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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

1. Sonntag im Advent, 01.12.2013

Gott gehört die Erde
Predigt zu Psalter 24:, verfasst von Güntzel Schmidt

 

Gott gehört die Erde und ihre Fülle,

das Land, und die auf ihm wohnen.

Denn er hat es auf den Strömen gegründet

und auf den Flüssen befestigt.

Wer darf auf den Berg Gottes aufsteigen,

und wer sich erheben am Ort seiner Heiligkeit?

Wer schuldlose Hände hat und ein reines Herz,

eine Seele, die sich nicht nach Nichtigem sehnt

und nicht falsche Eide schwört,

wird von Gott Segen empfangen

und Gerechtigkeit vom Gott ihrer Hilfe.

Das ist die Gemeinschaft, die ihn sucht,

die dein Antlitz sucht, Jakob.

Hebt die Schwellen der Tore an!

Erhebt euch, uralte Tore!

Dann wird der König der Ehre einziehen.

Wer ist dieser König der Ehre?

Gott, stark und kraftvoll,

Gott, kraftvoll im Kampf.

Hebt die Schwellen der Tore an!

Erhebt euch, uralte Tore!

Dann wird der König der Ehre einziehen.

Wer ist dieser König der Ehre?

Gott der Heerscharen, er ist der König der Ehre.

(Eigene Übersetzung)


 

Liebe Gemeinde,

"My home is my castle", dieser Wahlspruch der Briten ist auch unserer.

Auch wir empfinden unser Haus, unser Eigenheim

als so etwas wie eine Burg.

In den eigenen vier Wänden ist man King oder Queen,

Herrin oder Herr im Haus.

Hier bestimmen wir, wir ganz allein.

Hier darf uns niemand reinreden.

Hier ist man vor allen Widrigkeiten der Welt draußen

gefeit und geschützt.

Muss man auch auf den Straßen, in Bus oder Bahn,

in der Schule, auf der Arbeit

die Rücksichtslosigkeit, Gemeinheit,

Gleichgültigkeit oder Häme der Mitmenschen ertragen,

sich vielleicht sogar vor ihnen fürchten,

sich von ihnen herumschubsen lassen,

Aufträge und Anweisungen von ihnen entgegennehmen,

ihre Eigenarten und Marotten erdulden

- in den eigenen vier Wänden ist man sie los.

Da kann einem niemand etwas. Da ist man frei.

Denn das Haus, der Grund, auf dem es steht, gehören uns.

Mit Haus und Grund haben wir uns Freiheit erkauft,

eine kleine, beschränkte Freiheit.

Der Besitz von Land und Haus garantieren sie uns.

In dieser Erde, die uns gehört, können wir Wurzeln schlagen,

sie ist das Fundament, auf dem wir eine Familie gründen,

das Fundament, das unsere Kinder und Enkel noch

ihr "Zuhause" nennen werden.

Wir gestalten sie zu unserer kleinen Welt,

zu unserer Vorstellung vom Paradies, zum Himmel auf Erden.

 

I

"Gott gehört die Erde und ihre Fülle,

das Land und die auf ihm wohnen."

Der 24. Psalm hat eine andere Vorstellung vom Grundbesitz:

Gott gehört die Erde, sagt er.

Ihm soll das Land gehören,

das doch im Grundbuch auf unseren Namen eingetragen ist.

Und nicht nur das:

Gott sollen auch alle Bewohner des Landes gehören.

Wir gehören Gott. Nicht uns selbst (oder einer anderen).

Eine steile Behauptung, die der Psalm da aufstellt.

Womit begründet er sie?

"Er hat das Land auf den Strömen gegründet

und auf den Flüssen befestigt."

Gott hat die Welt geschaffen, argumentiert der 24. Psalm,

deshalb gehört ihm das, was er geschaffen hat:

das Festland, das er vom Wasser geschieden hat

und die Lebewesen, die es bevölkern.

Diese Begründung ist zunächst einmal einleuchtend:

Was wir gemacht, hergestellt, geschaffen haben, gehört uns

- sei es ein Haus, oder ein Bild, eine Idee, ein Text, ein Musikstück.

Wir können es beweisen.

Das Urheberrecht garantiert und schützt unser Recht an unserem geistigen Eigentum,

wie das Bürgerliche Gesetzbuch unser Recht am Besitz, an Haus und Hof garantiert und schützt.

Also muss auch Gott gehören, was er geschaffen hat.

Gottes Urheberschaft an der Welt und ihren Lebewesen aber

kann man nicht beweisen - im Gegenteil:

wir haben gelernt,

dass die Welt ohne jedes Zutun von außen entstanden ist,

dass das Leben auf der Erde sich von selbst entwickelt hat,

aufgrund von Naturgesetzen und Regeln,

die erforscht und entschlüsselt sind.

Gottes Behauptung, die Welt gehöre ihm, steht auf tönernen Füßen.

Und so nimmt sie auch niemand ernst.

Niemand von uns glaubt wirklich,

dass das, was wir unseren Besitz nennen, eigentlich Gott gehört;

dass die Lebewesen,

die mit uns diesen Planeten bewohnen,

dass Erde und Wasser, Luft und Klima,

die Franz von Assisi unsere Schwestern und Brüder genannt hat,

nicht unserer Willkür unterworfen sind, sondern Gott gehören.

Entsprechend willkürlich, verschwenderisch und rücksichtslos

gehen wir mit Mensch und Tier,

mit den Pflanzen und mit unserer Umwelt um.

 

II

Der 24. Psalm aber geht noch viel weiter, wenn er fragt:

"Wer darf auf den Berg Gottes aufsteigen,

und wer sich erheben am Ort seiner Heiligkeit?"

Offenbar gibt es Orte, für die es mehr braucht als eine Besitzurkunde, mehr als die Einwilligung des Eigentümers, sie zu betreten.

Es gibt zumindest einen Ort, für den braucht man

"schuldlose Hände und ein reines Herz,

eine Seele, die sich nicht nach Nichtigem sehnt

und nicht falsche Eide schwört".

Dieser Ort ist ein ganz besonderer Ort:

Es ist der Berg Gottes.

Aber wo liegt er, dieser Berg?

Für den Dichter des Psalms war klar:

es ist der Tempelberg in Jerusalem,

- gleich wird im Psalm von den Toren des Tempels die Rede sein.

Aber spätestens seit der Zerstörung des Jerusalemer Tempels

existiert dieser Ort nicht mehr.

Der Platz, an dem man Gott gegenübertritt,

ist auf keiner Karte mehr dingfest zu machen.

Er ist hier. Da. Dort. Überall kann er sein.

Gott begegnet uns nicht an einem festen Ort,

Gott begegnet uns in einem Wort. Seinem Wort.

Da, wo dieses Wort Gottes gelesen und gehört wird,

da steht uns Gott gegenüber.

Dieses Wort "haben" wir nicht, wir besitzen es nicht.

- Natürlich, man kann sich eine Bibel kaufen,

oder sie als App auf's Smartphone laden:

dann hat man doch Gottes Wort immer dabei, oder nicht?

Das würde bedeuten:

Ich kann mir Gottes Anwesenheit kaufen,

ich kann Gottes Nähe herstellen, einfach, indem ich in der Bibel lese?

Nein, so einfach ist es nicht:

"Wer schuldlose Hände hat und ein reines Herz,

eine Seele, die sich nicht nach Nichtigem sehnt

und nicht falsche Eide schwört",

nur die kann Gott gegenübertreten,

nur ihr wird Gott seinen Segen geben

und ein ruhiges Gewissen.

 

III

Ob das eine mit dem anderen zusammenhängt?

Die Frage, wem die Erde und das Leben auf ihr gehört,

mit der Frage, wie man in Gottes Nähe kommt?

Der 24. Psalm jedenfalls stellt diesen Zusammenhang her.

Er stellt die - wohl schon für damalige Ohren gewagte - Behauptung auf, Gott gehöre die Erde und was auf ihr lebt.

Die Frage, wem etwas gehört,

ist in unserer Gesellschaft eine wichtige,

ja, vielleicht die entscheidende Frage.

Das Land ist verteilt. Jeder Quadratmeter

hat eine im Grundbuch eingetragenen Eigentümerin.

Niemand darf unseren Grund und Boden einfach so betreten.

Niemand darf sich nehmen, was uns gehört.

Wir sichern es mit Zäunen und Schildern und Schlössern.

Nur bei öffentlichen Flächen - Straßen, Plätze, Parks -

machen wir eine Ausnahme.

Auch die gehören jemandem - der Kommune, dem Staat, der Kirche -, so dass wir auch dort nicht machen können, was wir wollen.

Trotzdem machen wir einen Unterschied

zwischen öffentlich und privat:

Was wir auf unserem Grundstück, in unseren eigenen vier Wänden niemals tun und erlauben würden,

z.B.: Zigarettenkippen wegschnippen und Kaugummis ausspucken,

den Hund sein Häufchen machen und es liegen lassen,

Gartenabfälle oder Müll "entsorgen",

das machen wir durchaus auf öffentlichem Grund.

Genauso gehen wir mit Pflanzen und Tieren um:

Sind es Haustiere, ist es der eigene Garten,

werden sie umhegt und gepflegt.

Pflanzen und Tiere in der freien Natur sind dagegen vogelfrei.

Mit denen kann man tun und lassen, was man will.

Auf die braucht man keine Rücksicht zu nehmen.

 

Gehört aber alles Gott - der Boden unter unseren Füßen,

unsere Mitmenschen, die Pflanzen und Tiere,

die mit uns diese Erde bevölkern -,

können und dürfen wir nicht so mit unserer Welt umgehen,

weil sie uns nicht gehört, sondern uns nur geliehen,

uns zu treuen Händen anvertraut ist.

Deshalb hat Franz von Assisi die Welt, die uns umgibt

- Sonne, Wind und Wasser, Pflanzen und Tiere -

seine Schwestern und Brüder genannt.

Wenn die Erde und was auf ihr lebt Gott gehört,

sind wir alle Geschwister:

niemand hat mehr Rechte als die andere,

niemand darf sich mehr nehmen, als ihr oder ihm zusteht,

niemand darf sich mit List und Tricks einen größeren Teil vom Kuchen erschleichen.

Gerade wir als sozusagen ältere Geschwister

haben gegenüber den benachteiligten Menschen

in den armen und vom Krieg heimgesuchten Weltregionen,

gegenüber unserer Umwelt, den Pflanzen und Tieren,

die sich nicht wehren können, eine besondere Verantwortung.

Ich glaube, das ist es, was der Psalm mit den schuldlosen Händen,

dem reinen Herzen und einer Seele,

die sich nicht nach Nichtigem sehnt und nicht falsche Eide schwört,

meint.

 

IV

Schon zur Zeit, als der Psalm gedichtet wurde und der Tempel noch stand,

war es keineswegs ausgemacht, dass Gott die Erde gehört.

Auch damals waren wohl die meisten der Meinung,

dass sie mit ihrem Grund und Boden anstellen könnten,

was sie wollten.

"Eigentum verpflichtet zu nichts",

war damals wie heute die Devise.

Vor allem bei denen, die viel besaßen:

bei den Reichen und Mächtigen, den Fürsten und Königen.

Deshalb fordert der Psalm dazu auf,

Gott einziehen zu lassen, und zwar als den eigentlichen König.

Seine Herrschaft anzuerkennen,

ihn als Herrn anzuerkennen über unseren Grund und Boden

und über unser Leben.

Nicht in einem vergeistigten Sinn,

sondern ganz wörtlich und handfest:

Wir sollen und können mit uns

und mit dem, was uns gehört, nicht machen, was wir wollen.

Wir sollen und können mit unseren Mitmenschen,

unseren Mitgeschöpfen, unserer Umwelt

nicht machen, was wir wollen.

Wir sollen sie als das Eigentum eines anderen betrachten und behandeln.

Ja, so eigenartig sich das anfühlt: auch uns selbst.

Wir sollen mit uns selbst so umgehen,

wie wir im Idealfall fremdes Eigentum behandeln würden:

sorgfältig, rücksichtsvoll, behutsam mit uns sein,

weil wir nicht uns selbst gehören, sondern Gott.

 

V

Wenn Gott einzieht,

reicht die Höhe unserer Haustüren,

die Höhe der Tempeltore nicht aus.

Die Türschwelle muss angehoben werden, damit Gott einziehen kann.

Was aber passiert, wenn man die Türschwelle anhebt?

Die Statik des Hauses wird gefährdet.

Die Tür wird nie wieder richtig schließen,

vielleicht stürzt sogar die ganze Wand ein.

Das geschieht mit Absicht:

Wenn Gott einzieht, gerät unser bisheriges Denken aus den Fugen;

geraten eherne Werte ins Wanken,

und werden zu etwas Nebensächlichem, Nichtigem.

Wir merken, worauf es ankommt und was wirklich zählt:

Gottes Segen und Gottes Gerechtigkeit.

Gottes Segen:

sein Einverständnis mit uns und unserem Leben.

Sein "sehr gut", das er auch über uns sagt.

Gottes Gerechtigkeit:

das ruhige Gewissen, das wir haben dürfen,

dass wir - trotz aller Fehler, die wir machen -

Gottes Freundschaft nicht verlieren.

Wir gehören zur Gemeinschaft, zur Gemeinde Gottes

- mehr brauchen wir nicht zu unserem Glück.

 

VI

Wir feiern Advent

und beten an den Sonntagen im Advent den 24. Psalm,

das Lied von der Ankunft eines Königs,

die das Feste und Unerschütterliche zum Wanken bringt,

die Durchzug schafft wie damals im löchrigen Dach des Stalls,

Öffnungen bricht in alles, was hart und verkrustet ist,

Öffnungen, die sich nicht mehr schließen lassen.

Dieser König, auf den wir warten, wird nicht als Kriegsheld kommen,

nicht als unschlagbarer, superstarker Supermann.

Sondern als hilfloses Kind in einem Futtertrog,

dessen unglaubliche Macht in seiner Schwäche liegt.

Seine Schwäche ist die größte Stärke, die größte Kraft.

Das Kind kämpft nicht mit Schwertern oder Gewehren,

sondern mit der stumpfesten, untauglichsten Waffe, die es gibt:

mit seiner Liebe.

Dass dieses Kind dennoch gewinnt

gegen alle Bosheit und Gemeinheit,

gegen alle Gier und Rücksichtslosigkeit der Menschen,

ja sogar gegen den Tod,

das kann man ebenso wenig beweisen wie die Behauptung,

dass unsere Welt Gott gehört.

Es sind nur Worte.

Worte, die auch schwach sind

- schwächer als Fakten und Beweise,

als die scheinbar unumstößlichen Tatsachen,

die alten Gewohnheiten und verbrieften Rechte.

Worte, die aber neue Horizonte eröffnen.

Die dem Denken eine neue Richtung geben.

Worte, in denen wir, wenn wir sie hören, Gott gegenübertreten.

Wenn wir es wagen, sie in uns hereinzulassen,

sprengen sie Verhärtungen und Verkrustungen.

"Ihr seid nicht mehr ganz dicht",

werden unsere Mitmenschen dann sagen.

Wir aber werden lachen,

denn wir werden nicht mehr die selben sein.

Wir werden nicht mehr so weitermachen wollen wie bisher.

Deshalb wagen wir es, zu rufen:

Maranatha! Komm, Herr Jesus!

Amen.

 



Pfarrer Güntzel Schmidt
98617 Meiningen
E-Mail: guentzel.schmidt@gmx.de

Bemerkung:
Predigtlied: EG 428 Komm in unsre stolze Welt


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