaja 62,6-7.11-12).

Dieses Wort der Bibel zum Reformationstag 2013 zwingt zu Beginn zu eindeutigen Klarstellungen:

Die Predigt darf sich nicht gegen andere Christen richten. Die Identität als Christen und Kirche in der Tradition der lutherischen Reformation darf nicht durch Abgrenzung von anderen Mitchristen und Mitkirchen erreicht werden - sondern nur als positive Stärkung dessen, was uns Evangelischen Identität gibt, das selber zum Wesentlichen aller Mitchristen gehört.

Und die Predigt darf die biblische Verheißung dem Judentum nicht wegnehmen. Wenn wir als Christen die Verheißungen dieses Wortes auf uns beziehen, müssen wir von Anfang an festhalten, dass sie unseren jüdischen Nachbarn in eigener Weise gelten - bleibend neben der gesamten Geschichte der Kirche.

Schließlich muss vor der Predigt eine reformatorische Klarheit gewonnen werden: Diese Worte gelten allen Christinnen und Christen. Jeder getaufte Mensch, jedes Mitglied einer christlichen Gemeinde ist befähigt, »Wächter« zu sein, »Erinnerer Gottes« zu werden. Man könnte im Rahmen einer Versammlung von Pfarrerinnen und Pfarrern, von Predigerinnen und Predigern diese große Zusage ihnen spezifisch auslegen. Aber im Gottesdienst zum Reformationstag und auf dieser Internetseite sind alle in den Gemeinden angesprochen - und sollten auch erreicht werden. Aber eben - das scheint mir ganz wichtig - alle in den Kirchen, nicht aber Menschen, die keine Christen sind, die die Kirche ablehnen, die sich von woanders geistliche Orientierung holen. Sie werden von diesem Wort der Bibel nicht angesprochen.

Wozu sind wir Christen aufgefordert? Ich denke, zu zweierlei:

Einmal, unsere Hoffnung zur Sprache zu bringen, den großen Horizont gegenüber unseren Mitmenschen in Erinnerung zu halten, den die Wahrheit unseres Glaubens eröffnet, nämlich dass wir unter ihnen als »Volk in Heiligung«, als »Niemals verlassene Stadt« leben und ihnen dadurch - wie Christus gesagt hat - wie »Salz« Geschmack geben, sie wie »Sauerteig« durchdringen.

Und zugleich, Gott zu bitten, diesen großen Horizont schon heute erfahrbar, erlebbar zu machen, also weit über unsere menschlichen Möglichkeiten hinaus zu greifen. Denn »Freigekaufte durch den Herrn« und »Aufgesuchte« können wir nur werden, indem wir uns anvertrauen. Solches Vertrauen gilt es zu stärken.

Meine Predigt dieses Bibelwortes muss uns also - so denke ich - Situationen vor Augen stellen, in denen wir für die Freiheit unseres Glaubens eingetreten sind - und dies so gemacht haben, dass wir gleichzeitig Gott darum gebeten haben, uns diese Freiheit zu schenken.

Zwei Möglichkeiten will ich aufnehmen, eine aus einer längst vergangenen Zeit, die gleichwohl als Warnung und zur Ehre der damals Mutigen im Gedächtnis bleiben sollte, und eine aus unserer Zeit und unserer Gesellschaft:

In meinem Geburtsjahr, in dem ich natürlich noch nichts vom Reformationsfest wusste und auch nichts von der besonderen Situation, die es weit weg von meinem eigenen Zuhause in jenem Land, der DDR, gab, im Jahr 1951 wurde im damaligen Frauengefängnis Hoheneck in der Nähe von Chemnitz, dem späteren Karl-Marx-Stadt, ein Gefängnisgottesdienst gefeiert. Eine Gefangene berichtet:

„Es war der 31. Oktober 1951, Reformationstag. Der alte Pfarrer war wieder zu uns gekommen, und der Gottesdienst nahm seinen Verlauf. Was nicht eingeplant war und dennoch geschah: Das Hauptlied dieses besonderen Tages - »Ein feste Burg ist unser Gott« - war nicht gesungen worden. Der Gottesdienst ging dem Ende entgegen, da ging es wie ein Lauffeuer durch die vielen Reihen: Wenn der Gottesdienst zu Ende ist, alles aufstehen - aber nicht hinausgehen, sondern dieses Lied singen. Und so geschah es. Die Orgel schwieg, der Segen war gesprochen, der Gottesdienst zu Ende. Wir erhoben uns, das Wachpersonal schloß bereits die Türen auf - aber wir gingen nicht! Statt dessen erscholl, ohne Orgel, aus gut eintausend Kehlen: »Ein feste Burg ist unser Gott, / ein gute Wehr und Waffen. / Er hilft uns frei aus aller Not, / die uns jetzt hat betroffen ...« Das Wachpersonal war so schockiert, daß es nicht mal eingriff. Und die dritte Strophe - »Und wenn die Welt voll Teufel wär / und wollt uns gar verschlingen, / so fürchten wir uns nicht so sehr, / es soll uns doch gelingen ...« - wurde mit so einer elementaren Kraft gesungen, daß die Aufseherinnen zum Teil regelrecht erblaßten, sich umdrehten und aus dem Fenster starrten. Das Lied wurde bis zum letzen Vers gesungen, und dann ging alles diszipliniert in die Zellen zurück. Der gute alte Pfarrer kam von da an nicht mehr."1

Der letzte Satz zeigt, dass es „Nachspiele" gab. Später wurden nur wenige Genehmigungen zu Gottesdienstbesuchen gegeben. Eine Bekannte, die in den Siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Hoheneck inhaftiert war, hat mir berichtet, dass ihr nur einmal während der gesamten Haftzeit die Teilnahme an einem Gottesdienst erlaubt worden ist. Und später haben die gefangenen Frauen wohl auch nicht mehr so sicher dieses Lied auswendig gewusst.

Umso mehr gilt: Damals wurde es möglich, weit über die eigene Zeit hinaus als »Wächterinnen«, als solche, »die Gott erinnern«, zu handeln:

gegenüber der eigenen Gemeinschaft - sie stärkend, ihr Hoffnung gebend -

und gegenüber Gott - ihn bittend, dass er helfe und eingreife, dass er - wenn auch geheimnisvoll - die eigene Gemeinschaft zum »Volk in Heiligung«, zu »Freigekauften durch den Herrn« werden lasse.

In unserer Gesellschaft brauchen wir Menschen, die bewusst die Aufgaben des »Wächters« und des »Erinnerers« auf sich nehmen und ganz alltäglich, bei der Gestaltung des Lebens in einem Dorf, in einer Stadt zu erfüllen suchen. Einer ist der Oberbürgermeister von Jena, Dr. Albrecht Schröter. Vor wenigen Wochen wurde in der Gemeindezeitung der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, in „Glaube und Heimat", ein Interview mit ihm abgedruckt. Ich hatte die Zeitung schon längst zum Altpapier gelegt. Als ich aber über diese Predigt nachdachte, viel mir dieses Interview wieder ein, und ich habe die Zeitung auch nach längerem Suchen wieder gefunden. So gibt es Schätze, die sich uns oft erst unter neuem Blickwinkel als solche zu erkennen geben. So auch hier! Ich zitiere zwei Fragen mit zwei Antworten von Albrecht Schröter:

„Sie sind von Haus aus Theologe, waren etliche Jahre Pfarrer in Jena, jetzt sind Sie seit Jahren Lokalpolitiker. Welcher Bereich war bzw. ist der schönere?

Schröter: Das ist eine ganz, ganz schwierige Frage, weil ich das, was ich mache, grundsätzlich gern tue. Ich war mit Leib und Seele Pfarrer. Und es ist für mich eine große Freude, dass ich trotz meines Amtes außerhalb meines Wahlkreises im Kirchspiel Magdala noch einen Predigtauftrag haben kann. Da komme ich im Jahr so auf etwa 20 Gottesdienste und Amtshandlungen.

Aber andererseits ist das, was ich im Augenblick mache, wirklich irre, irre schön. Ich nehme dieses Amt als engagierter Christ wahr. Und wenn man als Christ für seine Stadt betet und Gottes Segen erbittet und merkt, dass Dinge dann auch wirklich gelingen, dann ist das eine wunderschöne Erfahrung. Aber auch, wenn es manchmal schwer wird und wenn man angegriffen wird von der Opposition, was natürlich nicht ausbleibt und zum Geschäft dazugehört, dann hat man eben noch ganz andere Kraftquellen, wenn man sagen kann: Du, Herr, bist mein Hirte, du weidest mich auf einer grünen Aue und bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde...

Und ich bin deswegen auch so gerne Oberbürgermeister, weil man ein kleines Zeichen geben kann, dass es notwendig ist, dass Christen in der Politik aktiv sind.

Viele Menschen sind ja eher skeptisch gegen »die da oben«. Spüren Sie als Oberbürgermeister Unterstützung durch Jenas Christen?

Schröter: Absolut! Es gibt in den Kirchengemeinden, in der Landeskirchlichen Gemeinschaft und in freien Gemeinden Haus- und Gebetskreise, die mir signalisieren: Du und die Stadt sind regelmäßig in unsere Gebete eingeschlossen. Das ermutigt und bestärkt ungemein."2

Auch hier zeigt der letzte Satz etwas Besonderes - aber etwas Gutes: Da gibt es noch viele »Wächter« und »Wächterinnen«, noch viele »Erinnerer«, die sich um die kümmern, die entscheiden und handeln müssen, und die Gott um seine Hilfe und seinen Beistand bitten, dazu, dass die gesamte Gemeinschaft, in der wir leben - mit Christen und Juden, mit Moslems und Hindus, mit Nichtglaubenden und Fragenden - ein wenig »Aufgesuchte« und »Niemals verlassene Stadt« werde!

Dass dies sich verwirklicht, immer wieder, vielleicht auch nur in kleinen Ansätzen und durchaus gebrochen, das ist mein Gebet zu Gott an diesem Reformationstag, damit versuche ich selber, »Wächter« und »Erinnerer« zu sein - mit dieser Predigt. Hoffentlich!

Amen.

 

„Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere menschliche Vernunft,
bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen"



Pfarrer Dr. Rainer Stahl
91054 Erlangen
E-Mail: rs@martin-luther-bund.de

Bemerkung:
Herr Dr. Stahl ist Generalsekretär des Martin-Luther-Bundes


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