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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

1. Sonntag nach Weihnachten , 29.12.2013

Lebenslinien einer Hand oder die Handschrift Gottes auf dem Kamm der Berge
Predigt zu Jesaja 49:13-16, verfasst von Heiko Naß



13 Jauchzet, ihr Himmel; freue dich, Erde! Lobet, ihr Berge, mit Jauchzen! Denn der Herr hat sein Volk getröstet und erbarmt sich seiner Elenden.
14 Zion aber sprach: Der Herr hat mich vergessen, der Herr hat meiner vergessen.
15 Kann auch ein Weib ihres Kindleins vergessen, dass sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes? Und ob sie seiner vergäße, so will ich doch deiner nicht vergessen.
16 Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet; deine Mauern sind immerdar vor mir.


Liebe Gemeinde,

gewaltig sind die Berge und gewaltig ist das Meer. Das Meer und die Berge - dazwischen liegt Kulturland, das schön ist, aber eben nicht gewaltig. Wenn ich aus der Ebene kommend mich der aufragenden Felsfront der Berge nähere, dann passiert in mir eine Verwandlung, ich werde leiser und schauender. Jedesmal, wenn ich ans Meer gehe verändert die Weite meinen Blick. Ich sehe von einem Ende zum anderen, aber nicht unruhig, im Gegenteil mein Blick beginnt zu ruhen. Wenn man ans Meer kommt, soll man zu schweigen beginnen, hat der Dichter Erich Fried uns als berührenden Vers geschrieben. Diese Naturlandschaften künden von einer eigenen Wirklichkeit. Die Wirklichkeit einer Machtwelt, von der wir nicht wissen, sondern nur ahnen können. Wieviel Energie ist da versammelt. Wieviel Kraft brauchte es, um die gewaltigen Steinmassen der Gebirge in die Höhe zu drücken, so dass daraus mächtige Gipfelketten entstanden. Wieviel Energie liegt in dem immer wieder kehrenden Brechen der Wellen an den Strand. Dort oben am Rande der Gipfel rüht die Erde an den Himmel und hinten am Horizont des Meeres finden Himmel und Meer zueinander.

Die Bibel sagt deutlich, dass in diesem Anblick des Erschauerns sich die große und heilige Macht Gottes auftut. Die Wirklichkeit Gottes, der Grund von Freiheit und Unendlichkeit, die Kraft, die Gewaltiges schafft, ist dort zu finden. Nicht dass Gott selbst Meer oder Berg ist, aber beide künden, erzählen von ihm.

Und darum werden nun auch von Jesaja, einem der großen Prophetendichter des Alten Bundes, die Berge sowie Himmel und Erde zu Zeugen angerufen. Sie soll jauchzen, aus sich herausgehen, ihre Freude herausrufen, unaufhörlich, immer wieder. Das ist keine naive Rede. Jedem, der meint: die Berge reden nicht, das Meer redet nicht, jedem, der das sagt, dem sage ich: komm mit. Wir gehen ans Meer. Und dann warten wir. Und dann werden wir sehen und hören. Und jedem der meint, dass die Berge stumm sind, den frage ich: wer hat schon die geheime Handschrift entziffert, die Gott in Kette der Gipfel eingeschrieben hat.

Himmel und Erde, die Berge und auch das Meer reden, weil sie Ursprung von Gottes Tat sind. Himmel und Erde und die Berge werden aufgerufen, weil eine große Botschaft zur Welt kommt. Denn Gott schafft und er handelt. Er segnet und er rettet. Er hat sich an seinem Volk Israel gnädig erwiesen. Er hat es aus der Gefangenschaft befreit. Er hat die Vertriebenen wieder zurückgebracht. Auf zerstörtem Boden werden wieder neue Städte wachsen. Und in der Mitte wird der Ort sein, zu dem die Menschen kommen, um Gott zu finden, der Berg Zions, wie es in der alten Sprache unseres Textes heißt.

Das wehr- und schutzlose Israel, das nach einem großen Krieg über mehrere Jahrzehnte als Staat am Boden lag und eine ganze Generation an die Verbannung verloren hatte, sollte die eine historische Wende erfahren. Rückkehr aus der Verbannung. Wiederaufbau eines Staatswesens. Erneuerung des Gottesdienstes.

Mit dieser historischen Wende hätte die Botschaft des Propheten auch als abgeschlossen betrachtet werden können, zu den Akten gelegt und in das Archiv gegeben. Keiner, außer ein paar wenigen Archäologen und Archivare hätten sich dann später noch darum gekümmert. Aber das ist nicht passiert. Die Worte sind lebendig geblieben.

Der Grund dafür ist, dass es immer wieder, immer noch Menschen gibt, die auf der Flucht sind, denen die Heimat genommen wird und deren Land durch Krieg verwüstet wird. So wie es in unseren Tagen Menschen aus Syrien erleiden oder auch im Sudan, die auf der Flucht sind, weg vom Elend, in viel zu kleinen Booten im waghalsigen Abenteuer über das Meer. Ihre Stimmen sind eingeschrieben in diesen Text, ihre Not wird mit diesen Worten hörbar. Immer wieder neu und immer wieder entsetzlich, klingt auf, wohin die Not Menschen zu einer fürchterlichen Aussage treibt, die unserem Text heute seine ganze Schärfe gibt:

Der Herr hat mich vergessen, der Herr hat mich vergessen.

Das kann nicht sein, und trotzdem ist es Wirklichkeit. Wirklichkeit für die Menschen, denen das sichtbare Elend jeglichen Ausblick auf Hoffnung genommen hat. Die sich nicht mehr trösten lassen und vertrösten schon gar nicht.

Ihnen gibt der alte Text Worte. Das alles ist tiefer Ernst, kein leichtfertiges Reden. Denn es geht um Heil und um Erlösung. Und zwar um eine Erlösung, die ihren Ort in der Dieseitigkeit der Schöpfung sieht, die das Heil nicht einfach in ein Jenseits entlässt. Womit sich selbst ein Philosoph wie Hans Jonas im 20. Jahrhundert nicht abfinden konnte, wird in unserem Text der Bibel klar benannt: Gott verbirgt sich, sein Wille ist nicht klar, er bleibt uns dunkel, fremd und unerkannt. Diesen dunklen fremden Gott hat auch Martin Luther in den tiefsten Stunden der Anfechtung gespürt und erkannt. Er hat erlitten, wie es ist, wenn einen das Grauen überfällt, die nackte Angst wie ein Loch, das nur herabzieht.

Kann eine Mutter ihr Kind verlassen? Kann Gott sein Volk verlassen, das er doch so liebt? Vor kurzem begegnet mir auf dem Weg Bäcker auf der Straße ein kleines, vielleicht vierjähriges Mädchen. Voller Tränen stand es da an diesem bitterkalten Morgen, aufgelöst, wirr die Haare, der Anorak offen. „Meine Mutter," schluchzte es, „ist nicht da". „Sie ist weg, sie ist nicht da." Weil unser Dorf nun nicht so groß ist, dass da so leicht an einem Morgen eine Mutter verloren gehen kann, war mir schon klar, dass sich die Situationen bald auflösen wird. Aber das zu sagen, hätte das kleine Mädchen nicht getröstet. Für sie war eine vertraute Welt durcheinander. Für sie war es die Wirklichkeit, in diesem Augenblick heimatlos, mutterlos, verloren in der Unwirtlichkeit zu sein. Und weil Kinder kein Zeitgefühl haben und sie nicht weiter vorausdenken als bis zum Tag nach übermorgen, waren die paar Minuten, seit die Mutter nicht da war, für das Kind wie eine geronnene Ewigkeit. Deswegen weitete sich auch der Schrecken zum Entsetzen, weil es erstmals den Schauer vor der Leere, der Verlorenheit verspürte. Mein Tun war, stehen zu bleiben, indem ich es bat, sich seine Kapuze aufzusetzen und zu versuchen, den Reißverschluss am Anorak zu schließen. Letzteres konnte es nicht, aber den Anorak zuzuhalten, das konnte es.

Das half, die spürbare Wärme tat dem Mädchen gut, ein Gefühl von Behütung stellte sich bei ihm ein, und es vermochte, nun nicht mehr unter Tränen umher zu blicken, Ausschau zu halten, bis nach wenigen Minuten nun tatsächlich auch die Mutter zurückkam, die einfach einmal kurz, als das Mädchen im Spielen versunken war, zum Bäcker gegangen war.

Das notwendige Tun ist eine wichtige Hilfe, um diejenigen zu trösten, die in der Not auf Veränderung ihrer Situation warten. Unser diakonisches Tun an den Flüchtlingen in unserem Land ist eigentlich nicht wirklich anders. Es ist unser Versuch, ihnen eine Möglichkeit der Behütung zu bieten. Wenn sie hier sind, dann ist es die zuerst wichtigste Hilfestellung, ihnen eine Sicherheit, ein Obdach zu geben, um die Flüchtenden darin zu bestärken, den Blick wieder aufheben zu können und Hoffnung wieder möglich werden zu lassen. Manche Menschen in unserem Land verstehen es nicht, warum sich die Kirchen hier so engagieren und sich eindeutig zeigen. Warum sich Kirchengemeinden für eine Bleibezeit von Flüchtenden einsetzen und ihnen eine Unterkunft bieten.

Aber Christinnen und Christen wissen, dass ihr Glaube selbst immer wieder durch die Erfahrungen des Lebens angefochten ist. Unser Glaube lebt vom Gebet, vom Nachdenken und auch von der Anfechtung. Es ist der Rhythmus von oratio, meditatio, tentatio, von Beten und Nachdenken, aus dem in der Anfechtung das Tun des Gerechten erwächst. In diesem Rhythmus lernte der Kirchenvater Augustin seine eigene Lebensgeschichte zu erzählen, ihr Schritt für Schritt nachzugehen und dabei zu merken, wie die anwachsenden Erinnerungen ihn immer mehr in die Vergangenheit hineinzogen, zurückzugehen bis sich für ihn Zeit und Vorzeit verbanden und aus der Vorzeit Gottes Stimme für ihn deutlich vernehmbar wurde: Auf dich hin, Gott, hast du uns geschaffen. Und daraus erwächst im Glauben eine im Wortgehalt widersprüchliche, aber in der Tiefe des Geistes unerschütterliche Wahrheit: Gott würde uns nicht suchen, wenn er uns nicht schon gefunden hätte. Für unseren Glauben ist das wesentlich: Gottes Handeln ist uns voraus ohne dass wir es zeitlich verrechnen können. Es sind die Linien des Lebens, von denen wir nur sehen, was wir hier sind, abgebrochen und verloren mitunter, aber die anderweitig schon geschrieben, ergänzt sind, unergründbar, aber doch in der Ahnung einer gewollten charakteristischen Botschaft, wie die Lebenslinien in einer Hand oder die Handschrift Gottes auf dem Kamm der Berge.

Um diese Botschaft auszurichten, können wir uns auch auf die Sprache urmächtiger Gewalten beziehen, um zu erzählen, dass es Gott der Schöpfer ist, von dem wir sind und von dem auch Hilfe zu erwarten ist als Heiland für die Welt.

Es ist in an der Zeit, wieder einmal ans Meer oder in die Berge zu gehen.

Amen.




Oberkirchenrat und Dezernent Heiko Naß
24214 Schinkel
E-Mail: heiko.nass@lka.nordkirche.de

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