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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

1. Sonntag im Advent, 01.12.2013

Predigt zu Psalter 24:, verfasst von Uwe Vetter


 

Der Clip Board Engel am ersten Advent

Wer darf auf des HERRN Berg ?

Psalm 24

Für Dawíd.

Auf den HERRN hin ist die Erde und ihre Fülle,
das Festland und die darauf Wohnenden.
Denn ER - auf Meeren gründete Er sie
und auf Strömen befestigte Er sie.   

      Wer darf hinaufsteigen auf den Berg des HERRN,
      und wer darf stehen in der Stätte Seines Heiligtums ?
      ° Ein Unschuldiger an Händen 
      ° und reines Herzens,
      ° er mich nicht zur Eitelkeit verführte
      ° und nicht auf Trugbilder schwor
      der trägt Segnung vom HERRN und Zedaqáh vom Gott-seiner-Hilfe.
      Dies ist der Kreis-
derer-die-nach-Ihm-fragen,
      die Sein Angesicht suchen, Jakob. - Séla,
empor!

Hebt, ihr Tore, eure Häupter,
und hebt euch hoch,
ihr Pforten der Ewigkeit !
dass einziehe der König der Ehre.
Wer ist denn dieser ´König-der-Ehre`?
JHWH /
der HERR ist es, mächtig und gewaltig,
JHWH /
der HERR ist es, gewaltig im Kampf.
Hebt,
ihr Tore, eure Häupter,
und hebt euch hoch,
ihr Pforten der Ewigkeit !
dass einziehe der König der Ehre Wer ist denn dieser ´König-der-Ehre`?
JHWH Zewaoth /
der HERR der Heerscharen ist der ´König-der-Ehre`. Séla, empor!

 

I

Stellen Sie sich vor,

es wäre erster Advent. Als ernstzunehmende ChristInnen nehmen wir Aufstellung, zum Gottesdienst, mit Chor und allem, was dazugehört. Heute beginnt die Adventsprozession, die sich durch all die schönen und aufwendigen und dick machenden Gebräuche bis zum Heiligabend bewegt, um dann genau pünktlich am 24.Dezember zur Geburtstagsfeier Jesu Christi da zu sein. Stellen Sie sich vor, es wär wie alle Jahre wieder, und dann das :

Vorn am Eingangsportal steht ein großer breitschultriger Typ mit Armbinde, auf der >CHERUB<1 steht, ein Türsteher, wie man sie am Eingang von neu eröffneten Clubs sieht und vor angesagten Event-Locations, einer der freundlich bleibt, solange man tut was er sagt. Wir wollen rein in die Adventszeit und durch zum Fest, und da steht der quadratisch im Weg und sagt: Einen Augenblick mal. - Was ist los? ´Macht hoch die Tür, die Tor macht weit`, hier geht's doch zum Weihnachtsfest, oder? Der Cherub mustert uns von oben bis unten und knurrt: Seid ihr denn passabel? - ´Passabel`? Was ist denn das jetzt? - Der Türsteher tippt auf das Blatt, das auf seinem ClipBoard klemmt, und sagt: Es gibt Einlassbedingungen. - Einlassbedingungen ? Wer darf denn hinein zum Weihnachtsfest? ...

Und das ist jetzt der Punkt, wo wir in den Psalm einfädeln.

Wer darf hinaufsteigen auf den Berg des HERRN,
und
wer darf stehen in der Stätte Seines Heiligtums ?

Und der ClipboardEngel liest aus Psalm 24. Hinein darf :

 1. ein Unschuldiger an Händen
 2. und reines Herzens,
 3. der mich nicht zur Eitelkeit verführte
 4. und nicht auf Trugbilder schwor.

Der trägt Segnung vom HERRN und Zedaqáh vom Gott-seiner-Hilfe.
Dies ist der Kreis-
derer-die-nach-Ihm-fragen,
die Sein Angesicht suchen, Jakob. -

An echten Engeln, an Engeln Gottes, kommt keiner vorbei. Und sie reden auch nicht drum herum, sondern clip und klar, auf den Kopf zu. In der Kirche sind wir diplomatischer, milder, schon aus Rücksicht auf uns selbst. Hier heißt es ´Jeder hat Zutritt, jeder, so wie er ist`. Und ´es gibt eine Tür zum Vater, den Christus`, keine Türsteher in Sachen Gott. Lasst die Kindlein zu mir kommen, denn ihrer ist das Himmelreich, so heißt es hier. Und dann diese Frage !

Wer darf hinaufsteigen auf den Berg des HERRN,
und wer
darf stehen in der Stätte Seines Heiligtums ?

Ist Weihnachten denn eine Feier im engsten Kreise, ein Exklusivtreffen mit Jesus Christus, bei der nur ausgewählte Persönlichkeiten auf der Gästeliste stehen? - Unsinn! donnert der clipboardEngel. Jeder und jede darf rein. Aber nicht in jedem Aufzug. Hast du unschuldige Hände? Ein reines Herz? Hast du Eitelkeiten im Gepäck? Irgendwelche Trugbilder dabei? - Am Eingang zum Ersten Advent steht ein Engel Gottes und achtet darauf, dass wir nichts bei uns haben, was Weihnachten gefährden könnte. - Und von solchen Sachen gibt's einige. Viele, die durch den Advent ziehen, erleben alles Mögliche, nur nicht Advent. Wer in den Adventswochen zwei Dutzend Weihnachtsfeiern durchstehen muss, kommt den Berg des HERRN gar nicht mehr rauf und erlebt den Segen, der in diesem Fest steckt, überhaupt nicht. Ja, es gibt Dinge, die blockieren die Passage. ´Bist du passabel ?` ist eine berechtigte Frage. Wer schafft es bis ins Weihnachtsfest ?

Wer darf hinaufsteigen auf den Berg des HERRN,
und
wer darf stehen in der Stätte Seines Heiligtums ?

Vier Punkte hat der Engel auf der Liste.

 

II

Zuerst schau auf deine Hände, sagt er, schau auf deine Finger. Weihnachten erlebt, wer unschuldige Hände hat. Wirst du die Finger von Dingen lassen, die den Advent und dann das ganze Fest vermasseln ? -

Das ließe sich schon machen. Wir wissen, was man unterlassen sollte, um sich selbst eine Chance zu geben. Wir wissen: Advent ist Zeit der Reinigung, Fastenzeit. Fastenzeit - das klingt steif und bieder, hat aber einen wunderbaren Effekt: Wir machten Platz, in uns, Platz für etwas, das Raum erfordert. Advent ist Zeit für den inneren Countdown, sich herzurichten für etwas Besonderes. (Zum Abi-Ball zieht man sich festlich an, und niemand vertilgt drei BigMäcs wenige Minuten vor einem fünf-Gänge-Festtags-Menu). Das Besondere braucht Form und Raum, sonst rauscht es durch. Wer sich vor dem Fest mit Bergen kleiner Geschenke zuschüttet und den Geburtstag Christi zehnmal vorfeiert, der wird nichts mehr mitbekommen von dem, was in diese Nacht gehört. - Kannst du warten? Kannst du die Finger davon lassen? Weihnachten erlebt, wer unschuldige Hände hat. - Das kriegen wir hin.

 

III

Die nächste Frage des Himmels geht unter die Haut. Hast du ein reines Herz ? Hast du ein reines Herz ?

Die Adventszeit geht ans Herz. Jetzt haben viele eine ganz dünne Haut. Die Nerven liegen blank, jeder ist noch empfindlicher als sonst. Alles ist so gefährlich bedeutungsvoll und alles wird auf die Goldwaage gelegt. Im Advent erwartet jeder, dass der andre aufmerksamer und liebenswürdiger und irgendwie weihnachtlicher ist als sonst. Dabei sind wir derselbe Mensch wie sonst auch : heut ein gemütlicher Schussel, morgen ein Vulkan, der bei einem falschen Wort explodiert. Im Advent verkrachen sich Menschen siebenmal häufiger als sonst im Jahr. Und was an Weihnachten schief geht, verfolgt einen das ganze Jahr. Hast du ein reines Herz? ist eine knifflige Frage. Wie hält man seinen Zorn unter Kontrolle, in drangvollen Wochen wie diesen ?

Das Wichtigste ist Mitgefühl. ICH kenne deinen Kampf, sagt der Himmel. ICH weiß, wie es dir geht. ICH selbst bin mächtig und gewaltig, gewaltig im Kampf. Und ICH weiß wohl, sagt der Himmel, du bist ein Mensch. Auch das Wütende ist ein Teil deines Wesens. Lerne damit umzugehen. Lass den Dampf dort ab, wo er keinen Schaden anrichtet. ° Bist du fromm, dann lies die schaurigen Stellen in der Bibel. Die Rachepsalmen sind genau zu diesem Zweck verfasst: dass man seine Rage raus lässt, ohne Schaden anzurichten2. Bist du nicht fromm und fühlst gelegentlich den Drang in dir, unbedingt jemanden umbringen zu müssen, schreib eine Kriminalstory, in der es tobt und kracht und tropft. Gott kann Aggression absorbieren3, und vielleicht versteht ER Wutausbrüche besser als blasse Ergebenheitsadressen. - Hast du ein reines Herz? Mach reinen Tisch, auf dem Weg zum Fest.

 

IV

Danach schau, was dich zur Eitelkeit verführt. Was ist jetzt das Wichtigste, um das sich bei dir alles dreht? Wen betest du an ? Um wen dreht sich bei dir alles ? - Jedes Kind weiß, dass alles im Universum sich um irgendwas dreht. Die Erde (und wir auf ihr) dreht sich um die Sonne. Die Sonne dreht sich um das Zentrum der Galaxie. Trotzdem tun viele Menschen so, als würde das Universum sich um einen Menschen drehen, nämlich um sie. Sei nicht eitel, sagt der clipboardEngel. Weihnachten erreicht, wer sich löst von dem, der mich nicht zur Eitelkeit verführt. - Weihnachtsgeschenke sind was Herrliches. Was das Schenken so anstrengend macht, ist wenn es zu einem Tausch degeneriert. Geschenk gegen Zuneigung. Geschenk gegen Aufmerksamkeit. Wehe, du schenkst mir nicht, was ich mir wünsche. Wehe, deine Gabe entspricht nicht meinen Erwartungen. Wehe es ist zuwenig. Wehe, es toppt nicht das was ich im letzten Jahr bekommen habe. Wenn sich zu Weihnachten alles um mich drehen muss, dann wird das Fest zum Tag der Abrechnung. Und es genügt ein Versäumnis, ein Patzer genügt, das Fest hat seine Szene. Wer Weihnachten erreichen will, schaue in den Spiegel. Wer ist das, der Weihnachten vereitelt? Bin ich´s etwa selber ?

 

V

Das Wichtigste aber ist: Bleib umsichtig! sagt der Psalm. Auf den Berg des HERRN darf, wer nicht auf Trugbilder schwor. Auf Trugbilder schwor... Es gibt Trugbilder von Weihnachten. Es gibt eine Plüschversion von Weihnachten, eine Täuschung. Die betrügt uns um entscheidende Anteile dieses Festes. - Es ist gut, wenn Weihnachten bei uns einkehrt, in Wohnzimmern, in Altenheimen, wo immer ein Christbaum steht. Aber das allein ist es noch nicht. Zu Weihnachten müssen wir rauf auf den Berg des HERRN. Von dort oben, hieß es früher, von der Zinne der Jerusalemer Tempelmauer aus könne man alle Länder der Welt sehen4. Alle Länder der Welt. ° Von Weihnachten aus kann man bis nach Ägypten sehen, wo christliche Familien fliehen müssen vor Leuten, die sich im Namen Gottes zu Mord und Totschlag ermächtigt sehen. Vergiss sie nicht! ° Von Weihnachten aus kann man bis nach Syrien sehen, wo Menschen in der Falle sitzen zwischen den Fronten, und nicht wissen, wie sie das überleben sollen. Vergiss sie nicht! - Gott ist Mensch geworden in einer unromantischen Welt. Weihnachten ist das Fest Seines Kümmerns, um Fromme und um solche, die nicht glauben können, um Christen und anders Gläubige. Weihnachten ist ein Weltfest, das jede/n erinnert : Du bist ein Kind einer einzigen Menschheitsfamilie. Vergiss das nicht! Macht Weihnachten nicht eng.


Wer darf hinaufsteigen auf den Berg des HERRN?
        5. Ein Unschuldiger an Händen
        6. und reines Herzens,
        7. der mich nicht zur Eitelkeit verführte
        8. und nicht auf Trugbilder schwor


Da steht der ClipboardEngel und schaut : Bist du dabei? - Wenn wir antworten : Ich bin dabei, wird der Engel vier Häkchen machen und sagen: Schau, jetzt macht der Gott-deiner-Hilfe dich passabel5. Séla. Das ist Hebräisch und bedeutet Empor! Empor, wie: Rauf mit dir, rauf zum Berg des HERRN.

Sobald der Engel das sagt, sind wir drin.

Amén



Pfarrer Dr. Uwe Vetter
40468 Düsseldorf
E-Mail: uwe.vetter@evdus.de

Zusätzliche Medien:
1 Die bekanntesten Cherubim, die Türsteherdienste verrichteten, sind jene, die Gott der HERR am Aus- und Eingang des Garten Eden lagern lässt, „Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zum Baum des Lebens" (1.Mose 3:24). - In kirchlichen Räumen herrscht Friedenspflicht, so dürfen wir annehmen, der Cherub ist unbewaffnet.

2 Siehe www.johanneskirche.org Rubrik Stadtpredigten. Mai 2010. Predigt Nr.220 : „Rachepsalmen - letzte Ausfahrt vor dem Ausrasten".

3 Die Rabbiner Lionel Blue und Jonathan Magonet haben in ihrem Büchlein „Bloß keine Panik, Leute. Überlebensgeschichten" eine Reihe von klassischen Situationen biblisch durchgespielt. Nr.34 hieß „Wie man seine Aggressivität in den Griff bekommt" - unterhaltsam und ermutigend zugleich, besonders für Menschen, die von Berufs wegen zur Friedfertigkeit verpflichtet sind, wie Polizisten und Pfarrer.

4 Zugegeben, es war der Diávolos, der Versucher in der Wüste, MatthEvg 4) , der das zu Jesus sagte, aber wer sagt, dass der Versucher nie die Wahrheit sagt. Die hier gewählte Auslegung zieht zwei Perspektiven dieses Abschnitts zusammen, die vom „sehr hohen Berg" und die von der „Zinne des Tempels" (Verse 5 und 8), was nicht zwingend dasselbe, aber nach parallelen Bildworten zusammen gesehen wurde.

5 Es ist in dieser Predigt kein Raum mehr, das große biblische Wort Zedaqáh zu entfalten. Zedaqáh ist ein Wort, das es in sich hat. Wörtlich bedeutet es Gerechtigkeit, und dort, wo es im Neuen Testament gebraucht wurde, hat Luther die Entdeckung seines Lebens gemacht: Zedaqáh ist nicht nur die Gerechtigkeit, die ich lebe und aufbringe und nach der ich mich verhalte. Zedaqáh ist ein Gottesgeschenk, lehrte Luther. Es ist Gerechtigkeit-die-Gott-mir-zuspricht: Du bist Mir passabel.


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