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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

4. Sonntag im Advent, 22.12.2013

Predigt zu Jesaja 52:7-12, verfasst von Eberhard Busch


Man weiß aus dem alten Griechenland, dass es in den Heeren Boten gab, die nach einem Sieg die Meldung über den Ausgang eines Krieges eiligst in der Heimat meldeten. Bekannt ist besonders die Schlacht bei Marathon, nach der ein Bote nach Athen rannte, um den Erfolg gegenüber den Persern mitzuteilen. Davon leitet sich der Marathonlauf bei den heutigen olympischen Spielen ab. Von dergleichen redet auch unser Bibeltext. Er preist die Füße derer selig, die eine Siegesmeldung sondergleichen mitteilen. Vielleicht sind ihre Füße von ihrem eiligen Rennen auf staubigen Wegen und durch Pfützen ziemlich schmutzig, vielleicht wundgescheuert, vielleicht hinken die Menschen. Aber ihre Füße sind „lieblich“, heißt es, lieblich, weil sie das übermitteln, was man sonst nicht viel zu Ohren bekommt unter all den sonst so bedenklichen oder gar entsetzlichen Meldungen des Tages in den Medien: sie „verkündigen Frieden, predigen Gutes, teilen Heil mit“. Weil sie das mitteilen, darum sind ihre Füße lieblich.

Ein solcher Friedensbote war wohl auch der in diesen Tagen zu Grabe getragene Nelson Mandela oder, mit seinem Namen in der Muttersprache, Madiba. Wer kann sich das vorstellen? Nachdem er 27 Jahre unter üblen Bedingungen eingesperrt war wegen seines Widerstands gegen die Rassentrennung, wird er endlich aus der Haft befreit und steigt auf zum Präsidenten von Südafrika. Er bekommt zu Recht den Friedens-Nobelpreis, weil er eben das ist, was unser Bibeltext sagt: ein Bote des Friedens, ein Bote der Verständigung und Aussöhnung. Als solcher steht er gegen eine weitere Bedrängnis der Farbigen durch die Weißen und steht er zugleich gegen eine Rache der Farbigen an den Weißen. Er steht für eine Befreiung der Unterdrückten und für eine Befreiung der Unterdrücker, nämlich von ihrem falschen Überlegenheitswahn. Seine Botschaft wird schön darin veranschaulicht, dass bei der Gedenkfeier nach seinem Tod die Präsidenten der USA und Kubas, entgegen der Feindschaft ihrer Länder, sich die Hand reichen.

Barak Obama sagte bei dieser Gedenkfeier einen Satz, der zu denken gibt: Mandela sei kein Heiliger gewesen. Was immer das heißt, es sagt doch auch dies, dass er jedenfalls ein Mensch war, gewiss auch ein vergebungsbedürftiger Mensch. Aber es war auch dies mit diesem Satz gemeint: Wäre er ein Heiliger, dann könnte man sich auch leicht von ihm distanzieren und sagen: „Was er getan hat, das kann ich und muss ich nicht tun. Ich bin halt kein Heiliger. Für Frieden und Versöhnung eintreten, das mag tun, wer da will, aber ich bin dazu nicht geeignet.“ O nein, so dürfen wir nicht denken. Gewiss, wir sind keine Heiligen, wir sind vergebungsbedürftige Sünder. Aber wir sind auch Menschen, denen Gott vergibt. Und nicht nur das, er braucht uns. Wir können und dürfen und müssen in die Fußstapfen all der Boten treten, deren Füße lieblich sind, lieblich, weil sie Frieden verkündigen, Gutes predigen und Heil mitteilen. Diese Aufgabe ist nicht einfach. Denn es gibt ja auch viel faulen Frieden, der nur neuen Streit hervorbringt, wie es auch eine brutale Gerechtigkeit gibt, die für so viele ein Unheil ist und kein Heil. Wir lernen darin nicht aus, das zu verstehen und zu beherzigen: Friede muss ein gerechter Friede sein, damit er Heil ist. Und Gerechtigkeit muss friedvoll gestaltet sein, damit sie kein Unheil ist. Aber ein jeder ist hier zu solchem Lernen eingeladen, in seinem Bereich und mit seinen Fähigkeiten sich aktiv dafür einzusetzen: für gerechten Frieden und für friedvolle Gerechtigkeit.

Und nun werden wir in unserem Bibeltext gleichsam auf den Haken hingewiesen, an dem die Botschaft solcher hilfreicher Friedensboten hängt. Eben, sie sind Boten, aber sie sind nur Boten. Sie sind nicht der Inhalt ihrer Botschaft. Sie verkündigen nicht sich selber. Sie teilen eine Botschaft mit, die sie nicht sich selbst ausgedacht haben. Sie sagen anderen, was auch ihnen selber erst gesagt werden muss. Sie geben nur weiter, was ihnen gegeben wird. Und das ist nach unserem Predigttext der Inhalt ihrer Botschaft: „Dein Gott ist König“. Ohne das, ohne ihn wäre ihre Botschaft nur heiße Luft. Auf ihn kommt alles an, was sie reden und tun. Er ist der, von dem der noch junge Johann Sebastian Bach als Organist in Mühlhausen mit Pauken und Trompeten singen ließ: „Gott ist mein König von alters her ...“. Davon darf in der Tat laut gesungen werde. Denn der Text besagt ja dies, dass unsere so beängstigende Welt dennoch von unserem Gott nicht fallen gelassen ist. „Gott sitzt im Regimente und führet alles wohl“, hat Paul Gerhardt von ihm gedichtet. Und dass er alles wohl führt, das besteht darin, dass er das tut, worauf jene Boten hinweisen. Er gibt ihnen die Kraft zu dem, was sie tun. Er ist der Friedefürst, der „peace-maker“, besser als jener Held, den der Film mit diesem Titel vorführt.

Dass er das besser ist, das beweist sich in dem Wunderlichen, dass er wohl König ist wie kein anderer, aber er ist darin ein anderer, dass er der ist, von dem das Adventslied sagt und singt: „Dein König kommt in niederen Hüllen ... O mächtiger Herrscher ohne Heere, / gewalt‘ger Kämpfer ohne Speere, / o Friedensfürst von großer Macht.“ Er regiert, aber in Schwachheit und Anfechtbarkeit. Noch einmal, wer kann sich das vorstellen! Aber das wird im Alten Testament bereits von ihm gesagt. So heißt es beim Propheten Sacharja (9,9): „Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und Helfer, arm und reitet auf einem Esel.“ Dieser Satz ist wörtlich aufgenommen im Neuen Testament (Matthäus 21,5), und er bezieht sich hier auf Jesus bei seinem Einzug in Jerusalem auf einer Eselin. Das verkündigt in der Tat das Neue Testament, dass Gott, der der eine, wahre König ist, in dem armen Jesus zu den Menschen kommt. Ein Helfer, der nicht die Menschen knechtet, sondern an ihnen, an ihren Bürden voll teilnimmt. Er tut das in solcher Niedrigkeit, dass Pilatus ihn auf seinem Weg in Tiefe verwundert fragen muss (Johannes 18,37): „Bist du denn wirklich ein König?“ Jawohl, er ist König, aber einer, der sich herabbeugt zu denen, die in einem tiefen Dunkel leben, er ist der an ihnen teilnehmende König.

Doch mehr noch: er nimmt er an ihnen teil, damit nun sie Menschen werden, die ihrerseits teilnehmen an seinem Leben und Werk. Er handelt keineswegs so wie ein militärischer Sieger, der dem Besiegten einen Frieden diktiert, ohne dass der zustimmen darf. Er wartet auf unsere Zustimmung. Seine Teilnahme an unserem Leben bewirkt, dass die Boten nicht überflüssig werden. Er hat seine Boten in der Zeit des Alten wie des Neuen Testaments. Er macht sie nicht sprachlos, sondern öffnet ihnen den Mund. Er beruft und er befähigt sie, dass ihre Füße nicht still stehen, sondern sich auf den Weg machen. Er setzt sie zu seinen Zeugen ein. Er möchte wahrhaftig auch uns zu solchen „Freudenboten“ machen, die dafür zu haben sind, in unserer Weise, in unseren Möglichkeiten, in unseren Grenzen, „Frieden zu verkündigen, Gutes zu predigen, Heil mitzuteilen.“ Jesus hat gesagt, „die Ernte ist groß, aber der Arbeiter sind wenige. Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.“ (Matthäus 9,37) Dies will an uns in Erfüllung gehen, so dass wir uns berufen wissen zum Einsatz für Frieden, für Gutes, für Heilsames. Und wir haben Gott zu bitten, dass das an uns in Erfüllung geht, so wie es Franz von Assisi tat: „O Herr, mache mich zum Werkzeug deines Friedens, dass ich Liebe übe, wo man hasst, dass ich verzeihe, wo man mich beleidigt, dass ich verbinde, wo Streit ist, dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält, dass ich Licht anzünde, wo die Finsternis regiert, dass ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt.“ 

Doch achten wir genau darauf: unser Bibeltext redet das alles zunächst zum von Gott erwählten Volk Israel. Seine Glieder sollen jubeln und jauchzen, dass ihr Gott sie nicht im Stich lässt, dass er sein Volk tröstet und erlöst. Aber er tut das „vor den Augen aller Völker“, so dass „alle Enden der Erde schauen das Heil unseres Gottes“ (V. 10). Da sind nun alle Völker in allen Bereichen der Erde im Blick. Gott hat sie im Blick, hat sie nicht übersehen und vergessen. Und er will, dass sie, die Völker überall auf der Erde, ihrerseits sehen, was er an Heil und Frieden und Gutem für sie bereitet hat. So manche Weihnachtslieder laden auch uns ein zu solchem Sehen: „Sehet, was hat Gott gegeben, seinen Sohn ...“ oder: „Oh seht in der Krippe, im nächtlichen Stall ...“ oder: „Nun er liegt in seiner Krippen – der uns gibt, was er liebt ...“.

Sehen sollen wir dabei zugleich auch, dass sich dieses Sehenswerte nach der Weihnachtsgeschichte im Lukasevangelium in Bethlehem ereignet hat, inmitten des Volkes Israel. Was auch von diesem Volk zu sagen ist, es hat jedenfalls von Gott den Auftrag bekommen, die Stimme jenes Freudenboten zu Gehör zu bringen. Nach einem anderen Spruch des Propheten, in Jesaja 42 (6), hat Gott es zum „Bundesmittler unter den Völkern“ eingesetzt. Das erinnert uns an den unbedingten Vorrang des Volkes Israel, der Juden. Wir als Christen haben auch die Stimme jenes Freudenboten zu Gehör zu bringen. Aber wir können es immer nur im Anschluss an das Volk Israel. Im Anschluss sind auch wir dazu berufen, „Frieden zu verkündigen, Gutes zu predigen, Heil mitzuteilen“. Im Adventslied singen wir „Komm, o mein Heiland Jesus Christ, meins Herzenstür dir offen ist“? Ja, das ist schon nötig, aber mit unserer offenen Herzenstür ist es nicht genug. So viele andere Türen müssen sich noch öffnen. Und wir haben dabei zu helfen, wir haben daran anzuklopfen, wenn denn unsere Herzenstür offen ist für den Heiland der Menschen. Die Engel über den Hirtenfeldern von Bethlehem haben immerhin Großes im Blick bei ihrem Gesang: „Ehre sei Gott und Frieden auf Erden.“ Möge dieser Gesang in den nun anbrechenden Festtagen in unserer Welt gehört werden!

 

 



Prof.Dr. Eberhard Busch
Göttingen
E-Mail: ebusch@gwdg.de

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