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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres (Volkstrauertag), 17.11.2013

„Es geht auch anders!“
Predigt zu Jeremia 8:4-7, verfasst von Dieter Splinter


I.

Liebe Gemeinde!

 „'Frau Abkehr' und Frau 'Verräterisch' sind Schwestern, verheiratet mit demselben Mann. 'Frau Abkehr' (... Jer 3,6.11...) läßt sich mit fremden Männern ein, bricht die Ehe, wird zur Dirne (V 6). ... Doch der Gatte liebt sie nach wie vor und sucht sie zurückzuholen. Nachdem seine Beteuerungen nichts fruchten, überreicht er ihr den Scheidebrief (... V 8).

 'Frau Verräterisch' ahmt das schlechter Beispiel der Schwester nach, auch sie bricht die Ehe. Und wenn sie sich auch gelegentlich mit dem betrogenen Gatten versöhnt, geschieht es nur zum Schein, 'in Lüge', nicht 'mit ganzem Herzen' (V 10). Das ist noch schlimmer, die Abkehr ist zugleich Verrat. 'Frau Verräterisch' heuchelt Liebe ... . Sie hintergeht ihren Gatten weit schamloser: sie verschenkt nicht nur ihren Körper, sie verschenkt auch ihr Herz." (Roland Gradwohl: Bibelauslegungen aus jüdischen Quellen, Band 3: Die alttestamentlichen Predigttexte des 5. Jahrgangs, Stuttgart 1988, S. 296f)

 So schildert ein jüdischer Ausleger den Zusammenhang in dem die Worte der Heiligen Schrift stehen, die wir heute miteinander bedenken. Sie finden sich im Buch des Propheten Jeremia (im achten Kapitel):

  4 Sprich zu ihnen: So spricht der HERR: Wo ist jemand, wenn er fällt, der nicht gern wieder aufstünde? Wo ist jemand, wenn er irregeht, der nicht gern wieder zurechtkäme? 5 Warum will denn dies Volk zu Jerusalem irregehen für und für? Sie halten so fest am falschen Gottesdienst, dass sie nicht umkehren wollen. 6 Ich sehe und höre, dass sie nicht die Wahrheit reden. Es gibt niemand, dem seine Bosheit leid wäre und der spräche: Was hab ich doch getan! Sie laufen alle ihren Lauf wie ein Hengst, der in der Schlacht dahinstürmt. 7 Der Storch unter dem Himmel weiß seine Zeit, Turteltaube, Kranich und Schwalbe halten die Zeit ein, in der sie wiederkommen sollen; aber mein Volk will das Recht des HERRN nicht wissen.

 

II.

Es ist erstaunlich, dass man in Israel solche Prophetenworte bewahrt und weitergegeben hat. Sie lesen sich wie ein kritischer Kommentar zu den Ereignissen jener Zeit. Für Jeremia ist klar: Das Süd-Reich Juda und seine Hauptstadt Jerusalem, in der er wohnt, treiben auf eine Katastrophe zu. Es wird dem Süd-Reich so ergehen wie es dem Nord-Reich einst ergangen ist. Es wird untergehen. Jeremia sieht es kommen.

Noch unter König Salomo waren beide Reiche vereint gewesen. Das war nun aber schon mehr als dreihundert Jahre her. Nach König Salomo war Groß-Israel in zwei Reiche zerfallen. Das Nord-Reich Israel - mit der Hauptstadt Samaria - war vor gut hundert Jahren untergegangen. Eine fremde Macht hatte es besetzt. Das Nord-Reich hatte sich benommen wie „Frau Abkehr". Wie eine Hure hatte es sich an Fremde verkauft, war dem einen Gott Israels untreu gewesen.

So jedenfalls sieht es Jeremia. Er vergleicht die Beziehung Gottes zu Juda und Israel mit der eines Mannes zu zwei Frauen. Nachdem „Frau Abkehr", das Nord-Reich also, schon die Scheidungsurkunde bekommen hat, droht nun dem Süd-Reich dasselbe. Schließlich treibt es „Frau Verräterisch" noch schlimmer als „Frau Abkehr". Dabei könnte sie, könnte das Süd-Reich doch aus der Geschichte seine Lehren ziehen. Doch das geschieht nicht. Jetzt schreiben wir etwa das Jahr 605 vor Christi Geburt. Im Süd-Reich wird zwar so getan als ob man es mit dem einen Gott hält. Doch zugleich betet man fremde Götter an. Schließlich will man es sich nicht mit den mächtigen Nachbarn verderben, die die fremden Götter ins Land gebracht haben. Jeremia hat davor gewarnt, gemahnt, zur Umkehr gerufen. Es hat alles nichts genützt. So kann er nur noch feststellen:

„Es gibt niemand, dem seine Bosheit leid wäre und der spräche: Was habe ich getan! Sie laufen alle ihren Lauf wie ein Hengst, der in der Schlacht dahinstürmt." Diese Lust am Untergang widerspricht dem gesunden Menschenverstand. Denn: „Wo ist jemand, wenn er fällt, der nicht gern wieder aufstünde? Wo ist jemand, wenn er irregeht, der nicht gern wieder zurechtkäme?"

Es ist erstaunlich, dass solche Prophetenworte erhalten geblieben sind. Wer lässt sich schon gern die Leviten lesen? Wer es dennoch tut, macht sich unbeliebt. Jeremia hat es bitter erfahren. Etwa zwanzig Jahre nach seinen scharfen Worten wird Jerusalem und Juda untergehen. Ein großer Teil der Bevölkerung wird nach Babylon verschleppt werden - und Jeremia selber nach Ägypten. Dort, so berichtet es eine Legende, wird er von einigen Landsleuten zu Tode gesteinigt. Wer die Wahrheit gesagt hat, muss häufig mit der Wut der anderen rechnen.


III.

Untergänge gab und gibt es in der Geschichte immer wieder. Wir Deutsche wissen das nur zu genau. In den letzten hundert Jahren haben wir zwei davon erlebt. Nach dem ersten Mal - nach dem Ersten Weltkrieg - wurden die falschen Lehren daraus gezogen. „Herr und Frau Abkehr" fanden sich bei den Nazis ein. Der dreieinige Gott sollte ihrem Germanentum weichen. „Herr und Frau Verräterisch" wiederum fanden sich bei den so genannten Deutschen Christen ein. Die meinten: Wir können am dreieinigen Gott festhalten, aber auf den Gott des Alten Testamentes, ja auf das Erste Testament selber, verzichten. Wohl gab es Leute wie Jeremia. Sie warnten. Sie mahnten. Sie leisteten Widerstand. Doch viele von ihnen wurden verjagt, vertrieben, gefangen genommen oder - im wahrsten Sinne des Wortes - mundtot gemacht. So kam es zu dem, was schon Jeremia benannt hatte: „Sie laufen alle ihren Lauf wie ein Hengst, der in der Schlacht dahinstürmt." Erst allmählich dämmerte vielen, dass die Lust am Untergang dem gesunden Menschenverstand widerspricht. Da war es aber schon zu spät.

Untergänge jedoch sind vermeidbar. Es geht - Gott sei Dank - auch anders. Man kann aus der Geschichte seine Lehren ziehen. „Herr und Frau Abkehr", „Herr und Frau Verräterisch" müssen keineswegs obsiegen. Heute - am Volkstrauertag - werden wir daran erinnert: an den Gedenkstätten für die Gefallenen auf den Friedhöfen; und um 16 Uhr in der zentralen Gedenkstunde im Deutschen Bundestag. In ihr wird Bundespräsident Joachim Gauck vermutlich ähnliche Worte sprechen wie 2012:

„Wir denken heute an die Opfer von Gewalt und Krieg, an Kinder, Frauen und Männer aller Völker.

Wir gedenken der Soldaten, die in den Weltkriegen starben, der Menschen, die durch Kriegshandlungen oder danach in Gefangenschaft, als Vertriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren.

Wir gedenken derer, die verfolgt und getötet wurden, weil sie einem anderen Volk angehörten, einer anderen Rasse zugerechnet wurden, Teil einer Minderheit waren oder deren Leben wegen einer Krankheit oder Behinderung als lebensunwert bezeichnet wurde.

Wir gedenken derer, die ums Leben kamen, weil sie Widerstand gegen Gewaltherrschaft geleistet haben, und derer, die den Tod fanden, weil sie an ihrer Überzeugung oder an ihrem Glauben festhielten.

Wir trauern um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage, um die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung, um die Bundeswehrsoldaten und anderen Einsatzkräfte, die im Auslandseinsatz ihr Leben verloren.

Wir gedenken heute auch derer, die bei uns durch Hass und Gewalt gegen Fremde und Schwache Opfer geworden sind.

Wir trauern mit allen, die Leid tragen um die Toten und teilen ihren Schmerz.

Aber unser Leben steht im Zeichen der Hoffnung auf Versöhnung unter den

Menschen und Völkern, und unsere Verantwortung gilt dem Frieden unter den Menschen zu Hause und in der ganzen Welt."

 

IV.

Es geht auch anders. Untergänge sind vermeidbar: „Der Storch unter dem Himmel weiß seine Zeit, Turteltaube, Kranich und Schwalbe halten die Zeit ein, in der sie wiederkommen sollen; aber mein Volk will das Recht des Herrn nicht wissen."

Doch! - möchte ich Jeremia entgegen. Menschen sind lernfähig. Sie stehen wieder auf, wenn sie fallen. Sie kommen wieder zurecht, wenn sie irre gehen. Sie gehen nicht in die Irre „für und für". Menschen sind zur Reue und zur Umkehr fähig. Manchmal müssen sie dafür aber erst tief fallen. Dem „Verlorenen Sohn" ist es so ergangen. Reue zeigt er erst als er auf dem Tiefpunkt seines Lebens angekommen ist. Erst dann findet er den Weg zurück zum Vater. Aber immerhin. Nicht nur Storch, Turteltaube, Kranich und Schwalbe wissen, wann es Zeit ist, zurückzukommen.

Freilich: Zugvögel sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Manche bleiben inzwischen einfach hier. Der Klimawandel hat sie dazu verleitet. Die meisten Experten sind der Meinung, dass wir Menschen diesen Wandel zu verantworten haben. Jede Überschwemmung, jeder Taifun erinnern daran, dass es für Reue auch einmal zu spät sein kann.

Doch geht es auch anders. Untergänge sind vermeidbar. Umkehr ist möglich. Ihre Kraft gewinnt sie in der Beziehung zu Gott. Der „Verlorene Sohn" erlebt das. Mehr noch: Er erlebt, dass ihm der Vater entgegeneilt - und ihm um den Hals fällt. Aus Abkehr wird Heimkehr, aus Verrat wird Vergebung und Versöhnung. Der das „Gleichnis vom Verlorenen Sohn" erzählt, steht dafür ein. Und so bewahre der Friede Gottes, welcher höher ist denn all unsere Vernunft, unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.




Pfarrer Dr. Dieter Splinter
79249 Merzhausen
E-Mail: dieter.splinter@ekiba.de

Bemerkung:
Pfarrer Dr. Dieter Splinter ist Landeskirchlicher Beauftragter für den Prädikantendienst der Evangelischen Landeskirche in Baden an der Evangelischen Hochschule Freiburg


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