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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

1. Sonntag nach Epiphanias, 12.01.2014

Gottes Knecht – Hoffnung und Trost den Geknickten
Predigt zu Jesaja 42:1-4, verfasst von Sibylle Rolf



1 Siehe, das ist mein Knecht - ich halte ihn - und mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat. Ich habe ihm meinen Geist gegeben; er wird das Recht zu den Völkern bringen. 2 Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen. 3 Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. In Treue trägt er das Recht hinaus. 4 Er selbst wird nicht verlöschen und nicht zerbrechen, bis er auf Erden das Recht aufrichte; und die Inseln warten auf seine Weisung.

Liebe Gemeinde,

„An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten. Unsere Harfen hängten wir an die Weiden dort im Lande" (Ps 137,1-2). Eine trostlose Stimmung hat sich ausgebreitet. Die Menschen fühlen sich fremd und entwurzelt. Sie singen Trauerlieder und beklagen ihr Unglück. An den Wassern Babyloniens, fern von ihrer Heimat, dem Zionsberg in Jerusalem, sitzen sie und weinen - ungefähr vor 2.500 Jahren. Ihre Instrumente, denen sie sonst so fröhliche Klänge entlocken können, können sie nicht gebrauchen. Wie können wir unserem Gott ein Lied singen?, fragen sie. Wie könnten wir fröhlich sein? Die Babylonier haben uns gefangen genommen. Unser Tempel ist zerstört, das Haus Gottes. Unser Gott hat uns vergessen. Wir sind heimatlos geworden. Unser Leben ist uns fremd geworden. Alles, was getragen hat, wurde uns weggenommen. Es ist, als stünden wir auf schwankendem Boden. Oder noch schlimmer, als sei der Boden unter unseren Füßen fort. Als würden wir ins Bodenlose fallen. Wir haben kein Zuhause mehr, wir haben kein Vertrauen mehr ins Leben. Trostlosigkeit macht sich breit. Die Menschen verstummen. Kein Lied kommt über ihre Lippen. Sie resignieren. Es hat keinen Zweck.

So kann es Menschen gehen, denen auf einmal alles genommen wurde. Vor 2.500 genauso wie heute. Wenn ein Mensch gestorben ist, den sie geliebt haben. Wenn eine Hoffnung gestorben ist. Wenn sie die Diagnose einer ernsten Krankheit bekommen haben. Wenn das Leben mit einem Mal schwer und unerträglich, trostlos geworden ist. Menschen können sich heimatlos und entwurzelt fühlen, auch wenn sich ihre Adresse gar nicht geändert hat. Aber sie werden innerlich heimatlos und entwurzelt, verlieren den Boden unter den Füßen und wissen nicht mehr, wo sie hingehören. Vieles können sie ertragen, aber auf einmal wird es zu viel. Der Streit eskaliert, und die Frau verlässt ihren Mann. Wieder hört er eine entwertende Bemerkung, und der Sohn wendet sich von seinen Eltern ab. Ein Mann verliert seine Arbeitsstelle, und auf einmal bricht er zusammen. Menschen können viel ertragen, aber nicht alles. Auf einmal wird es zu viel, sie stürzen ins Bodenlose. Sie verstummen und resignieren.

„An den Wassern zu Babylon saßen wir und weinten". In der Trostlosigkeit steht einer auf. Er hat es am eigenen Leben, am eigenen Leib und an eigener Seele, erlitten, wie es ist, entwurzelt und heimatlos zu werden. Er kennt die Trostlosigkeit. Auch er könnte resignieren und verstummen. Aber ihm geschieht ein Wunder. Der schwankende Boden unter seinen Füßen wird fest: Gott begegnet ihm und gibt ihm Worte, die er den traurigen Menschen weitersagt: Tröstet, tröstet mein Volk, ruft er ihnen zu, so sagt es euer Gott! Gott hat euch nicht vergessen. Und wenig später gibt er den Menschen neue Hoffnung. Er spricht von einem Knecht, einem Beauftragten Gottes. Einem Hoffnungsträger.

Siehe, das ist mein Knecht, sagt Gott. Er steht mir nahe. Ich halte ihn. Er kommt in meinem Auftrag. Aber nicht nur mir steht er nahe - er weiß auch, wie es um dich steht. Er weiß, dass du geknickt bist. Dass du kurz davor bist zu zerbrechen. Er weiß, dass deine Flamme verloschen ist. Dass du gerade mal glimmst und in Gefahr stehst, ganz zu verlöschen. Er weiß um jede einzelne Last, die auf deinen Rücken geladen wurde und sieht, dass es jetzt zu viel geworden ist. Er kennt jede einzelne Träne, die du geweint hast an den Wassern von Babylon und in deiner finsteren Nacht. Er weiß, dass du verstummt bist und nicht mehr singen kannst. Er weiß, dass du dich fühlst, als seist du von Gott und der Welt verlassen und vergessen. Siehe, das ist mein Knecht, sagt Gott, und er kennt die Last, die du trägst. Deine Sorge um die Zukunft. Deine Angst, ob deine Kinder in Sicherheit leben und in Geborgenheit aufwachsen können. Deine Zweifel, ob du jemals wieder ein Zuhause finden wirst. Die Ungewissheit, die an dir nagt. Siehe, das ist mein Knecht - und er wird liebevoll mit dir umgehen. Er findet keinen Gefallen daran, dich zu zerbrechen, sondern er hält seine Hand um dich, so dass deine eben noch glimmende Flamme sich zu einem neuen Feuer entzünden kann.

Ein Knecht, eine Figur der Hoffnung für hoffnungslose, für trostlose Menschen. Wir wissen gar nicht, von wem der Prophet spricht. Vielleicht meint er sich selbst. Vielleicht auch eine einflussreiche Persönlichkeit der Weltpolitik, etwa den Perserkönig Kyros, der es etwas später dem Volk Israel ermöglichen wird, in die Heimat zurückzukehren und auch den Tempel wieder aufzubauen. Vielleicht aber auch eine Gestalt, die erst in der Zukunft kommen wird, einen Messias, von Gott geschickt, der sein Volk am Ende der Zeit erlösen wird. - Alle Deutungen sind möglich, und vielleicht müssen sie einander gar nicht ausschließen.

Die frühen Christen haben mit den Texten über den Gottesknecht das Leben und Sterben Jesu Christi gedeutet. In diesem einen, so haben sie gesagt, verwirklicht sich, was Gott durch den Mund des Propheten über seinen Knecht gesagt hat. Dieser eine steht Gott dem Vater ganz nah, Gott hält ihn, und er ist mehr als Mensch, er ist Gottes Sohn, mit dem Geist Gottes begabt. So erzählt es auch das Evangelium von heute: bei seiner Taufe durch Johannes kommt der Geist über Jesus und er hört die Worte: du bist mein lieber Sohn.

Die frühen Christen haben gesagt: Im Leben und Sterben Jesu von Nazareth erfüllt sich die Prophezeiung des Jesajabuches: er wird das geknickte Rohr nicht zerbrechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen. Er wird die Geknickten aufrichten, so dass sie gestärkt weiter wachsen können. Er wird denen, die kurz vor dem Erlöschen stehen, neues Feuer geben, dass sie brennen und ihr Licht leuchten lassen können. Ihr könnt das Licht der Welt sein, sagt er, weil ich das Licht der Welt bin. Er weist den Verzagten und Trostlosen den Weg zurück ins Leben - barmherzig und liebevoll werbend und doch unwiderstehlich.

Die Lieder vom Gottesknecht gehen weiter. Es gibt nicht nur das eine. Das vierte von ihnen wird in diesem Jahr der Predigttext von Karfreitag sein. Da heißt es: Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. (Jes 53,4-5) Auch der Gottesknecht wird in Gefahr stehen zu zerbrechen und zu erlöschen. Sein Schicksal verbindet sich mit dem Schicksal des trostlosen Volkes. Der Gottesknecht wird verletzlich und gefährdet sein. Er wird nicht mit heiler Haut davonkommen. Aber, so sagt Gott schon heute: er wird nicht verlöschen und nicht zerbrechen. Und er wird es um unsertwillen erdulden und erleiden. Damit wir in unserer Last, unserer Trostlosigkeit und unserer Dunkelheit nicht verlassen sind. Darin liegt sein Geheimnis: das Geheimnis seiner Barmherzigkeit und seines Trostes. Er geht mitten hinein. Er trägt und erträgt, was wir tragen, auf dass wir Frieden und Hoffnung haben.

An den Wassern von Babylon saßen wir uns weinten. So singt es das Volk Israel vor langer Zeit. Manche von uns könnten einstimmen: In den Häusern am Hardtwaldring, auf den Bänken am Rathausbrunnen, in der Einsamkeit der Oftersheimer Dünen saßen wir und weinten. Ein Loblied wollte uns nicht über die Lippen, und wir hängten unsere Harfen an die Trauerweiden. Entwurzelt, heimatlos, von Gott und den Menschen verlassen fühlten wir uns. Geknickt, kurz vor dem Zusammenbruch, und gerade mal noch glimmend, kurz vor dem Erlöschen.

Es gibt eine Hoffnung für dich, sagt der Prophet. Gott weiß um deine Tränen und um deine Zerbrechlichkeit. Er hat dir seinen Knecht geschickt, der deine Last mit dir teilt, der in deine Zerbrechlichkeit eintritt, aber daran nicht zerbrechen wird. Denn der Geist Gottes, der Geist des Lebens ist mit ihm. Und nicht nur mit ihm: seit Ostern ist der Geist Gottes auch mit dir. Es wird nicht alles sofort wieder gut werden. Das heimatlose Volk kehrt erst nach Jahrzehnten der Gefangenschaft zurück. Und auch nach der Rückkehr ist nicht alles einfach wieder gut. So einfach ist es im Leben nicht. Der Gottesknecht verteilt keine billigen Trostpflaster. Auch dein Leben wird wahrscheinlich nicht sofort, von einem auf den nächsten Tag heil und gut. Am geknickten Rohr bleibt die Knickstelle wie eine Narbe, die schmerzt. Und doch: es gibt eine Hoffnung, die stärker ist als die Bruchstellen unseres Lebens. Unsere Hoffnung liegt in jenem Knecht, den Gott erwählt hat, um durch ihn unsere Zerbrechlichkeit zu teilen und zu überwinden. Amen.

 



Pfrin. PD Dr. Sibylle Rolf
69117 Heidelberg
E-Mail: sibylle.rolf@kbz.ekiba.de

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