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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

4. Sonntag im Advent, 22.12.2013

Predigt zu Jesaja 52:7-10, verfasst von Hans-Otto Gade

Liebe Gemeinde,

in Buxtehude, vor allem in meinem ehemaligen Gemeindebezirk, wohnen viele Menschen, die am Ende des II. Weltkrieges aus ihrer Heimat im Osten zu uns gekommen sind. Menschen, die entweder beim Herannahen der Roten Armee geflohen sind oder später von Polen, Russen oder Tschechen vertrieben wurden.

Diese Menschen haben bei uns eine neue Heimat gefunden. Eine Heimat, die zunächst nur übergangsweise angenommen wurde, denn viele der Heimatvertriebenen und Flüchtlinge glaubten an eine Rückkehr in die Heimat in Ostpreußen, Pommern, Schlesien, ins Sudetenland oder in andere Gegenden im Osten. Und diese Rückkehr wurde von vielen für die nahe Zukunft erwartet oder zumindest gefordert. Die Reden auf den Treffen der Landsmannschaften, die hoffnungsvolle Begeisterung auf diesen Treffen machte diese Überzeugung sehr deutlich: „Wir werden wieder zurückkehren in unsere Heimat, die Deutsch war, ist und bleibt!“

Nach den politischen Erbeben im Osten mit der Auflösung der Sowjetunion (Für die Jüngeren unter uns: Das war ein Staatenbund aus dem heutigen Russland und einiger anderer Staaten im Osten) Also: Nach der Auflösung der Sowjetunion habe ich einigen Heimatvertriebenen mal die Frage gestellt: Was wäre denn, wenn? Was wäre wenn die Tagesschau vermeldete: „Die heimatvertriebenen Deutschen können wieder zurückkehren in ihre Heimat im Osten. Sie können dort wieder in ihre Häuser einziehen, ihre Äcker bestellen und Handel und Gewerbe wie früher nachgehen.“

Diese Meldung wäre eine Sensation. Diese Meldung wäre zudem eine nicht wünschenswerte Utopie, weil sie neues Unrecht über die Völker im Osten brächte. Aber: was wäre wenn?

Eine große Ratlosigkeit bräche aus. Diese Ratlosigkeit würde ausbrechen vor allem bei denen, die so volltönend von der Rückkehr in die Heimat gesprochen haben.

Als ich damals Anfang der 1990-ger Jahre einigen diese Frage gestellt habe, schauten mich die von mir angesprochenen Familien der Flüchtlinge und Heimatvertriebenen verständnislos an: „Unsere Heimat ist doch hier in Buxtehude! Was sollen wir denn in Polen?“

Fast alle Familien, die damals aus dem Osten gekommen sind, haben sich doch hier im Westen eingerichtet, haben ihre Häuser gebaut, sind durch Ehen, Kinder und Beruf hier im Westen fest verwurzelt. Rückkehr? Wohin? Es wäre eine Rückkehr in die Fremde. Diejenigen, die damals aus dem Osten geflohen waren, sind jetzt sehr alt oder leben gar nicht mehr. Die utopische Frage einer „Rückkehr in die Heimat“ stellt sich also den Kindern und Enkeln, die diese ehemalige Heimat im Osten gar nicht mehr kennen.

Und was erwartete die evtl. Zurückkehrenden? Fernsehberichte über Besuche zeigen uns verfallene Häuser, oder Häuser, in denen seit Jahrzehnten fremde Menschen wohnen. Die „alte Heimat“ ist eine Umgebung, die selbst den Älteren in den vergangenen Jahrzehnten fremd geworden ist.

Meine Mutter hat um 1990 meine theoretische Frage nach einer Rückkehr in ihre alte Heimat kategorisch verneint: „Ich bin da zuhause wo meine Familie lebt. Und das ist hier im Westen. Was soll ich in Pommern?“

Warum erzähle ich das so ausführlich?

Es ist genau die Situation der Juden, die 587 bis 539 v. Chr. in der Babylonischen Gefangenschaft lebten und die sich dort nach 50 Jahren in der Fremde eingerichtet hatten. Und diesen Juden – oder genauer: deren Kindern und Enkeln droht nun mit einem Mal die lang ersehnte Rückkehr in die Heimat nach Jerusalem.

Sie hatten sich doch in Babylon gut eingerichtet, sich mit den Töchtern und Söhnen des Landes verheiratet, lebten in der für damalige Verhältnisse wohlhabenden neuen Heimat Babylon recht gut und sicher - nun die Aussicht, demnächst in das zerstörte Jerusalem zurück kehren dürfen zu müssen: die reine Freude war dieser Aussicht für die einstmals zwangsweise in Babylon lebenden Juden und deren Kinder und Enkel nicht!

Die reine Freude war die Aussicht für die Rückkehr der Verbannten auch nicht für die Menschen, die in Jerusalem zurückgeblieben waren. Sie hatten sich eingerichtet in der zerstörten Stadt, hatten die schönsten Häuserruinen ausgesucht und sie für sich zurecht gebaut. Die wenigen, die in Jerusalem geblieben waren, hatten viel Platz - ihnen gehörte jetzt alles - die ehemaligen Besitzer waren ja im fernen Babylon.

Mit eher gemischten Gefühlen sahen die Gefangenen in Babylon und die restlichen Einwohner von Jerusalem der Rückkehr der Juden aus der babylonischen Gefangenschaft entgegen.

Und nun hören wir den Predigttext aus dem Buch hier sei ja im 52. Kapitel:

7 Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten, die da Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen, die da sagen zu Zion: Dein Gott ist König!

8 Deine Wächter rufen mit lauter Stimme und rühmen miteinander; denn alle Augen werden es sehen, wenn der HERR nach Zion zurückkehrt.

9 Seid fröhlich und rühmt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems; denn der HERR hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst.

10 Der HERR hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes.

 

Bei aller Skepsis und der jahrzehntelangen Verwurzelung der Juden in Babylon gab es bei allen Bedenken eben doch einen Grund zur Freude. Das Ende der babylonischen Gefangenschaft ist aus einem einzigen, aus einem ganz bestimmten Grund in der nachfolgenden Geschichte Israels immer wieder als Datum der Freude empfunden worden. Im Predigttext heißt es: … der Herr wird nach Zion zurückkehren! D.h.: mit dem Ende der babylonischen Gefangenschaft wurde es möglich, den Tempel in Jerusalem wieder aufzubauen! Mit der Rückkehr der Verbannten (bzw. deren Kinder und Kindeskinder) setzte nach langer, schmerzlicher Pause die Feier des einzig wahren Gottesdienstes am Tempel in Jerusalem wieder ein. Nur dort auf dem Berg Zion, nur in Jerusalem, nur im Tempel Salomos konnte richtig Gottesdienst gefeiert werden! Alles andere, jeder andere Gottesdienst in einer Synagoge war eben doch nur ein Notbehelf.

Die Juden glaubten das etwa so: wenn wir den Tempel wieder aufbauen dürfen, wenn wir wieder Gottesdienste im Tempel feiern dürfen, dann kehrt Gott wieder zu uns zurück, dann wird Gott wieder im Tempel wohnen, dann wird Gott sein Volk wieder bewahren und beschützen, dann wird alles gut, dann ist alles in Ordnung. Deswegen werden die Boten vom Ende der babylonischen Gefangenschaft als Freudenboten begrüßt, die Frieden verkünden, Gutes predigen und dass all umfassende Heil Gottes verkündigen.

Gott kommt, dort will bei uns wohnen, Gott will uns mit seiner Anwesenheit ganz nahe sein. Das ist das Thema der Adventzeit. Gott kommt den Menschen nahe, aber nun nicht mehr als einer, der unsichtbar in einem Tempel wohnt, sondern er kommt uns nahe in einem kleinen Kind. In dem Kind Jesus, das arm in einem Stall geboren wird, zeigt uns Gott seinen Frieden, seine Liebe, seine Nähe.

Ich frage mich manchmal bloß, ob die Botschaft dieser Ankunft von uns wirklich als Freudenbotschaft aufgenommen wird. Wenn ich mir so bei den verschiedenen Adventsfeier am (meistens werden diese unpassender Weise Weihnachtsfeiern genannt) die Gesichter der Leute ansehen, dann habe ich oftmals eher den Eindruck, auf einer Trauerfeier zu sitzen. Da sind Menschen, die entweder still und bedrückt vor sich hin sinnieren, oder andere, die durch übertriebene, aufgesetzte Fröhlichkeit ihre Gefühle überdecken wollen.

Woran liegt das? Für viele Menschen ist die Erwartung des kommenden Gottes zu Weihnachten eben nicht mit Freude verbunden, weil sie gerade in der Advents- und Weihnachtszeit an ihre Jugend erinnert werden. Voller Wehmut denken viele an all das, was seither verloren ist, die Jugend, die Heimat vielleicht, Menschen, die uns begleitet haben, wir denken an die Unbeschwertheit der frühen Jahre. All das geht vielen durch den Sinn und dann ist von Fröhlichkeit keine Rede mehr.

Trotzdem ist die Adventzeitgrund und Anlass zur Freude: da erwarten wir einen, da können wir uns auf einen freuen, dem wir alles anvertrauen können was uns bedrückt.

Im Predigttext ist von „Freude über den Trümmern der Vergangenheit“ die Rede. Das können wir für uns übernehmen. Wir können uns freuen auf die Zukunft, auf das was kommt – wir brauchen nicht mehr der Vergangenheit verhaftet zu bleiben Advent heißt für uns: Da kommt Zukunft auf uns zu. Wir können die für manche Menschen trostlose Vergangenheit hinter uns lassen und uns auf die Zukunft freuen. Auf die Zukunft mit Jesus Christus.

Denn dieses kleine Kind in der Krippe in Bethlehem wird der Heiland genannt. Der Heiland, der alles heil macht. Denn dieses Kind nimmt alles auf sich, was uns Mühe macht in unserem Leben, dieses kleine Kind ist es, das letztlich zu uns sagt - tröstend und liebevoll:

"Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende!"

Amen



Pastor i. R. Hans-Otto Gade
Buxtehude
E-Mail: hans-otto.gade@ewetel.net

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