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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

1. Sonntag nach Epiphanias, 12.01.2014

Vom Recht der Liebe
Predigt zu Jesaja 42:1-4, verfasst von Rudolf Rengstorf


 

So spricht der Herr: Siehe, das ist mein Knecht - ich halte ihn - und mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat. Ich habe ihm meinen Geist gegeben; er wird das Recht unter die Heiden bringen. Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. In Treue trägt er das Recht hinaus.Er selbst wird nicht verlöschen und nicht zerbrechen, bis er auf Erden das Recht aufrichte; und die Inseln warten auf seine Weisung. (Jes.42,1-4)

 

Vom Recht der Liebe

Liebe Leserin, lieber Leser!

Hier stoßen zwei Welten aufeinander: die Welt des Knechts und die Welt des Erwählten.

Ein Knecht gehörte nicht sich selbst. Er gehörte eiinem anderen, und nach dessen Willen hatte er sich zu richten. Er diente im Hause des Herrn, aber dessen Lebenswelt war ihm verschlossen. Er bekam, was erbrauchte, um seinem Herrn stets zur Verfügung sehen zu können. Eigene Rechte, die ihm eine gewisse Selbständigkeit oder Zeiten der Privatheit ermöglichten, gab es für ihn nicht. Ob man ihn als gut oder schölecht bezeichnete, lag an der Qualität dessen, was er tat. Allein nach seinem Tun und Leisten wurde er beurteilt..

Ganz anders bei einem Erwählten. Da ist das Gefälle von Oben und Unten aufgehoben, weil der Erwählte nun auf einer Stufe steht mit dem, der Gefallen an ihm gefunden hat und der ihn bei sich haben will. Nicht weil er etwas für ihn tut, sondern weil er etwas für ihn ist. Die Frau, die ich mir erwählt habe, will ich bei mir haben. Nicht weil ich Bedienung brauche, habe ich sie erwählt,sondern weil ich in ihr die Frau gefunden habe, mit der ich mein Leben teilen möchte.. Die mit mir lacht und weint, und die es bei mir aushält, wenn ich mich selber nicht ertragen kann. Umgekehrt kann die von mir erwählte Frau sich darauf verlassen, dass sie bei mir ein Zuhause hat, solange ich lebe.

Knecht und Erwählter, das sind a zwei grundverschiedene Seinweisen. Aber in dem Menschne,, den Goott hier als seinen Knecht und seinen erwählten vorstellt, kommt beides zusammen. Knecht ist er und bleibt er, weil er nicht über sein Leben verfügt und daran hängt, dass ihm das Leben mit jedem Atemzug neu geschenkt wird. Knecht ist und bleibt der Mensch im Gegenüber zu Gott, das er von sich aus nicht zu überbrücken vermag. Und zugleich ist er der von Gott Erwählte, sofern Gott von Anfang an nicht ohne ihn sein will und ihn zu einem Wesen geschaffen hat, das ihm entspricht. Ein erwählter Knecjt zu sein, das ist in unserem Menschsein von Anfang an angelegt. Doch ebenfalls von Anfang an sucht der Mensch, sich unabhängig zu machen von Gott und verwandelt damit die Schöpfung in ein Chaos und sich selbst in ein unbehaustes Wesen.

So braucht Gott Menschen, die die von ihm zugewiesene Doppelrolle annehmen, Menschen, die sich für ihn öffnen und in seinem Geist damit beschäftigt sind, Gott und Menschen wieder zusammen zu bringen. Dazu hat er das Volk Israel erwählt, damit alle Völker der Erde einen Begriff von dem Gott bekommen, der nicht ohne die Menschen sein will. Und seit Jesus ist dieser Auftrag, Menschen den ihnen nachgehenden und zu Partnern erwählenden Gott nahe zu bringen, nicht mehr auf Israel beschränkt. Er gilt allen, die sich ansprechen lassen davon, dass das Rätsel der Welt und des Lebens aufgehoben wird in der Liebe Gottes.

Doch was genau ist der Auftrag des und der erwählten Gottesknechte? Recht unter die Völker bringen soll er. Bis zu den entferntesten Inseln, bis in die letzten Winkel dieser Erde soll das Völkerrecht und mit ihm die Menschenrechte vordringen. Dieses Mandat haben sich auch die Vereinten Nationen zueigen gemacht. In den großen jährlichen Generalversammlungen wird auch immer von neuem auf die Einhaltung von Völker- und Menschenrechten gepocht. Gewiss, solche Deklarationen gebieten dem Unrecht keinen Einhalt, und sie schützen nicht davor, dass das Recht der Stärkeren sich Bahn bricht. Aber es darf nicht still werden um das Recht auch der kleinen Völker und der armen und benachteiligten Menschen, damit die Gewissen geschärft werden.

Der erwählte Gottesknecht aber geht weiter. Er bringt das Recht auch dorthin, wo es von Machhabern mit Füßen getreten wird oder wo Menschen von einer geordneten Rechtssprechung verurteilt werden. Mit den geknickten Rohren sind hier zunächst wohl die Angeklagten gemeint, über denen in einem ordentlichen Gerichtsverfahren der Stab gebrochen wird, also Menschen, die oft hinter Gefängnismauern verchwinden und dort auf Grund der hohen Rückfallquoten immer von neuem auftauchen. Und so gleichen auch bei uns viele Inhaftierte glimmenden Dochten, weil ihnen das Lebenslicht so gut wie ausgeblasen wurde.

Hier ist das Arbeitsfeld des erwählten Gottesknechte und aller, die sich von ihm anstiften lassen. Das Recht, das er bringt, ist das Recht derer, die von ihrem Schöpfer erwählt sind. Eine Erwählung, die nicht hinfällig wird dadurch, dass sie Unrecht getan haben. Nach wie vor hängt Gottes Herz an ihnen, und deshalb kaann der erwählte Gottesknecht sie nicht einfach achselzuckend ihrem Schicksal überlassen. Er arbeitet daran, den in unserem Rechtssystem angeknacksten und fast zum Erlöschen gebrachten Existenzen neue Anfänge zu ermöglichen und ihren Lebenswillen zu stärken. Was er bringt, ist also nicht einfach das Recht, mit dem Menschen Ordnung schaffen, richten und verurteilen. Das Recht, das er bringt, ist das Recht der Erwählung oder - sagen wir es in geläufigerer Sprache- das Recht einer Liebe, die keinen Menschen aufgibt und nicht ruht und rastet, bis der am Boden Liegende sich aufrichtet.

Und mit dieser Arbeit ist der erwählende Gottesknecht weiß Gott nicht nur bei den straffällig Gewordenen zu finden. Geknickte Rohre, glimmende Dochte, Menschen, die nichts zustande bringen, an denen das Leben vorbeigeht und die nichts mehr haben, worüber sie sich freuen und worauf sie stolz sein können: von Ängsten gepeinigt, in Depressionen gefangen, von Wahnvorstellungen besessen, von Demenz umnachtet, vom Rauschgiftkonsum zerstört - sie leben mitten unter uns. Und sie können das, weil es eine Fülle von Einrichtungen und Projekten gibt, in denen gut ausgebildete Therapeuten mit enormer Geduld und vorbildlicher Menschenachtung einem Beruf nachgehen, der von den ganz kleinen und stillen Schritten lebt und sich durch tägliche Rückschläge und schlechte Bezahlung nicht entmutigen lässt.

Wir können von Herzen dankbar dafür sein, dass unsere Gesellschaft ein derart humanes Gesicht erhalten hat. Wer über die Ellenbogengesellschaft und die zunehmende soziale Kälte klagt, der ist blind für das Wirken des erwählten Gottesknechts und seiner Gefolgsleute. Allen ökonomischen Zwängen und dem zunehmenden Druck in der Arbeitswelt zum Trotz halten sie den Wertmaßstab der Liebe Gottes unter uns hoch. Und der allein wird am Ende Recht behalten. Amen.

 



Superintendent i.R. Rudolf Rengstorf
31141 Hildesheim
E-Mail: Rudolf.Rengstorf@online.de

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