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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres (Volkstrauertag), 17.11.2013

Predigt zu Jeremia 8:4-7, verfasst von Manfred Wussow


 

Sprich zu ihnen:

So spricht der HERR: Wo ist jemand, wenn er fällt, der nicht gern wieder aufstünde? Wo ist jemand, wenn er irregeht, der nicht gern wieder zurechtkäme?
Warum will denn dies Volk zu Jerusalem irregehen für und für? Sie halten so fest am falschen Gottesdienst, dass sie nicht umkehren wollen.
Ich sehe und höre, dass sie nicht die Wahrheit reden. Es gibt niemand, dem seine Bosheit leid wäre und der spräche: Was hab ich doch getan! Sie laufen alle ihren Lauf wie ein Hengst, der in der Schlacht dahinstürmt.
Der Storch unter dem Himmel weiß seine Zeit, Turteltaube, Kranich und Schwalbe halten die Zeit ein, in der sie wiederkommen sollen; aber mein Volk will das Recht des HERRN nicht wissen.

 

Predigt

Heute predigen die Tiere! Zuerst eilt der edle und feurige Hengst heran, dann erscheint der Storch, der die Welt gesehen hat und zuletzt kommt die Schwalbe, die den Himmel ausmisst. Kleine Überraschungen am Volkstrauertag!

 

Die Predigt eines Hengstes

Edel, jung und spritzig erscheint der Hengst. Aus bestem Haus. Mit Stammbaum. Auch zu Höherem geboren. Aber dann muss er in den Krieg. Ein Soldat sitzt herausgeputzt auf und gibt ihm die Sporen. Schnell. Schneller. Ganz schnell zum Sieg. Und dann liegen Pferde und Menschen auf dem Feld. Die meisten gefallen. Hier und da noch ein Röcheln. Am Abend sieht man die Ernte des Todes. So weit das Auge reicht. Irgendwo steigt ein Sieger auf den Feldherrenhügel. Sieger? Sieger über was, über wen? Der Tod lässt sich nicht besiegen - so nicht. Nicht einmal das Leben ist zu gewinnen. Aber die Menschen schauen auf die Orden. Am Ende passen sie in eine Zigarrenkiste. Aus dem Schlachtfeld wird ein Flohmarkt.

Vor 100 Jahren, 1913, war der Ausbruch des 1. Weltkrieges nur einige Monate entfernt - nicht einmal mehr ein Jahr. Aber auf der Krim tobte schon seit einem Jahr ein Krieg - wer sehen konnte, ahnte, wie ein moderner Krieg aussieht. Und dann auch aussah. Ein Krieg der Superlative - was den Materialeinsatz, den Schrecken und die Verluste anging. Auf dem Feld der Ehre liegen Menschen und Pferde.

Von meinem Vater habe ich ein Buch geerbt. Es kommt aus dem Nachlass seines 1944 gefallenen Bruders. Die Festschrift seines Regimentes, eines Kavallerieregimentes in Pommern. In dem Buch steht eine Widmung für den besten Rekruten seines Jahrgangs. Sein Regiment erinnert sich nur an ruhmreiche Taten. Schauplätze und Namen ziehen vorüber. Der Krieg wird leidenschaftlich beschrieben, erhöht, gefeiert. Es scheint nichts Größeres zu geben, als für das Vaterland zu streiten und zu sterben. Die anderen Menschen - und Völker - kommen nur als Feinde vor. Oder als Verräter. Dass in dem Buch Pferde eine besondere Rolle spielen, verwundert nicht. Sie schmücken mit ihren Bildern das Buch. Sie schauen den Betrachter mit ihren treuen Augen an - sie sollen auch zeigen, wie tapfer und wagemutig, gehorsam und treu ergeben sie sind. Die Abbildungen suggerieren Nähe - und sind doch nur Ideologie.

Um Jeremia zu zitieren: „Sie laufen alle ihren Lauf wie ein Hengst, der in der Schlacht dahinstürmt."

In der Bibel kommen die Pferde nicht gut weg. Als Schlachtrösser bringen sie nur den Tod. Sie sind die Panzer, die Streitmacht der Antike. Sie symbolisieren das Recht des Stärkeren. Jesus reitet darum auch nicht auf einem Pferd in Jerusalem ein - wer auf einem Esel einzieht, kommt nicht auf hohem Ross. Seine Macht ist nicht von dieser Welt.

Ich stelle mir vor, einmal die Erinnerungen eines Hengstes lesen zu dürfen. Weil er nicht schreiben kann, leihe ich ihm meine Feder. Was er erzählt, ist bitter und wirft kein gutes Licht auf uns Menschen. Das Wort „Missbrauch" steht auf einmal im Raum und ist nicht wieder los zu werden. Menschen eilen ins Verderben und reißen alles mit. Einst mit Pferden - heute ohne sie. An ihrer Stelle stürmen Drohnen, Raketen und Panzer aufs Schlachtfeld - und die Rüstungsindustrie verdient ausgezeichnet daran. Auch in unserem Land. Mit Hafer geben wir uns nicht zufrieden.
Ich stelle mir vor, einmal die Erinnerungen eines Hengstes lesen zu dürfen. Weil er viel zu sagen hat, schweige ich. Er erzählt von den Schmerzen. Von den Schreien. Von dem Elend. Die Computer halten allemal das Maul.

Um Jeremia zu zitieren: „Es gibt niemand, dem seine Bosheit leid wäre und der spräche: Was hab ich doch getan!"

 

Die Predigt des Storches

Fast tut er mir leid, der Hengst. Bei Jeremia erscheint er auch nur als der, der in der Schlacht dahinstürmt. Wenn ich bedenke, was er erzählt, ist es ohnehin die Geschichte von Menschen, die bewusst - also absichtlich - in die Irre laufen - und sich darin nicht einmal beirren lassen. Von einem Pferd schon mal gar nicht.

Jetzt tritt in der Predigt der Tiere der Storch auf. Er geht auf eine weite Reise, wenn es Herbst wird - und kommt wieder, wenn der Frühling kommt. Der Storch hat viel von der Welt gesehen. Grenzen kennt er nicht. Er überfliegt sie. Das macht die Welt klein - so weit sie auch ist. Besonders faszinierend ist, dass er sein heimatliches Rad immer wieder findet. Hier baut er sein Nest, hier zieht er seine Jungen auf, hier lernen die Jungen das Fliegen. Sie fliegen schon voraus - gen Süden. Obwohl ihnen keiner das Ziel zeigt - sie finden es.

Woher kommen wir Menschen, wohin gehen wir? Viele ziehen um ihre Nationalität, ihre Sprache, ihre Kultur einen Zaun. Mit der Zeit muss er immer höher gezogen werden. Aber was wird geschützt? Was muss geschützt werden? Die Nationalität, die Sprache, die Kultur? Die Fragen sind schwierig - ich weiß. Aber wenn die Zäune weggenommen werden, können Menschen zu einander finden, ihre Erfahrungen und Ängste austauschen, miteinander auch neue Wege finden.

Der Storch überquert mühelos Meere. Hohe Berge verstellen ihn nicht die Route. Nicht einmal die Wüste schreckt ihn ab. Er weiß, wo er zu Hause ist - und findet wieder zurück. Er weiß, wo er überwintert - und wo er bleiben kann.

Um Jeremia zu zitieren: Der Storch unter dem Himmel weiß seine Zeit

Im nächsten Jahr wird an vielen Orten daran gedacht, dass ein Weltkrieg ausbrach. Ein merkwürdiges Wort: „ausbrach". Als ob der Krieg vom Himmel gefallen wäre - einfach so. Ich mag heute nicht die große und lange Geschichte erzählen, aber an eine Gemeinde erinnern, die in die Zerreißprobe geraten ist.

Seit vielen Jahren schon gab es 1914 eine evangelische Gemeinde - der deutschen Bewohner der Stadt - in Antwerpen. In dieser pulsierenden Stadt an der Schelde gab es eine deutsche Kolonie - aus dem Stadtbild auch nicht wegzudenken. Viele Bauten und Denkmäler erzählen bis heute von dieser Präsenz. Dann überfallen deutsche Truppen, ziemlich am Anfang des Krieges, Belgien, ziehen bis nach Antwerpen und unterwerfen diese Stadt. Antwerpen ist für die Deutschen kriegswichtig als Einfallstor nach Frankreich - dem Erzfeind. Zu diesem Zeitpunkt ist Antwerpen die bedeutendste Hafenstadt. In Kriegspredigten wird in deutschen Kirchen von Kirchenleuten der Elite - Dom- und Hofprediger, Professoren - der „Fall von Antwerpen" zu einem Gottesurteil stilisiert. Sehen das die deutschen evangelischen Christen in Antwerpen auch so? Freuen sie sich über den Sieg ihrer Landsleute? Können sie in ihrem Lebensumfeld den belgischen Mitbewohnern überhaupt noch offen gegenübertreten? Auf einmal ist die Nachbarschaft zerrissen. Vorher gab es Deutsche und Belgier, jetzt gibt es Feinde. Wer Feind ist? Der andere ... Nach dem „Fall von Antwerpen" ist die Geschichte dieser blühenden Gemeinde auf einmal im Zwielicht - am Ende wird es sie nicht mehr geben. Die Mühlsteine, in die Menschen geraten, mahlen unerbittlich und unaufhaltsam. Es gibt Racheakte, Vertreibungen - und mit jedem Sieg, jeder Niederlage - von welcher Seite auch immer - neues Unrecht.

Antwerpen ist nicht die Welt, so weltoffen die Stadt auch ist. Aber kleine und kleinste Geschichten können von Grenzen erzählen, die Menschen aufrichten - und hinter sie verbannt werden. Die Frage nach der Schuld ist nicht zu beantworten - ist doch die Schuldverstrickung wie ein Netz, das sich lähmend über alles legt, was Menschen machen und unterlassen.

Ich möchte dem Storch zuhören, wenn er nächstes Jahr zurückkommt. Er hat eine Weltreise hinter sich und viel von der Welt gesehen. Ich werde mehr als erstaunt sein: er hat die Grenzen auf meiner Karte nicht einmal gesehen - und die Grenzen, die ich für naturgegeben halte, hat er einfach überflogen.

Er muss nicht einmal viel erzählen. Fängt er an, nicke ich sowieso mit dem Kopf. Was soll ich sonst auch machen?

Um Jeremia zu zitieren: Der Storch unter dem Himmel weiß seine Zeit.

 

Die Predigt der Schwalbe

Während die Menschen dem Storch sogar zutrauen, Kinder zu bringen, ist der letzte Vogel, der sich anschickt, eine Predigt zu halten, eher ein ganz kleiner Künstler. Mal fliegt er ganz oben, dann tummelt er sich in Erdnähe - geschwind, richtig geschwind. Die Rede ist von der - Schwalbe. Sie soll sogar das Wetter ansagen können.
Wenn sie Junge hat, hört man die Laute der Kleinen - und sieht sie unermüdlich beim Füttern. Die menschliche Nähe stört sie nicht - sie nutzt sie. Ihr Nest klebt sie unter einen Balken, einen Dachvorsprung oder in einen Stall. Sie ist bei uns zu Hause.

Was ihre Flugkünste angeht: sie durchmisst mit einer Leichtigkeit, die ich nur bewundern kann, den Himmel. So schnell kann ich nicht schauen - und manchmal ist sie soweit oben, so weit weg.

Ich möchte der Schwalbe heute das letzte Wort lassen. Sie beherrscht das Kunststück, den Himmel abzutasten, in ihm zu wohnen, in ihm das Futter zu finden - und am Abend von ihm zu singen. Dann sitzen die Schwalben alle zusammen und empfangen die Nacht.

Heute ist Volkstrauertag. Der Name ist eingebürgert, aber nicht wirklich heimisch. Wenn wir doch trauern könnten! Über den Hass, der sich weit ausbreitet, über die Kriege, die immer neue Opfer suchen, über die Grenzen, die Menschen voneinander trennen. Wenn wir doch trauern könnten! Über uns.
Mit der Trauer beginnt der Aufstand. Mit der Trauer beginnt die Wahrheit. Mit der Trauer beginnt ein neuer Anfang. In der Welt, die wir kennen und lieben, rechtfertigen sich aber die Selbstgerechten, schweigen die Wissenden, verirren sich die Klugen.

Um Jeremia zu zitieren: „Wo ist jemand, wenn er fällt, der nicht gern wieder aufstünde? Wo ist jemand, wenn er irregeht, der nicht gern wieder zurechtkäme?"

Jetzt ist es auch heraus: Ich werde von mir reden müssen. Von meiner Angst, meiner Schwäche, aber auch von meinem Traum.
Ich muss nicht in das Unheil rennen und andere mitnehmen,
ich will die Welt sehen mit dem weiten Blick von oben
ich werde den Himmel durchmessen und von ihm singen.

Heute predigen die Tiere! Der Hengst eilt herbei, der Storch und die Schwalbe.

Um Jeremia zu zitieren: ich will das Recht des HERRN wissen!

Und der Friede Gottes,
der höher ist als alle Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne
in Christus Jesus,
unserm Herrn.

 



Manfred Wussow
Aachen
E-Mail: M.Wussow@gmx.de

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