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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

1. Sonntag nach Weihnachten , 29.12.2013

Predigt zu Jesaja 49:13-16, verfasst von Jochen Riepe

 

                                                                       I

Tattoos, liebe Gemeinde, sind nicht jedermanns und jederfraus Sache , aber gleich am 1.Sonntag nach Weihnachten -oder auch: am letzten Sonntag des alten Jahres -  sollen wir sie hören : die Botschaft vom beschriebenen Gott. ‚Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet.‘  So wie einst Sklaven den Namen ihres Herrn unter die Haut gestochen bekamen oder wie Häftlinge ihre Nummern, so trägt Gott deinen Namen in der Hand. Er gehört dir. Wohin zu auch gehst , er wird, er muss dir folgen.

                                                                      II

Fernsehtalk. ‚Die Menschen heute‘, sagte die Schauspielerin, ‚scheuen die Mühen und die Anstrengung. Das Leben geht nun einmal bergauf, bergab … die meisten würden am liebsten im Hubschrauber von Gipfel zu Gipfel fliegen‘.  Ist da etwas dran – an dieser zeitkritischen Beobachtung ?  Das wird ja oft gesagt: Wir suchen das ‚event‘, die Sensation, das Instant-Erlebnis, aber eben : auf dieser Suche nach Gipfel-Empfindungen reifen und wachsen wir nicht. Nicht in uns. Nicht mit den anderen. So bleiben wir buchstäblich ohne Bindung. Ohne Halt. Helikopter.

                                                                        III

Es ist schon ein Stück Arbeit, das die Worte aus dem Buch des zweiten Jesaja den Juden im Exil in Babylon zumuten. ‚Der Herr hat meiner vergessen‘, so klagen die in die Fremde verschlagenen Menschen, in der Regel ehemals reiche und wohlsituierte Bürger Jerusalems , die ihre Häuser und Paläste – ich sage einmal : ihren ganzen Oberschichts-Lebensstil aufgeben oder zumindest einschränken mussten. Gegen Weinerlichkeit und Unzufriedenheit ist in der Regel kein Kraut gewachsen. Kann man Menschen trösten, für die immer alles da war, denen soz. die Mühen des Lebensaufstiegs, das Ertragen von Not  und das Durchstehen von  Krisen erspart blieb ?  

                                                                            IV

Vielleicht ist ja auch an dieser Beobachtung etwas dran :  Reiche, bisher privilegierte Schichten eines Volkes  sind häufig besonders hilflos und ohne inneren Rückhalt , wenn sie eine gewohnte Lebenssituation aufgeben müssen. ‚Der Herr hat meiner vergessen‘. Der Prophet setzt dieser Klage ein ganz ursprüngliches, elementares Bild entgegen: ‘ So wie eine Mutter niemals ihr Kind verlassen würde, so wird auch Gott euch nicht verlassen‘.  Solange wir in der Fülle leben –  

das galt wohl damals und gilt auch heute - , solange uns genug geboten wird, wir alles mitmachen und mitnehmen , tritt diese Grundbindung zurück. Wer denkt an die Ursprungssituation seines Lebens, wenn alles nach vorn weist: Weiter! Immer weiter ! Im Erleben des Exils, fernab der Heimat , fernab des wenn man so will : sicheren Hafens des Jerusalemer Milieus mit dem Tempel als Mittelpunkt , macht die ehemalige judäische Oberschicht  soz. modellhaft eine Erfahrung, deren Ausdruck in Klage und Trost, in Schuldbekenntnis und in Erinnerung der Gebote  immer wieder auch den Späteren geholfen hat: Wer ist Gott, dieser Gott, der sich uns zugesagt hat?  Wer ist Gott, wenn die Normalität einstürzt? Wo ist Gott in der Fremde?

                                                                                  V

Helikopter-Gesellschaft, meinte die Schauspielerin. Von Gipfel zu Gipfel hoppen, kosten , auskosten , mitnehmen , zumüllen , weiter …  Ich weiß nicht , ob diese Bildsprache  jedem von Ihnen als Beschreibung unserer Gegenwart und ihrer Verhaltensweisen einleuchtet. Aber was gewiss jeder sofort nachvollziehen kann, ist : Bindungen, tragende Strukturen unserer Seele , dieses Geäst einer inneren Geborgenheit , entwickeln wir in der gemeinsamen Arbeit und der gemeinsamen Gestaltung; in den Mühen des Aufstiegs, in Anstrengung und Erschöpfung, in Beistand und Hilfe und schließlich in der Freude , etwas geschafft zu haben.  Das Gotteswort des Propheten erinnert daran: Mutter-Liebe, und ergänzen wir ruhig : Vater- und Familienliebe, ist solch eine grundlegende Bindungsarbeit. In dieser Zeit der verlässlich erfahrenen  Zuwendung, Ernährung und Fürsorge, dieser Zeit der ‚ersten Liebe‘ (M.Balint) wurde uns eine wichtige Fähigkeit erworben. Die Gabe, Trennungen zu verarbeiten, Wünsche aufzuschieben und darin die Gabe, auch in schwierigen Zeiten hören und hoffen zu können und  Trost anzunehmen. ‚Das ist auch Dir gegeben‘, sagt der Prophet den Weinenden von Babel – in Gott ist gleichsam diese Zeit  und Kraft der ersten Liebe  lebenslang gegenwärtig.

                                                                                       VI

Natürlich, liebe Gemeinde, ich sprach von Arbeit. Bindungs-Arbeit könnte man jetzt sagen, und auch wenn es der letzte Sonntag im alten Jahr ist, müssen wir noch ein Stück weiter. Die Frage ergibt sich ja von selbst: Warum schaffen es die einen, ihren Glauben und ihr Vertrauen in solch einer Krise zu (re)aktivieren? Und warum können andere der Veränderung nichts entgegensetzen, so dass aus der Krise eine Katastrophe wird?  Manch einer mag ja dem Propheten entgegen gehalten haben:‘ Du mit deiner Mutter-Liebe – und wenn ich die Zeit der ersten Liebe nicht erleben durfte? Wenn meine Mutter nicht ‚gut genug‘ war und mein Vater sich auf und davon machte und mich vergaß?‘ Sie spüren den Abgrund, der sich hier auftut. Der Prophet , der so herzlich von der ersten Liebe sprach :‘Kann und mag auch verlassen ein Mutter je ihr Kind‘* , er setzt sich auch der anderen Möglichkeit aus – ‚und ob sich’s  möchte  begeben, daß sie sogar abfiel‘: der Zeit einer ‚ersten Verwahrlosung‘ oder Verwaisung. Wie aber kann der Zuspruch Gottes gerade diesen Menschen nahe kommen

                                                                                         VII

Nicht wahr, Tattoos sind nicht jedermanns Sache , aber an dieser Stelle darf sie laut werden – die Botschaft vom beschriebenen Gott. ‚Siehe, in meine Hände habe ich dich eingeritzt‘.  Dein  Name steht in Gottes Hand, mit ihm ist er verletzt worden, um deinetwillen hat er Schmerzen und Arbeit ** ertragen und sich gleichsam in Haft nehmen lassen. Es ist ein ‚krasses‘, präzises, (haar)scharfes  Bild, das hier in die Gottes-Rede eingeführt wird . Verstehen wird es der, der weiß:  Das Wort Gottes und der Gottes-Leib, Trost und Schmerz gehören zusammen. Tattoos können eine letzte Zugehörigkeit, ein sichtbares Verletzt sein ausdrücken  und sprechen als Körper-Bilder vielleicht besonders zu denen, denen Worte, ‘nur Worte‘, leer oder unverbindlich vorkommen. Bindungsarbeit und göttliche Bindungsarbeit zumal  geht soz. auf den Gottes-Leib zurück. Zu Weihnachten haben wir gehört: In Christus  wird Gott Mensch. ‚Das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns ‘ ***  und gibt denen einen Ort, ‚Wohnung‘, die Ort losgeworden sind und innere und äußere Bande verloren haben oder nicht aufbauen konnten.

                                                                                    VIII

Helikopter-Gesellschaft, sagte die Schauspielerin im Fernsehtalk. Von Gipfel zu Gipfel hoppen , aber das wirkliche Leben ist anders : Aufstieg, Mühe, Arbeit…  darf ich sagen : schmerzvolle , aber auch schöne , befriedigende Arbeit?  Mögen wir im Neuen Jahr in Gottes Namen mit den uns Anvertrauten die Mühen der Ebene und des Aufstiegs und die Freuden des Gipfels wagen, verbindlich leben und darin Anteil haben an der treuen Bindungsarbeit  Gottes.



Pfarrer Jochen Riepe
Dortmund
E-Mail: Jochen.Riepe@gmx.net

Bemerkung:
* eg 243.3
** Jes 43,24
***Joh 1,14


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