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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Reformationsfest, 31.10.2013

Predigt zu Jesaja 62:6-7.10-12, verfasst von Friedrich Weber

Friedrich Weber

Predigt im Gottesdienst zum Reformationsfest am 31. Oktober 2013 im Kaiserdom zu Königslutter

 

Text: Jesaja 62,6-7.10-12

 

Liebe Gemeinde!

Es ist gut, dass wir hier in der evangelischen Stiftskirche den Reformationstag feiern. Mit den Liedern, die uns vertraut sind, mit den Lesungen, die diesem Tag Tiefe und Würze geben, mit der Erinnerung an Martin Luther und natürlich Johannes Calvin, Zwingli, Bucer, Melanchton, an Katharina von Bora, Argula von Grumbach, Elisabeth Cruciger, Wibrandis Rosenblatt, Katharine Zell, Elisabeth von Braunschweig-Lüneburg.

Die Namen der Männer und Frauen - und ich habe hier nur lückenhaft erinnern können - zeigen, Reformation ist nicht nur Luther, sie hat ganz unterschiedliche Ausprägungen erfahren, aber sie hat in ihm ihren Start.

Und das gilt auch, wenn wir wissen, dass es vor Luther schon eine ganze Reihe von reformbewegten Christenmenschen gegeben hat: Petrus Waldes, Johannes Wyclif, Jan Hus, um nur diese zu nennen. Sie verbindet die Wiederentdeckung der Heiligen Schrift als die Quelle des kirchlichen Lebens und der Theologie, sie verbindet die kritische Anfrage an ein autoritäres Kirchensystem, das auch gut ohne die Getauften sein konnte, sie verbindet die Forderung, dass jeder Mann und jede Frau Anteil an den Gaben des Abendmahls haben müsste.

Und was sie verbindet, hat auch mit den prophetischen Worten des Jesaja zu tun, die uns für diesen Tag gesagt sind:

 

O Jerusalem, ich habe Wächter über deine Mauern bestellt, die den ganzen Tag und die ganze Nacht nicht mehr schweigen sollen. Die ihr den Herrn erinnern sollt, ohne euch Ruhe zu gönnen, laßt ihm keine Ruhe bis er Jerusalem wieder aufrichtet und es setze zum Lobpreis auf Erden...

Geht hin, geht ein durch die Tore! Bereitet dem Volk den Weg! Machet Bahn, machet Bahn, räumt die Steine hinweg! Richtet ein Zeichen auf die Völker!

Siehe, der Herr lässt es hören bis an die Enden der Erde: Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt!"

 

Vielleicht mutet Sie diese Verbindung zunächst fremd an. Was hat Jerusalem mit Wittenberg und Straßburg, mit Genf oder Königslutter zu tun? Wenig und alles!

Reformation ist ja kein einzelner Moment, sondern eine Lebensform des Christenmenschen. Immer neu soll entdeckt und erfahren werden, wie unmittelbar Gott in unserem Leben wirkt und in unserer Kirche gegenwärtig ist. Die alte Verheißung „Siehe, dein Heil kommt" gilt und wird nur dann zur echten Hoffnung, wenn wir nicht starr und unbeweglich alten Zeiten verhaftet bleiben.

Vielleicht deshalb hat Luther in diesem Jerusalembild die Kirche1 gesehen und gewusst: es würde mühsam werden, den Weg der Menschen zu ihr zu bahnen, man würde unendliche Mengen an Steinen hinwegräumen müssen und es würde eines nicht endenden Gebetes bedürfen, damit Gott sich erinnert.

Nicht nur Luther, auch die anderen Reformatoren, von denen ich eingangs sprach, Männer und Frauen, Europäer haben die verschüttete gute Nachricht von der rechtfertigenden Gnade Gottes wieder freigelegt und uns Menschen zugerufen, dass Gott uns braucht und mit uns etwas vorhat. Dass er uns nicht anrechnet, auf welchen verirrten Wegen wir unterwegs gewesen sind, aber dass er erwartet, dass an uns erkennbar wird, was es mit der Freiheit eines Christenmenschen auf sich hat.

Das war und ist noch nie eine leichtgängige Botschaft gewesen, denn mit ihr geht einher,

Solches Reden und Lehren, solcher Glaube hat nicht nur gefallen, sondern ist auch gefährlich gewesen.

Mancher verlor Haus und Hof, mußte aus seiner Heimat um des Glaubens willen fliehen oder verlor gar sein Leben, wie Jan Hus, der 1415 auf dem Scheiterhaufen beim Konzil von Konstanz brannte.

Martin Luther ist davor bewahrt geblieben. Er hatte mächtige Unterstützer und das Glück, in Wittenberg eine so fruchtbare Konstellation anzutreffen, wie sie vielleicht nur mit Goethes Wirken in Weimar vergleichbar ist.

Wie aber war das nun mit Luther?

Hat er sich selbst als Wächter gesehen, der ruft, ohne zu erlahmen?

Luther hat gerungen und unablässig einen Weg gesucht, eine Bahn, ein Zeichen.

Er hat sich keine Ruhe gegönnt, bis sich allmählich die Erkenntnis Bahn brach, dass Gottes Gerechtigkeit neu und anders gedacht werden muss, als er es bisher in Kirche und Theologie erfahren hatte. In der Auseinandersetzung mit der biblischen Rede von der „Gerechtigkeit Gottes" in Römer 1,17 kommt er zur entscheidenden Einsicht:

„Ein ganz ungewöhnlich brennendes Verlangen hatte mich gepackt, Paulus im Römerbrief zu verstehen, aber nicht Kaltherzigkeit hatte mir bis dahin im Wege gestanden, sondern ein einziges Wort, das im ersten Kapitel steht: „'Gottes Gerechtigkeit wird darin offenbart' (Röm 1, 17). Denn ich hasste diese Vokabel 'Gerechtigkeit Gottes', die ich durch die übliche Verwendung bei allen Lehrern gelehrt war philosophisch zu verstehen von der sogenannten formalen oder aktiven Gerechtigkeit, mittels derer Gott gerecht ist und die Sünder und Ungerechten straft. Ich aber, der ich, so untadelig ich auch als Mönch lebte, vor Gott mich als Sünder von unruhigstem Gewissen fühlte und mich nicht darauf verlassen konnte, dass ich durch meine Genugtuung versöhnt sei, liebte nicht, nein, hasste den gerechten und die Sünder strafenden Gott und war im stillen, wenn nicht mit Lästerung, so doch allerdings mit ungeheurem Murren empört über Gott: Als ob es wahrhaftig damit nicht genug sei, dass die elenden und infolge der Erbsünde auf ewig verlorenen Sünder mit lauter Unheil zu Boden geworfen sind durch das Gesetz der zehn Gebote, vielmehr Gott durch das Evangelium zum Schmerz noch Schmerz hinzufüge und auch durch das Evangelium uns mit seiner Gerechtigkeit und seinem Zorn bedrohe. So raste ich wilden und wirren Gewissens; dennoch klopfte ich beharrlich an eben dieser Stelle bei Paulus an mit glühend heißem Durst, zu erfahren, was St. Paulus wolle. Bis ich, dank Gottes Erbarmen, unablässig Tag und Nacht darüber nachdenkend, auf den Zusammenhang der Worte aufmerksam wurde, nämlich: 'Gottes Gerechtigkeit wird darin offenbart, wie geschrieben steht: Der Gerechte lebt aus Glauben.' Da begann ich, die Gerechtigkeit Gottes zu verstehen als die, durch die als durch Gottes Geschenk der Gerechte lebt, nämlich aus Glauben, und dass dies der Sinn sei: Durch das Evangelium werde Gottes Gerechtigkeit offenbart, nämlich die passive, durch die uns der barmherzige Gott gerecht macht durch den Glauben, wie geschrieben ist: „Der Gerechte lebt aus Glauben." Da hatte ich das Empfinden, ich sei geradezu von neuem geboren und durch geöffnete Tore in das Paradies selbst eingetreten. Da zeigte mir sofort die ganze Schrift ein anderes Gesicht."2

 

Da klingt das geöffnete Tor und die geebnete Bahn hindurch: dieses Aufleuchten einer theologischen Erkenntnis, die sich „auf nichts anderes ... beruft als auf die heilige Schrift Alten und Neuen Testaments. Dieses nun doch schon sehr alte und stets heilig gehaltene Buch wird dennoch, weil gewissermaßen mit neuen Augen gelesen und auf Christus als seine Mitte sowie auf den Lebensnerv des Menschseins hin gedeutet, als nie veraltend und alles neu machend in Erinnerung gerufen ..." 3

Weil das so ist und weil sich an dieser Grundeinschätzung durch die schwarzen Flecken, die der Reformator auch hat - denken wir nur an seine Äußerungen zu den Juden - nichts ändert, deswegen können wir es nicht lassen, die Reformation zu feiern. Aber wir feiern sie nicht triumphalistisch, wir feiern sie wohl wissend, dass die aus ihr folgende Kirchenspaltung dem wirksamen Zeugnis der Kirche Jesu Christi geschadet hat und schadet.

Und wir wissen: Reformation ist kein den Protestanten vorbehaltenes Privileg. Vielmehr ist Reformation theologisch als Umkehrbewegung zu verstehen, sie ist "der entscheidende Schritt, der Grundrhythmus der Hinwendung der Kirche zu ihrem Herrn". Das erklärte der Theologe Michael Beintker 2012 vor der Vollversammlung der Evangelischen Kirchen in Europa (GEKE). Beintker warnte vor einer konfessionellen Verengung des Reformationsgedankens, denn: „Reformation will aus dem Weg räumen, was zwischen den Christen und Christus steht. Sie spaltet nicht, sie dient vielmehr der Einheit, indem die getrennten Kirchen in der Hinwendung zu Jesus Christus zusammengeführt werden."

 

Noch immer sind, das wissen wir, auf diesem Weg Steine wegzuräumen: Steine der Angst vor Veränderungen oder der Furcht vor der Zukunft, Steine die Wege und Öffnungen versperren, weil wir kleinmütig und feige sind. Steine der Ignoranz und des Desinteresses. All diese Steine bleiben eine Aufgabe, die wir getrost angehen können, denn uns ist zugesagt: „Siehe, der Herr lässt es hören bis an die Enden der Erde: Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt!"

Amen

 

1 Martin Luther, Vorlesung über Jesaja, WA 25, 89-401.

2 Aus Luthers Vorrede zum ersten Band der Wittenberger Ausgabe seiner lateinischen Schriften, 1545, in: Luther, a.a.O., Bd. l, S.22-23

3 Gerhard Ebeling, Reformation einst und jetzt. Erwägungen in entwurzelter Zeit, in: EKD Texte 30, Hannover 1990, 7f

 

 



Landesbischof Prof. Dr. Friedrich Weber
38302 Wolfenbüttel
E-Mail: b.f.weber@gmx.de

Bemerkung:
Predigt im Gottesdienst zum Reformationsfest am 31. Oktober 2013 im Kaiserdom zu Königslutter


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