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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Reformationsfest, 31.10.2013

Vor uns – das Himmelreich!
Predigt zu Jesaja 62:6-7.10-12, verfasst von Uland Spahlinger



6 O Jerusalem, ich habe Wächter über deine Mauern bestellt, die den ganzen Tag und die ganze Nacht nicht mehr schweigen sollen. Die ihr den HERRN erinnern sollt, ohne euch Ruhe zu gönnen,
7 laßt ihm keine Ruhe, bis er Jerusalem wieder aufrichte und es setze zum Lobpreis auf Erden!

10 Gehet ein, gehet ein durch die Tore! Bereitet dem Volk den Weg! Machet Bahn, machet Bahn, räumt die Steine hinweg! Richtet ein Zeichen auf für die Völker!
11 Siehe, der HERR läßt es hören bis an die Enden der Erde: Saget der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt! Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her!
12 Man wird sie nennen »Heiliges Volk«, »Erlöste des HERRN«, und dich wird man nennen »Gesuchte« und »Nicht mehr verlassene Stadt«.

 

Liebe Gemeinde!

Vor uns - das Himmelreich! So könnten wir den Abschnitt aus dem Jesaja­buch durchaus überschreiben. Aber wieso Himmelreich? Es geht doch um Jerusalem, oder nicht? Gewiss, aber gleichzeitig eben doch um mehr - viel mehr. Jerusalem: Mit dem Klang dieses Namens verband und verbindet sich für viele war und ist Jerusalem nicht „nur" Geographie. Jerusalem - das war und ist ein Synonym für Heil und Heilung, für Heimat und Sha­lom. Auch für den soge­nann­ten dritten Jesaja, dem dieser Teil des Buches zuge­schrieben wird, ist das wahrscheinlich so ge­wesen.

Dieser Prophet schrieb nicht an die Kriegs­ge­fan­ge­nen in Babylon, son­dern an die Heim­ge­kehrten. Dar­über sind sich die Ausleger weitest­ge­hend ei­nig. Der jubeln­den Hoffnung auf Freiheit - die sich er­füllte - folgte die Ernüch­terung: Das Leben geht weiter, es ist weiterhin anstrengend. Die Be­frei­ung aus der Sklaverei hat uns nicht gleich ins Reich Gottes katapultiert. „Die Herr­lich­keit des Herrn" ist noch nicht „offenbart" (vgl. Jes. 40,5). Das Je­ru­sa­lem, das der Ort Gottes ist, das Jerusalem der Endzeit, der Ort der glau­benden und hoffenden Sehnsucht: dieses Jerusalem steht wei­ter­hin aus. Es liegt noch vor uns.

Das mag nach all den Erwartungen und Hoffnungen der Kriegsgefangen­schaft wahrhaftig ernüchternd und enttäu­schend gewesen sein. Du arbeitest zwar nicht mehr auf Befehl und unter der Peitsche eines anderen, aber auch in deiner selbstbestimmten Freiheit ist das Leben kein Zuckerschlecken, sondern harte Ar­beit. Manche werden sehr frustriert gewesen sein. War al­les umsonst gewesen?

Der Prophet sieht die Not. Und er bleibt nicht gleichgültig. Er weiß, „da geht noch was" (wie man vielleicht in Bayern sagen würde) Und deshalb werden auch wir Zeugen eines ganz überraschenden Perspektivwechsels: Nun spricht nämlich Gott. Aber er spricht zunächst nicht zu den Leuten, sondern wendet sich an Jerusalem: „O Jerusalem, ich ha­be Wächter über deine Mauern bestellt, die den gan­zen Tag und die ganze Nacht nicht mehr schwei­gen sollen." (V.6a ). Die Wächter sind hier nicht nur Aufpasser und Warner vor Feinden - hier sind sie Ausschauhalter nach Gott. Sie haben den Auftrag, die Verheißung zu bewahren und lebendig zu erhalten. Gott wen­det sich daher auch ganz folgerichtig direkt an diese Ausschauhalter (viel­leicht sogar an das ganze Volk?): „Die ihr den HERRN erinnern sollt, ohne euch Ruhe zu gönnen, laßt ihm keine Ruhe, bis er Jerusalem wieder aufrichte und es setze zum Lobpreis auf Erden!" (V.6b.7).

Erinnert Gott an seine Verheißungen, heißt das. Erinnert Gott an das, was er euch versprochen hat! Eine erstaunliche Aufforderung, finde ich. Der Prophet weiß: Das Jerusalem, das ihr seht, allge­meiner gefasst: der Ort, an dem ihr lebt - das ist noch nicht das Ziel. Ganz offensichtlich nicht. Es gilt, weiter Aus­schau zu halten, weiter die Vision und die Sehn­sucht wachzuhal­ten. Folgerichtig ist der Auftrag der Wächter: „Sie sollen die Men­schen er­innern, dass Gott mir ihnen etwas Be­son­de­res im Sinn hat. Ziel Gottes ist es, die Menschen Jerusalems zu Erlösten des Herrn werden zu lassen"1.

Inmitten der Begrenztheiten unseres Lebens sollen und dürfen wir also Gott an seine Verheißung des Endgültigen erinnern. Und eben dadurch hal­ten wir die Erinne­rung an diese Verheißung unter uns lebendig.

Beim Apostel Paulus finde ich in ganz anderen Worten und einem ganz an­deren Zusammenhang die gleiche Mut machende Dynamik wieder: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und laßt euch nicht wie­der das Joch der Knechtschaft auflegen!" (Gal 5,1), sagt er den Galatern, die offenbar in der Gefahr sind, in kultische Gesetzlichkeiten zurückzufal­len. Nein, der Blick soll nicht zurück gehen: nicht zurück zu den Fleisch­töpfen im Sklavenhaus Ägypten, nicht zurück zu den vermeintlich richti­gen oder falschen Entscheidungen der Vergangenheit, nicht zurück zu reli­giösen Regelwerken, die dir das Leben einfach machen, aber dich in Ab­hängigkeit von geistlichen Mittlern und Zwischenhändlern halten. Und da­mit sind wir bei einem Kernthema der Reformation: der Eroberung der Frei­heit, die in der Bindung an Gott wurzelt.

Ich will Ihnen nicht verschweigen, dass mich die Gedanken aus dem Jesa­jabuch als Predigttext zum Reformationstag zunächst irritiert haben. Sie passen, so mein erster Eindruck, nicht zum Anliegen der Reformation, den Ab­lass als kirchliches Machtmittel zu beseitigen und die Freiheit des Ein­zelnen vor Gott zu etab­lie­ren. Buße - das war der Ausgangspunkt Lu­thers gewesen. Nicht als Abarbeiten von Regelwerken, Ge­sten, Riten, frommen Handlungen; nein, Buße als tägliche aktive Hin­wen­dung zu Gott: das war für ihn der Schlüssel.

Aber wenn wir es genau nehmen: was ist das denn anderes als das wache Ausschauen, das die Aufgabe der Wächter ist? Ausschauen nach dem, der versprochen hat zu kommen und bei seinem Volk zu sein? Das Leben so zu führen, dass Gott dabei immer im Blick bleibt, sogar dann, wenn wir Feh­ler machen?

Leben in der Welt - Leben mit Gottes Ewigkeit im Blick: darin steckt eine starke Dynamik, aber auch eine Spannung. Die Spannung ist schwer auszu­halten und hat zu vielerlei Abirrungen geführt (christlichen wie außer­christlichen). Ich denke hier zum einen an alle Formen der Theokratie, der behaupteten Gottesherrschaft. Ich stamme aus Münster in Westfalen, und wir haben schon in der Volksschule in Heimatkunde von den Wiedertäufern gehört, die 1534/35 ein von aller Rationalität losgelöstes enthusiastisches tausendjähriges Reich verkündeten. Sie wurden dabei völlig halt- und re­gellos, scheiterten grandios und wurden grausam bestraft. Die Gottesherr­schaft, die sie errichteten, schlug eine ganze Stadt mit Unfreiheit und wur­de zu einer Orgie von Willkür und Gewalt.

Dies scheint mir generell ein Kennzeichen von autoritären, absoluten Herr­schaftsformen zu sein: Am Ende steht eine unhinterfragbare höchste Auto­rität, mit der alles sanktioniert werden kann. Das kann ein heiliges Buch sein, eine Offenbarung, eine Herrenideologie, die Lehre einer Führer­ge­stalt, die Nomenklatur einer Par­tei. Überall da, wo behauptet wird: hier ist die totale Lösung gefunden, überall da, wo Menschen für sich in Anspruch nehmen, etwas „Ewiges", Gottgleiches zu schaffen, werden wir Spuren von Gewalt, Unterdrückung und Zerstörung finden. Es gibt nur allzu viele Türme von Babel.

Die andere große Versuchung, der Spannung zu entkommen, sehe ich im Rückzug ins Private, sei es in der Form des gesellschaftlichen Desinteres­ses, sei es in der Gestalt dessen, was Hanns Dieter Hüsch einmal „Schre­bergartenchristentum"2 genannt hat. Das wäre der Auszug auf den Berg oder in die Kolonie der Heiligen, die Flucht in eine spiritualisierte Gegen- oder Innenwelt. Oder gar die Erwartung des großen UFOs - wer weiß?

Aber Glaube als Gottsuche quasi ohne Welt - das funktioniert nicht. Es wi­derspricht allem, was die Bibel über Gott zu erzählen weiß, der die Men­schen durch die Zeit begleitet, auf ihren Wanderungen, an ihren Lebensor­ten, in ihren Dörfern, Städten, Staaten. Es widerspräche den Mahnungen der Propheten ebenso wie den Beispielen, die Jesus uns hinterlassen hat.

Glauben als fromme Weltflucht: das haben auch die Reformatoren nicht im Sinn gehabt. Sie haben Misstände angeprangert, um die Wahrheit gerun­gen, Katechismen geschrieben. Sie haben die Bibel übersetzt, damit die Leute sie verstehen können, und Schulen gegründet, damit die Leute sie auch zu lesen lernen. Sie haben sich eingemischt in den Lauf der Welt. Keine Fluchten also, sondern enorm wichtige Schritte auf dem Weg zur Freiheit eines Christenmenschen.

Und es ist, davon bin ich überzeugt, kein Zufall, dass in der DDR vor dem Fall der Mauer Kirchen die Orte wurden, an denen die Freiheit eingeübt werden konnte, biblisch gesprochen: der Auszug aus der Sklaverei. Und wenn wir hinterher noch so sehr über die gewonnene Freiheit erschrecken.....

Leben in der Welt - Leben mit Gottes Ewigkeit im Blick: Ich hatte vorher gesagt, dass darin eine spannungsvolle Dynamik steckt. Spannung ist gut, wenn sie uns hilft, nicht zu erschlaffen. Die große Leistung der Reformati­on dabei sehe ich darin, dass sie nüchterne Einsicht in die menschlichen Grenzen mit grenzenlosem Vertrauen auf Gottes Möglichkeiten verbindet. Nicht zufällig - und durchaus passend zu unserem Text - unterscheidet die protestantische Theologie zwischen den Aufgaben der Kirche und denen der weltlichen Obrigkeit (so Martin Luther) oder sie spricht vom Unter­schied zwischen Christengemeinde und Bürgergemeinde (so der Schweizer Theologe Karl Barth).

Es ist so: das himmlische Jerusalem Gottes steht noch aus. Wir leben im sehr irdischen Jerusalem - oder in Cottbus oder in Regensburg (oder wo auch immer auf der Welt). Aber wir haben zugleich die Zusage, „Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen" (Eph. 2,19) zu sein. Wir sind zur Freiheit gerufen. Wir leben in der Welt, aber wir gehen nicht in ihr auf. Wir haben Gottes Reich vor uns.

Im Bild unseres Predigttextes gesprochen: Ja, wir sollen Steine wegräumen aus dem Weg. Denn das Ziel ist benannt, nicht als Vertröstung angesichts der vielen Mühen der Welt, sondern als Zeichen der Hoffnung. „Richtet ein Zeichen auf für die Völker!" (Jes. 62,10) - wir sind gerufen mitzuarbeiten, ohne Furcht. Wir sollen mithelfen, das Ziel sichtbar zu machen und sicht­bar zu halten.

Vollendung und Heil liegen bei Gott. Das ist unser Glück und unser Segen.

Amen.

 



Bischof der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche der Ukraine, Uland Spahlinger
Odessa/Ukraine
E-Mail: spahlinger.uland@gmx.de

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