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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

1. Sonntag im Advent, 01.12.2013

Predigt zu Psalter 24:, verfasst von Bernd Giehl


Jetzt habe ich doch zumindest eine Ahnung, wer genau diesen Text in die Perikopenordnung geschmuggelt hat. In 30 Jahren habe ich ihn noch nicht ein einziges Mal gepredigt und plötzlich steht er vor mir auf und sagt: „Hier bin ich. Schau mich an." „Wo kommst du her?" habe ich ihn gefragt. „Was glaubst denn du? Ich bin kein Pilz, der im Wald gewachsen ist. Ich stamme aus dem Buch der Bücher und wenn du's noch genauer wissen willst: aus dem Buch der Psalmen. Aber sag: Findest du mich nicht schön?" In dem Moment war's um mich geschehen. „Doch", hab ich gesagt, ich finde dich wunderschön." Erst später habe ich einen Blick ins Internet riskiert und dabei festgestellt, dass meine Ahnung mich nicht getrogen hat. Die Kommission, die die neue Perikopenordnung im Auftrag der EKD zusammengestellt hat, hat ihn für den Ersten Advent vorgeschlagen. Und ich habe gedacht: Sieh an, auch die Kirche kommt manchmal auf neue Ideen.

Dabei klingt, das, was wir hören, noch nicht besonders revolutionär. „Die Erde ist des Herrn." Eher schon wie ein frommer Kalenderspruch vom Neukirchener Kalender, den mein Vater in meiner Kindheit immer vorlas. Aber variieren wir das doch mal. Wirklich ganz harmlos, ich verspreche es. Und fangen wir dabei nicht so groß an, nicht mit der ganzen Erde, sondern mit einem kleinen Ausschnitt. Sagen wir mit der Adventszeit. Formulieren wir doch mal ganz bescheiden: „Die Adventszeit gehört Gott."

Höre ich da Widerspruch? Ich fürchte, ich kann ihn nicht länger überhören. Ich habe ihn ja schon vor knapp drei Wochen gehört, als ich nach Wiesbaden in die Landesbibliothek fuhr, um einen Psalmenkommentar zu diesem Psalm zu Rate zu ziehen. Nein, verstehen Sie das richtig: Ich habe ihn nicht in der bis zum Abwinken nüchternen Landesbibliothek gehört. Wohl aber in dem Kaufhaus, in dem ich mein Mittagessen einnahm. „Bist du verrückt" fragte mich das Kaufhaus, in dem schon diskret die ersten Weihnachtsgirlanden im Restaurant zu sehen waren. „Die Adventszeit gehört Gott? Das kannst du nicht machen. Die Wochen vor Weihnachten sind die beste Zeit im ganzen Jahr. Da kannst du doch nicht einfach kommen und sie uns wegnehmen. Wer bist du denn? Auf keinen Fall darfst du das. Versprich es, oder ich hole jetzt den Hausdetektiv. Der verhaftet dich dann wegen Ladendiebstahl."

„Aber das will ich doch gar nicht. Ich will dir doch gar nichts wegnehmen", erwidere ich verdattert. Vielleicht nicht ganz wahrheitsgemäß aber momentan steckt mir der Schrecken in den Gliedern. Ich will doch nicht verhaftet werden. Ich bin noch nie verhaftet worden.

„Ob du das willst oder nicht interessiert mich nicht", sagte das Kaufhaus. „Du sollst es versprechen. Meinst du, dein Gott lässt uns glitzern und funkeln?" In dem Moment sah ich nicht nur die kleinen Girlanden um die Säulen, sondern überall glitzerte und funkelte es und ein riesiger Weihnachtsmann bimmelte mit der Glocke und schrie sein brummiges „Hohoho". „Dein Gott duldet doch keine anderen Götter neben sich. Oder sehe ich das falsch?"

„Du aber offenbar auch nicht", sagte ich zu dem Kaufhaus. Und dann machte ich, dass ich davonkam.

*

An der Stelle will ich das Bild jetzt verlassen. Ich habe keine Sorge: Es wird schon in unseren Köpfen bleiben. Aber ich will jetzt ein zweites Bild heraufbeschwören. Es ist zwar anders als das vorige, aber deshalb nicht weniger prächtig. Ich sehe eine Stadt. Zunächst nur aus der Vogelperspektive. Am Anfang ist sie gar nicht so groß, aber wenn ich dann tiefer gehe, wächst sie mit jedem Meter, den ich mich ihr nähere. Es ist eine orientalische Stadt, das sehe ich jetzt immer deutlicher. Und dann stoße ich noch tiefer und sehe eine große Menschenmenge, die sich durch die Straßen wälzt. Ihr Ziel ist das größte Gebäude in der Stadt. Ihr Ziel ist ein Tempel. Ich gehe noch etwas tiefer und lande schließlich punktgenau neben der Spitze des Zuges. Der wird von ein paar Männern in prächtigen Gewändern angeführt. Sie tragen eine Art Kiste, die mit Purpur bedeckt ist. Hinter ihnen geht der König in seinem Purpurmantel. Er trägt keine Krone, wohl aber so eine Art Zepter in der Hand. Am Purpurmantel, dem Zepter und seiner stolzen Haltung erkenne ich ihn. Über ihnen schwebt ein Baldachin. Das Ganze sieht aus wie eine sehr prächtige Fronleichnamsprozession; bloß die Monstranz und der Weihrauch fehlen. Sie steigen einen Berg hinauf, dann hält die Spitze des Zuges vor einem riesigen Tor. Auch die Menge hinter ihnen macht halt. Die Männer in den prächtigen Gewändern stimmen eine Art „Sprechgesang" an. Ihr Singsang ist nur schwer zu verstehen. „Wer darf hinaufsteigen auf Gottes Berg und wer darf eintreten in seinen heiligen Bezirk?" so singen sie wohl. Ein paar Sekunden später kommt die Antwort von innen: „Wer reine Hände hat und ein reines Herz, der darf hier eintreten."

Jetzt müsste die große Tür sich aber öffnen, denke ich. Doch das tut sie nicht. Allerdings scheinen die da vorne mit ihrer Kiste unter dem Baldachin das auch gar nicht erwartet zu haben. Stattdessen machen sie mit ihrem Singsang weiter. „Macht die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehen kann." „Wer ist der König der Ehre?" antwortet es von drinnen. Eigentlich müssten die das ja wissen, denke ich, aber offensichtlich ist das hier so eine Art Zeremonie. „Es ist der Herr, mächtig im Streit" singen sie draußen. Und dann fordern sie noch einmal, womöglich noch lauter als vorhin: „Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehen kann." Einen Moment später wird das große Tor geöffnet, es knarrt und während es sich langsam öffnet, kann ich einen Blick auf den mächtigen Tempel erhaschen. Die Männer in den großen Gewändern unter ihrem Baldachin ziehen ein; sie tragen die Kiste mit dem Purpur darüber in den Tempel. Männer in noch prächtigeren Gewändern aus Goldbrokat erwarten sie im Inneren und gemeinsam ziehen sie durch den Vorhof in die heiligen Hallen des Tempels.

*

Zwei Szenen, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Die erste Szene wird Ihnen, bei aller Skurrilität, die ich ihr gegeben habe, vermutlich vertraut gewesen sein. Die Adventszeit gehört Gott? Das sagen wir ja ganz gern oder vielleicht reden wir ja auch von Gottes Kommen und der Zeit der Vorbereitung, in der wir die Türen in der Welt hoch machen und davon, dass wir unser Herz zum Tempel bereiten wollen. So heißt es ja in dem bekanntesten aller Adventslieder. Wie gesagt, wir reden davon, aber es ist schwer, das auch wirklich zu leben. Da sind all die vielen Anforderungen, die gerade in der Adventszeit an uns gerichtet werden. Überall sollen wir in dieser Zeit präsent sein, beim Weihnachtsmarkt helfen, den Basar besuchen, die Weihnachtsfeier im Verein organisieren und die Geschenke für die Lieben zuhaus und in der Ferne wollen auch gekauft werden. Und die Kaufhäuser schmücken sich in dieser Zeit, dass es eine wahre Pracht ist und man immer wieder hingehen möchte um zu schauen und - ja, ich gebe es zu - auch zu kaufen. Nie schienen die Wünsche so groß, wie gerade jetzt. Um uns herum ist ebenso viel Geschäftigkeit und die Geschäfte rufen uns zu: Kauft, Leute, kauft. Weihnachten steht vor der Tür und ihr wollt am großen Fest doch nicht ohne Geschenke dastehen?

Aber dann war da ja auch noch das zweite Bild. Das von der Prozession zum Tempel. Es war - Sie werden es gemerkt haben - die Übertragung des Psalms, der unseren Predigttext bildet. Womöglich gab es ja ein Fest der Thronbesteigung Gottes im Jerusalemer Tempel. Womöglich war der Psalm, den wir gehört haben, ein Teil seiner Liturgie. Wir wissen es nicht. Aber wir verstehen, was dieser schöne Psalm sagen will: Gott kommt als König. Er regiert die Welt. In der Prozession, in der die Bundeslade mit den Tafeln der Zehn Gebote in den Tempel getragen wird, wird es sichtbar. Mehr noch: Wenn der Psalm mit den Worten beginnt: „Die Erde ist des Herrn", dann richtet er den Blick nicht nur auf Jerusalem und den Tempel. Dann wird vielmehr Jerusalem zum Zentrum der Welt und wenn Gott in den Tempel zurückkehrt, der ihn bekanntlich nicht fassen kann, dann macht er zugleich auch seine Herrschaft über die Welt sichtbar.

*

Aber dann frage ich mich: Sind diese Bilder nicht zu groß für unser kleines Herz? Der Text sagt: „Die Erde ist des Herrn" oder noch etwas poetischer: „Adonaj gehört die Erde und ihre Fülle" („Bibel in gerechter Sprache") und wir stecken eine Kerze an, damit es ein bisschen heller werde in unseren Stuben. Bekommen wir das noch hin: so groß und so selbstbewusst von Gott zu reden wie der Psalm 24 es tut? Tragen wir ihn noch durch die Stadt, sodass alle ihn sehen können wie es offenbar hier geschieht?" Was für eine Frage. Natürlich tun wir das nicht. So viel Selbstbewusstsein haben wir schon lang nicht mehr. Das überlassen wir allenfalls noch den Katholiken an Fronleichnam. Und ob wir den, der da kommt, den „Herrn, mächtig im Streit" nennen würden? Nein lieber doch nicht. Das widerspricht unserem pazifistischen Grundgefühl. Und im Übrigen würde das viel zu viel Aufsehen erregen. Da würden wir ja womöglich wirklich in Streit geraten. Oder müssten zumindest die Konkurrenz aushalten mit denen, die ebenfalls die Aufmerksamkeit brauchen.

Allerdings stellt sich hier eine Frage: Inwieweit können wir unseren Predigttext denn tatsächlich auf den beziehen, dessen Kommen wir erwarten und demnächst auch feiern? Klar ist, der Psalm ist wegen der Verse 7-9 als neuer Predigttext für den ersten Advent ausgewählt worden. Die Worte „Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehe", die stehen ja wie eine unsichtbare Überschrift über dem Ersten Sonntag am Beginn des Kirchenjahres. Und da gehören sie auch hin. Der Beginn eines Jahres , auch wenn es immer wiederkehrt, symbolisiert ja die Möglichkeit des neuen Anfangs. Und so zeigt es eben auch an, dass wir mit Gott neu anfangen können. Und umgekehrt genauso: Gott fängt mit uns neu an. Gott kommt in die Welt und schenkt ihr neue Möglichkeiten.

Allerdings gibt es auch einen Unterschied zu den Bildern des Psalms. In unserem Predigttext geschieht das eher laut und mit viel Pomp und Gloria. An Weihnachten, dem großen Fest des Kommens Gottes, das die Christen feiern, geschieht es eher leise. Da gibt es keine Prozession mit den Gebotstafeln, da gibt es auch keine großen Roben, da gibt es nur die Geburt eines Kindes in einem Stall und die Prozession besteht bestenfalls in der Ankunft von ein paar Hirten. Dass Gott selbst in Gestalt eines Kindes auf die Erde kommt, wird nicht von den Königen bemerkt, und es ist auch kein König, der die Prozession anführt, sondern es gehen nur ein paar einfachen Menschen zum Stall, von dem aber keine Zeitung und kein Fernsehsender berichtet.

Aber dieser Anfang ist durchaus kein Missverständnis, wie man vielleicht meinen könnte. Denn der Mensch, der uns Gott brachte, der, in dessen Reden und Handeln Gott sich offenbarte, wie wir Christen glauben, der war sicher auch groß, aber er war anders als die Gestalten, die wir sonst „groß" nennen. Der war anders als Konstantin der Große, der seinen Bruder besiegte und die beiden römischen Reiche, die es bis dahin gegeben hatte noch einmal einigte, anders auch als Karl der Große, der die Sachsen mit Schwert und Feuer zum Christentum bekehrte oder als Friedrich der Große, der im Siebenjährigen Krieg halb Europa verheerte. Seltsamerweise nennen wir gerade die groß, die ihre Vorstellungen mit Gewalt durchsetzten. Keine Frage: sie haben Großes geleistet; aber die Mittel, die sie anwandten, brachten großes Leid über viele unschuldige Menschen.

In diesem Sinne kann man Jesus sicher nicht „groß" nennen. Womöglich kann man ja auch von ihm sagen, er habe ein Reich gegründet; nur war es keines, das sich auf Schwerter und Stiefel gründete. Sein Reich war das Reich Gottes, von dem er predigte und das er herbeisehnte. Und wir Christen glauben daran, dass es mit ihm in die Welt kam, auch wenn es nicht in dem Sinne sichtbar wurde wie das Reich Karls des Großen oder Friedrichs II. von Preußen. Es war und ist ein Reich, das nicht von dieser Welt ist, wie der gefangene Jesus dem großen Pilatus antwortete, dessen Reich ja durchaus von dieser Welt war und der den Mann aus Nazareth deshalb auch ans Kreuz schlagen lassen konnte, vermutlich weil er ihn für einen gefährlichen Aufrührer hielt. Nur dass er das Reich Gottes damit nicht aufhielt, sondern im Gegenteil beförderte. Was er aber unmöglich wissen konnte; was im Gegenteil völlig jenseits seiner Vorstellungen lag. Dass die Christen an einen Gottessohn glaubten, der von der weltlichen Macht gekreuzigt worden war und damit den ehrlosen Tod eines Sklaven oder Aufständischen erlitten hatte, und dass dieser Glaube sich am Ende auch noch durchsetzen würde, das war so jenseits alles dessen, was ein antiker Statthalter und Vertreter des Kaisers von Rom sich vorstellen konnte, wie es nur irgend möglich ist.

Aber genau den feiern wir. Womöglich noch nicht heute, aber an Weihnachten. Heute und an den nächsten Sonntagen bereiten wir uns noch auf sein Kommen vor. Wir sind sozusagen noch mit der Prozession zum Tempel unterwegs. Aber auch das kann Freude machen. „Bereitet dem Herrn den Weg", heißt es in einem anderen Psalm, „denn siehe, der Herr kommt gewaltig."

Oder um es mit den Worten des Psalm 24 zu sagen: „Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, damit der König der Ehren einziehen kann." Zunächst einmal gilt das uns selbst. Wir sind es, die ihm die Tür öffnen sollen. Aber dabei kann es eigentlich nicht bleiben. Wenn wir ihm die Tür geöffnet haben, dann sollen wir auch hinausgehen und ihm dort die Türen öffnen. Und dann sollen wir der Welt zeigen, wem die Erde gehört.

Das ist jetzt unsere Aufgabe.

 



Pfarrer Bernd Giehl
64569 Nauheim
E-Mail: giehl-bernd@t-online.de

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