Göttinger Predigten

deutsch English español
português dansk Schweiz

Startseite

Aktuelle Predigten

Archiv

Besondere Gelegenheiten

Suche

Links

Gästebuch

Konzeption

Unsere Autoren weltweit

Kontakt
ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

4. Sonntag im Advent, 22.12.2013

„Immer werden wir´s erzählen“
Predigt zu Jesaja 52:7-10, verfasst von Jürgen Jüngling

 

7 Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten, die da Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen, die da sagen zu Zion: Dein Gott ist König! 8 Deine Wächter rufen mit lauter Stimme und rühmen miteinander; denn alle Augen werden es sehen, wenn der Herr nach Zion zurückkehrt. 9 Seid fröhlich und rühmt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems; denn der Herr hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst. 10 Der Herr hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes.

1. „Immer werden wir´s erzählen, wie das Wunder einst geschehen, und wie wir den Stern gesehen mitten in der dunklen Nacht, mitten in der dunklen Nacht." (EG 52,4) Wes das Herz voll, des geht der Mund über. Das gibt es immer wieder, und das gab es immer wieder: Im Verlauf eines Menschenlebens, in den Erzählungen der Familie, in den Geschichten von Völkern und besonders in der Erinnerung der Religionen: Eine bestimmte Entwicklung bahnt sich zaghaft an, ein noch nie da gewesenes Ereignis wird herbeigesehnt und erfleht. Und dann: Eine Tür tut sich plötzlich auf, und das eben noch für nahezu unmöglich Gehaltene geschieht. Die Erinnerung aber an dieses Ur-Ereignis bestimmt fortan das Leben der Menschen. Und  ´immer werden sie´s erzählen`, immer und immer wieder - so wie jetzt bald schon wieder das Geschehen von Weihnachten: „wie wir einst den Stern gesehen mitten in der dunklen Nacht" - die Hirten und die Könige von damals genauso wie die Kinder und die Alten von heute, die voller Vorfreude auf übermorgen sind. Weihnachten hat eine ganz bestimmte Vorgeschichte, Weihnachten wurde selber zur Geschichte, und Weihnachten hat eine Nachgeschichte, eine immer währende Wirkungsgeschichte. Deshalb: „immer werden wir´s erzählen." Wes das Herz voll, des geht der Mund über!

2. So wie in dem großartigen zweiten Teil des Jesaja-Buches! Das beginnt mit dem aufrüttelnden „Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gott. Redet mit Jerusalem freundlich und prediget ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist." (40,1.2) Dieser Trost war bitter nötig: ein Großteil der Nation vertrieben, seit langem in Feindeshand und im Feindesland des babylonischen Exils. Die Wurzeln zur Heimat und zum heiligen Jerusalem gekappt, ohne Aussicht auf Wiederkehr, die Zukunft verbaut und verschlossen, und das auch noch aus eigener Schuld! Hatten die Propheten vorher nicht immer wieder davor gewarnt? Hatten sie nicht auf Umkehr gedrungen und mussten nun dieses Elend gar persönlich miterleben? Jesaja selbst hatte eben noch seine Situation ganz nüchtern benannt: „Siehe, um Trost war mir sehr bange." (38,17)

Und genau den sollte Israel dann doch wieder erfahren. Was eigentlich so gut wie abgeschrieben war, was niemand mehr zu erhoffen gewagt hatte, das stand auf einmal unmittelbar bevor: das Volk getröstet, die Fron beendet und der Weg zur Rückkehr geebnet! Das ist die gute Botschaft, die froh machende Aussage des Propheten an seine verzweifelten Landsleute. Und darin natürlich die andere, die wirklich elementare Botschaft: Gott bleibt treu, er bleibt sich treu und deshalb auch den Seinen.

3. Darum geht es in dem Bibelwort für heute, und deshalb steht in der Luther-Bibel als Überschrift ganz schlicht „Die frohe Botschaft". Eine Botschaft freilich, die umwerfend ist, die alles Erwartete und erst recht alles Befürchtete hinter sich lässt. Eine Botschaft ist das, die man nur mit allen Sinnen aufnehmen und weitergeben kann: in der Verkündigung der Freudenboten, in den Stimmen der Wächter, mit den Augen und den Blicken aller Beteiligten. Nun wird das Wirklichkeit, was Israel so lange nicht mehr glauben konnte: Gott selbst bleibt nicht ferne, „wenn (er als) der Herr nach Zion zurückkehrt". (v8) Gott kommt - das ist das alles beherrschende Moment. Er kommt damals zum Zion, und -das liegt für uns auf der Hand: Er kommt später nach Bethlehem in den ärmlichen Stall und noch später zu uns. Er kommt, und längst nicht nur alle Jahre wieder, sondern alle Tage neu - ganz überraschend und gänzlich unverdient.

Bei Jesaja sind es bezeichnenderweise längst nicht nur die Freudenboten und die Wächter, die über diesem Ereignis in Lob und Preis ausbrechen und ihren Gott über alle Maßen rühmen. Eine kleine - eher unscheinbare - Anmerkung lässt da schon aufhorchen: „Rühmet miteinander, ihr Trümmer Jerusalems." (v9) Also: Was war, ist nicht vergessen. Was zerstört ist, kann nicht heil geredet werden. Trümmer bleiben Trümmer - bei Häusern genauso wie bei Beziehungen. Und es hatte ja seine Gründe, warum es zu Trümmern gekommen ist. Deshalb: diese Trümmer nicht links liegen lassen, nie einfach an ihnen vorbei, sondern nur mitten durch sie hindurch! Dann und nur dann kann auch aus dem Trümmerhaufen neues Leben und Heil erwachsen - so ähnlich wie das frische Grün, das noch aus jeder Ruine herausdrängt. So ähnlich wie die Trümmerfrauen, die jenseits aller Zerstörung schon den neuen Horizont erahnen, denn sie wissen: Die Wende ist da, Neues kann kommen. Oder, wie es Jesaja gesagt hat: „Der Herr hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst." (v9) Wahr und wahrhaftig: Er hat!

4. Und dann kam natürlich das, was kommen musste: Immer wieder haben sie´s erzählt - über unzählige Generationen hinweg. Und immer werden sie´s weiter erzählen auf unzählige Generationen hinaus: Unser Gott kommt. Er lässt uns nicht zurück und nicht allein. Gewiss: Wie oft haben Juden die tiefe Erfahrung von der Abwesenheit Gottes machen müssen: damals in biblischer Zeit, in den Feuerstürmen des Mittelalters oder im deutschen Holocaust? Und wie oft haben auch in ganz anderen lebensgeschichtlichen Zusammenhängen Menschen den scheinbar so abwesenden Gott um seine Anwesenheit angefleht: in ihrer Krankheit zum Tode, angesichts von unfassbaren Anschlägen und Katastrophen, in der Situation von Krieg und Not, von Hunger und Verbrechen? Die Erfahrung des abwesenden Gottes, die nach Trost und Stärkung und Erlösung schreit, ist beileibe und längst nicht nur auf das Exil in Babylon beschränkt. Sondern sie gilt weltweit, lebenslang und all überall. Und diese Erfahrung darf niemand unter den Teppich kehren - weder im Sinne von ´alles halb so schlimm` noch im Sinne von ´alles vergeblich`.

Etwas Anderes eröffnet uns dagegen der Prophet Jesaja in seinen Worten. Ganz in der Mitte seiner Botschaft an das geschundene Volk steht nämlich mehrmals die Aufforderung „fürchte dich nicht" (7,4; 10,24; 40,9; 41,10; 43,1). Und das bitte nicht einfach so, sondern gewissermaßen mit Hand und Fuß, mit Fug und Recht, mit Anlass und Grund: „denn ich bin mit dir" (41,10).Und noch einen Schritt weiter, gewissermaßen als Feststellung dessen, was Gott lange schon und doch immer  wieder neu einfach tut:  „denn ich habe dich erlöst"  (43,1).

Das allerdings mag dann wirklich zum letzten Wort über unserem Menschen- und Christenleben werden: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!" (43,1)

So möchte es Weihnachten werden um uns und in uns, denn Gott kommt. Er kommt zum Zion in auswegsloser Zeit, er kommt zum Stall in dunkler Nacht, und er kommt zu dir und zu mir in Freud´ und Leid, und „alle Augen werden es sehen" (v8). Und unsere Antwort? Hoffentlich doch die und hoffentlich doch so: „Immer werden wir´s erzählen, wie das Wunder einst geschehen, und wie wir den Stern gesehen mitten in der dunklen Nacht, mitten in der dunklen Nacht." Amen.

 



Oberlandeskirchenrat i.R. Jürgen Jüngling
Kassel
E-Mail: juengling@webgum.de

(zurück zum Seitenanfang)