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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

4. Sonntag im Advent, 22.12.2013

Die Stimme des Freudenboten
Predigt zu Jesaja 52:7-10, verfasst von Reinhard Schmidt-Rost

 

Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten, die da Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen, die da sagen zu Zion: Dein Gott ist König!

Deine Wächter rufen mit lauter Stimme und rühmen miteinander; denn alle Augen werden es sehen, wenn der HERR nach Zion zurückkehrt.

Seid fröhlich und rühmt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems; denn der HERR hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst.

Der HERR hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes.

 

Liebe Gemeinde!

Heute erklingt in der Polyphonie des Glaubens der Cantus firmus solo, monodisch, nur die Melodie, natürlich mit allen Obertönen, die mitschwingen, Zion, Trost über den Trümmern, Gutes, Heil -  und diese Melodie erscheint in ihrer ursprünglichen Gestalt: Freudenboten kommen, die Ankunft des Friedenskönigs anzukündigen. Das ist das Evangelium in seiner schlichten und zugleich bewegenden Grundform: Frieden auf Erden allen Menschen guten Willens.  

Man kann sagen: Hier wird das Hauptthema der ganzen Komposition christlicher Verkündigung ein erstes Mal vorgespielt, fast ohne Abwandlungen, Einkleidungen, Veränderungen, - und das im historischen Zusammenhang der alten Geschichte, in Worten des Alten Testaments, den nach Babylon Verbannten als Verheißung der Befreiung zuerst zugesprochen.

Die Hoffnung auf einen Herrscher, der der Welt Frieden bringt, sprudelt hier aus ihrer ursprünglichen Quelle, der Prophetie Israels. Die Propheten Israels haben als Berater der Könige in Israel und Juda aus der politischen Situation zwischen den Weltmächten an Nil und Tigris die einzig richtigen Schlüsse gezogen: Zum Frieden haben sie geraten. Gegen die Übermacht aus den Reichen an den großen Flüssen ist kein Kraut gewachsen, schon gar nicht auf den kargen Höhen des Zion, das spüren sie. Und deshalb verkünden sie eine ganz und gar andere Botschaft: Das Heil der Menschheit kommt nicht aus Gewalt und Überlegenheit, sondern aus Versöhnung und Friedfertigkeit.

„Lasst euch nicht auf das Spiel der Weltmächte ein, die sich gegenseitig zu überwältigen versuchen; das kann nur ins Unglück führen.“

Letztlich haben die Könige nicht auf ihre Berater gehört, in Israel nicht und nicht in Juda und beide Reiche sind im Machtrausch der Großmächte als selbständige Königreiche untergegangen.

Erst das Nordreich mit der Hauptstadt Samaria, dann Juda, das Südreich und seine Hauptstadt Jerusalem, die Königsstadt Davids. In die Verbannung wurde die Bevölkerung Jerusalems geführt, erst die geistige und wirtschaftliche Elite und zehn Jahre später auch die meisten anderen Bürger, bis auf einen kleinen Rest, der zurückblieb, wenige flohen nach Ägypten.

Eine schreckliche Geschichte, es sah so aus, als sei das Ende des Volkes Israel gekommen.

Aber es kam anders: Das Reich an Euphrat und Tigris, das Neubabylonische Reich löste sich auf. Kyros, der König aus dem benachbarten Persien eroberte Babylon und entließ die Israeliten aus dem Exil. Seine Herolde erschienen an den Wassern Babylons und für die Verbannten wurden sie zu Freudenboten, die Trost ankündigten. Die Bewohner Jerusalems und ihre Nachkommen durften zurückkehren in ihre zerstörte Stadt, -  einer ungewissen Zukunft entgegen. Nun aber zeigte sich, dass die Worte der alten Propheten, die zu Frieden und Stille geraten hatten, nicht mit dem alten Jerusalem und Salomos Tempel untergegangen war. Diese Worte waren lebendig geblieben, sie hatten sich von der Situation vor der Katastrophe abgelöst, sich verselbständigt, sie waren aufgenommen und erneuert worden, von anderen, verwandten Geistern, die nun die Friedensbotschaft für das Volk in der Verbannung verkündeten. „Siehe, Dein König kommt zu Dir, ein Gerechter und ein Helfer“, wird der Prophet Sacharja den Bürgern Jerusalems während des Wiederaufbaus des Tempels verkünden.

Und noch viel mehr und noch Erstaunlicheres hat sich im Laufe der folgenden Jahrhunderte zugetragen. Die Friedensbotschaft der Propheten wurde weitergetragen: Von Hesekiel, über Sacharja, zu Jona, zu Daniel, auch die Psalmen singen und beten nicht nur von der Gerechtigkeit Gottes, sondern auch von seiner Güte.

Herr, Deine Güte reicht, soweit der Himmel ist und Deine Wahrheit, soweit die Wolken gehen, heisst es in Psalm 36.

Und Psalm 85 singt: 

Könnte ich doch hören, was Gott der HERR redet, dass er Frieden zusagte seinem Volk und seinen Heiligen, damit sie nicht in Torheit geraten.

Doch ist ja seine Hilfe nahe denen, die ihn fürchten, dass in unserm Lande Ehre wohne;

dass Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen;

Kein fauler Friede, sondern Frieden in inniger Vereinigung mit Gerechtigkeit.

 

 Liebe Gemeinde!

In der Tradition der Friedensbotschafter und Propheten in Israel steht aus der Sicht der Christen dann Jesus, der Lehrer aus Nazareth, fast sechshundert Jahre nach dem Exil Israels in Babylon. Nicht von ungefähr hielten ihn damals viele für einen Propheten, als er das Reich Gottes, das Reich des ewigen Friedens ankündigte. Und das nicht nur für Israel, nein, für alle Welt.                           

Und dies ist das eigentliche Wunder:  Dass die Friedensbotschaft für den Zion, für Jerusalem, für das Volk im Exil damals, heute als christliche Weihnachtsbotschaft in aller Welt erklingt. Das ist alles andere als  selbstverständlich, es ist geradezu eine List der Geschichte, dass die Friedensbotschaft der Propheten Israels durch Jesus von Nazareth und seine Schüler in der weiten Welt weiterwirkt.   

Ein Wunder ist dies: Denn zum einen ist der Zion auch heute noch kein Berg des Friedens, umstritten, umkämpft, wieder wirken dort Politiker, die die militärische Selbstbehauptung gegen ihre Nachbarn für den einzigen Weg halten, um ihr Reich zu bewahren, bekämpft von denen, die diese Stätte für sich beanspruchen, weil ihre eigenen Vorfahren dort lange gelebt haben.

Und zum anderen ist Christi Friedensbotschaft auch in anderen Teilen der Welt noch immer keineswegs von allen anerkannnt; sie ist auf das Wohlwollen der Menschen auf Erden angewiesen, wie der Engel zu den Hirten gesagt hatte: Frieden auf Erden den Menschen, die ihm wohl gefallen oder den Menschen guten Willens oder den Menschen, die sich das Gute wünschen. Diese Textstelle im NT (Lk. 2,14) ist umstritten, da steht einfach eine Genitiv-Konstruktion: Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden unter den Menschen des Wohlgefallens, unter den Menschen guten Willens, oder unter den Menschen, die das Gute wünschen, die sich nach dem Guten sehnen.

Das Dritte klingt mir am treffendsten, denn es geht um eine ganz dramatische Entscheidung, dramatisch wie damals am Zion: Werden sich die Menschen dem Frieden zuwenden – oder die Existenz der Menschheit in Blut und Mord beenden. Wir wissen es noch nicht, aber wir hoffen und streben nach Frieden auf Erden, und  bitten darum.

Und deshalb. liebe Gemeinde, ist unser Gottesdienst keine private Zusammenkunft, auch heute am 4. Advent nicht, es ist eine durchaus politisch relevante Entscheidung, die Friedensbotschaft zu verkündigen und zu feiern. Wir werden nicht beobachtet, zurzeit nicht, weil die in unserem Lande herrschenden Politiker von der Nützlichkeit des Evangeliums  überzeugt sind. Das war vor achtzig Jahren ganz anders … in ganz Deutschland, und noch vor 25 Jahren im Osten Deutschlands genossen die Christen keine Anerkennung durch den Staat. Denn mutige Christen, auch Pfarrer, kritisierten die Gewaltherrschaft der Parteien, die sich an die Macht gebracht hatten und in einer Weise regierten, dass das Lebensrecht aller Menschen keineswegs geschützt und geachtet wurde.

Zurzeit aber sind die christlichen Kirchen als Gemeinschaften anerkannt, weil sie den Frieden pflegen und, wo er gefährdet ist, für seine Erhaltung eintreten.

Dieses Verhältnis eines konstruktiven Miteinanders kann sich auch ändern, denn Menschen an der Macht sind nicht immer so selbstkritisch, wie es für die Gesellschaft nötig ist. Macht verführt auch zum Missbrauch der Macht, und so wird das konstruktive Miteinander zwischen Staat und Christenheit immer auch ein kritisches Miteinander sein und bleiben.

Das schönste Weihnachtsgeschenk ist für mich jedes Jahr wieder der Friede in unserem Lande, der sich, so gut es immer geht, mit Gerechtigkeit  verbindet.

So wünsche ich uns auch in diesem Jahr wieder Frieden in den Herzen und Häusern, Frieden in Stadt und Land, Frieden in der ganzen Welt.

Und der Friede Gottes, der alle unsere Vorstellungen übertrifft, bewahre unsere Herzen und Sinne im Geist Jesu Christi.

                                                                                         Amen.

 



Prof.Dr. Reinhard Schmidt-Rost
Bonn
E-Mail: Professor Dr. Reinhard Schmidt-Rostr.schmidt-rost@uni-bonn.de

Bemerkung:
Predigt zum 4. Advent, Schlosskirche Bonn. Die Universitätsgottesdienste dieses Semesters stehen unter dem Titel „Polyphonie des Glaubens“.


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