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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Reformationsfest, 31.10.2013

Wächter gesucht!
Predigt zu Jesaja 62:6-7.10-12, verfasst von Reiner Kalmbach

Die Gnade Gottes unseres Vaters, die Liebe Jesu unseres Herrn und die lebensspendende Kraft des Heiligen Geistes seien mit uns allen. Amen.

Die ganze Welt bereitet sich auf 2017 vor..., ach ja, das muss man ja einschränken, ich wollte sagen: „die ganze protestantische Welt...“, aber nein, das stimmt auch nicht! Wer von uns (Protestanten) weiss denn noch Bescheid über die Geschichte der Kirche in die er hineingetauft wurde...? Also: die Kirchenleitungen haben beschlossen, dass die 500 Jahre des Thesenanschlags Martin Luthers ganz gross gefeiert werden sollen. Und das Kirchenvolk?, möchte das mitfeiern...?, kann es mit diesem Datum noch etwas anfangen...?

Und jetzt soll man noch eine Predigt vorbereiten über einen Abschnitt, der mir erst einmal einen gehörigen Schrecken eingejagt hat. Ein Wort aus dem letzten Teil des grossen Jesajabuches. Was hat die Rückkehr des Volkes Israel aus dem babylonischen Exil mit der Reformation des XVI Jahrhunderts zu tun? Wie soll ich die Sehnsuchtsworte des Propheten, gerichtet an seine enttäuschten Landsleute (denen man im Exil eine geradezu paradiesische Zukunft verheissen hatte...), in die Sprache des 21. Jahrhunderts übersetzen?

Wie stets in solchen „Fällen“ überliess ich diese Fragen und Zweifel erst einmal meinem Kopfkissen. Am folgenden Tag sah alles ganz anders aus: es ist tatsächlich so: der Prophet spricht zu uns, und tut das sogar am Reformationstag!

Textlesung

Diese Predigt entsteht in meinem Büro, hoch in den argentinischen Anden, ungefähr 15.000 km von Wittenberg entfernt und ich weiss noch nicht einmal, ob ich sie, übersetzt, für unseren eigenen Reformationsgottesdienst verwenden kann.

Vor wenigen Tagen nahm ich in Buenos Aires an einer Sitzung teil, in der wir über den Leitlinien für unsere Kirche bis 2017 brüteten. Wie sollen, wie können wir, als verschwindend kleine Minderheitenkirche, die Anliegen der Reformation den Menschen nahe bringen? Zuerst einmal unseren eigenen Kirchenmitgliedern, aber auch der „Welt“ die, wenn auch fremd, so doch die unsere ist.

Angesichts der Tatsache, dass unsere Kirche (und damit ihre Mitglieder) in einem gesellschaftlichen Umfeld existiert, in dem die Reformation nie stattgefunden hat, ist dies eine wahrhaft grosse Aufgabe.

Hinzu kommt, dass in den argentinischen Schulbüchern Martin Luther (wie auch die anderen Reformatoren) nach wie vor als „Anführer der Sekte der Lutheraner“ erscheint, der in seiner Kritik an der Kirche zwar nicht ganz falsch lag, aber eben doch ein schlimmer Häretiker und damit Sünder war.

Auf der anderen Seite ist dies aber auch eine grosse und wunderbare Herausforderung: die Gedanken und Werte derer, die vor 500 Jahren der Geschichte Europas ihren unauslöschlichen Stempel aufgedrückt haben, kamen nach Südamerika in den Herzen und Gesangbüchern der Einwanderer, sozusagen als Reisegepäck. Menschen auf der Flucht, Menschen auf der Suche nach einer neuen und (besseren?) Zukunft. Arbeiter, Bauern, Handwerker, Lehrer...Es waren gerade diese Werte, die verschiedenen protestantischen Traditionen, das Liedgut, der persönliche Glaube an einen gnädigen Gott, die diesen Menschen den Neuanfang in einer absolut fremden Welt erleichtert haben.

Denn darum ging und geht es ja noch immer: man träumt von einer Art Paradies auf dieser Erde, ein besseres Leben für sich selbst und die zukünftigen Generationen. Der Not und der Entbehrung, der Demütigung, der Gewalt entrinnen, es kann nur besser kommen...Das ist doch die Antriebskraft, deshalb nehmen so viele Menschen diese enormen Risiken auf sich, setzen ihr Leben aufs Spiel..., dann kamen (und kommen) sie an..., und alles ist ganz anders.

Das Volk Israel ist also heimgekehrt. Ein Teil der Verheissung hat sich tatsächlich erfüllt: die Rückkehr in das von seinem Gott gegebene Land. Das Exil war nicht endgültig, es war nicht ein „für immer“. In diesem Sinne hat Gott sein Wort, aus dem Munde der Propheten verkündet, gehalten. Doch nun kommt die grosse Ernüchterung: Jahre sind ins Land gegangen, der Tempel steht zwar, aber äussere und innere Not bedrängen. Konflikte mit den Nachbarn, zerstörte Ernten, die Mauern Jerusalems sind noch nicht wieder errichtet. Die Rückkehr ist erfüllt und doch nicht erfüllt. Denn von einer Beheimatung im Lande Gottes kann keine Rede sein. Vor allem aber: die „innere Rückkehr“, die Besinnung auf die Geschichte, die innere Umkehr..., steht noch aus. D.h. doch, die Voraussetzung für einen wirklichen Neuanfang, ganzheitlich sozusagen, ist (noch) nicht gegeben. „O Jerusalem...!“, was den Propheten zu diesem Ausruf veranlasst, ist nicht so sehr die Enttäuschung über seine Landsleute. Es ist vielmehr der Ausdruck der Verzweiflung eines Menschen, der an der ganzen Verheissung Gottes festhält und gerade deshalb in die innere Zerreissprobe kommt. Der Widerspruch zu den Realitäten ist zu gross. An etwas festhalten ganz gegen die sichtbaren Tatsachen..., jeder kann es mir beweissen: alles Lüge!

Was haben wir damals nicht alles in den bevorstehenden Mauerfall „hineingeträumt“?!, die Freude der wiedervereinigten Deutschen hatte die ganze Welt angesteckt. Am Tag der Maueröffnung kam ich mit meiner Familie gerade in Buenos Aires an: im Flughafen umarmten sich wildfremde Menschen, manche weinten, andere beteten...Als ich nach zwei Jahren zum ersten Mal wieder nach Deutschland reiste, spürte ich, wie sich die Ernüchterung wie ein kalter Nebel ausbreitete.

In unserer Kirche wollen wir uns auf unsere Wurzeln besinnen, auf jene Werte für die es sich lohnt zu streiten: die Freiheit des Gewissens!, das Vertrauen, das heisst, der Glaube an einen Gott der mich bedingungslos annimmt und liebt, der nichts von mir verlangt, mir aber alles schenkt, ein Gott dem die Würde des Lebens über alles geht, ein Gott der sich dieser von Hass und Gewalt überfliessenden Welt selbst aussetzte, ja sich ihr unterwarf bis in die letzte Konsequenz. Sein „es ist vollbracht!“, kann auch als der grosse Siegesruf der Welt über seinen eigenen Schöpfer gedeutet werden. Nicht war, darum geht es doch, heute mehr, als je zuvor: die Ohnmacht Gottes zu beweissen!

Das ist die Zerrissenheit des Propheten, das ist unsere Zerrissenheit: an diesem Gott festhalten, auch und gerade, wenn alles gegen ihn spricht. Dazu braucht es „Wächter“, Prediger (in der Wüste), Zeugen, die gegen den Geist der schon immer die Mehrheiten regiert hat, standhaft bleiben, den erhobenen Arm, wie einst Moses, nicht sinken lassen. Denn sie wissen: Sein Reich ist nicht von dieser Welt!

Dass eine Kirche die bereit ist dieses Wächteramt zu übernehmen, es als konkret gelebte Gemeinde versteht, sich von der Welt abgrenzt, versteht sich von selbst. Nicht im Sinne einer elitären „Exklusivität“, sondern einfach „anders“, eben weil sie die Verheissung des Reiches Gottes ernst nimmt und an ihr, gegen den herrschenden Weltgeist, festhält. Daran, und nur daran (an unserem Zeugnis)!, wird die Welt erkennen, wer unser Herr ist.

Zu oft hat die Kirche, auch die Protestantische, ihr Wächteramt vernachlässigt, ja sogar verraten –und damit ihren Herrn!-

Die Kirche, und damit die Gemeinde, soll ein Ort sein, in dem die Menschen Gemeinschaft mit Gott finden und diese Gemeinschaft konkret leben können. Gerade auch jene die voller Zweifel sind, voller Fragen, vielleicht innerlich zerrissen, wie einst der Prophet, angesichts dessen, was in der Welt geschieht.

Zum Schluss noch eine Erfahrung, die Teil meiner eigenen Familiengeschichte ist: in den Wirren des letzten Krieges wurde unsere Familie buchstäblich in alle Winde zerstreut. Von Westpreussen konnte sich die Grossmutter mit den drei Kleinsten über die Ostsee nach Dänemark retten, der älteste Sohn sass in einem KZ, zwei weitere Söhne gerieten in Gefangenschaft, der Vater musste als Mitglied der Bekennenden Kirche Zwangsarbeit in Süddeutschland leisten. Als der Krieg endlich aus war, fand der Grossvater Unterkunft und Arbeit in einer kleinen Kirchengemeinde mitten im Schwäbischen Wald. Über das Rote Kreuz nahm er Verbindung mit der versprengten Familie auf und schrieb in einem Brief: „....hier habe ich Gemeinschaft gefunden, hier steht die Kirche mitten im Dorf, hier werden wir uns wieder vereinigen, hier beginnen wir noch einmal ganz von vorne...“

Wer kann sich denn heute noch diese Nachkriegswirren vorstellen?, Zerstörung, wo man nur hinsieht, umherirrende Menschenwracks, alles verloren: Heimat, Familienangehörige, Haus, Hof, Freunde, Nachbarn..., viele auch den Glauben...Was ich aus Erzählungen weiss ist, dass der Grossvater wohl der einzige in der Familie war, der noch an seinem Glauben, den Glauben an die biblische Verheissung einer, von Gott geschaffenen, neuen Welt und einen neuen Himmel festgehalten hat. Eine Welt in der alle Tränen getrocknet werden, in dem unsere zerrissenen Seelen zur Ruhe kommen dürfen und in der das Wort Friede in uns selbst Wohnung nimmt. Er hat sein „Wächteramt“ ernst genommen, er konnte gar nicht anders..., und hat damit der ganzen Familie die Kraft zum Neuanfang gegeben...., und mir, viele Jahre später, den Zugang zum Glauben geöffnet.

Das wünsche ich uns: dass es in unseren Gemeinden und Kirchen nie an Wächtern mangelt.

Amen.

 



Pfarrer Reiner Kalmbach
8370 San Martin de los Andes, Patagonien – Argentinien –
E-Mail: reiner.kalmbach@gmail.com

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